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BANKEN: Von nun an - Jeder für sich


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BANKEN: Von nun an - Jeder für sich

 
27.03.02 05:54
Streit in der Deutschland-AG - Der Baukonzern Holzmann ist bankrott, die Deutsche Bank blamiert. Großpleiten wird es jetzt öfter geben

Das Fax verließ die Deutsche Bank gegen ein Uhr mittags. Die Empfänger: alle Gläubigerbanken des Baukonzerns Holzmann. Der Inhalt: ein letztes Angebot zur Rettung des angeschlagenen Unternehmens - und ein Ultimatum. "Zum jetzigen Zeitpunkt liegen uns weiterhin Absagen ... von der Commerzbank und der Dresdner Bank vor", schrieben die Verhandlungsführer der Deutschen Bank, Jürgen Bilstein und Tilman Wittershagen. "Um die beiden vorgenannten Institute letztmalig zum Einlenken zu bewegen", habe der Vorstand der Deutschen aber beschlossen, weitere 50 Millionen Euro zu geben, "falls die noch ausstehenden Banken vorher ihre Zustimmung erteilt haben sollten". Bilstein und Wittershagen machen Druck. Sie fordern "die Commerzbank und Dresdner Bank nochmals nachdrücklich auf, ... Ihre Zustimmung ... bis heute 17 Uhr zu erteilen". Mit der HypoVereinsbank werde man sich "bilateral versuchen zu verständigen".

Es ist Mittwoch, der 20. März. Seit Wochen verhandeln die Banker, wie man Holzmann noch retten kann. Ob man Holzmann noch retten kann. Und wer dazu welchen Beitrag leisten muss. Inzwischen wissen alle Geldgeber, dass der Baukonzern im vergangenen Jahr fast 240 Millionen Euro Verlust eingefahren hat, sein Eigenkapital damit aufgezehrt ist. Noch immer aber scheint Rettung möglich. Per Fax appelliert die Bayerische Landesbank "nach Rücksprache mit den meisten Banken des Sparkassensektors": Dresdner und Commerzbank mögen "unter Würdigung der jetzigen Gegebenheiten Ihre Zustimmung ... erteilen". Doch diese bleibt aus. Commerzbank-Vorstand Wolfgang Hartmann schickt seine Absage direkt an Jürgen Fitschen im Vorstand der Deutschen Bank. Das Management von Holzmann habe "die Entwicklung nicht mehr im Griff", ein "tragfähiges Fortführungskonzept zur Rettung des Baukonzerns" liege "auch in Grundzügen" nicht vor. Außerdem ist Hartmann sauer: Er verbittet sich das Ultimatum der Deutschbanker.

Fast zeitgleich beschwert sich die HypoVereinsbank bei der Deutschen: Auch in München lehne man, anders als im Fax aus Frankfurt suggeriert, das Rettungskonzept weiter ab.

Am darauf folgenden Donnerstag - es ist neun Minuten nach 17 Uhr - meldet Holzmann endgültig Insolvenz an.

Seitdem sucht die Republik nach den Schuldigen. Die Banken hätten Holzmann der Taktik halber zugrunde gehen lassen, nicht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit, schimpfen Gewerkschafter. Allein im Inland fürchten 10 000 Holzmänner um ihren Job. Der Kanzler, der den maroden Baukonzern 1999 noch spektakulär rettete, ist blamiert. Diesmal kommt er nicht. Auch vom einst so euphorischen Sanierer - "Konrad Ich-habe-immer-gesagt-dass-Holzmann-in-die-Gewinnzone-zurückkehre­n-kann Hinrichs" nennt ihn die FAZ - ist nichts mehr zu hören. Es ist Ottmar Hermann, der Frankfurter Insolvenzverwalter, der tapfer davon spricht, "im Interesse der Belegschaft" nun "alle Mittel" auszuschöpfen.

Was er nicht sagt: Die Zeiten der großen Solidarität zwischen Banken, Unternehmen und der Politik sind unwiederbringlich vorbei. "Die Bereitschaft der Banken, sich zu verständigen und auch mal fünfe gerade sein zu lassen, ist rapide gesunken", meint der Vorstandschef einer Holzmann-Gläubigerbank. Während die Zahl der Pleiten unter den kleineren und mittleren Betrieben seit Jahren steigt, galt für die ganz Großen der deutschen Wirtschaft bisher die Regel, dass Insolvenzen abgewehrt würden - egal wie hoch der Preis. Das ist Vergangenheit. Große Pleiten à la Holzmann dürfte es künftig öfter geben.

Schon länger ist die Stimmung unter Deutschlands Topbankern vergiftet. Frei nach dem Motto: "Schlägst du meinen Kirch, schlag ich deinen Holzmann" streiten die Manager des heimischen Geldgewerbes - ausgelöst durch zwei merkwürdige Auftritte des Deutsche-Bank-Chefs. Zuerst plauderte Rolf-Ernst Breuer über die mangelnde Kreditwürdigkeit des Medienreichs von Leo Kirch, live auf Bloomberg TV. Ein Affront im verschwiegenen Hochadel des Geldes und ein Angriff auf die anderen Kreditgeber: allen voran die Commerzbank, Bayerische Landesbank und HypoVereinsbank. Immerhin tendiert Breuers Risiko bei einer Kirch-Pleite gegen Null, da die Kredite der Deutschen im Gegensatz zu denen der Konkurrenz abgesichert sind.

