Der Reiz tokenisierter Treasuries ist schnell erklärt: Während Stablecoins nominal stabil sind, liefern sie ohne zusätzliche Strategien keine Rendite. Tokenisierte T-Bill-Produkte bringen hingegen den Zins der US-Kurzläufer direkt ins Krypto-Ökosystem – als Cash-Alternative für Treasury-Management, als Margin-Collateral auf Handelsplätzen oder als Baustein für DeFi-Protokolle.
Die zunehmende Professionalisierung zeigt sich auch daran, dass große Namen an der Infrastruktur arbeiten: BlackRock ist mit tokenisierten Geldmarkt-/Treasury-Strukturen präsent, Franklin Templeton betreibt ein On-Chain-Government-Money-Fund-Konzept, und auch Circle positioniert USYC als tokenisierte, zinstragende Cash-ähnliche Komponente im institutionellen Kontext.
Dass diese Entwicklung nicht nur Krypto-intern relevant ist, zeigt ein Blick auf die Stablecoin-Reservewelt: Tether weist in aktuellen Reserve- bzw. Attestations-Berichten eine sehr große Treasury-Exponierung aus. In einer Berichterstattung zu den jüngsten Zahlen ist von rund 135 Milliarden US-Dollar Treasury-Exposure die Rede.
Tokenisierte Treasuries und Stablecoin-Reserven sind damit zwei Seiten derselben Medaille: Beide monetarisieren US-Staatsanleihen als “Dollar-Unterbau” – einmal als Deckung, einmal als direkt nutzbarer On-Chain-Baustein.
DeFi startete historisch mit crypto-nativen Sicherheiten (ETH, stETH, Wrapped BTC). Tokenisierte T-Bills bringen nun eine neue Qualität: staatlich emittiertes, kurzlaufendes Collateral, das sich – wenn auch häufig mit KYC-/Redemption-Auflagen – in Protokolle, Börsen und Treasury-Prozesse integrieren lässt.
Für den Markt ist das mehr als ein Rendite-Trade. Es ist ein Infrastrukturtrend: Wer Cash parken will, muss nicht zwingend in volatile Coins oder in Nullzins-Stablecoins ausweichen. Damit verändert sich auch die Kapitalallokation innerhalb von Krypto – weg von reinem Beta, hin zu “On-Chain-Cash-Management”.
Während tokenisierte Treasuries strukturell Rückenwind bekommen, geraten DATs in eine Phase der Neubewertung. Der Kernpunkt: DATs waren in einer Welt ohne Spot-ETFs ein bequemes Vehikel für regulierte Exposure. Diese Knappheit ist weitgehend verschwunden.
Eine Analyse von Bitwise-CIO Matt Hougan beschreibt, warum viele Treasury-Companies langfristig eher zu Abschlägen als zu Prämien tendieren könnten: Illiquidität (kein direkter Redemption-Mechanismus), laufende Kosten und Ausführungs-/Governance-Risiken wirken wie strukturelle Bewertungsbremsen.
Hinzu kommt: ETFs liefern “sauberes” Exposure mit Tracking, hoher Liquidität und geringerer Komplexität. Der Markt muss deshalb neu entscheiden, wofür er bei DATs überhaupt noch eine Prämie zahlen soll und wann nicht.

Besonders brisant wird die Lage, wenn Indexanbieter das Produkt “Treasury-Aktie” methodisch neu einsortieren. MSCI hat 2025 eine Konsultation angestoßen, die sich mit der Frage beschäftigt, ob Unternehmen mit sehr hohen Digital-Asset-Beständen Merkmale von Investmentvehikeln aufweisen und damit aus bestimmten Aktienindizes herausfallen könnten.
Warum das zählt: Indexentscheidungen sind keine Meinung, sondern Mechanik. Wenn ein Wertpapier aus einem Index fällt, müssen passive Produkte – je nach Benchmark – verkaufen. In Marktberichten wird im Kontext von Strategy (MSTR) mit potenziellen passiven Abflüssen im Milliardenbereich gerechnet, falls Indexanbieter entsprechend entscheiden.
Die entscheidende Nuance: Passive Verkäufe betreffen zuerst die Aktie – nicht automatisch Bitcoin selbst. Aber indirekt kann es sehr wohl auf den Coin durchschlagen, wenn Treasury-Firmen bei sinkender Equity-Liquidität ihre Bilanzstrategie anpassen müssen: weniger Käufe, teureres Funding, im Extremfall Verkäufe zur Stabilisierung.
Mehrere Marktberichte aus Q4/2025 beschreiben, dass einige Treasury-Firmen bei Kursrückgängen gezwungen waren, Positionen zu reduzieren oder Liquidität über Maßnahmen wie Buybacks/Refinanzierung zu organisieren. Die Diskussion dreht sich damit um ein bekanntes Marktmechanik-Risiko: Fällt der Aktienkurs unter den Wert der gehaltenen Krypto-Bestände oder versiegt der Zugang zu frischem Kapital, kann aus einem “Buy-and-Hold”-Narrativ schnell eine operative Zwangslage werden.
Genau hier setzt auch die Argumentation an, warum Indexanbieter vorsichtiger werden könnten: Wenn ein Vehikel faktisch wie ein gehebelter, kostenbehafteter Bitcoin-Fonds agiert, ist die Frage nach Investoren- und Indexschutz nicht nur akademisch.
Unterm Strich laufen zwei Rotationen parallel: Erstens wandert Cash in Krypto zunehmend in zinstragende, staatlich besicherte On-Chain-Produkte. Tokenisierte Treasuries werden damit zu einer Art Basisrendite-Schicht – ähnlich dem Repo-/T-Bill-Unterbau im traditionellen System.
Zweitens wandert Bitcoin-Exposure in regulierte ETF-Hüllen, während Treasury-Aktien als Proxy stärker um ihre Daseinsberechtigung kämpfen müssen. Das muss für Bitcoin nicht negativ sein: Wenn Kapital von ineffizienten Proxy-Strukturen in effizientere Vehikel rotiert, kann das den Markt sogar stabilisieren. Für einzelne DATs ist es dagegen eine harte Disziplinierungsphase.
Die spannendste Beobachtung: Beide Trends – tokenisierte Treasuries und Bitcoin-ETFs – bedeuten auf ihre Weise Institutionalisierung. Nur eben an unterschiedlichen Stellen der Kapitalstruktur: einmal im Collateral, einmal im Exposure-Vehikel.

Quellen:
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