Blick über den Tellerand - Clash of Civilizations


Thema
abonnieren
Beitrag: 1
Zugriffe: 392 / Heute: 2
Dr.UdoBroem.:

Blick über den Tellerand - Clash of Civilizations

 
14.09.01 15:19
Viel zu lesen, aber interessant, gerade in der jetzigen Situation!


1.2.2 Die Bedeutung von Zivilisationkonflikten bei Huntington

Nach Betrachtung der oben angeführten Kriterien kommt Huntington zu dem Schluß, daß es sieben
oder acht Zivilisationen gibt, die für die zukünftige Entwicklung der weltpolitischen Ordnung
von Bedeutung sind: die chinesische oder sinische, die japanische, die islamische, die
westliche, die lateinamerikanische, die hinduistische, die orthodoxe und möglicherweise die
afrikanische.
Huntington ist der Ansicht, daß das Verhältnis der Zivilisationen zueinander the „next pattern
of conflict“  darstellen wird:

It is my hypothesis that the fundamental source of conflict in this new world will not be
primarily ideological or primarily economic. The great divisions among humankind and the
dominating source of conflict will be cultural. Nation states will remain the most powerful
actors in world affairs, but the prinipal conflicts of global politics will occur between
nations and groups of different civilizations. The clash of civilizations will dominate global
politics. The fault lines between civilizations will be the battle lines of the future.

Somit räumt Huntington Zivilisationskonflikten höchste sicherheitspolitische Relevanz ein, und
schließt ausdrücklich militärische Auseinandersetzungen ein: „The next world war, if there is
one, will be war between civilizations.“

Huntingtons Ausgangspunkt ist dabei seine Annahme, daß in der Gegenwart die westliche
Zivilisation (im Folgenden auch: der Westen) über alle anderen Zivilisationen dominiert. In
einem historischen Prozeß ist es dazu gekommen, daß das westlich geprägte Nationalstaatsmodell

als bestimmende Größe internationaler Politik globalisiert wurde. Die internationalen
Organisationen und Institutionen, wie etwa die Vereinten Nationen oder die Weltbank, sind in
der Lage, westliche Interessen zu formulieren und durchzusetzen, und der Westen nimmt dies auch
wahr. Diese gewachsene Dominanz wurde in der jüngsten Vergangenheit noch dadurch verstärkt, daß
der  Hauptkonkurrent des Westens, der Ostblock, zusammengebrochen ist. Hinzu kommt außerdem
noch, daß der Westen militärisch nicht zu besiegen ist, und zusätzlich auch noch in sich so
geschlossen, daß militärische Konflikte unter westlichen Staaten ausgeschlossen werden können .
Während Huntington zufolge interkulturelle Beziehungen 400 Jahre lang in der „Anpassung anderer
Kulturen an den Westen“  bestanden, haben wir es heute mit einem sowohl multikulturellen als
auch multipolaren System zu tun. Zusammengefaßt heißt das: zwar dominiert der Westen noch das
Weltgeschehen, aber seine Vorherrschaft ist im Schwinden begriffen. Zugleich wird auch der
Anspruch des Westens auf universale Vorherrschaft nicht länger akzeptiert - andere
Zivilisationen fühlen sich herausgefordert, die hinter der Dominanz des Westens stehenden Werte
zu hinterfragen, abzulehnen, und durch eigene - zivilisationsspezifische - zu ersetzen. Auf
diese Weise entstehen zivilisatorische Blöcke aus Staaten derselben Zivilisation, die sich in
den meisten Fällen um einen oder mehrere Kernstaaten („core states“ ) formieren. Der Westen hat
zwei solcher Zentren: Nordamerika und Europaa, und die entsprechenden Kernstaaten sind die USA,
Frankreich und Deutschland. China zum Beispiel ist Kernstaat der sinischen Zivilisation, im
Falle Japans fallen Kernstaat und Zivilisation zusammen, Indien ist der Kernstaat des
hinduistischen Zivilsation, etc. Im Falle der islamischen Zivilisation gibt es allerdings
keinen Kernstaat. Es bieten sich nach Huntington zwar sowohl der Iran, als auch die Türkei oder
Saudi Arabien an, allerdings ist es bisher keinem dieser Staaten gelungen, sich zu einem core
state aufzuschwingen.
Als Indizien dieser Formierung entlang zivilisatorischer Grenzen deutet Huntington etwa
vermehrte Äußerungen asiatischer Führungspersönlichkeiten, die den wirtschaftlichen Erfolg
„asiatischen  Werten“ zuschreiben . Das für diese Neudefinition notwendige Selbstbewußtsein
schreibt Huntington für verschiedene Zivilisationen verschiedenen Ursachen zu: ist es für die
asiatischen Staaten die steigende wirtschaftiche Bedeutung, ist es im Falle der islamischen
Zivilisation das Bevölkerungs-wachstum .
Dieses weltweit wachsende zivilisatorische Bewußtsein ist nach Huntington Ausdruck einer
globalen Identitätskrise , und bildet ein angemessenes Paradigma, bestimmte politsche Prozesse
der jüngeren Geschichte zu erklären: die Auseinandersetzungen auf dem Balkan sind seiner
Ansicht nach entlang zivilisatorischer Grenzen verlaufen. Auch attestiert er ein sogenanntes
„kin country syndrom“  : maßgebliche Kriterien für Bündnisse zwischen Staaten seien nicht
länger ideologisch oder vom Machtgleichgewicht inspiriert, sondern entstünden auf der Grundlage
kultureller Nähe. Das hat zur  Folge, daß es ein Bedürfnis gibt, politische und kulturelle
Grenzen miteinander in Einklang zu bringen - für Huntington eine potentielle Konfliktquelle:

