Bei Schwäche kaufen
Die Liquidität entscheidet
Von Daniel A. Bernecker
Die Erholung der Märkte läuft gesitteter ab, als die Hysterie der Presse vermuten läßt. Dabei werden sich die Märkte in dem Umfang erholen, wie die seit März 2000 abgeflossene Liquidität wieder in die Aktienmärkte zurückfließt. Derzeit liegt die Liquidität auf einem 20jährigen Höchststand, wie sie an der untenstehenden Grafik erkennen können. So, wie sie seit März stieg, vollzogen die Märkte gemessen am weltweiten Aktien-Index den größten Rückgang der letzten 20 Jahre. Es fällt auf, daß der Terroranschlag hier kaum mehr als einen letzten Ausverkauf darstellt. Die entstandene Schere zwischen Liquidität und Aktienperformance wird sich nun schließen. Folglich:
Die Liquidität bestimmt die Tendenz, Afghanistan die zwischenzeitliche Volatilität. Mit jeder Meldung über Milzbrand oder Bombendrohung zucken die Märkte vielleicht zusammen, aber tendenzentscheidend ist dies nicht mehr. Ähnlich nimmt auch der echte Effekt für die Börsenbewertung der Unternehmen ab. Das gilt sowohl für die USA als auch für Europa. Wie ist das zu verstehen?
Das Geschäftsjahr 2001 ist für die meisten abgehakt. Wer jetzt noch warnt, kann immer auf die Terroranschläge verweisen und diese als Alibi melden. Darauf hat sich der Markt schon eingestellt. Es geht sogar so weit, daß Analysten in New York sagen, daß es für Unternehmen sogar logisch ist, möglichst viel jetzt abzuschreiben, um eine Bereinigung der Bilanz zu erreichen. Je niedriger das Ergebnis in diesem Jahr ausfällt, desto größer fällt der Gewinnsprung im kommenden Jahr aus, wenn die Einmaleffekte wegfallen. Daraus entsteht dann die neue Gewinndynamik, die an der Börse zu neuen Bewertungen führt. Das ist ganz clever gedacht und wird insbesondere für die Technologie-Unternehmen, die zum Teil noch hohe Goodwill-Abschreibungen vornehmen müssen, ein entscheidendes Thema sein.
Zinssenkungen werden Wirkung zeigen
Die Börsen orientieren sich also nicht mehr an den heutigen Zahlen, sondern an der Perspektive des ersten Halbjahres 2002. Die seit Anfang des Jahres vollzogenen Zinsschritte in den USA in der Größenordnung von 300 Basispunkten gewinnen erst jetzt beziehungsweise in den kommenden Monaten an Wirkung. Ohne den Terroranschlag wäre die Verbesserung der Konjunkturdaten bereits jetzt stärker ausgefallen. Durch den Terroranschlag mag es eine zwei- bis dreimonatige Bremswirkung geben, mehr aber nicht.
Anders als in Deutschland darf man nämlich nicht unterschätzen, wie stark die US-Unternehmen in den neun Monaten vor dem Terroranschlag auf die schwächer werdende Konjunktur reagierten. Die sinkende Kapazitätsauslastung der US-Wirtschaft, die mit 73 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit 1983 liegt, ist nichts anderes als der Beweis für die Vollbremsung in der Produktion, um auf die sinkende Nachfrage zu reagieren. Sie ist quasi von den Unternehmen gewollt. Wer nämlich die Produktion herunterfährt, baut gleichzeitig die Lagerbestände ab. Ebenfalls ein Phänomen, das in den letzten Monaten mehrfach kommentiert wurde. Die US-Unternehmen vollzogen also innerhalb von Monaten eine Anpassung ihrer Produktion, die bei "herkömmlichen" Rezessionen oft ein bis zwei Jahre dauert.
Good Trades !