Auslaufmodell Online-Broker
Von Günter Heismann, Frankfurt
Die deutschen Online-Broker schreiben dieses Jahr voraussichtlich blutrote
Zahlen. Die Unternehmen leiden nicht nur unter der Börsen-Baisse.
Auf Grund der anhaltenden Krise könnten selbst die Marktführer Comdirekt, Consors und
Direkt Anlage Bank (DAB) auf Dauer ihre Selbstständigkeit verlieren. Zu diesem
Ergebnis kommen Analysten der Frankfurter BHF-Bank in einer aktuellen Studie. Das
Umfeld sieht für die Discount Broker unverändert schlecht aus. Der Neue Markt, an dem
ihre Kunden zumeist handeln, ist im zweiten Quartal abermals kräftig eingebrochen.
Die Aktienexperten der BHF schätzen, dass die Quickborner Comdirekt dieses Jahr einen
Verlust vor Steuern von 73,1 Mio. Euro machen wird. Das entspricht rund 40 Prozent der
operativen Erträge von 185,2 Mio. Euro. Bei der Nürnberger Consors beträgt das Minus
voraussichtlich 77,7 Mio. Euro oder ein Drittel des Umsatzes. Für die Münchner DAB
errechneten die Wertpapierexperten einen Fehlbetrag von 90,4 Mio. Euro vor Steuern;
das wären mehr als die Hälfte der erwarteten Erträge von 176,4 Mio. Euro.
Auch für 2002 sehen die Analysten bei allen drei Direct Brokern keine Gewinne voraus.
Die horrenden Verluste haben ihre Logik. Zwar können alle Unternehmen fortlaufend
neue Kunden gewinnen. Doch die haben wohl weithin das Interesse an der Börse
verloren. Bei der DAB sinkt die Zahl der Transaktionen pro Kunde dieses Jahr gegenüber
2000 voraussichtlich um rund 38 Prozent, bei Consors um 53 Prozent und bei Comdirekt
um 56 Prozent. In etwa dem gleichen Maße versiegen die Provisionseinnahmen pro
Kunde.
Konkurrenz der Etablierten
Mit scharfer Kostenkontrolle und Personalabbau versuchen die Online-Broker
gegenzusteuern. Comdirekt streicht dieses Jahr rund 100 Stellen. Consors lässt 140
befristete Arbeitsverträge auslaufen. DAB bietet den Mitarbeitern an, ihren
Arbeitsvertrag vorzeitig aufzulösen.
Die Probleme gehen allerdings tiefer als die derzeitige Börsen-Baisse. Die Online-Broker
haben ihren Stamm-Markt, die transaktionsfreudigen Heavy Trader, weitgehend
ausgeschöpft. Gleichzeitig eröffnen immer mehr Banken und Sparkassen
Internetportale. Angesichts der wachsenden Konkurrenz buhlen die Discount Broker
zunehmend um Kunden ohne Erfahrung mit Aktien oder dem Internet. Damit aber
geraten sie in Konkurrenz zu ihren Eigentümern, den klassischen Banken.
Ein Ausweg könnte sein, dass die Banken ihre Internettöchter eng an die Zügel nehmen
und in eine Multikanalstrategie einbinden. Dabei kümmern sich die Online-Broker vor
allem um Kunden, die nur das Webangebot nutzen. Klienten mit intensivem
Beratungsbedarf verweisen sie an die Muttergesellschaften mit ihren weitgespannten
Filialnetzen. So könnte die HypoVereinsbank mit ihrer Tochter DAB verfahren und die
Commerzbank mit der Comdirekt.
Etwas anders sieht die Situation bei Consors aus. Deren Mehrheitseigner, die
Schmidt-Bank aus Hof, ist ein regionales Institut, sodass es nur begrenzt Konkurrenz
zwischen Tochter und Mutter gibt. Die recht kleine Privatbank wird aber nicht endlos
zuschauen, wie ihre Internettochter Verlust macht. Trotz aller Dementis sind sich die
BHF-Analysten sicher, dass die Schmidt-Bank ihre Anteile an Consors - eventuell
schrittweise - verkaufen wird. Ein Interessent sei der weltgrößte Discount Broker Charles
Schwab.
