Ich möchte sterben, 100 Jahre alt, mit der amerikanischen Flagge auf dem Rücken und dem Stern von Texas auf dem Sturzhelm, wenn ich gerade auf dem Rennrad mit 100 Sachen einen Alpenpaß hinuntergerauscht bin. Ich möchte über die allerletzte Ziellinie rollen, während meine zehn Kinder und meine tapfere Frau Beifall klatschen, und dann möchte ich mich in eines dieser berühmten französischen Sonnenblumenfelder legen und würdevoll mein Leben aushauchen – das totale Gegenteil von dem bitteren frühen Ende, das scheinbar für mich vorgesehen war.
Langsam dahinzusiechen ist nichts für mich. Ich mache nichts langsam, nicht mal atmen. Bei mir muß alles schnell gehen: schnell essen, schnell schlafen. Es macht mich verrückt, mit meiner Frau Auto zu fahren, wenn sie am Steuer sitzt. Sie bremst bei jeder gelben Ampel, während ich genervt auf dem Beifahrersitz rumrutsche.
»Nun fahr schon, du schleichst rum wie ´ne lahme Tussi«, sage ich zu ihr.
»Lance«, gibt sie zurück, »heirate ´nen Mann.«
Mein ganzes Leben lang bin ich mit meinem Rennrad herumgerast, auf kleinen Sträßchen in Austin in Texas bis hin zu den Champs-Elyséees, und ich habe immer gedacht, wenn ich früh sterben sollte, dann deshalb, weil mich irgendein Bauer mit seinem Geländewagen kopfüber in den Straßengraben befördert hat. Gut möglich. Radfahrer befinden sich im Dauerkrieg mit diesen Typen in den riesigen Lastwagen. Ich kann schon gar nicht mehr zählen, wie oft und in wie vielen Ländern ich schon angefahren worden bin. Ich habe gelernt, mir selbst die Fäden zu ziehen. Man braucht dazu bloß einen Nagelknipser und einen starken Magen.
Wenn Sie wüßten, wie mein Körper unter dem Renntrikot aussieht, wäre Ihnen sofort klar, wovon ich rede. Ich habe marmorierte Narben an beiden Armen und verfärbte Stellen von oben bis unten an den Beinen, die ich mir übrigens glattrasiere. Vielleicht ist das der Grund, warum die LKW-Fahrer immer versuchen, mich über den Haufen zu fahren. Sie sehen meine gepflegten Waden und sagen sich, heute wird nicht gebremst. Aber ein Radrennfahrer muß sich rasieren, weil man unbehaarte Haut besser saubermachen und verbinden kann, wenn man über den Schotter gesegelt ist.
Eine Minute zuvor ist man noch die Straße entlanggeradelt, und im nächsten Moment liegt man mit der Schnauze im Dreck. Röhrend fegt ein Schwall heißer Auspuffgase über einen hinweg, man schmeckt den beißenden Dieselqualm und kann nur noch den entschwindenden Rücklichtern die Faust hinterher schütteln.
Mit dem Krebs war es nicht anders. Er war wie ein LKW, der mich von der Straße geschmissen hat, und ich trage noch die Narben, die das beweisen. Auf meiner Brust, knapp über dem Herzen, habe ich eine runzlige Narbe, wo der Venenkatheter gesessen hat. Von meiner Leiste bis zum rechten Oberschenkel hoch zieht sich die Operationsnarbe, wo sie mir den Hoden rausgeschnitten haben. Aber die Glanzstücke sind zwei tiefe Halbmonde auf meinem Schädel, als hätte mich zweimal ein Pferd getreten. Das sind die Andenken an meine Gehirnoperation.
Als ich 25 war, bekam ich Hodenkrebs, und daran wäre ich fast gestorben. Ich hatte eine Überlebenschance von nicht mal 40 Prozent, und, ehrlich gesagt, ein paar von meinen Ärzten haben das auch nur aus reiner Freundlichkeit gesagt. Ich weiß schon, der Tod ist nicht gerade ein Thema für Small talk. Krebs auch nicht, oder Narben am Schädel, oder das, was unterhalb der Gürtellinie liegt. Aber ich habe auch nicht vor, mich nett und unverbindlich mit Ihnen zu unterhalten. Ich will, daß Sie die Wahrheit erfahren. Ich bin sicher, es ist Ihnen lieber, davon zu hören, wie das mit dem Krebs wirklich war, wieso ich danach trotzdem die Tour de France gewinnen konnte, dieses Straßenrennen von über 3800 Kilometern, von dem man sagt, es sei der härteste Sportwettkampf der Welt. Sie wollen etwas erfahren über Glauben und nicht weiter Begründbares, über dieses ganz unwahrscheinliche Comeback, wodurch ich heute neben so überragenden Fahrern wie Greg LeMond und Miguel Induréain stehen kann. Vielleicht wollen Sie auch etwas über den oft wie ein Märchen erzählten Aufstieg in den Alpen und den Sieg über die Straßen der Pyrenäen lesen. Sie wollen wissen, wie ich mich dabei gefühlt habe.
Manches von dieser Geschichte ist nicht ganz leicht zu erzählen, und manches hört sich nicht besonders schön an. Ich bitte Sie gleich hier am Anfang, alles, was Sie über Helden und Wunder denken, zu vergessen. Das hier ist kein Märchenbuch. Wir sind nicht in Disneyland oder Hollywood. Ein Beispiel: Ich habe gelesen, daß ich die Hügel und Berge in Frankreich hinaufgeflogen wäre. Aber einen Berg fliegt man nicht rauf. Man quält sich langsam und unter Schmerzen den Anstieg hoch, und wenn man sich ganz besonders anstrengt, kommt man vielleicht vor den anderen da oben an.
Mit dem Krebs ist das genauso. Auch starke Menschen bekommen Krebs, tun alles, was man tun muß, um ihn zu besiegen, und sterben trotzdem. Das ist eine Grundwahrheit, die man einsehen muß. Wenn man das getan hat, wird einem alles andere ziemlich egal. Es kommt einem nicht mehr so wichtig vor.
Ich weiß nicht, warum ich noch lebe. Ich kann nur raten. Ich bin ziemlich zäh, und in meinem Beruf habe ich gelernt, wie man mit Problemen und Hindernissen fertig wird. Ich mag anstrengendes Training und anstrengende Rennen. Das hat mir geholfen. Es war eine gute Voraussetzung, aber entscheidend war es nicht. Ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube, daß ich überlebt habe, war doch eher ein glücklicher Zufall.
Als ich 16 war, wurde ich zu einer Testreihe an der Cooper Clinic in Dallas eingeladen. Das ist ein sehr angesehenes Forschungszentrum, wo das Aerobic erfunden wurde. Ein Arzt testete meinen VO2max-Faktor, der zeigt, wieviel Sauerstoff man maximal aufnehmen und nutzen kann. Er sagte, das wären die höchsten Werte, die er je gesehen hätte. Außerdem produzierte ich weniger Milchsäure als die meisten Menschen. Der Körper erzeugt Milchsäure, wenn er arbeitet und dabei müde wird. Milchsäure macht das Stechen in der Lunge und den Muskelkater in den Beinen.
Ich kann mich also sehr stark anstrengen und werde dabei nicht so schnell müde wie die meisten anderen Leute. Vielleicht habe ich auch deshalb überlebt. Ich hatte einfach Glück. Ich bin mit einem außergewöhnlichen Talent zum Atmen auf die Welt gekommen. Aber wie dem auch sei, ich habe eine lange Zeit in einem Nebel aus Krankheit und Verzweiflung verbracht.
Meine Krankheit hat mich vom hohen Roß runtergeholt und mir ist eine Menge klargeworden. Der Krebs hat mich gezwungen, unbarmherzig über mein Leben nachzudenken. Es gibt da ein paar Sachen, auf die ich nicht besonders stolz bin: Manchmal war ich gemein, habe mich um meine Pflichten rumgedrückt, manchmal war ich auch schwach und habe irgendwas nicht getan, was mir heute leid tut. Ich habe mich gefragt: »Was für ein Mensch willst du eigentlich sein – wenn du überhaupt am Leben bleibst?« So langsam wurde mir klar, daß mir zum erwachsenen Mann noch einiges fehlte.
In Wahrheit war der Krebs das Beste, was mir passieren konnte. Ich weiß nicht, warum ich diese Krankheit bekommen habe. Aber sie hat bei mir Wunder gewirkt, und ich will gar nicht, daß es nicht so gekommen wäre. Warum sollte ich mir auch nur einen Tag lang etwas aus meinem Leben wegdenken, und dann noch das wichtigste und prägendste überhaupt?
