Rheinmetall-Aktie im Sommertief: Wo Papperger an seine Grenzen stößt

Nicolas Fuchs Nicolas Fuchs
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Nicolas ist seit 2016 Redakteur bei ARIVA.DE. Seine Expertise in der technischen Analyse und sein Engagement für genaue Prognosen machen ihn zu einer wertvollen Ressource für die Community, die auf aussagekräftige News angewiesen ist.

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Der von Rheinmetall produzierte Schützenpanzer Lynx vor einem ungarischen Werk.
©Rheinmetall AG
Rekordaufträge, aber rote Vorzeichen im Depot: Die Rheinmetall-Aktie hat 2026 rund ein Drittel ihres Wertes eingebüßt und steht unter der 38 Tage-Linie. Konzernchef Armin Papperger gerät wegen gestoppter Großprojekte, Lieferverzögerungen und einer stark auf ihn zugeschnittenen Führungsstruktur zunehmend unter Druck.
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Eine Aktie mit Kratzern im Lack

Wer in den vergangenen vier Jahren in die Rheinmetall-Aktie investiert hat, blickt auf eine der spektakulärsten Kursentwicklungen der jüngeren DAX-Geschichte zurück, aber auch auf ein schwieriges Jahr 2026. Notierte das Papier im Oktober 2025 noch bei rund 2.000 Euro, pendelte der Kurs Anfang September 2026 nur noch um die 1.070 Euro. Auf Jahressicht bedeutet das ein Minus von knapp 30 Prozent, womit Rheinmetall zu den schwächsten Werten im deutschen Leitindex zählt. Die Marktkapitalisierung liegt aktuell bei rund 50 Milliarden Euro – beeindruckend im Vergleich zu den vier Milliarden Euro vor Kriegsbeginn in der Ukraine, aber ein deutlicher Rückschlag gegenüber dem Rekordwert vom Herbst 2025.

Im Zentrum der Debatte steht ein Mann: Armin Papperger, seit 2013 Vorstandsvorsitzender des Düsseldorfer Konzerns und seit dem Bekanntwerden russischer Anschlagspläne gegen ihn im Jahr 2024 rund um die Uhr von Personenschützern begleitet. Kaum ein anderer deutscher Manager verkörpert derart unmittelbar die sicherheitspolitische Zeitenwende. Und kaum ein anderer DAX-Konzern hängt so stark am Geschick einer einzigen Führungsfigur wie Rheinmetall an Papperger.

Zehnfacher Kurs, ambitionierte Ziele

Werte aus dem Artikel:
Rheinmetall Aktie 959,90 € +1,03%
TKMS AG + Co Aktie 78,50 € -2,24%

Die Wachstumsstory ist bekannt: Seit Russlands Angriff auf die Ukraine und der von Ex-Kanzler Olaf Scholz ausgerufenen Zeitenwende beliefert Rheinmetall die Bundeswehr, zahlreiche Nato-Partner und die Ukraine mit Munition, Panzern, Flugabwehrsystemen und zunehmend auch Satelliten und Drohnen. Allein Deutschland könnte bis 2035 mehr als 600 Milliarden Euro in die Verteidigung investieren. Davon fließt ein erheblicher Teil an den DAX-Konzern. Bis 2030 soll sich der Umsatz auf 50 Milliarden Euro verzehnfachen, der Gewinn sogar verzwanzigfachen. Das Auftragsbuch dürfte zum Jahresende die Marke von 100 Milliarden Euro überschreiten.

Ein Blick auf die fundamentalen Kennzahlen zeigt allerdings, wie ambitioniert diese Bewertung bereits ist: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt derzeit bei über 100 – ein Vielfaches dessen, was für etablierte Industriekonzerne üblich ist. Analysten sehen die Kurszielle in einer breiten Spanne zwischen rund 1.300 und 2.300 Euro, was ebenfalls die Unsicherheit über den weiteren Kurs der Rheinmetall-Aktie unterstreicht.

Erste Risse im Wachstumsfundament

Operativ läuft es längst nicht mehr so glatt, wie es die beeindruckenden Wachstumsraten der vergangenen Jahre suggerierten. Im Juni musste der Konzern seine Umsatzprognose für das laufende Jahr senken, nachdem ein als sicher geglaubter Fregattenauftrag der Bundeswehr gestoppt wurde. Bei mehreren wichtigen Panzerprojekten – etwa dem Schweren Waffenträger Infanterie – kam es zu Liefervrezögerungen, die Verteidigungsminister Boris Pistorius öffentlich kritisierte. Auch beim gemeinsamen Panzer-Joint-Venture mit dem italienischen Rüstungskonzern Leonardo wackeln die ursprünglichen Wachstumsziele, da die italienischen Staatskassen knapp sind.

Die US-Bank JPMorgan verweist auf zunehmende mittelfristige Unsicherheiten und rechnet aufgrund geänderter Prognosen für den Auftragsbestand mit geringeren Umsätzen zwischen 2027 und 2030. Hinzu kommt ein strukturelles Klumpenrisiko: Über 60 Prozent aller Aufträge stammen derzeit aus Deutschland, alternative Absatzmärkte in vergleichbarer Größenordnung existieren nicht. Das meiste Geld verdient Rheinmetall zudem weiterhin mit klassischer Munition und Kettenfahrzeugen. Genau diese Produktkategorien dürften jedoch tendenziell in der Verteidigungsplanung tendenziell an Bedeutung verlieren.