"Das Klima wird rauer"

Am 13. März ließ Breuer verlauten, eine Lösung bei Holzmann stehe "kurz bevor" - dabei war ihm die ablehnende Haltung der anderen Banken bekannt. Der Aktienkurs des Bauriesen schoss nach oben, und Breuer musste sich fragen lassen, was ihn wohl mehr zu dieser Aussage bewegt habe: die große Kreditlinie der Deutschen Bank bei Holzmann, rund 320 Millionen Euro? Oder die Nähe zum Kanzler in Berlin, der aus politischen Gründen eine Holzmann-Pleite vermeiden wollte? Dass Schröder und Breuer miteinander können, ist bekannt: "Wenn die sich treffen, dann funktioniert es auch", heißt es im Kanzleramt. Breuer sei ein "Machertyp", das käme Schröder entgegen.

"Das Klima wird rauer", beschreibt der Vorstandschef einer Holzmann-Gläubigerbank das Verhältnis der Geldhäuser zueinander. In kaum einem anderen Land sind die Gewinnmargen geringer als in Deutschland, ist die Risikovorsorge für faule Kredite höher. Selbst Bundesbankpräsident Ernst Welteke sorgt sich öffentlich: "Die sinkende Ertragskraft der Kreditinstitute ist ein deutliches Warnsignal." Also sind die heimischen Geldhäuser immer weniger bereit, Risiken zu übernehmen. "Die Banken selbst haben so gravierende Probleme, dass der Spielraum für die Kreditvergabe immer geringer wird", sagt ein Topmanager. Weil sich in der Krise jeder selbst der Nächste ist, misstrauen sich die Banken auf einmal. "Die Deutsche Bank hat ein Konzept gestrickt, bei dem ganz klar die eigenen Interessen im Vordergrund standen", heißt es bei einem Gläubiger von Holzmann.

Doch was bedeutet überhaupt Rettungskonzept? Bereits im November vergangenen Jahres wurde hinter den Kulissen der Komplettverkauf von Holzmann an einen Konkurrenten vorbereitet. Wenig später war die Holzmann-Führung auch bereit, einzelne attraktive Teile des Konzerns zu Geld zu machen. Und spätestens seit dem 27. Februar ging es nicht mehr darum, den alten Baukonzern zu erhalten. Der Holzmann-Vorstand selbst, faxte die Commerzbank am 20. März, sehe die Zukunft "in diversen weiteren Niederlassungs- und Werksschließungen mit der Perspektive eines ... inländischen, mittelständisch geprägten Bauunternehmens mit noch insgesamt 3700 Mitarbeitern". Die Banken stritten am Ende schlicht über den Weg der Zerschlagung: Insolvenz oder stille Liquidation.

Dass Holzmann endgültig in die Pleite rutschen könnte, hatten Insider schon länger befürchtet - trotz der spektakulären Hilfsaktion des Kanzlers 1999. Denn die Bedingungen für den Baukonzern waren auch danach alles andere als komfortabel, die Ausstattung mit Eigenkapital blieb knapp. Im November 1999 gingen Management und Banken noch von einem Verlust von 2,4 Milliarden Mark aus. "Holzmann ist jetzt durchgeputzt, die Untiefen sind ausgelotet, der Unrat gefunden", tönte der damalige Aufsichtsratschef und Deutsche-Bank-Vorstand Carl von Boehm-Bezing. Doch dem war nicht so. Tatsächlich lag der Verlust 300 Millionen Mark höher, damit war gleich zu Beginn ein Teil des auf 800 Millionen Mark aufgefrischten Eigenkapitals weg.

Auch die vereinbarte Übernahme von Immobilien durch die Banken - erwarteter Gewinn für Holzmann: rund 100 Millionen Mark - kam nie zustande. Das Geschäft scheiterte an Bewertungsfragen. Weil sich die Holzmann-Manager von den Banken über den Tisch gezogen fühlten, beschlossen sie, die Immobilien selbst zu verwerten. Mit mäßigem Erfolg: Bis heute addieren sich die Verluste aus den Altlasten auf rund 200 Millionen Mark, zuzüglich des entgangenen Gewinns fehlen weitere 300 Millionen Mark. Und Holzmann-Sanierer Hinrichs hatte kein Ohr für die Unternehmensberater von Roland Berger, die 1999 auf Druck der Banken an die Seite des Vorstandes gesetzt worden waren. Selbst die Warnung der Berger-Berater vom Mai 2001, dem Konzern drohten Verluste von bis zu 150 Millionen Euro, verhallte ungehört.

