Ausgangslage: Sechs Jahre nach dem Corona-Tief
Am 23. März 2020 markierten die US-Aktienmärkte im Zuge des Covid-Crashs ihren Tiefpunkt. Seitdem haben sich die Kurse massiv erholt und neue Höchststände erreicht. Seeking Alpha analysiert, wie sich die Bewertungen zentraler Märkte seitdem verändert haben – und kommt zu dem Ergebnis, dass Anleger heute für ein höheres Risiko geringere Kompensationen erhalten als damals.
Aktienbewertungen: Höhere Multiples, weniger Puffer
Der S&P 500 wird heute zu deutlich höheren Bewertungskennziffern gehandelt als im März 2020. Gleichzeitig ist das Zinsumfeld heute straffer. Damit ist die Equity Risk Premium im Vergleich zur Situation am Corona-Tief klar geschrumpft. Investoren akzeptieren höhere Kurs-Gewinn-Verhältnisse, obwohl der risikofreie Zinssatz mittlerweile signifikant oberhalb des Niveaus von 2020 liegt.
Die Marktbreite hat sich verschlechtert. Ein großer Teil der Index-Performance wird von einer kleinen Gruppe großer Technologiewerte getragen. Zyklische Sektoren und kleinere Unternehmen partizipieren weniger stark, was auf eine zunehmende Konzentration der Marktrisiken hinweist.
Rentenmarkt: Attraktivere Kupons, aber gestiegene Duration-Risiken
Im Rentenmarkt ist das Bild umgekehrt: Staats- und Unternehmensanleihen rentieren heute deutlich über dem Niveau von 2020. Für konservative Investoren sind laufende Erträge damit wieder eine tragende Säule der Portfoliokonstruktion. Die höheren Kupons gehen jedoch mit gestiegenen Duration-Risiken einher, da Kursverluste bei weiteren Zinsanstiegen stärker durchschlagen.
Investment-Grade-Anleihen bieten inzwischen eine deutlich attraktivere laufende Verzinsung als während der Covid-Krise. Gleichzeitig sind Risikoaufschläge für High-Yield-Papiere nicht auf extremen Stressniveaus, sondern eher im historischen Mittelfeld, was auf einen insgesamt laxen Risikoappetit hinweist.
Immobilien und alternative Anlagen
Immobilienmärkte stehen unter Druck höherer Finanzierungskosten. Die Refinanzierung zu deutlich teureren Konditionen belastet insbesondere gehebelte Vehikel und hoch verschuldete Eigentümer. Gleichzeitig haben viele Immobilienbewertungen noch nicht vollständig an das neue Zinsregime angepasst, was Anpassungsrisiken impliziert.
Bei alternativen Anlagen zeigt sich ein gemischtes Bild. Einige Segmente wurden durch die Zinswende und den Entzug überschüssiger Liquidität in die Defensive gedrängt. Insgesamt sind Anlageklassen, die im Nullzinsumfeld stark von billiger Fremdfinanzierung profitierten, stärker gefährdet als fundamental robuste Cashflow-Geschäftsmodelle.
Makro-Umfeld: Höhere Zinsen, restriktivere Liquidität
Das makroökonomische Umfeld unterscheidet sich strukturell von der Situation während des Covid-Tiefs. Damals reagierten Notenbanken und Regierungen mit historisch beispiellosen Liquiditätsspritzen und fiskalischen Stimuli. Heute agieren die Zentralbanken in einem Umfeld höherer Inflation deutlich zurückhaltender.
Die Kombination aus höheren Leitzinsen, Bilanzreduktionen der Notenbanken (Quantitative Tightening) und weniger expansiver Fiskalpolitik bildet einen Gegenwind, der Risikoanlagen anfälliger für Rückschläge macht. Die implizite „Fed-Put“-Erwartung ist schwächer ausgeprägt als noch 2020–2021.
Marktstruktur und Sentiment
Das Sentiment ist deutlich optimistischer als zum Covid-Tief. Risikoaversion ist zurückgegangen, Absicherungsquoten sind geringer. Gleichzeitig haben die Märkte in den vergangenen Jahren eine starke Hausse erlebt, was den psychologischen Puffer gegenüber Rückschlägen reduziert.
Die Marktstruktur ist verstärkt durch passive und regelbasierte Strategien geprägt. Dies kann in Stressphasen zu prozyklischen Bewegungen führen, da Abflüsse aus Indexprodukten und gehebelten Vehikeln zu beschleunigten Kursbewegungen beitragen.
Vergleich zum Corona-Tief: Damals Chance, heute mehr Risiko
Am Corona-Tief 2020 reflektierten die Märkte extreme Unsicherheit, gleichzeitig boten niedrige Bewertungen und Nullzinsen ein außergewöhnlich günstiges Chance-Risiko-Verhältnis für langfristige Anleger. Heute ist die Ausgangslage invertiert: Viele Risiken sind sichtbarer, aber in den Preisen nur begrenzt berücksichtigt, während die Bewertungspuffer in wichtigen Anlageklassen aufgezehrt sind.
Die Analyse bei Seeking Alpha kommt zu dem Schluss, dass Investoren im Vergleich zu 2020 heute eine geringere erwartete Mehrrendite für das Eingehen von Marktrisiken erhalten – bei einer gleichzeitig ungünstigeren geldpolitischen Ausgangslage.
Implikationen für konservative Anleger
Für konservative Anleger bedeutet diese Konstellation, dass die Rolle von Risikoanlagen im Portfolio neu justiert werden sollte. Angesichts höherer Renditen am Anleihemarkt lässt sich ein größerer Teil der Ertragsziele wieder über festverzinsliche Wertpapiere abdecken, ohne sich starkem Aktienmarktrisiko auszusetzen.
Eine Fokussierung auf Qualität – solide Bilanzen, stabile Cashflows, moderate Verschuldung – gewinnt an Bedeutung. Gleichzeitig erscheint es sinnvoll, Bewertungsdisziplin zu verschärfen, Klumpenrisiken in hoch bewerteten Wachstumssegmenten zu reduzieren und Liquiditätsreserven nicht weiter abzubauen.
Fazit: Konservative Positionierung im Spätzyklus
Sechs Jahre nach dem Covid-Crash haben sich die Märkte weit von den Niveaus der Panikbewertung entfernt, während das makroökonomische Umfeld deutlich weniger unterstützend ist. Die Analyse von Seeking Alpha zeigt, dass die Risikoprämien vieler Anlageklassen im historischen Vergleich mager ausfallen.
Konservative Anleger könnten daraus ableiten, die Aktienquote behutsam zu überprüfen, Gewinne in überhitzten Segmenten schrittweise zu realisieren und die Allokation in qualitativ hochwertige Anleihen mit attraktiven Kupons zu erhöhen. Eine breitere Diversifikation, erhöhte Liquiditätspuffer und ein klarer Fokus auf Qualitätswerte erscheinen in diesem Umfeld als rationale Reaktion, um das Portfolio robuster gegen mögliche Marktverwerfungen zu machen.