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AEG am Ende gescheitert


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AEG am Ende gescheitert

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27.09.05 20:37
HANDELSBLATT, Dienstag, 27. September 2005, 20:00 Uhr


Vom einst größten Industrieunternehmen ist kaum etwas übrig geblieben


AEG – am Ende gescheitert


Von Christoph Hardt und Markus Fasse


Immer noch ein kleines Wunder, jeden Tag milliardenfach. Strom fließt durch den Metallfaden, von hauchdünnem Glas ummantelt, durch Gas geschützt – und es wird Licht. Die Glühbirne, sie steht am Anfang der Geschichte eines Unternehmens, das einen unerhörten Aufschwung nimmt, der in einen ebenso sensationellen Niedergang münden sollte.

 


NÜRNBERG. Bis heute stehen drei Buchstaben dafür: AEG. Vor ziemlich genau einhundert Jahren war das der größte Konzern der Welt, jahrzehntelang blieb die Firma ein Weltkonzern, trotz aller Kriege, aller deutschen Krisen.

Unter dem AEG-Logo wurden der Farbfernseher erfunden und das Bildtelefon, die elektronische Fernsehkamera und das Tonband. AEG hat Rundfunksender gebaut und Flugzeuge, Atomkraftwerke und Computer. Mit dem Ende des Wirtschaftswunders jedoch setzt in zwei Jahrzehnten der Niedergang ein. Derzeit steht die letzte nennenswerte deutsche Fertigung von Elektrogeräten, die den Namen der Marke tragen, vor dem Aus.

Verzweifelt kämpft die Belegschaft der AEG-Hausgeräte GmbH in Nürnberg um den Erhalt ihres Werks, das längst zum schwedischen Elektrolux-Konzern gehört – ein aussichtsloser Kampf: „Mein persönliches Gefühl ist: Electrolux-Chef Hans Straberg ist eher auf dem Trip, das Werk zu schließen – egal, welche Gegenrechnungen wir ihm liefern“, sagt der Vize-Aufsichtsratsvorsitzende der AEG Deutschland und stellvertretende Nürnberger DGB-Chef Jürgen Wechsler gestern nach einer Betriebsversammlung. Nach Brüssel waren sie gefahren, um dem AEG-Aufsichtsrat einen Deal anzubieten. Man könne länger Arbeiten, auf Lohn verzichten (siehe: Verzweiflungsplan). Die Reaktion fiel kühl aus: Man werde es prüfen, alles Weitere Mitte Oktober.

Bis dahin werden sich die Spielregeln im globalisierten Markt für Waschmaschinen wohl nicht geändert haben. Ein gnadenloser Preiskrieg tobt. Statt des Elektroladens um die Ecke machen jetzt die Discounter das Geschäft, Waschmaschinen werden verschleudert. Was heute 1 700 AEG-Arbeiter in Nürnberg zusammenschrauben, kommt morgen aus Osteuropa. Den Werbespruch aus erfolgreichen Zeiten „AEG – Aus Erfahrung gut“ haben sie schon lange abgewandelt zu „Am Ende gescheitert“.

Mitte nächsten Jahres stehen zwei neue Elektrolux-Werke in Polen, aus Nürnberg braucht man dann nur noch die drei roten Buchstaben der 1887 ins Leben gerufenen Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft. Mit dem Überlebenskampf werden sie noch ein Mal zum Symbol: für einen von der Auszehrung bedrohten traditionsreichen Industriestandort im Herzen Europas. Die AEG, eine deutsche Geschichte.


 
Das Nürnberger AEG-Werk steht vor der Schließung. Foto: dpa  

Angefangen hat das alles im Jahr 1883, das Deutsche Reich unter Kaiser Wilhelm I. strotzt vor Kraft, obwohl die deutsche Industrie ihre erste Gründungskrise noch nicht wirklich hinter sich hat. Der deutsche Unternehmer Emil Rathenau, Spross einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus Berlin, zwischenzeitlich gescheiterter Gründer einer Maschinenfabrik, wagt am 19. April mit Unterstützung von 15 Banken und einiger Privatleute einen Neuanfang. Zwei Jahre zuvor hat er auf der Pariser Weltausstellung die Glühlampe des US-Erfinders Thomas A. Edison bewundert, seither weiß er, dass er mit dieser Lampe groß ins Geschäft kommt.

