Diskussion über die Rolle von ICANN in Zeiten des Krieges
Demokratische Mitspracherechte von Betroffenen werden Luxus in den Zeiten des Krieges. Das gilt nach Ansicht des ehemaligen Präsidenten der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) auch für die Verwaltung des Internet, Mike Roberts. In einem vielbeachteten Posting auf der Liste der europäischen Nutzer(ICANN-Europe) schrieb Roberts: "Es könnte eine ganze Weile dauern bevor man sich wieder den Luxus leistet, in einer Gesellschaft ohne Terror darüber zu diskutieren, was Konsens heißt." ICANN-Kritiker wie der US-amerikanische Rechtsprofessor Michael Froomkin warnten inzwischen davor, dass die US-Regierung ihre Kontrolle über das DNS entgegen aller Ankündigungen weiter behalten wird. Droht die Militiarisierung des DNS fragte Froomkin auf der Webseite ICANNwatch.org?
Noch unmittelbar vor den Terrorattacken in New York und Washington hatten die beiden deutschen Direktoren, Helmut Schink und Andy Müller-Maguhn, im ICANN-Vorstand erneut nach einem Zeitraum gefragt, innerhalb dessen das US Departement of Commerce seine Aufsicht über den A-Root-Server und die für die Netzverwaltung zuständige Organisation insgesamt aufgeben werde. Die in der ursprünglichen Satzung der ICANN vorgesehene Frist wurde bei der Sitzung in Montevideo erneut verlängert. Damit behält die US-Regierung die ultimative Autorität über die Einführung neuer, und in Zeiten internationaler Konfrontation möglicherweise noch entscheidender, die Integrität bestehender internationaler Domains.
Länder vom Netz
Theoretisch könnte die US-Regierung auch missliebige Länderadressbereiche komplett vom Netz nehmen und deren internationale Anbindung ans Internet damit zumindest erschweren. Michael Froomkin, der Roberts Äußerungen zusammen mit dem US-Journalisten Ted Byfield auf seiner Seite ICANN-Watch kritisierte meint: "Würde die USA jemals tatsächlich eine Nation aus dem Rootzonefile nehmen, könnte sie das genau einmal tun - die EU und andere Mächte würden dann die offizielle Rootzone ziemlich schnell verlassen." Außerdem hält Froomkin ccTLD-Bereiche, wie etwa ps (für Pakistan) oder af (für Afghanistan) durch die bereits eingetragenen und in den Caches von Rootservern weltweit gespeicherten Adressen für geschützt. Von dort aus könnten solche Länder auf alternative, eigenen Rootzonen wechseln.
Tatsächlich waren bis Mitte der Woche weder die pakistanische Länderdomain, noch die afghanische zu erreichen. Der Verwalter der pakistanischen ccTLD, Ashar Nisar, schreibt den Ausfall der instabilen Situation in den Netzen durch die Verbreitung des NIMDA-Virus zu. Tatsächlich wurde die Domain allerdings auch über die Server der Firma Savvis geroutet, deren Büros im World Trade Center lagen.
Vollständig von der Bildfläche verschwunden sind die af-Domains, die noch bis vor kurzem vom britischen Domaindienstleister Netnames betreut wurden. "Wir betreuen die Domain nicht mehr," sagte eine Sprecherin bei Netnames, verweigerte aber alle weiteren Auskünfte.
Weniger Mitspracherechte in der Netzverwaltung?
Mehr noch als die Kontrolle über das zentrale Rootserversystem beunruhigt Froomkin, dass die Organisation die Situation ausnutzt, um die geplanten Mitsprachemöglichkeiten der Nutzer einzuschränken, über die derzeit heftig diskutiert wird.
"Terroristen wählen selbstverständlich auch", schreibt Roberts, "sie infiltrieren demokratischen Institutionen und Prozesse während sie ihre Attacken vorbereiten. Die Offenheit von Universitäten spielt ihnen in die Hände", so Roberts Kommentar. Auch das Leben bei ICANN werde nach den Anschlägen in der vergangenen Woche nicht mehr dasselbe sein. Angesichts der militärischen Perspektive und der antiterroristischen Maßnahmen in Washington und anderen Hauptstädten werde der operativen Kontrolle über das DNS, der Stabilität und dem Zusammenspiel mit vertärkten Sicherheitsmaßnahmen im Internet eine wesentlich größere Bedeutung zukommen. "Wer im Vortand wen vertritt, wird dabei eine wesentlich geringere Rolle spielen", schrieb Roberts.
Roberts und andere werden die Situation als erneute Ausrede benutzen, das Versprechen auf Mitbestimmung zu brechen, das sie eigentlich niemals halten wollten", so Froomkins Befürchtung.
Gespräche zwischen FBI und ICANN
Verstärkt werden könnten nebenbei auch die ohnehin schon bestehenden Kontakte zum FBI und möglicherweise weiteren Ermittlern und Geheimdiensten. Im Frühjahr trafen sich bereits zum zweiten Mal Vertreter des FBI mit den ICANN-Registraren. Dabei tauschte man sich über Domain Hijacking, Zugang und Nutzung der Whois-Daten und ähnliches aus. Gesonderte Gespräche hätten, so teilte in einer Email an seine Registrarkollegen Michael Palage mit, bereits mit VeriSign, der aktuell größten, internationalen Registrierstelle, stattgefunden. Ob man dabei über "übertriebenen Datenschutz" gesprochen hat, dürften nur die Gesprächsteilnehmer selbst wissen. Klar ist, dass ICANN als Zentralstelle für die DNS-Infrastruktur für Geheimdienste von großen Interesse sein dürfte.