Aber ich will Ihnen nichts vormachen. Es gibt zwei Lance Armstrongs: den vor dem Krebs und den danach. Die Lieblingsfrage der Leute ist: »Wie hat der Krebs Sie verändert?« Die wirkliche Frage ist aber, inwiefern er mich nicht verändert hat. Am 2. Oktober 1996 ging ich aus meinem Haus, und als ich wiederkam, war ich ein anderer. Ich war ein Weltklassesportler gewesen, mit einer hübschen Villa am Flußufer, einem Porsche in der Garage und einem selbstverdienten Vermögen auf der Bank. Ich gehörte zur Weltspitze der Radrennfahrer, und meine Karriere bewegte sich steil nach oben. Als ich zurückkam, war ich ein total anderer Mensch. Irgendwie ist mein altes Ich tatsächlich gestorben, und mir wurde ein zweites Leben geschenkt. Sogar mein Körper sieht anders aus, denn bei der Chemotherapie verschwanden alle Muskeln, die ich mir antrainiert hatte, und als ich gesund wurde, kamen sie nicht genauso wieder.
Menschen sterben. Manchmal macht mich diese Wahrheit so fertig, daß ich es nicht über mich bringen kann, sie aus"zusprechen. Wozu also weitermachen, fragt man sich dann. Warum lassen wir es nicht einfach gut sein und legen uns dorthin, wo wir gerade sind? Aber es gibt auch noch eine andere Wahrheit: Die Menschen leben, und sie leben auf die bemerkenswerteste Art und Weise. Als ich krank war, habe ich an einem einzigen Tag mehr Schönheit und Triumph erlebt, als je in einem ganzen Radrennen – aber es waren menschliche Augenblicke, keine geheimnisvollen Wunder. Ich habe einen Typen kennengelernt, der in einem ausgeleierten Trainingsanzug rumlief und sich als brillanter Chirurg entpuppte. Ich habe mich mit einer unermüdlichen, überlasteten Krankenschwester namens LaTrice angefreundet, die sich auf eine Art um mich gekümmert hat, die es nur gibt, wenn man mit jemandem tief und mitfühlend verbunden ist. Ich habe Kinder gesehen, ohne Wimpern und ohne Augenbrauen, denen die Chemo die Haare weggebrannt hatte und die mit dem unerschrockenen Herzen eines Miguel Induréain kämpften.
Bis heute habe ich es noch nicht richtig begriffen.
Alles, was ich tun kann, ist, Ihnen die ganze Geschichte der Reihe nach zu erzählen.
Ich hätte natürlich wissen müssen, daß mit mir etwas nicht stimmte. Aber bei Sportlern, und bei Radfahrern ganz besonders, gehört das Verdrängen zum Geschäft. Man verdrängt alle Beschwerden und Schmerzen, weil man das tun muß, sonst würde man das Rennen nicht durchstehen. Dieser Sport ist eine Art Selbstmißbrauch. Man sitzt den ganzen Tag im Sattel, sechs oder sieben Stunden hintereinander, bei jedem Wetter, über Stock und Stein, durch Matsch, Wind und Regen, sogar bei Hagel, und läßt sich vom Schmerz nicht unterkriegen.
Alles tut einem weh, der Rücken, die Füße, die Hände, der Nacken, der Hintern und natürlich die Beine.
Nein, es ist mir damals, 1996, nicht aufgefallen, daß ich mich nicht besonders gut fühlte. Als in diesem Winter mein rechter Hoden leicht anschwoll, sagte ich mir, damit mußt du eben leben. Ich nahm an, ich hätte mir die Schwellung irgendwie beim Radfahren zugezogen, oder es sei eine Reaktion auf irgendwelche männlichen Körpervorgänge. Ich fuhr gute Rennen, hatte eigentlich bessere Bewertungen als je zuvor, und zum Aufhören gab es keinen Grund.
Radrennfahren ist ein Sport, bei dem sich Reife auszahlt. Er verlangt ein körperliches Stehvermögen, das man jahrelang aufbauen muß, und ein Verständnis für Strategie, das man erst mit viel Erfahrung bekommt. Im Jahr 1996 hatte ich allerdings das Gefühl, daß ich mich allmählich meiner Bestform näherte. Im Frühjahr gewann ich das »Flèche – Walonne«, eine mörde"rische Tour durch die Ardennen, die bis dahin noch kein Amerikaner geschafft hatte. Beim klassischen Rennen »Lüttich –
Bastogne – Lüttich« über 267 Kilometer an einem einzigen schweren Tag kam ich als Zweiter ins Ziel. Und bei der »Tour DuPont«, 1960 Kilometer in zwölf Tagen durch die Berge von Carolina, wurde ich Sieger. Außerdem konnte ich noch fünf zweite Plätze einfahren, und ich war zum erstenmal in meiner Karriere kurz davor, in die internationale Spitze der fünf Weltbesten einzubrechen.
Als ich die »Tour DuPont« gewann, fiel den Radsportfans allerdings etwas Ungewöhnliches auf. Wenn ich sonst über den Zielstrich fuhr, pumpte ich normalerweise die Fäuste wie Kolben auf und ab, aber an diesem Tag war ich für Siegeskundgebungen auf dem Rad viel zu erschöpft. Ich hatte blutunterlaufene Augen und einen hochroten Kopf.
Nach meinem ausgezeichneten Frühjahr hätte ich eigentlich zuversichtlich und energiegeladen sein müssen. Statt dessen war ich einfach nur müde. Meine Brustwarzen taten mir weh. Wenn ich besser informiert gewesen wäre, hätte ich gewußt, daß das ein Krankheitszeichen war. Es bedeutete, daß ich einen erhöhten Spiegel des Hormons HCG (Humanes Choriongonadotropin) hatte, das normalerweise von Frauen in der Schwangerschaft produziert wird. Bei Männern kommt es nur in winzigen Mengen vor, es sei denn, ihre Hoden spielen verrückt.
Ich dachte, ich wäre einfach nur erschöpft. »Reiß dich zusammen«, sagte ich zu mir, »du kannst dir keinen Durchhänger leisten.« Die beiden wichtigsten Rennen der Saison lagen noch vor mir: Die Tour de France und die Sommerolympiade in Atlanta. Nur dafür hatte ich trainiert und war ich Rennen ge"fahren.
Bei der Tour de France mußte ich schon nach fünf Tagen aufgeben. Nachdem ich durch ein Gewitter gefahren war, bekam ich Halsschmerzen und eine Bronchitis. Ich hustete und hatte Schmerzen im Lendenbereich. Ich konnte einfach nicht wieder aufs Rad steigen. »Ich hab´ keine Luft mehr bekommen«, sagte ich zu den Journalisten. Rückblickend waren das schicksalhafte Worte.
In Atlanta ließ mich mein Körper wieder im Stich. Beim Zeitfahren wurde ich Sechster, und beim Straßenfahren kam ich auf den 12. Platz. Insgesamt ganz gut, aber ich hatte einfach mehr erwartet und war enttäuscht.
Als ich wieder in Austin war, schob ich alles auf eine Grippe. Ich schlief viel, alles tat mir weh und mir war irgendwie schwindelig. Ich nahm das alles auf die leichte Schulter und dachte: »Na ja, die Saison war eben ziemlich anstrengend.«
Am 18. September feierte ich meinen fünfundzwanzigsten Geburtstag. Ein paar Tage später lieh ich mir ein Gerät, um Margarita-Bowle zu machen, feierte in meinem Haus mit Freunden eine große Party, und anschließend ging es noch zu einem Konzert von Jimmy Buffet. Mitten in dieser Nacht sagte ich zu meiner Mutter Linda, die aus Plano herübergekommen war: »Ich bin der glücklichste Mensch auf der Welt.« Ich liebte mein Leben. Ich traf mich mit Lisa Sheils, einer hübschen Studentin an der University of Texas. Ich hatte gerade einen neuen Zweijahresvertrag über 1,25 Millionen Dollar pro Jahr mit dem angesehenen französischen Rennteam Cofidis unterschrieben. Ich hatte ein wunderschönes neues Haus, an dem ich monatelang herumgebaut hatte, bis innen und außen alles bis ins kleinste genau so geworden war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es war eine Villa im mediterranen Stil am Ufer des Lake Austin, mit hohen Glasfenstern, durch die man auf den Swimmingpool und eine Art italienischen Innenhof hinaussah, der sich bis zum Bootsanleger hinunterzog, wo mein eigener Jetski und mein Motorboot auf mich warteten.
Der Abend wurde nur durch eines getrübt: Mitten im Konzert bekam ich Kopfschmerzen. Es fing an mit einem dumpfen Pochen. Ich schluckte ein paar Aspirin, die halfen aber nicht. Die Kopfschmerzen wurden sogar schlimmer.
Ich versuchte es mit Ibuprofen. Ich hatte inzwischen vier Tabletten davon intus. Aber die Kopfschmerzen wurden immer schlimmer. Ich sagte mir, das sei ein Fall von entschieden zu vielen Margaritas und schwor mir, nie, nie wieder dieses Zeug zu trinken. Mein Freund, Agent und Anwalt Bill Stapleton schnorrte bei seiner Frau Laura ein paar Migränetabletten, die sie in der Handtasche hatte. Ich nahm drei. Auch das half nicht.