Als Glücksfall erweist sich, dass Werner Siemens, Chef des gleichnamigen Münchener Elektrounternehmens, in diesen Tagen noch nichts von der Edison-Lampe wissen will. Mit einem Grundkapital von fünf Millionen Reichsmark wird Rathenaus Deutsche-Edison-Gesellschaft für angewandte Electricität (DEG) am 5. Mai 1883 ins Berliner Handelsregister eingetragen. Sie startet mit zwölf Beschäftigten, stellt in ihrem ersten Geschäftsjahr bereits 138 Dynamomaschinen auf, schließt 12 000 Glühbirnen an und erzielt einen Reingewinn von 173 984,17 Mark – womit ein industriegeschichtlich beispielloser Aufstieg beginnt.

Es ist die Ära der zweiten Welle der Industrialisierung. Jetzt setzen Elektrotechnik und Chemie Wachstumsimpulse, sie katapultieren Deutschland binnen weniger Jahre in die Rolle einer der führenden Industrienationen weltweit. Rathenau ist die Verkörperung dieser Epoche, die bis heute bei uns Gründerzeit heißt. Er schafft in nur zwei Jahrzehnten fast aus dem Nichts einen Weltkonzern.

Bereits zwei Jahre nach der Gründung baut die DEG ihr erstes öffentliches Kraftwerk, im selben Jahr entsteht die erste Vertriebsniederlassung: in München, dem Sitz des Rivalen Siemens. Zwei Jahre später ist das Unternehmen so stark, dass die Münchener in einen Grundlagenvertrag einwilligen und die Märkte für zehn Jahre quasi aufteilen.

Die Berliner nehmen nun einen neuen Namen an: AEG. Das Grundkapital wird mehr als verdoppelt, Siemens selbst wird bedeutender Aktionär. Doch bereits sieben Jahre später ist die AEG nicht nur so stark, den Vertrag aufzuheben. Sie macht sich vollends von Siemens unabhängig. Fortan begegnen sich der mit Bedacht geführte Familienkonzern aus Bayern und die aggressiv gemanagte Aktiengesellschaft aus Berlin als Rivalen auf den Weltmärkten.



Ohne den Gründer hätte es die AEG nicht gegeben. Emil Rathenau ist ein Macher und Kämpfer. Er hat wenig für Kunst und Musik übrig, sein Leben ist die Firma, getragen von dem Willen, als Unternehmer nicht ein zweites Mal zu scheitern. Das hat etwas Verbissenes – und etwas Grandioses. Denn Rathenau wird der Gründer des modernen Industriekapitalismus in Deutschland, „seine“ AEG, ein verschachteltes Konglomerat verschiedenster Industriebetriebe und Beteiligungen, die rund um Berlin konzentriert sind, ist 1907 der größte Konzern der Welt. Ob Drehstromgeneratoren oder Elektroloks, Kaffeekocher oder Radios, auf dem Gebiet der Elektrotechnik gibt es wenig, was die AEG nicht baut und vertreibt. Auch auf einem anderen Feld setzt Rathenau Wegmarken: Er verpflichtet den Architekten und Designer Peter Behrens, dieser schafft ein Corporate Design, das noch immer funktioniert: das Firmen- und Markensignet mit den schlichten Buchstaben in Rot.

Modern wirkt Rathenaus System bis heute: Erst lässt er die Marktchancen viel versprechender Innovationen durch Studiengesellschaften testen, dann startet eine Testfertigung. Erst wenn das Produkt ausgereift scheint, beginnt die Serienfertigung, in den ersten Jahren dürfen dabei auch Verluste auflaufen. Ein Geflecht von Beteiligungen und Finanzierungsgesellschaften stellt auch gewagte Finanzierungen sicher.