Gruß
Happy End
Demokratische Mitspracherechte von Betroffenen werden Luxus in den Zeiten des Krieges. Das gilt nach Ansicht des ehemaligen Präsidenten der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) auch für die Verwaltung des Internet, Mike Roberts. In einem vielbeachteten Posting auf der Liste der europäischen Nutzer(ICANN-Europe) schrieb Roberts: "Es könnte eine ganze Weile dauern bevor man sich wieder den Luxus leistet, in einer Gesellschaft ohne Terror darüber zu diskutieren, was Konsens heißt." ICANN-Kritiker wie der US-amerikanische Rechtsprofessor Michael Froomkin warnten inzwischen davor, dass die US-Regierung ihre Kontrolle über das DNS entgegen aller Ankündigungen weiter behalten wird. Droht die Militiarisierung des DNS fragte Froomkin auf der Webseite ICANNwatch.org?
Noch unmittelbar vor den Terrorattacken in New York und Washington hatten die beiden deutschen Direktoren, Helmut Schink und Andy Müller-Maguhn, im ICANN-Vorstand erneut nach einem Zeitraum gefragt, innerhalb dessen das US Departement of Commerce seine Aufsicht über den A-Root-Server und die für die Netzverwaltung zuständige Organisation insgesamt aufgeben werde. Die in der ursprünglichen Satzung der ICANN vorgesehene Frist wurde bei der Sitzung in Montevideo erneut verlängert. Damit behält die US-Regierung die ultimative Autorität über die Einführung neuer, und in Zeiten internationaler Konfrontation möglicherweise noch entscheidender, die Integrität bestehender internationaler Domains.
Länder vom Netz
Theoretisch könnte die US-Regierung auch missliebige Länderadressbereiche komplett vom Netz nehmen und deren internationale Anbindung ans Internet damit zumindest erschweren. Michael Froomkin, der Roberts Äußerungen zusammen mit dem US-Journalisten Ted Byfield auf seiner Seite ICANN-Watch kritisierte meint: "Würde die USA jemals tatsächlich eine Nation aus dem Rootzonefile nehmen, könnte sie das genau einmal tun - die EU und andere Mächte würden dann die offizielle Rootzone ziemlich schnell verlassen." Außerdem hält Froomkin ccTLD-Bereiche, wie etwa ps (für Pakistan) oder af (für Afghanistan) durch die bereits eingetragenen und in den Caches von Rootservern weltweit gespeicherten Adressen für geschützt. Von dort aus könnten solche Länder auf alternative, eigenen Rootzonen wechseln.
Tatsächlich waren bis Mitte der Woche weder die pakistanische Länderdomain, noch die afghanische zu erreichen. Der Verwalter der pakistanischen ccTLD, Ashar Nisar, schreibt den Ausfall der instabilen Situation in den Netzen durch die Verbreitung des NIMDA-Virus zu. Tatsächlich wurde die Domain allerdings auch über die Server der Firma Savvis geroutet, deren Büros im World Trade Center lagen.
Vollständig von der Bildfläche verschwunden sind die af-Domains, die noch bis vor kurzem vom britischen Domaindienstleister Netnames betreut wurden. "Wir betreuen die Domain nicht mehr," sagte eine Sprecherin bei Netnames, verweigerte aber alle weiteren Auskünfte.
Weniger Mitspracherechte in der Netzverwaltung?
Mehr noch als die Kontrolle über das zentrale Rootserversystem beunruhigt Froomkin, dass die Organisation die Situation ausnutzt, um die geplanten Mitsprachemöglichkeiten der Nutzer einzuschränken, über die derzeit heftig diskutiert wird.
"Terroristen wählen selbstverständlich auch", schreibt Roberts, "sie infiltrieren demokratischen Institutionen und Prozesse während sie ihre Attacken vorbereiten. Die Offenheit von Universitäten spielt ihnen in die Hände", so Roberts Kommentar. Auch das Leben bei ICANN werde nach den Anschlägen in der vergangenen Woche nicht mehr dasselbe sein. Angesichts der militärischen Perspektive und der antiterroristischen Maßnahmen in Washington und anderen Hauptstädten werde der operativen Kontrolle über das DNS, der Stabilität und dem Zusammenspiel mit vertärkten Sicherheitsmaßnahmen im Internet eine wesentlich größere Bedeutung zukommen. "Wer im Vortand wen vertritt, wird dabei eine wesentlich geringere Rolle spielen", schrieb Roberts.
Roberts und andere werden die Situation als erneute Ausrede benutzen, das Versprechen auf Mitbestimmung zu brechen, das sie eigentlich niemals halten wollten", so Froomkins Befürchtung.
Gespräche zwischen FBI und ICANN
Verstärkt werden könnten nebenbei auch die ohnehin schon bestehenden Kontakte zum FBI und möglicherweise weiteren Ermittlern und Geheimdiensten. Im Frühjahr trafen sich bereits zum zweiten Mal Vertreter des FBI mit den ICANN-Registraren. Dabei tauschte man sich über Domain Hijacking, Zugang und Nutzung der Whois-Daten und ähnliches aus. Gesonderte Gespräche hätten, so teilte in einer Email an seine Registrarkollegen Michael Palage mit, bereits mit VeriSign, der aktuell größten, internationalen Registrierstelle, stattgefunden. Ob man dabei über "übertriebenen Datenschutz" gesprochen hat, dürften nur die Gesprächsteilnehmer selbst wissen. Klar ist, dass ICANN als Zentralstelle für die DNS-Infrastruktur für Geheimdienste von großen Interesse sein dürfte.
Gruß
Happy End