MOSKAU (dpa-AFX) - Nach dem Fund einer Drohne mit Sprengstoff auf dem Flughafen Halle/Leipzig spricht aus Sicht des Russland-Experten Matthias Uhl nur auf den ersten Blick manches für eine mögliche Aktion russischer Geheimdienste. "Allerdings gibt es auch Fragen, die eine mögliche russische Beteiligung in Zweifel stellen", sagte Uhl der Deutschen Presse-Agentur in Moskau. Weil Moskaus Agenten im Westen unter strenger Beobachtung stünden, "dürfte es schwierig sein, eine so komplizierte Operation von dort aus zu steuern", sagte Uhl, der ein Buch über den Militärgeheimdienst GRU geschrieben hat.
Für dich zusammengefasst:
Drohne mit Sprengstoff fand am Flughafen Halle/Leipzig.
Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen Sprengstoffexplosion.
Russische Nachrichtendienste könnten an Aktion beteiligt sein.
Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts des versuchten Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und des gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr, teilte die Karlsruher Behörde mit. Ein konkreter Verdacht ist nicht bekannt.
Zwar könnten russische Nachrichtendienste sogenannte Wegwerf-Agenten leicht anwerben, es handele sich aber hier um eine komplexe Aktion, sagte Uhl weiter. "Die Beschaffung der nötigen Sprengstoff- und Zündmittel, aber auch deren Vorbereitung auf einen Einsatz erfordern entsprechende Spezialkenntnisse, über die nur ausgebildete Experten verfügen", erklärte er.
Uhl: Mögliches Ziel des Militärgeheimdienstes GRU
Dass Russland als verantwortlicher Akteur infrage komme, liege vor allem an dem Ziel. Die Drohne war in der Nähe eines ukrainischen Flugzeugs entdeckt worden. "Die Antonow An-124 gehört zu den größten Transportflugzeugen der Welt und spielt eine Schlüsselrolle bei der Versorgung der ukrainischen Streitkräfte mit westlichen Waffen und Munition", sagte Uhl. "Da sie nicht mehr gebaut wird, würde der Ausfall schon einer Maschine die Ukraine vor beträchtliche Schwierigkeiten bei der militärischen Logistik stellen."
Uhl verwies darauf, dass gerade Munition für die Ukraine schon mehrfach im GRU-Visier gestanden habe. "So erfolgten 2014 in Tschechien zwei Sprengungen in einem Munitionsdepot, das bulgarische Granaten an die ukrainischen Streitkräfte lieferte. Hierfür machten entsprechende Stellen Agenten des GRU verantwortlich." Auch der aktuelle Fall scheine zunächst für russische Geheimdienste zu sprechen, zumal Deutschland mittlerweile größter militärischer Unterstützer der Ukraine sei.
Kritik an deutschen Sicherheitsbehörden
Für möglich hält Uhl gleichwohl eine Operation unter "falscher Flagge", die vielleicht die Aufmerksamkeit gezielt in Richtung Russland lenken solle. "Für eine solche These spricht, dass sich die offiziellen deutschen Stellen bislang ausdrücklich mit Schuldzuweisungen an Moskau zurückhalten", erklärte er. "Vielleicht war es auch Absicht, dass der Zünder nicht funktionierte."
Uhl sieht nicht zuletzt Versäumnisse bei den deutschen Sicherheitsbehörden. "Auf jeden Fall zeigt sich erneut, dass die Gefahr von hybriden Angriffen in Deutschland, aber auch in anderen Staaten nicht wirklich ernst genommen wird, auch wenn alle über diese Bedrohungsform reden", sagte er. Es werfe Fragen auf, "warum im fünften Kriegsjahr ukrainische Transportflugzeuge, die von Deutschland aus wichtige Waffentransporte für das Land durchführen, nicht bewacht werden"./mau/DP/mis
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