1914, am Beginn des Ersten Weltkriegs und kurz vor Rathenaus Tod, hat sein Industrieimperium ein Grundkapital von 155 Millionen Gold-Mark, die AEG gibt 66 000 Arbeitern Beschäftigung und setzt 450 Millionen Gold-Mark um. Siemens ist abgeschlagen die Nummer zwei.
Danach wird es nie wieder so sein wie vorher. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs verliert die AEG fast ihren gesamten Auslandsumsatz, das Geschäft bricht auch im Inland ein. Erst allmählich belebt sich das Geschäft, der Konzern wird zu einem der großen deutschen Rüstungslieferanten und steht am Ende des Krieges so gefestigt da, dass er der Inflationskrise 1923 trotzen kann. Doch die goldenen 20er sind auch für die AEG zu kurz, die Weltwirtschaftskrise 1929 bricht über den Konzern herein, zwei Drittel der 70 000 Beschäftigten werden entlassen, 1933 steht das Unternehmen am Rande der Zahlungsunfähigkeit.



Walther Rathenau, der Sohn des Gründers, gehört zu den großen und tragischen Figuren der deutschen Geschichte im frühen 20. Jahrhundert. Der Elektroingenieur trat bereits 1899 in den Vorstand der AEG ein, zog sich jedoch zu Beginn des Ersten Weltkriegs aus der operativen Führung zurück. Stattdessen war er entscheidend am Aufbau der deutschen Rohstoffversorgung im Kriegsministerium beteiligt.

Schon früh dem deutschen Liberalismus verpflichtet, wird er zum Mitgründer der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei. Nach dem Krieg nimmt er an den Verhandlungen zum Versailler Vertrag teil und wird schon hier zu einer Zielscheibe des Hasses der radikalen Rechten. Am 1. Februar 1922 wird Rathenau zum Reichsaußenminister ernannt. Er schließt mit der kommunistischen Sowjetunion den Vertrag von Rapallo zur Zusammenarbeit und zum Verzicht auf Reparationen ab, wogegen die westlichen Alliierten und die deutsche Rechte heftig protestieren. Am 24. Juni 1922 wird Rathenau in Berlin aus einem fahrenden Auto heraus von rechts gerichteten Offizieren der Geheimorganisation Consul ermordet. Der Schriftsteller Gustav Frenssen wird Rathenau später den „vornehmsten Geist Europas“ nennen.

Dass sich auch die AEG mit den Nationalsozialisten einlässt und sich ins verbrecherische Nazisystem einfügt, sogar von ihm profitiert, gehört zu den ganz besonderen Kapiteln deutscher Unternehmensgeschichte. Kurz vor Kriegsende wird der Konzern Zigtausende von Zwangsarbeitern, darunter auch jüdische KZ-Häftlinge, beschäftigen. Denn schon bald nach Hitlers Machtübernahme hatte die Unternehmensführung auf Linientreue umgeschaltet, um ab 1935 von der Wirtschaftsbelebung zu profitieren.

Bald nach Kriegsbeginn kann sich der Konzern das bisher mit Siemens betriebene Gemeinschaftsunternehmen Telefunken einverleiben, die führende High-Tech-Firma Deutschlands, wie es der AEG-Chronist Peter Strunk schreibt. Am Ende des Krieges ist die AEG in weiten Teilen intakt, kurz vor dem Zusammenbruch arbeiten 200 000 Beschäftigte für den Konzern.Erst danach wird es hart fürs Unternehmen. Weil die Mehrzahl der Fabriken rund um Berlin konzentriert ist, leidet die AEG wie kaum ein anderes deutsches Unternehmen unter den russischen Reparationen und der späteren Enteignung.

Das, was sich danach ereignet, ist ebenso unglaublich, ein Wirtschaftswunder auf Konzernebene, die Wachstumsraten, die das Unternehmen bald schon erzielen wird, sind atemberaubend. So ist es vor allem das Hausgerätewerk in Nürnberg, dem die AEG ihren Wiederaufstieg verdankt. Nicht nur der Käfer wird zum Symbol des deutschen „Wirtschaftswunders“, es ist auch die Waschmaschine Lavamat, ein Bestseller bis heute. 1959 kommt der „Föhn“ auf den Markt, benannt nach einer gleichnamigen Berliner Firma, die die AEG übernommen hat.