Inzwischen war es eine Art von Kopfschmerzen, die man sonst nur im Kino zu sehen bekommt: Die Knie werden weich, man hält sich den Kopf mit beiden Händen und man meint, er platzt.
Schließlich gab ich auf und ging nach Hause. Ich knipste alle Lichter aus, legte mich auf die Couch und bewegte mich nicht. Der Schmerz ließ zwar nicht nach, aber im Verein mit meinem Tequila-Kater hatte er mich so ausgelaugt, daß ich schließlich doch einschlief.
Als ich am nächsten Morgen wach wurde, war es vorbei. In der Küche beim Kaffeekochen kam mir alles ein bißchen verschwommen vor. Die Dinge schienen keine festen Konturen zu haben. »Ich werde wohl langsam alt«, dachte ich. »Vielleicht brauche ich eine Brille.«
Ich hatte für alles eine Entschuldigung.
Ein paar Tage später telefonierte ich im Wohnzimmer mit meinem Freund Bill Stapleton. Plötzlich bekam ich einen hef"tigen Hustenanfall. Ich mußte würgen und spürte einen metallischen und fauligen Geschmack im Mund. »Bleib mal dran«, sagte ich, »hier stimmt was nicht.« Ich rannte ins Bad und hustete ins Waschbecken.
Es war mit Blut gesprenkelt. Ich starrte ins Becken. Ich mußte nochmal husten, und dabei spuckte ich eine rote Lache aus. Ich konnte nicht glauben, daß diese Menge Blut und schleimiges Zeug aus meinem eigenen Körper gekommen sein sollte.
Tief beunruhigt ging ich zurück ins Wohnzimmer und nahm den Hörer. »Bill, ich ruf dich nachher nochmal an«, sagte ich. Sofort, nachdem ich aufgelegt hatte, wählte ich die Nummer von meinem Nachbarn Dr. Rick Parker an, einem guten Freund, der in Austin mein Hausarzt ist. Rick wohnt nur ein Stückchen die Straße hinunter.
»Kannst du mal rüberkommen?« bat ich. »Ich huste Blut.«
Während Rick noch unterwegs war, ging ich wieder ins Bad und betrachtete die blutige Bescherung im Becken. Plötzlich drehte ich den Hahn auf. Ich wollte alles wegspülen. Manchmal tue ich Dinge, ohne vernünftig darüber nachzudenken. Ich wollte nicht, daß Rick das sah. Es war mir unangenehm. Ich wollte, daß es weg war.
Als Rick kam, untersuchte er meine Nase und meinen Mund. Nachdem er mir in den Hals geguckt hatte, wollte er das Blut sehen. Ich zeigte ihm das bißchen, das noch im Becken hing. »Oh Gott«, dachte ich, »ich kann ihm doch nicht sagen, wieviel das gewesen ist, das ist einfach zu ekelig.« Der verbliebene Rest sah nicht besonders beeindruckend aus.
Rick kannte meine Klagen über Stirnhöhlenbeschwerden und Allergien. In Austin gibt es viel Jakobskraut und Pollenflug, und wegen der strengen Dopingvorschriften im Radsport kann ich es mir nicht leisten, Medikamente dagegen zu nehmen. Ich muß es über mich ergehen lassen.
»Die Blutung könnte aus deinen Stirnhöhlen gekommen sein«, meinte Rick. »Du hast ja da einen Bruch.«
»Wunderbar«, sagte ich. »Dann ist es also keine große Sache.«
Ich war sehr erleichtert, ich stürzte mich auf die erste Vermutung, daß es nichts Ernstes wäre, und hakte es ab. Rick knipste seine kleine Stablampe aus, und auf dem Weg zur Tür lud er mich in der kommenden Woche zum Abendessen ein.
Ein paar Abende später fuhr ich mit meinem Motorroller den Hügel runter zu den Parkers. Ich habe etwas übrig für motorisiertes Spielzeug, und der Roller war eins meiner Lieblingsstücke. Aber an diesem Abend tat mir mein Hoden so weh, daß ich kaum auf dem Ding sitzen konnte.
Auch bei den Parkers hatte ich große Mühe, einigermaßen bequem am Eßtisch zu sitzen. Ich mußte genau die richtige Sitzposition finden, und dann durfte ich mich nicht mehr bewegen. Es tat einfach höllisch weh.
Fast hätte ich Rick gesagt, was mit mir los war, aber ich hatte zu große Hemmungen. Über so was unterhält man sich wohl kaum beim Abendessen, und ich hatte ihn ja schon mit dem Blut belästigt. »Er denkt sonst bestimmt, ich wäre ein Jammerlappen«, dachte ich bei mir. »Halt lieber den Mund.«
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war einer meiner Hoden furchterregend angeschwollen, er war fast so groß wie eine Apfelsine. Ich zog mich an, nahm mein Rad von seinem Halter in der Garage herunter und machte mich auf meine übliche Trainingsrunde. Aber ich merkte, daß ich nicht auf dem Sattel sitzen konnte. Ich mußte die ganze Runde in den Pedalen stehen. Als ich am frühen Nachmittag nach Hause kam, rief ich zögernd wieder bei den Parkers an.
»Rick, mit einem meiner Hoden stimmt was nicht«, sagte ich. »Es ist sehr angeschwollen, und ich mußte die ganze Strecke im Stehen fahren.«
Rick war sehr ernst. »Das mußt du sofort untersuchen lassen«, meinte er.
Er wollte mir unbedingt noch am selben Nachmittag einen Termin bei einem Spezialisten machen. Wir legten auf, und er rief Dr. Jim Reeves an, einen prominenten Urologen aus der Stadt. Als Rick ihm meine Beschwerden geschildert hatte, sagte Dr. Reeves, ich solle sofort zu ihm kommen. Er würde mir einen Termin freihalten. Rick rief mich an und sagte, Dr. Reeves vermute zwar bei mir nur eine Torsion, eine Drehung des Hodens, aber ich sollte hinkommen und es untersuchen lassen. Wenn ich mich nicht darum kümmern würde, könnte ich den Hoden verlieren.
Ich duschte und zog mich an, nahm die Autoschlüssel und setzte mich in meinen Porsche, und merkwürdigerweise weiß ich noch genau, was ich anhatte: Khakihosen und ein grünes Hemd drüber. Die Praxis von Dr. Reeves lag in der Innenstadt von Austin in der Nähe der University of Texas in einem unauffälligen Klinikgebäude aus braunem Klinker.
Dr. Reeves war ein älterer Herr mit einer tiefen, angenehmen Stimme, die tief aus einem Brunnenschacht zu kommen schien. In seiner ärztlich-beflissenen Art wirkte bei ihm alles wie Routine – obwohl er von dem, was er bei der Untersuchung sah, ernsthaft alarmiert war.
Mein Hoden war auf das Dreifache der normalen Größe geschwollen, hart und äußerst berührungsempfindlich. Dr. Reeves machte ein paar Notizen und Messungen. »Das sieht mir etwas verdächtig aus«, meinte er. »Zur Sicherheit schicke ich Sie rüber zur Ultraschalluntersuchung, das ist gleich gegenüber.«
Ich zog mich wieder an und ging zu meinem Auto. Das Institut lag auf der anderen Seite einer breiten Straße in einem anderen klinikartigen braunen Klinkerbau. Ich beschloß, mit dem Auto hinüberzufahren. Das Gebäude war ein kleiner Bienenstock aus lauter Büros und Räumen, die mit komplizierten medizinischen Geräten vollgestopft waren. Wieder legte ich mich auf einen Untersuchungstisch.
Eine MTA, eine medizinisch-technische Assistentin, kam herein und untersuchte mich mit dem stabförmigen Instrument des Ultraschallgeräts, das ein Bild in einen Monitor einspeist. Ich hatte geglaubt, ich wäre in ein paar Minuten wieder draußen. Nur eine Routineuntersuchung zur Beruhigung des Arztes.
Eine Stunde später lag ich immer noch auf dem Tisch.
Die MTA wollte offenbar jeden Millimeter von mir untersuchen. Ich lag stumm da und bemühte mich, gelassen zu bleiben. Warum dauerte das so lange? Hatte sie was gefunden?
Dann legte sie den Stab weg und ging, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Zimmer. »Moment mal«, rief ich. »Hey!«
»Verdammt, ich denke, das war nur eine Formsache«, dachte ich. Nach einiger Zeit kam die MTA mit einem Mann zurück, den ich dort schon vorher gesehen hatte. Es war der Chefradiologe. Er nahm den Stab und fing nun seinerseits an, meine Geschlechtsteile zu untersuchen. Eine weitere Viertelstunde verging. »Warum dauert das so lange?«
»Gut, Sie können sich jetzt anziehen und wieder rauskommen«, sagte er.
Ich streifte hastig meine Sachen über und ging zu ihm raus auf den Flur.
