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„Sell before May and go away?“ – Warum 2026 zum Stresstest für Aktienanleger werden könnte

Die US-Aktienmärkte könnten in den kommenden zwei Jahren vor einem größeren Drawdown stehen, der vor allem wachstumsstarke Large Caps und hoch bewertete Tech-Werte trifft. Eine detaillierte Analyse auf Seeking Alpha argumentiert, dass eine Kombination aus Bewertungen, Zinsumfeld, Marktstruktur und zyklischen Mustern die Voraussetzungen für eine deutliche Korrektur bis 2026 schafft. Für erfahrene Investoren stellt sich die Frage, wie sie ihr Exposure in dieser Spätphase des Bullenmarktes steuern.

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Theresa May während der Münchener Sicherheitskonferenz 2018.
Quelle: - Foto: Kuhlmann / MSC (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Theresa_May_MSC_2018.jpg), „Theresa May MSC ...

Hintergrund: Vier große Drawdowns in 25 Jahren

Die Analyse auf Seeking Alpha ordnet das aktuelle Marktumfeld in die Historie der letzten Jahrzehnte ein. Seit dem Jahr 2000 haben US-Aktien bereits vier schwere Drawdowns erlebt: das Platzen der Dotcom-Blase, die globale Finanzkrise, den Covid-Crash und die Bärenphase 2022. In allen Fällen waren zuvor Bewertungsniveaus, Liquiditätsbedingungen und Anlegerstimmung über längere Zeit in eine riskante Schieflage geraten.

Die aktuelle Phase wird als spätes Stadium eines ausgedehnten Bullenmarktes beschrieben, der sich seit der Finanzkrise 2008/09 und insbesondere seit den Nullzinspolitiken der Zentralbanken aufgebaut hat. Die kumulierten Effekte aus jahrelanger Ultra-Liquidität, expansiver Fiskalpolitik und einer starken Konzentration der Marktrenditen auf wenige Mega-Caps nähren nach dieser Lesart die Wahrscheinlichkeit eines erneuten größeren Rückschlags.

Bewertungen: Growth-Dominanz und Konzentrationsrisiko

Im Zentrum der Argumentation steht die Bewertungssituation insbesondere im US-Technologiesegment. Die Large-Cap-Tech-Werte und KI-Gewinner hätten sich extrem verteuert und dominierten die Indizes. Die Marktkapitalisierung der führenden Wachstumswerte habe einen Punkt erreicht, an dem bereits sehr optimistische Szenarien für Gewinnwachstum und Margen eingepreist seien. Bei dieser Konstellation reiche ein moderater Rückgang der Gewinnschätzungen oder eine leichte Verschärfung der Finanzierungsbedingungen, um substanzielle Kurskorrekturen auszulösen.

Die Marktbreite wird als strukturelle Schwäche gesehen. Ein verhältnismäßig kleiner Kreis von Mega-Caps trage einen überproportionalen Teil der Index-Performance. Dieser Konzentrationseffekt erhöhe das Marktrisiko, da eine Korrektur einiger weniger Schwergewichte den Gesamtmarkt spürbar nach unten ziehen könne. Insbesondere passive Strategien und Marktkapitalisierungs-indizierte Produkte verstärkten diesen Mechanismus.

Zinsumfeld und Liquidität: Von Rücken- zu Gegenwind

Ein weiterer Kernpunkt der Analyse auf Seeking Alpha ist der Wandel im Zins- und Liquiditätsregime. Die Phase extrem niedriger Zinsen und umfangreicher Anleihekaufprogramme der Zentralbanken habe die Bewertungen von Risikoassets über Jahre gestützt. Mit der Zinswende und strukturell höheren Inflationsraten seien diese Rahmenbedingungen jedoch grundlegend verändert.

Höhere Leitzinsen und eine restriktivere Geldpolitik verteuerten den Diskontsatz für zukünftige Cashflows und setzten damit insbesondere Growth-Titeln mit langer Duration zu. Gleichzeitig reduziere die schrittweise Rückführung der Zentralbankbilanzen die überschüssige Liquidität im System. Die Analyse verweist darauf, dass diese Liquidität in den vergangenen Jahren maßgeblich die Kursniveaus im Aktienmarkt aufgebläht habe und nun in umgekehrter Richtung wirken könne.

Makroökonomische Risiken und Zyklik bis 2026

Die Studie skizziert ein Szenario, in dem sich bis 2026 mehrere makroökonomische Risiken überlagern. Dazu zählen eine mögliche Wachstumsabschwächung in den USA nach der Phase fiskalischer Impulse, eine anhaltend erhöhte Inflation im Vergleich zur Vor-Covid-Ära und die Gefahr, dass die Zentralbanken zwischen Inflationsbekämpfung und Konjunkturstützung in einen Zielkonflikt geraten.