Das Wachstum hat seinen Preis, Mitte der 60er-Jahre zeigt sich erstmals, dass der Konzern über seine Verhältnisse gelebt hat. Er ist überstrukturiert, die Kapitalbasis ist vergleichsweise schwach, im Management knirscht es. An der Spitze indes tritt 1965 mit dem damals bereits 64 Jahre alten Hans Bühler ein Mann, der den Expansionskurs noch einmal verschärft. Unternehmen auf Unternehmen kauft Bühler hinzu, die Verschuldung steigt – ausgerechnet in einer Zeit, in der sich die japanische Konkurrenz gerade auf dem wichtigen Gebiet der Unterhaltungselektronik verstärkt bemerkbar macht. Bereits 1971 muss der Konzern ebenso viel Geld für Zinsen wie für Innovationen hinblättern.

Wie stark die japanische Konkurrenz inzwischen ist, zeigt sich wenige Jahre später: Das mit großem Aufwand entwickelte System zur Videoaufzeichnung per Bildplatte kann sich gegen das Videoband auf dem Markt nicht behaupten, AEG-Telefunken beginnt, auf dem innovativen Markt alt auszusehen. Im Jahr 1973 zahlt das Unternehmen dennoch Dividende – zum letzten Mal in der Unternehmensgeschichte. Denn danach kommt es ganz dick, die Ölkrise lässt die Konsummärkte zusammenbrechen, hinzu kommt das hausgemachte Fiasko in der Kernenergietechnik. Zum Desaster für die AEG wird das fehleranfällige Kernkraftwerk Würgassen an der Weser. Das Abenteuer kostet die AEG alleine mehr als eine Milliarde Mark, von der Krise wird sich der Konzern nicht mehr erholen.

Es wirkt wie ein Menetekel, dass die AEG zu dieser Zeit auch ihr Geschäft mit Computern aufgeben muss. Auf Grund der Finanzkrise steigt AEG 1974 aus der Fertigung aus und muss die Computertechnik wie auch die Kernkraft-Technologie verkaufen – ausgerechnet an Siemens. Schließlich geht auch der Anteil an Osram, dem einstigen A und O der AEG, an die Konkurrenz.



Anfangs war die AEG ein Zwerg, von der Duldung durch Siemens abhängig. Viele Geschäfte begann man auf Gegenseitigkeit, gemeinsam gründeten AEG und Siemens schon 1892 die Akku-Fabrik Hagen, 1903 folgte, unter starkem Druck des preußischen Militärs, die Gemeinschaftsgründung Telefunken für die neue Funktechnik. Es folgte 1919 Osram für die Produktion von Glühlampen. In einem aber unterschieden sich AEG und Siemens gewaltig. Während Werner von Siemens stets eine sehr konservative Finanzpolitik verfolgte, war die AEG von Anfang an von der Hilfe ihrer Banken abhängig. Das machte sie für konjunkturelle Schwankungen anfälliger. Im Wirtschaftswunder wurde der Zweikampf mit Siemens für die AEG zum Verhängnis: Die fixe Idee, den Münchener Konkurrenten einholen zu können, trieb das AEG-Management in immer neue Abenteuer – mit traurigem Ende.