Fast alle Länder sind heterogen insofern, als sie zwei oder mehr ethnische, rassische oder
religiöse Gruppen umfassen. Viele Länder sind dadurch gespalten, daß die Unterschiede und
Konflikte zwischen diesen Gruppen eine wichtige Rolle in der Politik des Landes spielen. (...)
Falls Kultur und Geographie sich nicht decken, können sie durch Genozid oder gewaltsame
Vertreibung zur Deckung gebracht werden.

Aus diesem Grund bergen die sogenannten „fault lines“  , die die Grenze zwischen zwei
Zivilisationen beschreiben,  besonderes Konfliktpotential. Für diese Bruchlinien prognostiziert
Huntington mili-tärische Konflikte.
Allerdings sind für Huntington zwei weitere Punkte aus sicherheitspolitischer Sicht besonders
bedeutsam: erstens geht er davon aus, daß nicht alle Zivilsationen in gleichem Maße miteinander
komkurrieren werden. Er sieht in erster Linie einen Wettkampf des Westens gegen den Rest, in
dem es um politische und andere Möglichkeiten der Einflußnahme geht. Zweitens hält er den
Konflikt zwischen dem Westen und der islamischen Zivilisation für besonders bedeutsam. In der heraufziehenden Ära sind Kämpfe zwischen Kulturen  die größte Gefahr für den
Weltfrieden, und eine auf Kulturen basierende Weltordnung der sicherste Schutz vor einem
Weltkrieg.


Die Schlußfolgerungen Huntingtons, ebenso wie seine daraus folgenden Vorschläge, lassen zwei
grundsätzliche Züge erkennen:  zum einen betrachtet Huntington Zivilisationskonflikte in erster
Linie als zwischenstaatliche Konflikte. In diesem Sinne formuliert er folglich auch seine
Empfehlungen: der sogenannte „third party approach“ der Konfliktdeeskalation, der heute als
Prinzip der Eindämmung bzw. Lösung zwischenstaatlicher Konflikte gilt, und in dessen Rahmen ein
dritter, am Problem nicht direkt beteiligter Staat eine Vermittlerrolle als „ehrlicher Makler“
einnimmt, wird abgelöst werden durch das „Prinzip der gemeinsamen Vermittlung“ - es wird eben
nicht länger ein nicht direkt betroffener Statt vermitteln, sondern ganz im Gegenteil ein
durchaus betroffener.
Auch die anderen Empfehlungen, die Huntington ausspricht, sind fast ausschließlich dem
Aufgabenbereich des Staates zuzurechnen: Rüstung, interstaatliche Beziehungen, etc. ...
Zum anderen kann sicherlich davon gesprochen werden, daß Huntington aus westlicher Perspektive
und für die westliche Zivilisation argumentiert. Seine Ratschläge orientieren sich an der
Wahrung westlichen und Eindämmung nichtwestlichen Einflusses. Deshalb kann man zusammenfassend
auch sagen, daß Huntingtons Ratschläge die eines Sicherheitspolitikers sind, der darum bemüht
ist in eine enstehende multipolare Welt so viel an westlichem Einfluß hinüber zu retten, wie
möglich ist.



dazu passend:

Pakistans Präsident unter Druck

            Von Farhan Bokhari, Islamabad, und Britta Petersen, Berlin

            14.09.2001

            „Amerika

            Stützpunkte zu gewähren, wäre Selbstmord“

            Prof. Khalid Mehmood

            Xyxt xixi Xydrypx. ixityox xyd ydy Xyseypy xyx xyxotFotocredit

            Pakistans Präsident unter DruckVon Farhan Bokhari, Islamabad, und Britta Petersen, Berlin

            Für Pakistans Präsidenten General Pervez Musharraf stehen derzeit alle Zeichen auf Sturm.
            Seit die USA Pakistan gestern offiziell um „Unterstützung und Kooperation“ gebeten haben
            und damit einen starken Hinweis lieferten, dass sie einen Militärschlag gegen Afghanistan
            planen, geht in der Hauptstadt Islamabad die Angst um: Diplomaten erhielten
            Evakuierungspläne für den Fall, dass sich die Sicherheitslage rapide verschlechtern sollten.

