ROUNDUP/So ist die Lage in London: Vier Rücktritte und ein König
LONDON (dpa-AFX) - Eigentlich sollen heute im britischen Parlament alle Augen auf König Charles III. gerichtet sein. Mit Krone und Gewand eröffnet der Monarch ab 12.30 (MESZ) feierlich das Sitzungsjahr und verliest die Gesetzesvorhaben - mitten in der tiefen Regierungskrise ist aber weiter offen, wer diese in den kommenden Monaten umsetzen wird. Premierminister Keir Starmer muss jeden Tag aufs Neue um sein Amt kämpfen, seine Partei ist gespalten.
Seit den für Labour desolaten Regionalwahlen am Donnerstag sind vier Junior-Minister (Parliamentary Under-Secretary of State) aus Protest gegen den Premier zurückgetreten, zudem mehrere Regierungsmitarbeiter. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge ist die Zahl der Abgeordneten, die Starmer zum Rücktritt auffordern, auf mindestens 80 gestiegen.
Die Zahl würde reichen, um ihn innerparteilich in eine sogenannte Führungswahl zu zwingen. Die Kritiker müssten sich aber hinter einer Gegenkandidatur vereinen, und danach sieht es momentan nicht aus. Immer wieder fällt der Name von Gesundheitsminister Wes Streeting, der sich dazu aber bislang nicht öffentlich geäußert hat. Der BBC und Sky News zufolge trifft sich Starmer heute mit Streeting noch vor der Parlamentseröffnung zum Gespräch.
Von außen äußerten sich in den vergangenen Stunden kaum Gegner. Bei den Regionalwahlen hatten die Rechtspopulisten von Reform UK mit Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage triumphiert, der 62-Jährige möchte Premierminister werden. Der große Labour-Streit dürfte Reform sehr gelegen kommen. Die nächste britische Parlamentswahl ist eigentlich für 2029 geplant - je tiefer die Krise wird, desto höher werden die Chancen auf eine vorgezogene Wahl.
Starmers Fürsprecher
Am Dienstag überstand der Premierminister eine Krisenkabinettssitzung schadlos. Mehrere Ministerinnen und Minister sprachen Starmer im Anschluss öffentlich das Vertrauen aus. Vize-Premierminister David Lammy forderte in der BBC dazu auf, "einen Schritt zurückzutreten" und Farage und Reform nicht in die Karten zu spielen. Starmer habe seine "volle Unterstützung". Zudem sei niemand hervorgetreten, um sich als Gegenkandidat aufzustellen.
Dazu kam eine Erklärung von mehr als 100 Abgeordneten, die vor einem Führungswahlkampf warnten. Die Partei habe "ein verheerend schlechtes Wahlergebnis erlebt", heißt es darin laut der Nachrichtenagentur PA. Die Aufgabe, die Gunst der Wähler zurückzugewinnen, sei schwierig. Deshalb müsse die Arbeit daran sofort beginnen, "indem wir alle gemeinsam daran arbeiten, den Wandel umzusetzen, den das Land braucht".
Innenministerin Shabana Mahmood ließ über einen Sprecher mitteilen, dass sie unbeirrt ihre Arbeit mache. Zuvor war berichtet worden, die Ministerin hätte zu denen gehört, die Starmer im vertraulichen Gespräch einen baldigen Rücktritt nahegelegt hätten. Deshalb war im Laufe des Dienstags auch mit ihrem Rückzug gerechnet worden. Dieser blieb - wie auf allen großen Ministerposten - aber aus.
Die Rolle des Königs
König Charles III. dürfte eine sehr klare Meinung zu den Vorgängen rund um den Amtssitz des Premiers in der Downing Street haben. Es gehört aber zum guten Ton zwischen Monarch und Parlament, sich jeweils nicht öffentlich beim anderen einzumischen. Möglicherweise baut der König aber Hinweise in die traditionelle "King's Speech" ein.
Nach der Rede des Königs debattieren die Abgeordneten normalerweise mehrere Tage lang über die Inhalte, ehe es zu einer Abstimmung kommt. Die Regierung verliert diese selten - allerdings war auch selten eine Regierung in einer Situation wie dieses Mal./mj/DP/zb
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