Mitte der 70er-Jahre bereits steckt die AEG in einer existenziellen Krise, nur mit Notverkäufen rettet sich das Unternehmen aus Liquiditätsengpässen. 1977 gerät die AEG wieder in die roten Zahlen, 1979 gehört der Konzern zu den fünf größten Schuldnern der Republik. Im Februar 1980 tritt ein Überraschungskandidat an die Spitze des Krisenunternehmens, der Mittelständler und spätere Bahnchef Heinz Dürr. Sehr schnell erkennt dieser das Ausmaß der Krise, er verkauft weitere Unternehmensteile, sucht nach Partnern. Doch der Versuch, den britischen Rivalen GEC ins Boot zu holen, misslingt, Massenentlassungen sind die Folge, am 8. August 1982 entschließt sich der AEG-Vorstand, ein Vergleichsverfahren einzuleiten. Mit rabiaten Maßnahmen und dank des Stillhaltens der Banken gelingt Dürr das scheinbar Unmögliche: Ein Jahr später wird das Vergleichsverfahren beendet, es hat die Gläubiger etwa vier Milliarden Mark gekostet und AEG unter anderem die Traditionssparte Telefunken, die der französische Konkurrent Thomson übernimmt. Nur dank einer Minderheitsbeteiligung von 49 Prozent durch die schwedische Elektrolux kann die Hausgerätesparte überleben.

Der Vergleich ist kaum unter Dach und Fach, da kommt es am Bodensee zu einem legendären Spaziergang: Heinz Dürr trifft Edzard Reuter, den Vorstandschef von Daimler-Benz. Reuter will aus seinem Unternehmen einen integrierten Technologiekonzern schaffen, am technologischen Potenzial der AEG hat er daher großes Interesse. Am 14. Oktober 1985 übernimmt Daimler 75 Prozent der AEG.

Der Konzern kann sich unter dem Daimler-Dach noch ein letztes Mal aufbäumen, fast ist es wie früher. Reihenweise kauft die AEG Unternehmen in aller Welt hinzu, Softwarebuden, Elektronikspezialisten, Hersteller von Bahnfahrzeugen. Doch die Integration misslingt erneut, schon 1989 steckt das Unternehmen wieder tief in roten Zahlen. Heinz Dürr, von der vergeblichen Sanierung ermüdet, gibt seinen Posten 1990 auf und wechselt in den Aufsichtsrat, danach ist nur noch Agonie. Ende 1993 übernimmt Electrolux endgültig die Mehrheit der Hausgerätesparte und damit das Traditionswerk in Nürnberg. Zur selben Zeit verschärft sich die Kritik am Daimler-Chef Reuter, seine Vision des Technologiekonzerns hat sich als Chimäre entpuppt. Sein Nachfolger heißt Jürgen Schrempp, er wird die AEG beerdigen.

Am 6. Juni 1996 tagt die letzte Hauptversammlung des Konzerns, der einmal das größte Industrieunternehmen der Welt war. Die britische „Financial Times“ schreibt, der Niedergang des Unternehmens sei eine Fallstudie dafür „wie ein unterkapitalisiertes Unternehmen mit schwachem Management und einer gewissen Dosis Pech zu einem kommerziellen Desaster wurde“. Am 9. Mai 1999 wird die einstige Hauptverwaltung des Traditionskonzerns am Frankfurter Mainufer im Auftrag der Allianz mit 40 Kilogramm Dynamit in die Luft gesprengt.



In einem gesichtslosen Bürohaus im Frankfurter Westend arbeiten fünf Menschen für das, was von einstiger Größe übrig geblieben ist. Ihr Unternehmen heißt EHG oder Elektro Holding Gesellschaft, die Rechtsnachfolgerin der großen AEG. Die Tochter von Daimler-Chrysler verwertet die Reste des AEG-Besitzes, sie sitzt auf einem Vermögen von weit mehr als einer Milliarde Euro, besitzt noch fünf nennenswerte Immobilien und muss für die Betriebsrenten von 45 000 ehemaligen AEG-Beschäftigten geradestehen. 2004 hat die EHG die letzten Markenrechte und Patente für einen zweistelligen Millionenbetrag veräußert, seither verkauft Electrolux auch Bohrmaschinen unter dem Label, das einst Peter Behrens schuf.