»Wir müssen noch Ihren Oberkörper röntgen«, meinte er.
Ich blieb wie angewurzelt stehen. »Wieso denn das?« wollte ich wissen.
»Dr. Reeves hat darum gebeten«, war die Antwort.
Wozu wollen die sich meine Brust ansehen? Da tat mir doch nichts weh. Wieder ging es in ein Untersuchungszimmer, und ich zog mich aus. Eine andere medizinisch-technische Assistentin besorgte das Röntgen.
Ich wurde langsam wütend und wußte noch nicht mal, warum. Wieder zog ich mich an und stelzte zum Institutsbüro. Am Ende des Flurs sah ich den Chefradiologen stehen.
»Hey«, rief ich und knöpfte ihn mir vor.
»Was passiert hier eigentlich?« fragte ich. Mein Ton war gereizt. »Das ist doch nicht normal!«
»Nun ja, ich möchte Dr. Reeves nicht vorgreifen«, sagte er, »aber er scheint bei Ihnen möglicherweise einen krebsbezogenen Befund abklären zu wollen.«
Ich stand wie angewurzelt da.
»Ach, du Scheiße«, sagte ich.
»Sie müssen die Röntgenaufnahmen gleich zu Dr. Reeves mitnehmen. Er wartet auf Sie in seiner Praxis«, sagte der Arzt.
In meiner Magengrube spürte ich einen kleinen Eisblock, der langsam größer wurde. Ich nahm mein Handy und wählte die Nummer von Rick.
»Rick, hier stimmt was nicht, aber keiner will damit rausrücken«, sagte ich.
»Lance, ich kann nicht viel dazu sagen«, antwortete er, »aber ich möchte dabeisein, wenn du gleich zu Dr. Reeves gehst. Warte da auf mich.«
»Okay«, sagte ich. Während die Aufnahmen entwickelt wurden, wartete ich im Röntgeninstitut. Endlich kam der Radiologe, gab mir einen großen braunen Umschlag und sagte, Dr. Reeves würde mich in seiner Praxis erwarten. Ich starrte den Umschlag an. Ich begriff: Das da drin ist meine Brust.
»Es sieht nicht gut aus«, dachte ich und stieg in mein Auto. Ich schaute auf den braunen Umschlag mit den Röntgenaufnahmen von meiner Brust. Bis zur Praxis von Dr. Reeves waren es nur knapp 200 Meter, aber es kam mir weiter vor. Wie zwei Kilometer. Oder zwanzig.
Ich fuhr die kurze Strecke und parkte den Wagen. Die normalen Öffnungszeiten waren längst vorbei. »Wenn Dr. Reeves auf mich gewartet hat, diese ganze lange Zeit, dann muß es dafür einen guten Grund geben«, dachte ich. »Das kann nur heißen, gleich kommt der dicke Hammer.«
Als ich zur Praxis von Dr. Reeves ging, merkte ich, daß das Gebäude leer war. Alle waren schon gegangen. Draußen war es inzwischen dunkel geworden.
Rick kam, er sah ziemlich ernst aus. Ich hockte mich auf einen Stuhl, Dr. Reeves machte den Umschlag auf und zog die Röntgenaufnahmen von meiner Brust heraus. Eine Röntgenaufnahme sieht aus wie das Negativ zu einem normalen Schwarzweiß-Foto. Alles, was nicht normal ist, zeichnet sich in weißen Abstufungen darauf ab. Ein schwarzes Bild ist in Wirklichkeit gut, weil es bedeutet, daß die Organe sauber sind. Schwarz ist gut. Weiß ist schlecht.
Dr. Reeves klemmte die Aufnahmen in den Leuchtrahmen an der Wand.
In meiner Brust sah es aus wie bei einem Schneesturm.
»Also, die Lage ist ernst«, erklärte Dr. Reeves. »Sieht aus wie Hodenkrebs mit ausgedehnten Metastasen in der Lunge.«
»Ich habe Krebs«, durchfuhr es mich.
Ich fragte: »Sind Sie sicher?«
»Ziemlich sicher«, antwortete er.
»Ich bin erst 25. Warum sollte ausgerechnet ich Krebs haben?« dachte ich.
»Sollte ich nicht noch eine zweite Meinung einholen?« schlug ich vor.
»Natürlich«, sagte Dr. Reeves. »Dazu haben Sie jedes Recht. Aber Sie sollten wissen, daß ich mir meiner Diagnose sicher bin. Ich habe Sie für morgen früh um sieben zur Operation angemeldet, um den Hoden zu entfernen.«
»Ich habe Krebs, und er steckt schon in meiner Lunge«, schoß es mir durch den Kopf.
Dr. Reeves erläuterte seine Diagnose: Hodenkrebs sei eine seltene Erkrankung. In den Vereinigten Staaten träten jährlich nur etwa 7000 Fälle auf. Meistens wären junge Männer im Alter zwischen 18 und 25 Jahren betroffen. Dank der Fortschritte auf dem Gebiet der Chemotherapie gelte er als eine sehr gut therapierbare Krebsform, aber der entscheidende Faktor wäre ein frühes Eingreifen. Niemand könne wissen, wie schnell er voranschreite. Dr. Reeves war sicher, daß ich Krebs hatte. Die Frage war, wie weit er sich schon ausgebreitet hatte. Er empfahl mir, zu Dr. Dudley Youman zu gehen, einem renommierten Onkologen aus der Stadt, der auch Lady Bird Johnson behandelt hatte. Rasches Handeln sei angesagt, jeder Tag zähle. Damit beendete Dr. Reeves seine Ausführungen.
Ich sagte gar nichts.
»Ich laß Sie beide mal für ein paar Minuten allein«, sagte Dr. Reeves.
Als ich mit Rick allein war, sank mir der Kopf auf den Schreibtisch.
»Ich kann es einfach nicht glauben«, sagte ich.
Aber ich mußte zugeben, ich war krank. Die Kopfschmerzen, das Blutspucken, der gereizte Hals, auf die Couch fallen und endlos schlafen – ich fühlte mich krank, und das schon seit einiger Zeit.
»Lance, hör gut zu, bei der Behandlung von Krebs sind enorme Fortschritte gemacht worden«, sagte Rick. »Krebs ist heilbar. Wir werden alle Hebel in Bewegung setzen. Wir schaffen das.«
»Okay«, sagte ich. »Okay.«
Rick rief Dr. Reeves wieder herein. »Was soll ich tun?« fragte ich. »Los geht´s. Wir machen den Krebs fertig. Egal, was zu tun ist, wir machen das!«
Ich wollte sofort geheilt werden. Auf der Stelle. Ich hätte mich noch in dieser Nacht operieren lassen. Ich hätte mich selbst ins Krankenhaus eingeliefert und eigenhändig die Strahlenkanone eingeschaltet, wenn es was geholfen hätte. Aber Dr. Reeves erklärte mir geduldig das weitere Vorgehen, das mir am nächsten Morgen bevorstand: In der Früh mußte ich im Krankenhaus antreten zu einer ganzen Latte von Tests und Blutuntersuchungen, damit der Onkologe abschätzen konnte, wie weit der Krebs war, und dann würde der Hoden operativ entfernt.
Ich stand auf und ging. Ich hatte jede Menge Anrufe zu erledigen, einen davon bei meiner Mutter. Ich mußte ihr irgendwie beibringen, daß ihr Sohn – ihr einziges Kind – Krebs hatte.
Ich stieg in mein Auto und machte mich auf den kurvigen, baumbestandenen Straßen auf den Heimweg zu meinem Haus hoch über dem See. Zum erstenmal in meinem Leben fuhr ich langsam. Ich stand unter Schock. Ich dachte: »Oh Mann, ich werde nie wieder Rennen fahren können« – nicht etwa: »Oh Mann, ich werde sterben«, oder: »Oh Mann, ich werde nie eine Familie haben.« Irgendwo tief in mir ging alles durcheinander. Aber der erste Gedanke war: »Oh Mann, ich werde nie wieder Rennen fahren können.« Ich griff zum Autotelefon und wählte die Nummer von Bill Stapleton.
»Bill, es gibt böse Neuigkeiten«, sagte ich.
»Was ist los?« fragte er geistesabwesend.
»Ich bin krank«, sagte ich. »Mit meiner Karriere ist´s aus.«
»Was?« rief er.
»Es ist alles vorbei«, sagte ich. »Ich bin krank, ich werde nie wieder Rennen fahren können, und ich werde alles verlieren.«
Ich legte auf.