Hinzu kommen geopolitische Spannungen, strukturelle Verschuldungsprobleme und die zyklische Reifephase der aktuellen Expansion. Die Analyse legt nahe, dass die Wirtschaft zwar nicht zwingend in eine tiefe Rezession abgleiten müsse, ein Umfeld mit geringerem Wachstum und volatilerer Inflation aber bereits ausreiche, um den Bewertungsdruck auf Aktien zu erhöhen und Risikoaufschläge neu zu justieren.

Marktstruktur, Passive Investments und Volatilität

Ein weiterer Baustein der Argumentation betrifft die veränderte Marktstruktur. Die zunehmende Dominanz passiver Investments und systematischer Strategien habe die Preissetzung an den Märkten verschoben. Flüsse in große Indizes und ETFs verstärkten Trends nach oben wie nach unten. In einem Stressszenario könnten gleichgerichtete Verkäufe aus passiven Produkten und gehebelten Strategien die Volatilität erheblich erhöhen.

Die Analyse weist darauf hin, dass algorithmische Handelsmodelle, Volatilitätsstrategien und auf Korrelationen basierende Risikoansätze in Phasen plötzlicher Regimewechsel anfällig seien. Komme es zu einem Bruch bisheriger Muster – etwa durch persistente Inflation oder überraschend schwache Konjunkturdaten – könnten diese Modelle simultan Risiko reduzieren und damit kurzfristig Liquidität aus dem Markt ziehen.

Sektorrotation und mögliche Gewinner in der Korrektur

Vor diesem Hintergrund erwartet die Auswertung auf Seeking Alpha, dass eine größere Marktkorrektur nicht alle Segmente gleichermaßen treffe. Überbewertete Wachstumswerte und zyklische High-Beta-Titel würden in einem solchen Szenario voraussichtlich überproportional verlieren. Dagegen könnten defensive Sektoren, Qualitätswerte mit soliden Bilanzen sowie Value-orientierte Titel relativ widerstandsfähiger sein.

Unternehmen mit stabilen Cashflows, hoher Free-Cashflow-Generierung und moderater Verschuldung könnten sich in einem Umfeld knapperer Liquidität und höherer Kapitalkosten als robust erweisen. Ebenso könnten Dividendenwerte wieder stärker in den Fokus rücken, wenn Anleger verstärkt auf planbare Ausschüttungen und geringere Kursvolatilität achten.

Timing-Überlegungen: „Sell before May and go away“ im neuen Kontext

Die bekannte Börsenregel „Sell in May and go away“ wird in der Analyse in einen breiteren, zyklischen Kontext gestellt. Es wird argumentiert, dass saisonale Muster allein als Begründung nicht ausreichen, die aktuelle Situation aber von einem späten Zyklus und einem überdehnten Bewertungsniveau geprägt sei. In dieser Konstellation könne das Reduzieren von Risikopositionen vor typischen Volatilitätsphasen ein rationaler Schritt sein.

Die Studie zielt weniger auf kurzfristiges Markttiming als auf die Identifikation eines strukturellen Wendepunkts. Der Zeitraum bis 2026 wird dabei als kritische Phase markiert, in der sich die kumulierten Ungleichgewichte der vergangenen Jahre entladen könnten. Ein größerer Drawdown wird nicht als sichere Prognose, aber als „likely“ beschrieben, wenn die derzeitigen Trends bei Bewertungen, Liquidität und Verschuldung anhalten.

Implikationen für konservative Anleger – ein mögliches Vorgehen

Für konservative Anleger, die primär Kapitalerhalt und ein ausgewogenes Risiko-Rendite-Profil anstreben, lassen sich aus der Analyse auf Seeking Alpha mehrere Handlungsoptionen ableiten. Eine unmittelbare Panikreaktion oder das vollständige Verlassen des Aktienmarktes wird nicht nahegelegt. Vielmehr könnte eine schrittweise, disziplinierte Anpassung der Allokation sinnvoll sein.

Im Vordergrund steht dabei eine Reduktion von Klumpenrisiken in hoch bewerteten Wachstums- und Tech-Segmenten sowie in stark gehebelten Vehikeln. Parallel dazu bietet sich eine stärkere Diversifikation über Qualitäts- und Value-Werte, defensive Sektoren und soliden Dividendenzahlern an. Eine Überprüfung der Duration im Portfolio – sowohl bei Aktien als auch bei Anleihen – kann helfen, die Sensitivität gegenüber Zins- und Bewertungsänderungen zu reduzieren.

Darüber hinaus könnte es sich für vorsichtige Investoren anbieten, die Liquiditätsquote moderat zu erhöhen, um in einer möglichen Korrekturphase über Handlungsspielräume für selektive Zukäufe zu verfügen. Absicherungsstrategien – etwa über gestaffelte Stop-Loss-Konzepte oder begrenzt eingesetzte Derivate – können je nach Erfahrung und Risikobudget ergänzend eingesetzt werden. Insgesamt legt die Analyse nahe, dass konservative Anleger die kommenden Quartale nutzen sollten, um ihre Portfolios robuster gegen einen potenziell größeren Drawdown bis 2026 zu positionieren, ohne dabei langfristige Anlageziele grundlegend in Frage zu stellen.

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