Vor kurzem erst ist ein Schadensersatzprozess gegen die AEG mit einem Vergleich zu Ende gegangen. Nun gilt es noch, die Geschäfte einiger Auslandstöchter abzuwickeln, Töchter, die nur noch auf dem Papier stehen. „In zwei Jahren wollen wir hier fertig sein“, sagt Reinhar Siepenkort, einer der fünf EHG-Leute. Bis 1995 hat er das AEG-Vorstandsbüro geleitet. „Wir werden das hier ordentlich beenden, so wie es sich gehört“, sagt Siepenkort mit einer gehörigen Portion Wehmut. Die AEG, eine deutsche Geschichte.


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Ein kurzes Zitat aus dem Eingangsposting

 
28.09.05 10:34
"Angefangen hat das alles im Jahr 1883, das Deutsche Reich unter Kaiser Wilhelm I. strotzt vor Kraft,......"

Das waren noch Zeiten, keine Rede von demographischer Krise, Stagnation usw.

Doch unser Kaiser mußte unbedingt in den Krieg ziehen, ein verherender außenpolitischer Fehler (ohne von den menschlicken Schicksalen zu sprechen) der die Geschichte Deutschlands für immer verändern sollte.

Gruss

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Noch ein Zitat:

 
28.09.05 14:53
"Ohne den Gründer hätte es die AEG nicht gegeben. Emil Rathenau ist ein Macher und Kämpfer...."

Menschen von diesem Schlag fehlen uns heute in der Bundesrepublik.

gruss

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Spuk:

AEG sollte AES heißen

 
28.09.05 15:09
AES - Aus Erfahrung Schlecht.
Ich konnte AEG-Produkte noch nie ausstehen - ebenso wie Grundig.
Tja, wie es der Teufel so haben will (hatte mir vor 8 Jahren eine
Waschm. von AEG gekauft - weil´s die einzige in dieser Größe war, die in mein Badezimmer passte.
Tja, grad eben ging der Temperatur/Ein-Aus-Schalter kaputt.

Bekommt man noch so ein Teil irgendwo?
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Ausgeknipst und abgewickelt

 
20.10.05 15:01
HANDELSBLATT, Donnerstag, 20. Oktober 2005, 13:20 Uhr


Die Geschichte eines Niedergangs


Ausgeknipst und abgewickelt


Von Tanja Kewes und Christoph Schlautmann


Agfa, eine der berühmtesten deutschen Marken des 20. Jahrhunderts und eine Brutstätte der Ingenieurskunst, ist nach 138 Jahren am Ende. Ein Handelsblatt-Report über einen Absturz, hinter dem viele Beobachter böse Absicht vermuten.

 
Agfa schaffte die digitale Wende nicht. Foto: dpa  

KÖLN. Empört springt die rothaarige Frau im überfüllten Saal 220 des Kölner Amtsgerichts auf. „Hartmut Emans hat vor Jahren schon eine Blutspur in Ostdeutschland hinterlassen“, ruft sie in breitem Sächsisch, „weshalb hat man ihm die Gelegenheit gegeben, nun bei Agfa Photo noch einmal zuzuschlagen?“ Ihre fast 200 Kollegen auf der Gläubigerversammlung applaudieren. Ändern jedoch wird der Applaus wohl nichts mehr. Agfa Photo, eine der berühmtesten deutschen Marken des 20. Jahrhunderts und eine Brutstätte der Ingenieurskunst, ist nach 138 Jahren am Ende.

Was die beiden Chemiker Paul Mendelssohn-Bartholdy und Carl Alexander von Martius 1867 in Rummelsburg bei Berlin begannen, wird Hartmut Emans nun wohl beerdigen. Am Dienstag lehnte die Gläubigerversammlung das Angebot des britischen Fotoautomaten-Herstellers Photo Me ab, dem letzten Kaufinteressenten – Photo Me wollte keine Arbeitsplatzgarantie abgeben.

Die Mitarbeiter von Agfa Photo fragen sich frustriert, ob das nicht von vorneherein Emans’ Plan war oder ob der Konkurs hätte verhindert werden können. Im November 2004 gab der Mutterkonzern Agfa-Gevaert freudig den Management-Buyout der geschwächten Tochter Agfa Photo bekannt. Investor war die Beteiligungsgesellschaft Nanno um Emans.