Im ersten Gang schlich ich durch die Straßen. Ich konnte einfach kein Gas geben. Ich holperte dahin und bekam Zweifel an allem. Als ein Fünfundzwanzigjähriger, den nichts umwerfen konnte, hatte ich mein Haus verlassen. Nicht kaputt zu machen. Der Krebs würde alles über den Haufen werfen. Er würde nicht nur meine Karriere beenden, er würde überhaupt alles, worauf mein Selbstwertgefühl beruhte, zerstören. Ich hatte mit nichts angefangen. Meine Mutter war eine Sekretärin in Plano in Texas. Aber auf meinem Rennrad war ich jemand geworden. Wenn andere Jungen nach der Schule im Country Club im Pool herumplanschten, saß ich Kilometer um Kilometer auf dem Rad, denn das war meine Cha
Langsam dahinzusiechen ist nichts für mich. Ich mache nichts langsam, nicht mal atmen. Bei mir muß alles schnell gehen: schnell essen, schnell schlafen. Es macht mich verrückt, mit meiner Frau Auto zu fahren, wenn sie am Steuer sitzt. Sie bremst bei jeder gelben Ampel, während ich genervt auf dem Beifahrersitz rumrutsche.
»Nun fahr schon, du schleichst rum wie ´ne lahme Tussi«, sage ich zu ihr.
»Lance«, gibt sie zurück, »heirate ´nen Mann.«
Mein ganzes Leben lang bin ich mit meinem Rennrad herumgerast, auf kleinen Sträßchen in Austin in Texas bis hin zu den Champs-Elyséees, und ich habe immer gedacht, wenn ich früh sterben sollte, dann deshalb, weil mich irgendein Bauer mit seinem Geländewagen kopfüber in den Straßengraben befördert hat. Gut möglich. Radfahrer befinden sich im Dauerkrieg mit diesen Typen in den riesigen Lastwagen. Ich kann schon gar nicht mehr zählen, wie oft und in wie vielen Ländern ich schon angefahren worden bin. Ich habe gelernt, mir selbst die Fäden zu ziehen. Man braucht dazu bloß einen Nagelknipser und einen starken Magen.
Wenn Sie wüßten, wie mein Körper unter dem Renntrikot aussieht, wäre Ihnen sofort klar, wovon ich rede. Ich habe marmorierte Narben an beiden Armen und verfärbte Stellen von oben bis unten an den Beinen, die ich mir übrigens glattrasiere. Vielleicht ist das der Grund, warum die LKW-Fahrer immer versuchen, mich über den Haufen zu fahren. Sie sehen meine gepflegten Waden und sagen sich, heute wird nicht gebremst. Aber ein Radrennfahrer muß sich rasieren, weil man unbehaarte Haut besser saubermachen und verbinden kann, wenn man über den Schotter gesegelt ist.
Eine Minute zuvor ist man noch die Straße entlanggeradelt, und im nächsten Moment liegt man mit der Schnauze im Dreck. Röhrend fegt ein Schwall heißer Auspuffgase über einen hinweg, man schmeckt den beißenden Dieselqualm und kann nur noch den entschwindenden Rücklichtern die Faust hinterher schütteln.
Mit dem Krebs war es nicht anders. Er war wie ein LKW, der mich von der Straße geschmissen hat, und ich trage noch die Narben, die das beweisen. Auf meiner Brust, knapp über dem Herzen, habe ich eine runzlige Narbe, wo der Venenkatheter gesessen hat. Von meiner Leiste bis zum rechten Oberschenkel hoch zieht sich die Operationsnarbe, wo sie mir den Hoden rausgeschnitten haben. Aber die Glanzstücke sind zwei tiefe Halbmonde auf meinem Schädel, als hätte mich zweimal ein Pferd getreten. Das sind die Andenken an meine Gehirnoperation.
Als ich 25 war, bekam ich Hodenkrebs, und daran wäre ich fast gestorben. Ich hatte eine Überlebenschance von nicht mal 40 Prozent, und, ehrlich gesagt, ein paar von meinen Ärzten haben das auch nur aus reiner Freundlichkeit gesagt. Ich weiß schon, der Tod ist nicht gerade ein Thema für Small talk. Krebs auch nicht, oder Narben am Schädel, oder das, was unterhalb der Gürtellinie liegt. Aber ich habe auch nicht vor, mich nett und unverbindlich mit Ihnen zu unterhalten. Ich will, daß Sie die Wahrheit erfahren. Ich bin sicher, es ist Ihnen lieber, davon zu hören, wie das mit dem Krebs wirklich war, wieso ich danach trotzdem die Tour de France gewinnen konnte, dieses Straßenrennen von über 3800 Kilometern, von dem man sagt, es sei der härteste Sportwettkampf der Welt. Sie wollen etwas erfahren über Glauben und nicht weiter Begründbares, über dieses ganz unwahrscheinliche Comeback, wodurch ich heute neben so überragenden Fahrern wie Greg LeMond und Miguel Induréain stehen kann. Vielleicht wollen Sie auch etwas über den oft wie ein Märchen erzählten Aufstieg in den Alpen und den Sieg über die Straßen der Pyrenäen lesen. Sie wollen wissen, wie ich mich dabei gefühlt habe.
Manches von dieser Geschichte ist nicht ganz leicht zu erzählen, und manches hört sich nicht besonders schön an. Ich bitte Sie gleich hier am Anfang, alles, was Sie über Helden und Wunder denken, zu vergessen. Das hier ist kein Märchenbuch. Wir sind nicht in Disneyland oder Hollywood. Ein Beispiel: Ich habe gelesen, daß ich die Hügel und Berge in Frankreich hinaufgeflogen wäre. Aber einen Berg fliegt man nicht rauf. Man quält sich langsam und unter Schmerzen den Anstieg hoch, und wenn man sich ganz besonders anstrengt, kommt man vielleicht vor den anderen da oben an.
Mit dem Krebs ist das genauso. Auch starke Menschen bekommen Krebs, tun alles, was man tun muß, um ihn zu besiegen, und sterben trotzdem. Das ist eine Grundwahrheit, die man einsehen muß. Wenn man das getan hat, wird einem alles andere ziemlich egal. Es kommt einem nicht mehr so wichtig vor.
Ich weiß nicht, warum ich noch lebe. Ich kann nur raten. Ich bin ziemlich zäh, und in meinem Beruf habe ich gelernt, wie man mit Problemen und Hindernissen fertig wird. Ich mag anstrengendes Training und anstrengende Rennen. Das hat mir geholfen. Es war eine gute Voraussetzung, aber entscheidend war es nicht. Ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube, daß ich überlebt habe, war doch eher ein glücklicher Zufall.
Als ich 16 war, wurde ich zu einer Testreihe an der Cooper Clinic in Dallas eingeladen. Das ist ein sehr angesehenes Forschungszentrum, wo das Aerobic erfunden wurde. Ein Arzt testete meinen VO2max-Faktor, der zeigt, wieviel Sauerstoff man maximal aufnehmen und nutzen kann. Er sagte, das wären die höchsten Werte, die er je gesehen hätte. Außerdem produzierte ich weniger Milchsäure als die meisten Menschen. Der Körper erzeugt Milchsäure, wenn er arbeitet und dabei müde wird. Milchsäure macht das Stechen in der Lunge und den Muskelkater in den Beinen.
Ich kann mich also sehr stark anstrengen und werde dabei nicht so schnell müde wie die meisten anderen Leute. Vielleicht habe ich auch deshalb überlebt. Ich hatte einfach Glück. Ich bin mit einem außergewöhnlichen Talent zum Atmen auf die Welt gekommen. Aber wie dem auch sei, ich habe eine lange Zeit in einem Nebel aus Krankheit und Verzweiflung verbracht.
Meine Krankheit hat mich vom hohen Roß runtergeholt und mir ist eine Menge klargeworden. Der Krebs hat mich gezwungen, unbarmherzig über mein Leben nachzudenken. Es gibt da ein paar Sachen, auf die ich nicht besonders stolz bin: Manchmal war ich gemein, habe mich um meine Pflichten rumgedrückt, manchmal war ich auch schwach und habe irgendwas nicht getan, was mir heute leid tut. Ich habe mich gefragt: »Was für ein Mensch willst du eigentlich sein – wenn du überhaupt am Leben bleibst?« So langsam wurde mir klar, daß mir zum erwachsenen Mann noch einiges fehlte.
In Wahrheit war der Krebs das Beste, was mir passieren konnte. Ich weiß nicht, warum ich diese Krankheit bekommen habe. Aber sie hat bei mir Wunder gewirkt, und ich will gar nicht, daß es nicht so gekommen wäre. Warum sollte ich mir auch nur einen Tag lang etwas aus meinem Leben wegdenken, und dann noch das wichtigste und prägendste überhaupt?
Aber ich will Ihnen nichts vormachen. Es gibt zwei Lance Armstrongs: den vor dem Krebs und den danach. Die Lieblingsfrage der Leute ist: »Wie hat der Krebs Sie verändert?« Die wirkliche Frage ist aber, inwiefern er mich nicht verändert hat. Am 2. Oktober 1996 ging ich aus meinem Haus, und als ich wiederkam, war ich ein anderer. Ich war ein Weltklassesportler gewesen, mit einer hübschen Villa am Flußufer, einem Porsche in der Garage und einem selbstverdienten Vermögen auf der Bank. Ich gehörte zur Weltspitze der Radrennfahrer, und meine Karriere bewegte sich steil nach oben. Als ich zurückkam, war ich ein total anderer Mensch. Irgendwie ist mein altes Ich tatsächlich gestorben, und mir wurde ein zweites Leben geschenkt. Sogar mein Körper sieht anders aus, denn bei der Chemotherapie verschwanden alle Muskeln, die ich mir antrainiert hatte, und als ich gesund wurde, kamen sie nicht genauso wieder.
