Finanzwelt starrt gebannt auf die heutige Sitzung der Fed - Börsen am Scheideweg
von Daniel Eckert und Holger Zschäpitz
Berlin - Selten in der Wirtschaftsgeschichte hing so viel an einer Formulierung wie heute. Zwei Worte machen den Unterschied und könnten zig Milliarden an den Weltmärkten bewegen. Es geht um die Phrase "measured pace". So haben die amerikanischen Geldhüter seit der ersten Zinsanhebung vergangenes Jahr die geldpolitische Wende damit versüßt, daß sie bei ihrer Straffung in gemächlichen Schritten ("measured pace") vorgehen werden. Nun könnte es sein, daß auf der heutigen Sitzung der Fed nicht nur die allseits erwartete Anhebung um 25 Basispunkte auf dann 2,75 Prozent beschlossen, sondern in den erklärenden Ausführungen gleichzeitig die Wendung von der gemächlichen Vorgehensweise gestrichen wird.
Bereits gestern gerieten die Märkte in helle Aufregung ob der Notenbanksitzung. Der Dax rutschte unter 4300 Punkte und liegt damit seit Jahresanfang gerade einmal noch 0,9 Prozent vorn. Die Nervosität steigt, denn bisher konnten die Marktteilnehmer guten Gewissens davon ausgehen, daß die Fed das Zinsniveau auf ein neutrales Niveau anheben würde. Nach traditioneller Auffassung liegt dieses bei rund vier bis fünf Prozent. In dieser Höhe bremst er die Wirtschaftsaktivität nicht, aber liefert auch keinen Stimulus.
"Ich habe noch nie eine Notenbank gesehen, die so sanft eine Leitzinswende gemanagt hat", sagt Hans-Jörg Naumer, Stratege beim Dit. Greenspan habe viel Rücksicht auf die Märkte genommen. "Deshalb werden sich die Auswirkungen höherer Zinsen in Grenzen halten."
Doch genau hier liegt das Problem. Die Märkte vereinnahmen "Alan" fast schon als Verbündeten, der den Anlegern nicht zu viel zumutet und im Zweifelsfall lieber die Zinsen langsam anhebt, um keine Turbulenzen zu provozieren. Da könnte ein böses Erwachen drohen. Denn die jüngsten Konjunkturdaten sind nicht mehr vereinbar mit maßvollen Trippelschritten.
"Durch die Formel von der gemächlichen Erhöhung hat sich die Fed selber Fesseln angelegt. Die Währungshüter müssen sich nun den strategischen Freiraum schaffen, aggressiver vorgehen zu können", sagt Mitul Kotecha, Leiter Währungsstratege bei der französischen Investmentbank Calyon in London. Und auch die Ökonomen von JP Morgan sehen keinen Anlaß mehr dazu, daß Greenspan in Trippelschritten ein neutrales Leitzinsniveaus anstreben sollte. Ihres Erachtens könnte bereits auf der heutigen Sitzung die Phrase "measured pace" gestrichen werden. Das würde den Weg freimachen, künftig nicht nur bescheidene 25 Basispunkte, sondern gleich 0,5 Prozentpunkte den Leitzins zu erhöhen.
Tatsächlich sind die Wirtschaftsdaten in letzter Zeit erstaunlich stark ausgefallen. Die Einzelhandelsumsätze kletterten entgegen der Erwartung um 0,5 Prozent. Grund dafür ist der starke Arbeitsmarkt. Auch von der Industrie gibt es positive Zeichen. Die Kapazitätsauslastung hat von 75 auf inzwischen fast 80 Prozent zugelegt. Sollte sie weiter in diesem Tempo steigen, würde sich verstärkt Inflationspotential aufbauen. "Wirtschaftswachstum und Preisauftrieb werden wesentlich stärker steigen, als bisher von den Geldhütern erwartet", sagt Ethan Harris, Fed-Beobachter bei Lehman Brothers in New York.
Die allgemeine Teuerung ist der Risikofaktor Nummer eins. Im letzten Monat haben die Produzentenpreise so stark zugelegt wie lange nicht mehr. Auch bei den Konsumentenpreisen bricht sich die Inflation bahn. Insbesondere der kräftige Anstieg der Energiepreise treibt die Teuerung.
§
Greenspan muß daher abwägen, ob er zugunsten einer ökonomisch angemessenen Zinspolitik den Märkten weh tun will oder ob er lieber weiter den Schmusekurs mit den Börsen fortsetzt - dies aber auf Kosten einer zukünftig möglicherweise höheren Inflation. Daß Greenspan nur noch bis Januar kommenden Jahres im Amt sein wird, macht die Entscheidung nicht leichter. So kann ihm kaum daran gelegen sein, einen Börsencrash zu verursachen, der seinen Ruf im Geschichtsbuch ruinieren würde.
Tatsächlich stehen die Märkte an einem Scheideweg. Gerade die risikoreicheren Börsen haben zuletzt kräftig korrigiert. Hieraus könnte sich einen Flächenbrand entwickeln. Doch nicht nur von den Aktienmärkten droht Ungemach. Auch bei den Anleihen kam es zuletzt zu einer saftigen Korrektur. Gerade bei risikoreicheren Unternehmensanleihen oder bei Festverzinslichen aus den Schwellenländern gingen die Kurse in den Keller. Sollte es an den Bondmärkten zu einem ausgewachsenen Crash kommen, könnte dies auf die Realwirtschaft übergreifen. Denn höhere Zinsen schaden nicht nur den Unternehmen bei der Refinanzierung. Auch die privaten Haushalte hängen über Immobilienkredite am Anleihemarkt. Experten setzen daher auf einen Mittelweg. Greenspan könnte die Phrase "measured pace" streichen und dafür eine neue Schmuseformel finden.
