Donnerstag, 02. August 2001 Berlin, 18:17 Uhr
Weitere Zinssenkungen in Amerika sind wahrscheinlich
Analyse
Von Martin Halusa
Die amerikanische Wirtschaft ist so schwach wie seit Anfang 1993 nicht mehr. Die Unternehmen trudeln in rote Zahlen - die Milliardenverluste überschlagen sich. Deshalb verkündet die Industrie täglich neue Entlassungen. Einstige Börsenstars wie Lucent Technologies bauen fast ein Viertel der Belegschaft ab; Hunderte von Internetfirmen sind von der Bildfläche verschwunden. Allein im ersten Halbjahr 2001 gingen in den Vereinigten Staaten 777.000 Arbeitsplätze verloren. Und am kommenden Freitag drohen neue Horrorzahlen des Handelsministeriums. Die Börse tritt verunsichert und richtungslos auf der Stelle; die Auftragseingänge - vor allem in der High-Tech-Branche - schwinden dahin. In Las Vegas stehen die Hotelbetten leer, Feinschmeckerküchen in New York beklagen ausbleibende Kundschaft.
Negatives Wachstum
Obwohl das Wachstum des "Supertankers USA" in diesem Quartal erstmals seit fast einem Jahrzehnt negativ sein könnte, glaubt doch kaum jemand ernsthaft an eine lang anhaltende Rezession. Nur Durchhalteparolen haben derzeit Konjunktur: "Es gibt begründete Anzeichen für eine baldige Erholung", schreiben die Ökonomen von Merrill Lynch; "Der tiefste Punkt ist erreicht", heißt es bei der Notenbank.
Das Weiße Haus hofft, dass nach sechs Zinssenkungen und einer allein in diesem Jahr 40 Milliarden Dollar umfassenden Steuersenkung das Schlimmste überstanden ist. Die Verbesserung des gesamtwirtschaftlichen Zustands sei letztlich nur eine Frage der Zeit. Die Erholung komme nur weitaus später, als dies die meisten Volkswirte vor wenigen Wochen und Monaten noch gedacht hätten. Zur Jahreswende - ausgelöst durch das Weihnachtsgeschäft - soll der Aufschwung nun einsetzen.
Im Brennpunkt der Hoffnung steht dabei der konsumberauschte, der kauflustige und stets über seine Verhältnisse lebende Verbraucher. Zwei Drittel des Bruttoinlandsprodukts gehen auf sein Konto. Auf den Konsumenten war noch stets Verlass, und deshalb soll er auch jetzt wieder als rettender Strohhalm für die Wirtschaft herhalten. Geschäfte laden 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche und 365 Tage im Jahr zum fröhlichen Kaufen ein, und ein "sale" jagt den nächsten.
Reichlich Öl haben Notenbankpräsident Alan Greenspan und seine Gefährten durch ihre Zinssenkungen in die Glut geschüttet, allmählich müsste das Feuer wieder aufflammen. Millionen von Amerikanern haben die Senkung der Zinsen um 2,75 Prozentpunkte genutzt, um die Kredite für ihre Häuser zu refinanzieren; Autos und Sofas werden auf Pump gekauft, die Sparquote ist negativ. Gleichzeitig steigen die Reallöhne weiter an. Und in diesen Wochen erhalten die Bürger eine Steuerrückzahlung zwischen 300 und 600 Dollar, die sie sogleich wieder in den Konsum stecken, hoffen zumindest der Präsident George W. Bush und seine Berater.
Bislang ist es gelungen, die Abnahme der Investitionen der Industrie durch höhere Ausgaben der Amerikaner weitgehend zu kompensieren. Sollte jedoch das Vertrauen des Bürgers doch noch erschüttert werden, könnte die fragile Volkswirtschaft einen schweren Dämpfer erhalten. Deshalb lassen die Regierung und die Wall Street in diesen psychologisch brisanten Zeiten nichts unversucht, um den Verbraucher bei Laune zu halten.
Stumpfes Schwert
Eben erst wurde bekannt, dass die Ausgaben sich noch stärker erhöht haben, als das die volkswirtschaftlichen Abteilungen der Banken zuletzt erwartet hatten. Die Fed wird bei ihrer Sitzung am 21. August trotzdem kaum umhin können, die Zinsen erneut zu senken. Und je länger der Abschwung anhält, desto stärker wird Greenspan die Geldpolitik lockern müssen. Auch wenn die Bürger die Zinssenkungen nutzen, genügt das nicht, um einen konjunkturellen Umschwung auszulösen. Je länger die Krise anhält, desto weniger Hoffnungen verknüpfen sich mit den Zinssenkungen. Irgendwann wird auch dieses Schwert stumpf.
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