Am 17. Januar 2001 verabschiedet sich Hinrichs in den Holzmann-Aufsichtsrat. Dann kommt es knüppeldick. Am 22. Februar räumt Holzmann-Finanzvorstand Johannes Ohlinger einen Verlust von 185 bis 200 Millionen Euro für das Jahr 2001 ein. Damit ist das Eigenkapital aufgezehrt, die Überschuldung droht. Am 8. März ist klar, dass der Verlust fast 240 Millionen Euro beträgt. Die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young verschieben den Jahresabschluss auf Mitte April, sie misstrauen dem Zahlenwerk des Managements. Die Banken blockieren ihre Kredite, Holzmann geht das Geld aus. Gläubiger und Schuldner treffen sich zu einer dramatischen Sitzung im Kempinski-Hotel in Gravenbruch bei Frankfurt. Sanierer Hinrichs, erinnert sich ein Banker, sagt dabei kein einziges Wort.

Seit Ende Februar diskutierten die Banken nur noch über das Rettungspaket, das Holzmann-Finanzvorstand Ohlinger und der Berger-Berater Karl Kraus in der Not entwickelt hatten. Dessen Eckpunkte: Verzicht der Banken auf Kreditforderungen von 114 Millionen Euro und gleichzeitiger Erwerb einer Option auf die lukrative Holzmann-Tochter HSG für 86 Millionen Euro. Dazu der "Plan Gazelle": Die Banken sollten alle Immobilien aus Holzmanns sale and lease back-Geschäften übernehmen, samt der dazugehörigen Schulden. Das hätte den Baukonzern von seinen Altlasten befreit, die mit rund 600 Millionen Euro in der Bilanz standen. Nur so, lautet der Plan, sei der Konzern für einen Käufer attraktiv.

Wenige Tage später spricht Berater Kraus von der "stillen Liquidation" des Konzerns: Holzmann soll die lukrativen Töchter in den USA verkaufen, unrentable Teile schließen, weitere 2700 Arbeiter im Inland entlassen.

Zum Schluss hängt alles am Plan Gazelle. Lohnt sich die Übernahme der Immobilienrisiken? Die Deutsche Bank versucht Zeit zu gewinnen: Bis 21. März soll der HSG-Deal unter Dach und Fach gebracht und die Kreditlinien wieder geöffnet werden, damit die Finanzierung bis April steht. Mitte April, wenn der endgültige Verlust feststeht, soll dann die Immobilienübernahme unterschriftsreif sein. Doch während die Deutsche und weitere 13 Konsortialbanken darauf spekulieren, über die geordnete Abwicklung am Ende besser wegzukommen, lehnen Commerzbank, Dresdner und HypoVereinsbank ab.

Die Insolvenz komme alle Gläubiger erheblich teurer zu stehen als die stille Liquidation, schimpft ein hochrangiger Manager der Deutschen Bank - 1,3 Milliarden Euro statt 250 Millionen. Nun werden Bürgschaften fällig, die die Banken Baukunden zur Absicherung eingeräumt haben. Die Konkurrenz bezweifelt diese Rechnung: "Ex ante ist nicht klar, welche Option die bessere ist", sagt ein Verhandlungsführer der Dresdner Bank. Womöglich, hofft die Bank, werden weniger Bürgschaften fällig, weil einzelne Bauvorhaben weit fortgeschritten sind und der Insolvenzverwalter die Baustellen offen hält. Die Pleite sei daher die sicherere Alternative. "Der Insolvenzverwalter muss jede Verlustquelle konsequent trockenlegen. Das hat das Management in der Vergangenheit nicht getan."

Abgesehen von den Bürgschaftsrisiken haben die meisten Banken ihr Engagement bei Holzmann fast komplett abgeschrieben. Wolfgang Sprißler etwa, Finanzvorstand der HypoVereinsbank, ließ bei einer Analystenkonferenz durchblicken, die Holzmann-Insolvenz werde so gut wie keine Auswirkungen auf den Gewinn seiner Bank haben. Dennoch laufen in diesen Tagen bereits weitere Gespräche: Insolvenzverwalter Hermann braucht Geld, um die laufenden Projekte abzuwickeln. Er verhandelt mit allen Großbanken über einen Kredit von 120 Millionen Euro, der vorrangig zurückgezahlt werden soll.

Wie das auch ausgeht: Der Fall Holzmann hat das Image der Deutschen Bank beschädigt. Es war ihr Rettungsplan aus dem Jahr 1999, den sie gegen den Widerstand von HypoVereinsbank und Commerzbank nur mithilfe des Kanzlers durchsetzen konnte. Es war ihr Plan, der scheiterte.

Aber in München gibt es noch einen Problemfall: Kirch. Ein Bankenkonsortium unter Führung von HypoVereinsbank-Chef Albrecht Schmidt führt die Verhandlungen. Die Deutsche Bank bleibt dabei außen vor. Es ist das erste Mal, dass der Kampf gegen eine Großpleite ohne den Branchenprimus in die entscheidende Phase tritt.
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