Artikel erschienen am Di, 22. März 2005
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von Daniel Eckert und Holger Zschäpitz
Berlin - Selten in der Wirtschaftsgeschichte hing so viel an einer Formulierung wie heute. Zwei Worte machen den Unterschied und könnten zig Milliarden an den Weltmärkten bewegen. Es geht um die Phrase "measured pace". So haben die amerikanischen Geldhüter seit der ersten Zinsanhebung vergangenes Jahr die geldpolitische Wende damit versüßt, daß sie bei ihrer Straffung in gemächlichen Schritten ("measured pace") vorgehen werden. Nun könnte es sein, daß auf der heutigen Sitzung der Fed nicht nur die allseits erwartete Anhebung um 25 Basispunkte auf dann 2,75 Prozent beschlossen, sondern in den erklärenden Ausführungen gleichzeitig die Wendung von der gemächlichen Vorgehensweise gestrichen wird.
Bereits gestern gerieten die Märkte in helle Aufregung ob der Notenbanksitzung. Der Dax rutschte unter 4300 Punkte und liegt damit seit Jahresanfang gerade einmal noch 0,9 Prozent vorn. Die Nervosität steigt, denn bisher konnten die Marktteilnehmer guten Gewissens davon ausgehen, daß die Fed das Zinsniveau auf ein neutrales Niveau anheben würde. Nach traditioneller Auffassung liegt dieses bei rund vier bis fünf Prozent. In dieser Höhe bremst er die Wirtschaftsaktivität nicht, aber liefert auch keinen Stimulus.
"Ich habe noch nie eine Notenbank gesehen, die so sanft eine Leitzinswende gemanagt hat", sagt Hans-Jörg Naumer, Stratege beim Dit. Greenspan habe viel Rücksicht auf die Märkte genommen. "Deshalb werden sich die Auswirkungen höherer Zinsen in Grenzen halten."
Doch genau hier liegt das Problem. Die Märkte vereinnahmen "Alan" fast schon als Verbündeten, der den Anlegern nicht zu viel zumutet und im Zweifelsfall lieber die Zinsen langsam anhebt, um keine Turbulenzen zu provozieren. Da könnte ein böses Erwachen drohen. Denn die jüngsten Konjunkturdaten sind nicht mehr vereinbar mit maßvollen Trippelschritten.
"Durch die Formel von der gemächlichen Erhöhung hat sich die Fed selber Fesseln angelegt. Die Währungshüter müssen sich nun den strategischen Freiraum schaffen, aggressiver vorgehen zu können", sagt Mitul Kotecha, Leiter Währungsstratege bei der französischen Investmentbank Calyon in London. Und auch die Ökonomen von JP Morgan sehen keinen Anlaß mehr dazu, daß Greenspan in Trippelschritten ein neutrales Leitzinsniveaus anstreben sollte. Ihres Erachtens könnte bereits auf der heutigen Sitzung die Phrase "measured pace" gestrichen werden. Das würde den Weg freimachen, künftig nicht nur bescheidene 25 Basispunkte, sondern gleich 0,5 Prozentpunkte den Leitzins zu erhöhen.
Tatsächlich sind die Wirtschaftsdaten in letzter Zeit erstaunlich stark ausgefallen. Die Einzelhandelsumsätze kletterten entgegen der Erwartung um 0,5 Prozent. Grund dafür ist der starke Arbeitsmarkt. Auch von der Industrie gibt es positive Zeichen. Die Kapazitätsauslastung hat von 75 auf inzwischen fast 80 Prozent zugelegt. Sollte sie weiter in diesem Tempo steigen, würde sich verstärkt Inflationspotential aufbauen. "Wirtschaftswachstum und Preisauftrieb werden wesentlich stärker steigen, als bisher von den Geldhütern erwartet", sagt Ethan Harris, Fed-Beobachter bei Lehman Brothers in New York.
Die allgemeine Teuerung ist der Risikofaktor Nummer eins. Im letzten Monat haben die Produzentenpreise so stark zugelegt wie lange nicht mehr. Auch bei den Konsumentenpreisen bricht sich die Inflation bahn. Insbesondere der kräftige Anstieg der Energiepreise treibt die Teuerung.
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Greenspan muß daher abwägen, ob er zugunsten einer ökonomisch angemessenen Zinspolitik den Märkten weh tun will oder ob er lieber weiter den Schmusekurs mit den Börsen fortsetzt - dies aber auf Kosten einer zukünftig möglicherweise höheren Inflation. Daß Greenspan nur noch bis Januar kommenden Jahres im Amt sein wird, macht die Entscheidung nicht leichter. So kann ihm kaum daran gelegen sein, einen Börsencrash zu verursachen, der seinen Ruf im Geschichtsbuch ruinieren würde.
Tatsächlich stehen die Märkte an einem Scheideweg. Gerade die risikoreicheren Börsen haben zuletzt kräftig korrigiert. Hieraus könnte sich einen Flächenbrand entwickeln. Doch nicht nur von den Aktienmärkten droht Ungemach. Auch bei den Anleihen kam es zuletzt zu einer saftigen Korrektur. Gerade bei risikoreicheren Unternehmensanleihen oder bei Festverzinslichen aus den Schwellenländern gingen die Kurse in den Keller. Sollte es an den Bondmärkten zu einem ausgewachsenen Crash kommen, könnte dies auf die Realwirtschaft übergreifen. Denn höhere Zinsen schaden nicht nur den Unternehmen bei der Refinanzierung. Auch die privaten Haushalte hängen über Immobilienkredite am Anleihemarkt. Experten setzen daher auf einen Mittelweg. Greenspan könnte die Phrase "measured pace" streichen und dafür eine neue Schmuseformel finden.
Artikel erschienen am Di, 22. März 2005
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