Dass der ehemalige McKinsey-Berater nach der deutschen Vereinigung mehrfach Schiffbruch erlitt mit Treuhand-Firmen, sorgte nicht mal die Belegschaft – die Erleichterung war einfach zu groß. „Selbst mein Rechtsanwalt war begeistert, dass Agfa-Gevaert der Firma noch 300 Millionen Euro Eigenkapital und 72 Millionen Euro Liquidität mitgab“, erinnert sich ein Führungsmitarbeiter. Sieben Monate später folgt der Schock. Im Mai stellt Agfa Photo Insolvenzantrag – der angebliche Reichtum war verschwunden.

Zwar erwies sich das Eigenkapital in Form von Vorräten und Anlagen nahezu als wertlos: Es ist veraltet. Was aber mit der versprochenen Liquidität geschah, bleibt ein Rätsel. Ein großer Teil der mit der Dresdner Bank vereinbarten Kredite, für die Agfa-Gevaert geradestehen wollte, wurden von Agfa Photo vor der Inanspruchnahme gekündigt. Wer den Stopp veranlasst hat, will heute niemand mehr wissen. Fest steht nur: Weil Investor Emans keinen Ersatz fand für die Kreditgeber, geriet der Fotokonzern rasch in Zahlungsschwierigkeiten.



Der Absturz ist nahezu beispiellos. „Einen so schnellen Rutsch in die Pleite habe ich in meinem beruflichen Leben noch nicht erlebt“, sagt Rolf Bernsen, der zuständige Rechtspfleger am Amtsgericht in Köln.

Vor fast anderthalb Jahrhunderten legte Agfa einen Bilderbuchstart hin. „Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikation“ nannten die Gründer Mendelssohn-Bartholdy und von Martius ihre Farbenfabrik – kurz: Agfa. Die Firma der beiden Freunde schreibt Industriegeschichte. Das erste Fotoprodukt ist 1899 die Entwicklerflüssigkeit Rodinal. Zehn Jahre später beginnt Agfa mit der Produktion von Filmen auf Zelluloidbasis.

1908 baut Agfa in Wolfen bei Bitterfeld die zweitgrößte Filmfabrik der Welt – größer ist nur noch das Werk des US-Konkurrenten Eastman Kodak in Rochester. Hier wird die Grundlage gelegt für die moderne Fotografie, etwa 1916 mit der Erfindung der Agfa-Farbenplatte nach dem Korn-Rasterverfahren oder zwei Jahrzehnte später mit dem „Agfacolor-Neu“, dem ersten Farbfilm der Welt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wagt Agfa 1952 im Westen den Neubeginn, in Leverkusen – zunächst allein. Ein Jahrzehnt später folgt die Hochzeit mit dem belgischen Traditionsunternehmen Gevaert. Der Fotograf Lieven Gevaert zählt ebenso wie die Agfa-Gründer zu den Pionieren der Fotografie. Er entwickelte die ersten Röntgen- und Tonfilme.

1981 übernimmt der Chemieriese Bayer die gesamte Agfa-Gevaert und bringt sie samt seiner Fotosparte 1999 an die Börse. Doch der größte deutsche Börsengang seit der Telekom drei Jahre zuvor floppt. Ahnengalerie hin, schillernde Marken her: Die Investoren glauben die Story vom Bildtechnikkonzern nicht – bis heute. Die Aktie der Agfa-Gevaert kostet heute 19 Euro – genau so viel wie bei ihrer Emission.



Dabei hat Agfa einst so manchen reich gemacht, etwa Artur Fischer. Der erfand 1949 den Synchronblitz für Kameras. Die Agfa erkennt das enorme Potenzial – und bestellt sofort 50 000 Stück bei dem schwäbischen Tüftler.

20 Jahre lang liefert Fischer Blitzer an Agfa, insgesamt zwölf Millionen Stück. Beide profitieren vom Boom der Kleinbildkameras, die die Privathaushalte im Wirtschaftswunderland erobern. Die Grundlage dafür hatte Agfa einst selbst gelegt: mit der Entwicklung der Rollfilmkamera „Billy“ 1928.

