Tokenisierung verändert die Finanzarchitektur: IWF warnt vor neuen Risiken

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Flagge der Vereinten Nationen.
- ©pixabay.com

Nachdem sich der Internationale Währungsfonds (IWF) bereits im Frühjahr kritisch zur Tokenisierung geäußert hatte, greift er dieses Thema in einem aktuellen Blogeintrag erneut auf. Tobias Adrian, Direktor der Abteilung für Geld- und Kapitalmärkte beim IWF, sieht in der Technologie vor allem einen Umbau der derzeitigen Finanzarchitektur mit neuen Marktrisiken. Gerade die Geschwindigkeit, mit der diese Entwicklung voranschreitet, erhöht den Druck, passende Regulierungsmaßnahmen einzuführen.

Neues Risiko durch eine veränderte Marktstruktur

Aus Sicht des IWF verschieben sich die Risiken in tokenisierten Märkten dabei zu einer neuen Gruppe von Akteuren. Während bislang vor allem klassische Banken das Infrastrukturrisiko getragen haben, verschiebt sich dieses nun zu digitalen Plattformen, über die tokenisierte Vermögenswerte abgewickelt werden. Der Ausfall einer Plattform oder die falsche Programmierung eines Smart Contracts könnten künftig große Teile des Marktes ausfallen lassen.

Zudem verweist der IWF auf neue Herausforderungen in der Kontrolle der tokenisierten Marktstruktur. Die Tokenisierung verlangt eine Überwachung der Infrastruktur, welche über die klassischen Finanzakteure hinausgeht. Vielmehr müssen die Kontrollinstanzen künftig auch die technische Seite eines Smart Contracts verstehen, um mögliche Angriffspunkte entdecken zu können. Darüber hinaus ist bislang noch unklar, wer für fehlerhafte Programmierung im Code oder in der Infrastruktur haftbar gemacht werden kann.

Tokenisierung im Spannungsfeld zwischen Effizienz und Stabilität

Ein weiterer Kritikpunkt, der von Seiten des Internationalen Währungsfonds vorgebracht wird, ist die neue Geschwindigkeit einer tokenisierten Welt. Die Befürworter der Technologie werben mit einer höheren Effizienz, für den IWF greift diese Sichtweise aber zu kurz. Die Behörde verweist darauf, dass die globalen Finanzmärkte schon lange digital ablaufen und es dafür bislang keine Tokenisierung gebraucht habe. Sie räumen dabei zwar ein, dass traditionelle Märkte häufig langsamer sind und Tokenisierung viele Prozesse effizienter und schneller gestalten kann. Aber mit der erhöhten Geschwindigkeit geht auch eine erhöhte Gefahr einher.

Besonders in stressigen Marktphasen kann dies problematisch werden. Bei fallenden Preisen könnten Smart Contracts zusätzliche Sicherheiten verlangen. Müssen dann gleichzeitig mehrere Marktteilnehmer reagieren, entsteht ein zusätzlicher Liquiditätsdruck. In solchen Fällen wirkt die neu gewonnene Geschwindigkeit wie ein Beschleunigungsfaktor für Spannungen im Markt, wohingegen die Trägheit des bisherigen Finanzsystems an dieser Stelle wie ein Puffer wirkt.

Dazu kommt, dass tokenisierte Märkte nicht an klassische Handelszeiten gebunden sind. Wenn Märkte rund um die Uhr geöffnet haben, müssen auch die Notfallmechanismen anders gedacht werden. Die Frage danach, wer im Ernstfall in ein solches System eingreifen darf und wie schnell ein entsprechender Eingriff überhaupt möglich wäre, ist bislang noch offen.

Die Fragmentierung des RWA-Marktes

Die IWF-Warnung wird besonders mit Blick auf den wachsenden RWA-Markt relevant, welcher inzwischen ein Volumen von mehr als 30 Milliarden US-Dollar vorweist. Zentral ist dabei die Frage, auf welcher Infrastruktur die vielen tokenisierten Werte künftig laufen. Entwickeln sich die Projekte auf vielen getrennten Plattformen, verteilt sich die Liquidität und es entstehen Tokenisierungsinseln, die sich nicht gut miteinander verbinden lassen. Hier wird es wichtig, Interoperabilität zu schaffen.


Konzentriert sich der RWA-Markt hingegen künftig auf wenige große Plattformen, entstehen neue Abhängigkeiten. Ein gezielter Cyberangriff auf eine zentrale Infrastruktur könnte dabei gleich ganze Marktbereiche betreffen. Daher warnt der IWF vor beiden Extremen und sieht die schnelle Entwicklung der Tokenisierung kritisch. Zumal derzeit noch eine klare Rechtsgrundlage und entsprechende Regulierungsmaßnahmen fehlen, die bei dem schnellen Fortschritt der neuen Technologie nicht hinterherkommen.



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