            „Wir entstauben unsere Sicherheitshandbücher und gehen sie durch. Das ist eine wichtige
            Vorsichtsmaßnahme für die kommenden Tage“, sagt ein Diplomat. Zwar beeilte sich
            Musharraf, Washington seine „uneingeschränkte Zusammenarbeit“ zuzusagen. Doch das
            ist leichter gesagt als getan. Während die USA erwarten, dass Musharraf Schluss macht mit
            dem Schmusekurs gegenüber den Taliban, muss der Militärherrscher, der sich im Oktober
            1999 an die Macht putschte, mit Widerstand aus den eigenen Reihen rechnen.

            Pakistan ist weltweit die größte Stütze für das Taliban-Regime, das dem Terroristen Osama
            Bin Laden Schutz gewährt. Zwischen 5 und 15 Prozent der Bevölkerung in Pakistan gelten
            als radikal islamisch und auch in der Armee hat die Taliban ihre Freunde. Einige
            radikalislamische Gruppen sind bestens organisiert, wenn es um öffentliche
            Demonstrationen geht. Viele ihrer Anhänger wissen mit Waffen umzugehen und würden
            Angriffe gegen Afghanistan kaum hinnehmen.

            Doch auch für die Regierung in Islamabad war es bisher aus strategischen Gründen
            wichtig, eine freundschaftliche Beziehung zu Kabul zu pflegen. Die Taliban versprachen, das
            Nachbarland zu stabilisieren und den Einfluss Irans in der Region zurückzudrängen. Zudem
            werden in Zentralasien wichtige Erdöl- und Erdgasreserven vermutet. Pakistan ist deshalb
            eine von nur drei Staaten der Welt, die diplomatische Beziehungen zu Afghanistan unterhält.

            Bisher hat der Druck aus den USA daher in Islamabad wenig bewirkt, doch Musharraf weiß:
            „Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, eine klare Position zu beziehen. Wer auf unserer Seite
            ist, muss das auch zeigen“, sagte ein westlicher Diplomat.

            Washington könnte Pakistan in mehreren Punkten um Hilfe bitten. Dazu gehört auch die
            Möglichkeit, einen Militärstützpunkt in Pakistan einzurichten. Doch gerade das birgt nach
            Ansicht pakistanischer Experten erhebliche Risiken. „Die Unterstützung müsste taktischer,
            strategischer und diplomatischer Natur sein, doch ich bezweifle, dass man Stützpunkte
            vergeben kann. Wir haben erlebt, in welchem Ausmaß unsere islamischen Elemente
            Unruhen auslösen können“, sagt Mohammad Waseem, Leiter des Fachbereichs für
            internationale Beziehungen an der Quaid-I-Azam Universität in Islamabad.
            Regierungsvertreter erinnerten zudem daran, dass Islamabad nur begrenzt Einfluss auf das
            afghanische Regime hat. Beispielsweise haben die Taliban bisher nicht auf das Ersuchen
            Islamabads reagiert, 26 Pakistani auszuliefern, die unter anderem wegen Mordes gesucht
            werden.

            „Angesichts solchen Drucks von außen dürfte Pakistan bereit sein, die USA zu unterstützen,
            doch das müsste auf multilaterale Bemühungen hinauslaufen“, sagte Khalid Mehmood,
            Professor für Außenpolitik am Institut für Regionale Studien in Islamabad. „Den
            Amerikanern Stützpunkte zu gewähren, wäre für jede Regierung Selbstmord.“

            Hoffen auf IWF-HilfeTrotz dieser Vorbehalte bestätigten hochrangige Regierungsvertreter,
            Musharraf sei bereit, all seine Möglichkeiten abzuwägen. Ihm sei klar, dass er die ohnehin
            geschwächte Position Islamabads weiter unterminieren würde, sollte er die USA jetzt nicht
            unterstützen: Im Laufe des Monats wird der Internationale Währungsfonds (IWF) erwägen,
            Pakistan von der letzten Tranche eines Kredits in Höhe von 596 Mio. $ zu entbinden. Damit
            hätte das Land erstmals erfolgreich seine Schulden zurückgezahlt. Eine weitere Isolation
            Pakistans könnte den neuen Drei-Jahres-Kredit gefährden, den das Land im Rahmen der
            Armutshilfe- und Wachstumsklausel beim IWF beantragen will. Nur so kann es eine
            drohende Schuldenkrise bewältigen.

            „Für Pakistan wird das ein Drahtseilakt. Das Land scheint dabei, sich für die Unterstützung
            der USA im Kampf gegen den Terrorismus zu entscheiden, aber das könnte Pakistan teuer
            zu stehen kommen“, sagte ein westlicher Diplomat.
           
Gruß Dr. Broemme                                                                  
Blick über den Tellerand - Clash of Civilizations 412359
Antworten
Auf neue Beiträge prüfen
Es gibt keine neuen Beiträge.


Börsen-Forum - Gesamtforum - Antwort einfügen - zum ersten Beitrag springen
--button_text--