Agfa gehört zu den innovativsten deutschen Unternehmen: Immer kleiner, immer besser werden die Agfa-Kameras und die Blitzer von Fischer. Der erfindet später den S-Dübel und das Kinderspielzeug Fischertechnik und steigt aus dem Blitz-Geschäft aus.

Agfa macht weiter und wird von der digitalen Welle überspült. Die Umsätze mit traditionellen Filmen halbieren sich von 2000 bis 2004 auf gut 300 Millionen Euro. Auch bei Fotopapier ist der Umsatzeinbruch verheerend.

Agfa kommt nicht mehr mit. Die Produktion von Digitalkameras stellt die Firma 2001 nach nur vier Jahren wieder ein. Auch die Kooperation mit Minolta scheitert. Die Legende Agfa ist reif für den Verkauf.

2001 scheitern die ersten Gespräche über den Verkauf des Fotogeschäfts zwischen Agfa-Gevaert, die sich auf ihre Sparten Medizinaltechnik und Grafiksysteme konzentrieren will, und einer Beteiligungsgesellschaft. Wichtiger Streitpunkt ist die Verwendung des Agfa-Markennamens.



Nachdem Investor Emans Ende 2004 über seine Firma Nanno 55 Prozent an Agfa Photo übernommen hatte, übertrug er das wichtigste Firmenkapital, die Markenrechte und die Leasingzahlungen selbstständiger Agfa-Minilaborbetreiber an eine Holding.

Damit sichert sich Emans die Filetstücke, die die Agfa-Geschichte hinterlassen hat. Der Holding stehen die Leasingzahlungen von insgesamt 175 Millionen Euro zu.

Hartnäckig halten sich daher Vermutungen, Emans habe den Liquiditätsengpass mit Absicht herbeigeführt, um sich über ein Insolvenzverfahren von lästigen Betriebsstätten und Mitarbeitern zu trennen. Beweise dafür gibt es jedoch keine. Ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Köln wurde eingestellt.

Werden die Lichter bei Agfa Photo ausgeknipst? Kaum eine Überlebenschance hätte die Marke, falls Konkurrent Fuji doch noch zum Zuge kommt. Die Japaner bieten lediglich für ein Chemiewerk im bayrischen Peiting, um an das Know-how von Agfa zu kommen.

Nach Ansicht von Agfa-Photo-Geschäftsführer Hans-Gerd Jauch wären damit aber nicht einmal die 60 Arbeitsplätze des Unternehmenszweigs gesichert. Die Marke interessiert den Wettbewerber nicht, Agfa würde endgültig zerschlagen.

Unter den Mitarbeitern stirbt die Hoffnung zuletzt. Agfa-Photo-Betriebsratschef Bernhard Dykstra wehrt sich dagegen, abgewickelt zu werden wie der gute alte Fotofilm. „Drücken Sie uns die Daumen“, bittet er, „vielleicht findet sich ja noch ein neuer Investor.“ Vielleicht.





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Sahne:

Habe eine Waschmaschine

 
20.10.05 15:08
einen Akku-Schrauber und einen Staubsauger von AEG.
Alles erstklassige Ware...

@Spuk: meine letzte WM war eine Bauknecht die habe ich nach 3 Jahren rausgeschmissen, weil alle naselang was anderes kaputt war. Ein Schalter nach 8 Jahren ist doch nun wirklich kein Problem.
Antworten
Dr.UdoBroem.:

Ohne den Gründer hätte es die AEG nicht gegeben?

 
20.10.05 15:12
Ohne den Autor wäre der Artikel nie geschrieben worden.


AEG am Ende gescheitert 2181519
Never argue with an idiot -- they drag you down to their level, then beat you with experience.
Antworten
Timchen:

Die Zukunft heisst aber Xundu und Haier

 
21.10.05 00:16
aus China und nicht AEG aus Deutschland.
Die Produkte von AEG waren einfach nicht werthaltig genug um sie zu deutschen Löhnen zu produzieren.
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