© 2001 Financial Times Deutschland
Von Günter Heismann, Frankfurt
Die deutschen Online-Broker schreiben dieses Jahr voraussichtlich blutrote
Zahlen. Die Unternehmen leiden nicht nur unter der Börsen-Baisse.
Auf Grund der anhaltenden Krise könnten selbst die Marktführer Comdirekt, Consors und
Direkt Anlage Bank (DAB) auf Dauer ihre Selbstständigkeit verlieren. Zu diesem
Ergebnis kommen Analysten der Frankfurter BHF-Bank in einer aktuellen Studie. Das
Umfeld sieht für die Discount Broker unverändert schlecht aus. Der Neue Markt, an dem
ihre Kunden zumeist handeln, ist im zweiten Quartal abermals kräftig eingebrochen.
Die Aktienexperten der BHF schätzen, dass die Quickborner Comdirekt dieses Jahr einen
Verlust vor Steuern von 73,1 Mio. Euro machen wird. Das entspricht rund 40 Prozent der
operativen Erträge von 185,2 Mio. Euro. Bei der Nürnberger Consors beträgt das Minus
voraussichtlich 77,7 Mio. Euro oder ein Drittel des Umsatzes. Für die Münchner DAB
errechneten die Wertpapierexperten einen Fehlbetrag von 90,4 Mio. Euro vor Steuern;
das wären mehr als die Hälfte der erwarteten Erträge von 176,4 Mio. Euro.
Auch für 2002 sehen die Analysten bei allen drei Direct Brokern keine Gewinne voraus.
Die horrenden Verluste haben ihre Logik. Zwar können alle Unternehmen fortlaufend
neue Kunden gewinnen. Doch die haben wohl weithin das Interesse an der Börse
verloren. Bei der DAB sinkt die Zahl der Transaktionen pro Kunde dieses Jahr gegenüber
2000 voraussichtlich um rund 38 Prozent, bei Consors um 53 Prozent und bei Comdirekt
um 56 Prozent. In etwa dem gleichen Maße versiegen die Provisionseinnahmen pro
Kunde.
Konkurrenz der Etablierten
Mit scharfer Kostenkontrolle und Personalabbau versuchen die Online-Broker
gegenzusteuern. Comdirekt streicht dieses Jahr rund 100 Stellen. Consors lässt 140
befristete Arbeitsverträge auslaufen. DAB bietet den Mitarbeitern an, ihren
Arbeitsvertrag vorzeitig aufzulösen.
Die Probleme gehen allerdings tiefer als die derzeitige Börsen-Baisse. Die Online-Broker
haben ihren Stamm-Markt, die transaktionsfreudigen Heavy Trader, weitgehend
ausgeschöpft. Gleichzeitig eröffnen immer mehr Banken und Sparkassen
Internetportale. Angesichts der wachsenden Konkurrenz buhlen die Discount Broker
zunehmend um Kunden ohne Erfahrung mit Aktien oder dem Internet. Damit aber
geraten sie in Konkurrenz zu ihren Eigentümern, den klassischen Banken.
Ein Ausweg könnte sein, dass die Banken ihre Internettöchter eng an die Zügel nehmen
und in eine Multikanalstrategie einbinden. Dabei kümmern sich die Online-Broker vor
allem um Kunden, die nur das Webangebot nutzen. Klienten mit intensivem
Beratungsbedarf verweisen sie an die Muttergesellschaften mit ihren weitgespannten
Filialnetzen. So könnte die HypoVereinsbank mit ihrer Tochter DAB verfahren und die
Commerzbank mit der Comdirekt.
Etwas anders sieht die Situation bei Consors aus. Deren Mehrheitseigner, die
Schmidt-Bank aus Hof, ist ein regionales Institut, sodass es nur begrenzt Konkurrenz
zwischen Tochter und Mutter gibt. Die recht kleine Privatbank wird aber nicht endlos
zuschauen, wie ihre Internettochter Verlust macht. Trotz aller Dementis sind sich die
BHF-Analysten sicher, dass die Schmidt-Bank ihre Anteile an Consors - eventuell
schrittweise - verkaufen wird. Ein Interessent sei der weltgrößte Discount Broker Charles
Schwab.
© 2001 Financial Times Deutschland