Menschen sterben. Manchmal macht mich diese Wahrheit so fertig, daß ich es nicht über mich bringen kann, sie aus"zusprechen. Wozu also weitermachen, fragt man sich dann. Warum lassen wir es nicht einfach gut sein und legen uns dorthin, wo wir gerade sind? Aber es gibt auch noch eine andere Wahrheit: Die Menschen leben, und sie leben auf die bemerkenswerteste Art und Weise. Als ich krank war, habe ich an einem einzigen Tag mehr Schönheit und Triumph erlebt, als je in einem ganzen Radrennen – aber es waren menschliche Augenblicke, keine geheimnisvollen Wunder. Ich habe einen Typen kennengelernt, der in einem ausgeleierten Trainingsanzug rumlief und sich als brillanter Chirurg entpuppte. Ich habe mich mit einer unermüdlichen, überlasteten Krankenschwester namens LaTrice angefreundet, die sich auf eine Art um mich gekümmert hat, die es nur gibt, wenn man mit jemandem tief und mitfühlend verbunden ist. Ich habe Kinder gesehen, ohne Wimpern und ohne Augenbrauen, denen die Chemo die Haare weggebrannt hatte und die mit dem unerschrockenen Herzen eines Miguel Induréain kämpften.
Bis heute habe ich es noch nicht richtig begriffen.
Alles, was ich tun kann, ist, Ihnen die ganze Geschichte der Reihe nach zu erzählen.
Ich hätte natürlich wissen müssen, daß mit mir etwas nicht stimmte. Aber bei Sportlern, und bei Radfahrern ganz besonders, gehört das Verdrängen zum Geschäft. Man verdrängt alle Beschwerden und Schmerzen, weil man das tun muß, sonst würde man das Rennen nicht durchstehen. Dieser Sport ist eine Art Selbstmißbrauch. Man sitzt den ganzen Tag im Sattel, sechs oder sieben Stunden hintereinander, bei jedem Wetter, über Stock und Stein, durch Matsch, Wind und Regen, sogar bei Hagel, und läßt sich vom Schmerz nicht unterkriegen.
Alles tut einem weh, der Rücken, die Füße, die Hände, der Nacken, der Hintern und natürlich die Beine.
Nein, es ist mir damals, 1996, nicht aufgefallen, daß ich mich nicht besonders gut fühlte. Als in diesem Winter mein rechter Hoden leicht anschwoll, sagte ich mir, damit mußt du eben leben. Ich nahm an, ich hätte mir die Schwellung irgendwie beim Radfahren zugezogen, oder es sei eine Reaktion auf irgendwelche männlichen Körpervorgänge. Ich fuhr gute Rennen, hatte eigentlich bessere Bewertungen als je zuvor, und zum Aufhören gab es keinen Grund.
Radrennfahren ist ein Sport, bei dem sich Reife auszahlt. Er verlangt ein körperliches Stehvermögen, das man jahrelang aufbauen muß, und ein Verständnis für Strategie, das man erst mit viel Erfahrung bekommt. Im Jahr 1996 hatte ich allerdings das Gefühl, daß ich mich allmählich meiner Bestform näherte. Im Frühjahr gewann ich das »Flèche – Walonne«, eine mörde"rische Tour durch die Ardennen, die bis dahin noch kein Amerikaner geschafft hatte. Beim klassischen Rennen »Lüttich –
Bastogne – Lüttich« über 267 Kilometer an einem einzigen schweren Tag kam ich als Zweiter ins Ziel. Und bei der »Tour DuPont«, 1960 Kilometer in zwölf Tagen durch die Berge von Carolina, wurde ich Sieger. Außerdem konnte ich noch fünf zweite Plätze einfahren, und ich war zum erstenmal in meiner Karriere kurz davor, in die internationale Spitze der fünf Weltbesten einzubrechen.
Als ich die »Tour DuPont« gewann, fiel den Radsportfans allerdings etwas Ungewöhnliches auf. Wenn ich sonst über den Zielstrich fuhr, pumpte ich normalerweise die Fäuste wie Kolben auf und ab, aber an diesem Tag war ich für Siegeskundgebungen auf dem Rad viel zu erschöpft. Ich hatte blutunterlaufene Augen und einen hochroten Kopf.
Nach meinem ausgezeichneten Frühjahr hätte ich eigentlich zuversichtlich und energiegeladen sein müssen. Statt dessen war ich einfach nur müde. Meine Brustwarzen taten mir weh. Wenn ich besser informiert gewesen wäre, hätte ich gewußt, daß das ein Krankheitszeichen war. Es bedeutete, daß ich einen erhöhten Spiegel des Hormons HCG (Humanes Choriongonadotropin) hatte, das normalerweise von Frauen in der Schwangerschaft produziert wird. Bei Männern kommt es nur in winzigen Mengen vor, es sei denn, ihre Hoden spielen verrückt.
Ich dachte, ich wäre einfach nur erschöpft. »Reiß dich zusammen«, sagte ich zu mir, »du kannst dir keinen Durchhänger leisten.« Die beiden wichtigsten Rennen der Saison lagen noch vor mir: Die Tour de France und die Sommerolympiade in Atlanta. Nur dafür hatte ich trainiert und war ich Rennen ge"fahren.
Bei der Tour de France mußte ich schon nach fünf Tagen aufgeben. Nachdem ich durch ein Gewitter gefahren war, bekam ich Halsschmerzen und eine Bronchitis. Ich hustete und hatte Schmerzen im Lendenbereich. Ich konnte einfach nicht wieder aufs Rad steigen. »Ich hab´ keine Luft mehr bekommen«, sagte ich zu den Journalisten. Rückblickend waren das schicksalhafte Worte.
In Atlanta ließ mich mein Körper wieder im Stich. Beim Zeitfahren wurde ich Sechster, und beim Straßenfahren kam ich auf den 12. Platz. Insgesamt ganz gut, aber ich hatte einfach mehr erwartet und war enttäuscht.
Als ich wieder in Austin war, schob ich alles auf eine Grippe. Ich schlief viel, alles tat mir weh und mir war irgendwie schwindelig. Ich nahm das alles auf die leichte Schulter und dachte: »Na ja, die Saison war eben ziemlich anstrengend.«
Am 18. September feierte ich meinen fünfundzwanzigsten Geburtstag. Ein paar Tage später lieh ich mir ein Gerät, um Margarita-Bowle zu machen, feierte in meinem Haus mit Freunden eine große Party, und anschließend ging es noch zu einem Konzert von Jimmy Buffet. Mitten in dieser Nacht sagte ich zu meiner Mutter Linda, die aus Plano herübergekommen war: »Ich bin der glücklichste Mensch auf der Welt.« Ich liebte mein Leben. Ich traf mich mit Lisa Sheils, einer hübschen Studentin an der University of Texas. Ich hatte gerade einen neuen Zweijahresvertrag über 1,25 Millionen Dollar pro Jahr mit dem angesehenen französischen Rennteam Cofidis unterschrieben. Ich hatte ein wunderschönes neues Haus, an dem ich monatelang herumgebaut hatte, bis innen und außen alles bis ins kleinste genau so geworden war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es war eine Villa im mediterranen Stil am Ufer des Lake Austin, mit hohen Glasfenstern, durch die man auf den Swimmingpool und eine Art italienischen Innenhof hinaussah, der sich bis zum Bootsanleger hinunterzog, wo mein eigener Jetski und mein Motorboot auf mich warteten.
Der Abend wurde nur durch eines getrübt: Mitten im Konzert bekam ich Kopfschmerzen. Es fing an mit einem dumpfen Pochen. Ich schluckte ein paar Aspirin, die halfen aber nicht. Die Kopfschmerzen wurden sogar schlimmer.
Ich versuchte es mit Ibuprofen. Ich hatte inzwischen vier Tabletten davon intus. Aber die Kopfschmerzen wurden immer schlimmer. Ich sagte mir, das sei ein Fall von entschieden zu vielen Margaritas und schwor mir, nie, nie wieder dieses Zeug zu trinken. Mein Freund, Agent und Anwalt Bill Stapleton schnorrte bei seiner Frau Laura ein paar Migränetabletten, die sie in der Handtasche hatte. Ich nahm drei. Auch das half nicht.
Inzwischen war es eine Art von Kopfschmerzen, die man sonst nur im Kino zu sehen bekommt: Die Knie werden weich, man hält sich den Kopf mit beiden Händen und man meint, er platzt.
