"Die Talsohle ist fast durchschritten"
Biotechnologie-Report 2005: Mehr Produkte fast marktreif - Zahl profitabler Firmen wächst - Wermutstropfen: sinkende F&E-Ausgaben und wenig Kapital für Jungunternehmen VDI nachrichten, Düsseldorf, 3. 6. 05 - Die Konsolidierung der Biotech-Branche in Deutschland scheint sich dem Ende zu nähern. Die Umsätze der Firmen wachsen, die Eigenkapitalsituation verbessert sich und die Zahl der Wirkstoffe in klinischen Prüfungen steigt. Getrübt wird das Gesamtbild noch durch schrumpfende F&E-Etats, den anhaltenden Mitarbeiterabbau und Finanzierungsengpässe vor allem in jungen Firmen.
Die deutsche Biotechnologie-Branche hat die Talsohle fast durchschritten", ist Alfred Müller, Vorstandsmitglied von Ernst&Young (E&Y), überzeugt. Im Rahmen der Vorstellung des E&Y-Biotechnologie-Reports 2005 am Mittwoch erspähte er "Licht am Ende des Tunnels". Zumindest beim Umsatz scheine der Turnaround geschafft (siehe auch S. 1).
Ein weiteres erfreuliches Ergebnis der Studie sind die gemessenen Fortschritte bei der Produktentwicklung. Die Zahl der Wirkstoffe, die sich in der Pipeline von Medikamenten entwickelnden Firmen befinden, ist von 202 auf 240 gestiegen. In der klinischen Prüfung - also in den Phasen I bis III - befinden sich 80 Wirkstoffe. Im Vorjahr waren es erst 69. Die mögliche Vermarktung der Forschungsergebnisse rückt also näher.
Positiv entwickelte sich auch die Finanzierungssituation der Core-Biotech-Firmen (Definition: s. Fußnote). Ein Drittel finanziert sich bereits komplett durch eigene Umsätze. Und dieser Anteil wird weiter steigen: Noch in 2005 könnten laut Studie 20 Firmen den Break-even erreichen. 30 weitere erwarten das Erreichen der Gewinnzone für 2006.
An frischem Eigenkapital wurden insgesamt 548 Mio. € aufgenommen. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einer Steigerung von 150 %. Zu verdanken ist diese Verbesserung allerdings vor allem den Kapitalerhöhungen einiger börsennotierter Unternehmen sowie dem einzigen IPO des Jahres 2004, der Berliner Epigenomics AG.
Das Volumen der VC-Finanzierungen stieg um 9 % von 216 Mio. € auf 236 Mio. €. Verantwortlich dafür ist ein kräftiger Anstieg beim Dealvolumen: Wenn Geld floss, dann waren es durchschnittlichen stolze 7,15 Mio. €. Das sind gut 2 Mio. € mehr als im Vorjahr.
Gleichzeitig sank die Anzahl der Finanzierungsrunden abermals von 42 auf 33 deutlich. Es ist also ein starker Trend zu größeren Runden ersichtlich. Die Verfasser der Studie werten dies als Zeichen einer zunehmenden Reife der Unternehmen.
Der größte Teil des Geldes (48 %) floss in Later-Stage-Deals (ab der dritten Finanzierungsrunde). Jeder vierte Euro kam einem Unternehmen in der zweiten Runde zugute. Der Trend zur weiteren Durchfinanzierung von Portfoliounternehmen scheint damit anzuhalten. Ursache dafür ist die Schwierigkeit, erfolgreiche Exits zu realisieren. In der Frühphasenfinanzierung bleibt es laut Studie weiterhin sehr problematisch, Mittel einzuwerben. Seed-Finanzierungen gab es keine einzige. "Positiv zu bewerten ist in diesem Zusammenhang die jüngst erfolgte Initiative zur Auflegung des Hightech-Gründerfonds", erklärt E&Y-Vorstand Müller.
Sorgen bereiten Müller die sinkenden Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Sie fielen um 10 % auf 869 Mio. €. Ebenfalls bedenklich sei der noch immer anhaltende Rückgang bei der Beschäftigtenzahl. Sie sank 2004 im Vergleich zum Vorjahr um 12 % auf 10 089. Allerdings fiel der Rückgang weniger stark aus als 2003 (-14 %). Und das Minus ist - wie auch bei den F&E-Ausgaben - vor allem auf Insolvenzen und Restrukturierungen in großen, börsennotierten Unternehmen zurückzuführen. S. ASCHE
Zum Bereich "Core-Biotech" zählt Ernst&Young Firmen, deren Hauptgeschäftszweck die Kommerzialisierung der "modernen Biotechnologie" ist. Gemeint sind alle innovativen Methoden, Verfahren oder Produkte, die die Nutzung von lebenden Organismen oder ihre zellulären Bestandteile beinhalten. Ausgeschlossen sind traditionelle Großbetriebe aus der Pharma- und Agroindustrie.
Geschäftsfelder der deutschen Biotechs
Der mit Abstand größte Teil aller deutschen Biotechs ist in der roten Biotechnologie tätig (90%). In diesen Bereich fallen vor allem Anwendungen im human- und tiermedizinischen Bereich. 9% arbeiten in der weißen Biotechnologie, entwickeln also Anwendungen insbesondere für die Chemie und Ernährungsindustrie. 5% agieren in der grünen Biotechnologie. Sie schaffen vor allem Anwendungen für die Landwirtschaft. (Mehrfachnennungen waren möglich.) Die Zuordnung gestaltet sich jedoch zunehmend schwieriger. Es gibt vermehrt Überschneidungen. Ein Beispiel ist das Molecular Pharming. Dabei werden medizinische Wirkstoffe in pflanzlichen Systemen gewonnen. sta