Schließlich gab ich auf und ging nach Hause. Ich knipste alle Lichter aus, legte mich auf die Couch und bewegte mich nicht. Der Schmerz ließ zwar nicht nach, aber im Verein mit meinem Tequila-Kater hatte er mich so ausgelaugt, daß ich schließlich doch einschlief.
Als ich am nächsten Morgen wach wurde, war es vorbei. In der Küche beim Kaffeekochen kam mir alles ein bißchen verschwommen vor. Die Dinge schienen keine festen Konturen zu haben. »Ich werde wohl langsam alt«, dachte ich. »Vielleicht brauche ich eine Brille.«
Ich hatte für alles eine Entschuldigung.
Ein paar Tage später telefonierte ich im Wohnzimmer mit meinem Freund Bill Stapleton. Plötzlich bekam ich einen hef"tigen Hustenanfall. Ich mußte würgen und spürte einen metallischen und fauligen Geschmack im Mund. »Bleib mal dran«, sagte ich, »hier stimmt was nicht.« Ich rannte ins Bad und hustete ins Waschbecken.
Es war mit Blut gesprenkelt. Ich starrte ins Becken. Ich mußte nochmal husten, und dabei spuckte ich eine rote Lache aus. Ich konnte nicht glauben, daß diese Menge Blut und schleimiges Zeug aus meinem eigenen Körper gekommen sein sollte.
Tief beunruhigt ging ich zurück ins Wohnzimmer und nahm den Hörer. »Bill, ich ruf dich nachher nochmal an«, sagte ich. Sofort, nachdem ich aufgelegt hatte, wählte ich die Nummer von meinem Nachbarn Dr. Rick Parker an, einem guten Freund, der in Austin mein Hausarzt ist. Rick wohnt nur ein Stückchen die Straße hinunter.
»Kannst du mal rüberkommen?« bat ich. »Ich huste Blut.«
Während Rick noch unterwegs war, ging ich wieder ins Bad und betrachtete die blutige Bescherung im Becken. Plötzlich drehte ich den Hahn auf. Ich wollte alles wegspülen. Manchmal tue ich Dinge, ohne vernünftig darüber nachzudenken. Ich wollte nicht, daß Rick das sah. Es war mir unangenehm. Ich wollte, daß es weg war.
Als Rick kam, untersuchte er meine Nase und meinen Mund. Nachdem er mir in den Hals geguckt hatte, wollte er das Blut sehen. Ich zeigte ihm das bißchen, das noch im Becken hing. »Oh Gott«, dachte ich, »ich kann ihm doch nicht sagen, wieviel das gewesen ist, das ist einfach zu ekelig.« Der verbliebene Rest sah nicht besonders beeindruckend aus.
Rick kannte meine Klagen über Stirnhöhlenbeschwerden und Allergien. In Austin gibt es viel Jakobskraut und Pollenflug, und wegen der strengen Dopingvorschriften im Radsport kann ich es mir nicht leisten, Medikamente dagegen zu nehmen. Ich muß es über mich ergehen lassen.
»Die Blutung könnte aus deinen Stirnhöhlen gekommen sein«, meinte Rick. »Du hast ja da einen Bruch.«
»Wunderbar«, sagte ich. »Dann ist es also keine große Sache.«
Ich war sehr erleichtert, ich stürzte mich auf die erste Vermutung, daß es nichts Ernstes wäre, und hakte es ab. Rick knipste seine kleine Stablampe aus, und auf dem Weg zur Tür lud er mich in der kommenden Woche zum Abendessen ein.
Ein paar Abende später fuhr ich mit meinem Motorroller den Hügel runter zu den Parkers. Ich habe etwas übrig für motorisiertes Spielzeug, und der Roller war eins meiner Lieblingsstücke. Aber an diesem Abend tat mir mein Hoden so weh, daß ich kaum auf dem Ding sitzen konnte.
Auch bei den Parkers hatte ich große Mühe, einigermaßen bequem am Eßtisch zu sitzen. Ich mußte genau die richtige Sitzposition finden, und dann durfte ich mich nicht mehr bewegen. Es tat einfach höllisch weh.
Fast hätte ich Rick gesagt, was mit mir los war, aber ich hatte zu große Hemmungen. Über so was unterhält man sich wohl kaum beim Abendessen, und ich hatte ihn ja schon mit dem Blut belästigt. »Er denkt sonst bestimmt, ich wäre ein Jammerlappen«, dachte ich bei mir. »Halt lieber den Mund.«
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war einer meiner Hoden furchterregend angeschwollen, er war fast so groß wie eine Apfelsine. Ich zog mich an, nahm mein Rad von seinem Halter in der Garage herunter und machte mich auf meine übliche Trainingsrunde. Aber ich merkte, daß ich nicht auf dem Sattel sitzen konnte. Ich mußte die ganze Runde in den Pedalen stehen. Als ich am frühen Nachmittag nach Hause kam, rief ich zögernd wieder bei den Parkers an.
»Rick, mit einem meiner Hoden stimmt was nicht«, sagte ich. »Es ist sehr angeschwollen, und ich mußte die ganze Strecke im Stehen fahren.«
Rick war sehr ernst. »Das mußt du sofort untersuchen lassen«, meinte er.
Er wollte mir unbedingt noch am selben Nachmittag einen Termin bei einem Spezialisten machen. Wir legten auf, und er rief Dr. Jim Reeves an, einen prominenten Urologen aus der Stadt. Als Rick ihm meine Beschwerden geschildert hatte, sagte Dr. Reeves, ich solle sofort zu ihm kommen. Er würde mir einen Termin freihalten. Rick rief mich an und sagte, Dr. Reeves vermute zwar bei mir nur eine Torsion, eine Drehung des Hodens, aber ich sollte hinkommen und es untersuchen lassen. Wenn ich mich nicht darum kümmern würde, könnte ich den Hoden verlieren.
Ich duschte und zog mich an, nahm die Autoschlüssel und setzte mich in meinen Porsche, und merkwürdigerweise weiß ich noch genau, was ich anhatte: Khakihosen und ein grünes Hemd drüber. Die Praxis von Dr. Reeves lag in der Innenstadt von Austin in der Nähe der University of Texas in einem unauffälligen Klinikgebäude aus braunem Klinker.
Dr. Reeves war ein älterer Herr mit einer tiefen, angenehmen Stimme, die tief aus einem Brunnenschacht zu kommen schien. In seiner ärztlich-beflissenen Art wirkte bei ihm alles wie Routine – obwohl er von dem, was er bei der Untersuchung sah, ernsthaft alarmiert war.
Mein Hoden war auf das Dreifache der normalen Größe geschwollen, hart und äußerst berührungsempfindlich. Dr. Reeves machte ein paar Notizen und Messungen. »Das sieht mir etwas verdächtig aus«, meinte er. »Zur Sicherheit schicke ich Sie rüber zur Ultraschalluntersuchung, das ist gleich gegenüber.«
Ich zog mich wieder an und ging zu meinem Auto. Das Institut lag auf der anderen Seite einer breiten Straße in einem anderen klinikartigen braunen Klinkerbau. Ich beschloß, mit dem Auto hinüberzufahren. Das Gebäude war ein kleiner Bienenstock aus lauter Büros und Räumen, die mit komplizierten medizinischen Geräten vollgestopft waren. Wieder legte ich mich auf einen Untersuchungstisch.
Eine MTA, eine medizinisch-technische Assistentin, kam herein und untersuchte mich mit dem stabförmigen Instrument des Ultraschallgeräts, das ein Bild in einen Monitor einspeist. Ich hatte geglaubt, ich wäre in ein paar Minuten wieder draußen. Nur eine Routineuntersuchung zur Beruhigung des Arztes.
Eine Stunde später lag ich immer noch auf dem Tisch.
Die MTA wollte offenbar jeden Millimeter von mir untersuchen. Ich lag stumm da und bemühte mich, gelassen zu bleiben. Warum dauerte das so lange? Hatte sie was gefunden?
Dann legte sie den Stab weg und ging, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Zimmer. »Moment mal«, rief ich. »Hey!«
»Verdammt, ich denke, das war nur eine Formsache«, dachte ich. Nach einiger Zeit kam die MTA mit einem Mann zurück, den ich dort schon vorher gesehen hatte. Es war der Chefradiologe. Er nahm den Stab und fing nun seinerseits an, meine Geschlechtsteile zu untersuchen. Eine weitere Viertelstunde verging. »Warum dauert das so lange?«
»Gut, Sie können sich jetzt anziehen und wieder rauskommen«, sagte er.
Ich streifte hastig meine Sachen über und ging zu ihm raus auf den Flur.
»Wir müssen noch Ihren Oberkörper röntgen«, meinte er.
Ich blieb wie angewurzelt stehen. »Wieso denn das?« wollte ich wissen.
»Dr. Reeves hat darum gebeten«, war die Antwort.
Wozu wollen die sich meine Brust ansehen? Da tat mir doch nichts weh. Wieder ging es in ein Untersuchungszimmer, und ich zog mich aus. Eine andere medizinisch-technische Assistentin besorgte das Röntgen.
Ich wurde langsam wütend und wußte noch nicht mal, warum. Wieder zog ich mich an und stelzte zum Institutsbüro. Am Ende des Flurs sah ich den Chefradiologen stehen.
»Hey«, rief ich und knöpfte ihn mir vor.
»Was passiert hier eigentlich?« fragte ich. Mein Ton war gereizt. »Das ist doch nicht normal!«
»Nun ja, ich möchte Dr. Reeves nicht vorgreifen«, sagte er, »aber er scheint bei Ihnen möglicherweise einen krebsbezogenen Befund abklären zu wollen.«
Ich stand wie angewurzelt da.
»Ach, du Scheiße«, sagte ich.
»Sie müssen die Röntgenaufnahmen gleich zu Dr. Reeves mitnehmen. Er wartet auf Sie in seiner Praxis«, sagte der Arzt.
In meiner Magengrube spürte ich einen kleinen Eisblock, der langsam größer wurde. Ich nahm mein Handy und wählte die Nummer von Rick.
»Rick, hier stimmt was nicht, aber keiner will damit rausrücken«, sagte ich.
»Lance, ich kann nicht viel dazu sagen«, antwortete er, »aber ich möchte dabeisein, wenn du gleich zu Dr. Reeves gehst. Warte da auf mich.«
»Okay«, sagte ich. Während die Aufnahmen entwickelt wurden, wartete ich im Röntgeninstitut. Endlich kam der Radiologe, gab mir einen großen braunen Umschlag und sagte, Dr. Reeves würde mich in seiner Praxis erwarten. Ich starrte den Umschlag an. Ich begriff: Das da drin ist meine Brust.
»Es sieht nicht gut aus«, dachte ich und stieg in mein Auto. Ich schaute auf den braunen Umschlag mit den Röntgenaufnahmen von meiner Brust. Bis zur Praxis von Dr. Reeves waren es nur knapp 200 Meter, aber es kam mir weiter vor. Wie zwei Kilometer. Oder zwanzig.
Ich fuhr die kurze Strecke und parkte den Wagen. Die normalen Öffnungszeiten waren längst vorbei. »Wenn Dr. Reeves auf mich gewartet hat, diese ganze lange Zeit, dann muß es dafür einen guten Grund geben«, dachte ich. »Das kann nur heißen, gleich kommt der dicke Hammer.«
Als ich zur Praxis von Dr. Reeves ging, merkte ich, daß das Gebäude leer war. Alle waren schon gegangen. Draußen war es inzwischen dunkel geworden.
Rick kam, er sah ziemlich ernst aus. Ich hockte mich auf einen Stuhl, Dr. Reeves machte den Umschlag auf und zog die Röntgenaufnahmen von meiner Brust heraus. Eine Röntgenaufnahme sieht aus wie das Negativ zu einem normalen Schwarzweiß-Foto. Alles, was nicht normal ist, zeichnet sich in weißen Abstufungen darauf ab. Ein schwarzes Bild ist in Wirklichkeit gut, weil es bedeutet, daß die Organe sauber sind. Schwarz ist gut. Weiß ist schlecht.
Dr. Reeves klemmte die Aufnahmen in den Leuchtrahmen an der Wand.
In meiner Brust sah es aus wie bei einem Schneesturm.
»Also, die Lage ist ernst«, erklärte Dr. Reeves. »Sieht aus wie Hodenkrebs mit ausgedehnten Metastasen in der Lunge.«
»Ich habe Krebs«, durchfuhr es mich.
Ich fragte: »Sind Sie sicher?«
»Ziemlich sicher«, antwortete er.
»Ich bin erst 25. Warum sollte ausgerechnet ich Krebs haben?« dachte ich.
»Sollte ich nicht noch eine zweite Meinung einholen?« schlug ich vor.
»Natürlich«, sagte Dr. Reeves. »Dazu haben Sie jedes Recht. Aber Sie sollten wissen, daß ich mir meiner Diagnose sicher bin. Ich habe Sie für morgen früh um sieben zur Operation angemeldet, um den Hoden zu entfernen.«
»Ich habe Krebs, und er steckt schon in meiner Lunge«, schoß es mir durch den Kopf.
Dr. Reeves erläuterte seine Diagnose: Hodenkrebs sei eine seltene Erkrankung. In den Vereinigten Staaten träten jährlich nur etwa 7000 Fälle auf. Meistens wären junge Männer im Alter zwischen 18 und 25 Jahren betroffen. Dank der Fortschritte auf dem Gebiet der Chemotherapie gelte er als eine sehr gut therapierbare Krebsform, aber der entscheidende Faktor wäre ein frühes Eingreifen. Niemand könne wissen, wie schnell er voranschreite. Dr. Reeves war sicher, daß ich Krebs hatte. Die Frage war, wie weit er sich schon ausgebreitet hatte. Er empfahl mir, zu Dr. Dudley Youman zu gehen, einem renommierten Onkologen aus der Stadt, der auch Lady Bird Johnson behandelt hatte. Rasches Handeln sei angesagt, jeder Tag zähle. Damit beendete Dr. Reeves seine Ausführungen.
Ich sagte gar nichts.
»Ich laß Sie beide mal für ein paar Minuten allein«, sagte Dr. Reeves.
Als ich mit Rick allein war, sank mir der Kopf auf den Schreibtisch.
»Ich kann es einfach nicht glauben«, sagte ich.
Aber ich mußte zugeben, ich war krank. Die Kopfschmerzen, das Blutspucken, der gereizte Hals, auf die Couch fallen und endlos schlafen – ich fühlte mich krank, und das schon seit einiger Zeit.
»Lance, hör gut zu, bei der Behandlung von Krebs sind enorme Fortschritte gemacht worden«, sagte Rick. »Krebs ist heilbar. Wir werden alle Hebel in Bewegung setzen. Wir schaffen das.«
»Okay«, sagte ich. »Okay.«
Rick rief Dr. Reeves wieder herein. »Was soll ich tun?« fragte ich. »Los geht´s. Wir machen den Krebs fertig. Egal, was zu tun ist, wir machen das!«
Ich wollte sofort geheilt werden. Auf der Stelle. Ich hätte mich noch in dieser Nacht operieren lassen. Ich hätte mich selbst ins Krankenhaus eingeliefert und eigenhändig die Strahlenkanone eingeschaltet, wenn es was geholfen hätte. Aber Dr. Reeves erklärte mir geduldig das weitere Vorgehen, das mir am nächsten Morgen bevorstand: In der Früh mußte ich im Krankenhaus antreten zu einer ganzen Latte von Tests und Blutuntersuchungen, damit der Onkologe abschätzen konnte, wie weit der Krebs war, und dann würde der Hoden operativ entfernt.
Ich stand auf und ging. Ich hatte jede Menge Anrufe zu erledigen, einen davon bei meiner Mutter. Ich mußte ihr irgendwie beibringen, daß ihr Sohn – ihr einziges Kind – Krebs hatte.
Ich stieg in mein Auto und machte mich auf den kurvigen, baumbestandenen Straßen auf den Heimweg zu meinem Haus hoch über dem See. Zum erstenmal in meinem Leben fuhr ich langsam. Ich stand unter Schock. Ich dachte: »Oh Mann, ich werde nie wieder Rennen fahren können« – nicht etwa: »Oh Mann, ich werde sterben«, oder: »Oh Mann, ich werde nie eine Familie haben.« Irgendwo tief in mir ging alles durcheinander. Aber der erste Gedanke war: »Oh Mann, ich werde nie wieder Rennen fahren können.« Ich griff zum Autotelefon und wählte die Nummer von Bill Stapleton.
»Bill, es gibt böse Neuigkeiten«, sagte ich.
»Was ist los?« fragte er geistesabwesend.
»Ich bin krank«, sagte ich. »Mit meiner Karriere ist´s aus.«
»Was?« rief er.
»Es ist alles vorbei«, sagte ich. »Ich bin krank, ich werde nie wieder Rennen fahren können, und ich werde alles verlieren.«
Ich legte auf.
Im ersten Gang schlich ich durch die Straßen. Ich konnte einfach kein Gas geben. Ich holperte dahin und bekam Zweifel an allem. Als ein Fünfundzwanzigjähriger, den nichts umwerfen konnte, hatte ich mein Haus verlassen. Nicht kaputt zu machen. Der Krebs würde alles über den Haufen werfen. Er würde nicht nur meine Karriere beenden, er würde überhaupt alles, worauf mein Selbstwertgefühl beruhte, zerstören. Ich hatte mit nichts angefangen. Meine Mutter war eine Sekretärin in Plano in Texas. Aber auf meinem Rennrad war ich jemand geworden. Wenn andere Jungen nach der Schule im Country Club im Pool herumplanschten, saß ich Kilometer um Kilometer auf dem Rad, denn das war meine Cha