Eine Führung ohne echte Nummer zwei

Verstärkt wird die Verwundbarkeit des Konzerns durch seine Führungsstruktur. Eine wirkliche Nummer zwei gibt es bei Rheinmetall nicht. Zwar gilt Chief Operating Officer René Gansauge als möglicher Nachfolgekandidat, in die ganz großen strategischen Entscheidungen soll er nach Einschätzung von Konzerninsidern jedoch kaum eingebunden sein. Rheinmetall selbst weist die Darstellung zurück und betont, der Vorstand treffe Entscheidungen gemeinsam und im Einvernehmen. Unabhängig davon bleibt festzuhalten: Sollte Papperger ausfallen, stünde der Konzern vor der Frage, wie sich sein enormes Detailwissen und seine politischen Kontakte ersetzen ließen.

Vom Nischenanbieter zum Systemhaus

Papperger, der 1990 nach seinem Maschinenbaustudium bei Rheinmetall anfing und den Konzern seit 2013 durch die mageren Jahre der sogenannten Friedensdividende und anschließend durch die Zeitenwende führte, verfolgt eine klare Strategie: Rheinmetall soll zum "One-Stop-Shop" für Verteidigungstechnik werden – von Fregatten über Flugabwehr-, Transport- und Kampfpanzer bis hin zu Aufklärungssatelliten, Munition, Marschflugkörpern und Kampfdrohnen. Um Tempo bei neuen Technologiefeldern aufzunehmen, in denen der Konzern selbst keine Expertise besitzt, setzt Papperger auf Joint Ventures: mit dem finnischen Start-up Iceye bei Radarsatelliten, mit Boeing Australia bei Drohnen und mit dem niederländischen Unternehmen Destinus bei Marschflugkörpern. Im nordrhein-westfälischen Weeze fertigt Rheinmetall zudem Rumpfteile für Lockheed Martins Kampfjet F-35.

Seit dem DAX-Aufstieg 2023 gilt Papperger zudem als einer der vermögendsten Vorstandsvorsitzenden in der Geschichte des Index. So soll sein Aktienvermögen, aufgebaut über mehr als 20 Jahre eigener Investments in das Unternehmen auf einen dreistelligen Millionenbetrag gewachsen sein.

Verpasste Chancen: Fregatte, Drohne und der Fall TKMS

Wie ambitioniert und wie riskant Pappergers Expansionskurs mitunter ist, zeigt das gescheiterte Fregattenprojekt F-126. Nachdem Kosten und Zeitplan des ursprünglichen niederländischen Generalunternehmers aus dem Ruder liefen, übernahm Rheinmetall eigens die Marinesparte der Lürssen-Werft (NVL), um den Zuschlag für das Milliardenprojekt zu erhalten. Der Auftrag kam letztlich nicht, ein herber Rückschlag für die Marinepläne des Konzerns.

Bemerkenswert dabei: Ursprünglich hatte Papperger sogar Interesse am U-Boot-Hersteller TKMS gezeigt, der damals noch zu Thyssenkrupp (ThyssenKrupp Aktie) gehörte. Das Vorhaben zerschlug sich. TKMS wurde abgespalten, ging eigenständig an die Börse und entwickelte sich seither zum Überraschungserfolg im deutschen Rüstungssektor mit milliardenschweren U-Boot-Aufträgen aus Deutschland und Kanada sowie Perspektiven auf weitere Geschäfte in Indien. Wer die Entwicklung der TKMS-Aktie verfolgt, sieht darin einen interessanten Kontrapunkt zur aktuellen Kursschwäche bei Rheinmetall: Während Rheinmetall 2026 unter Druck steht, zählt die TKMS-Aktie zu den gefragteren Titeln der Branche.

Auch bei einer geplanten Kampfdrohne für die Luftwaffe droht Rheinmetall leer auszugehen: Ein zunächst erwarteter Erstauftrag im Umfang von knapp einer Milliarde Euro über die Kooperation mit Boeing Australia dürfte ausbleiben, da die Bundeswehr offenbar zunächst Angebote von Wettbewerbern wie Helsing und Airbus abwarten will. Auch die Beschaffung des Radpanzers Boxer im Rahmen des Projekts „Arminius" verzögert sich. Éin erstes Kontingent im Auftragswert von 12,4 Milliarden Euro für Rheinmetall soll nun erst Ende des Jahres bestellt werden.

Zwischen Rahmenvertrag und Realität

Ein weiterer Risikofaktor betrifft die Bilanzstruktur: Ein erheblicher Teil der ausgewiesenen Aufträge sind sogenannte „Nomination"-Rahmenverträge – Vereinbarungen, bei denen unklar ist, wann und in welchem Umfang sie tatsächlich abgerufen werden. Zum Ende des ersten Halbjahres summierten sich diese Verträge auf über 24 Milliarden Euro. Sollte der Krieg in der Ukraine enden, könnte der politische Druck zur schnellen Bestellung sinken: Ein Szenario, das Rheinmetall selbst mit Verweis auf die langfristigen Nato-Verteidigungspläne und den notwendigen Wiederaufbau der Bestände relativiert.

Politischer Druck wächst

Auch aus Berlin kommt zunehmend Kritik. Verteidigungsminister Pistorius mahnte die Industrie zuletzt öffentlich, vereinbarte Liefertermine einzuhalten. Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte in seinem Sommerinterview an, Rüstungsprojekte künftig deutlich kosteneffizienter gestalten zu wollen, und verwies dabei auf die Beschaffungspraxis in der Ukraine als Vorbild. Gemeinsam mit Pistorius sollen nun die gesamten Beschaffungsverfahren überprüft werden – ein Vorhaben, das auch Rheinmetalls Preisgestaltung und Liefertempo stärker in den Fokus rücken dürfte.

Saisonmuster und Ausblick

Charttechnisch fällt auf, dass Schwächephasen im Sommer bei Rüstungswerten keine Seltenheit sind. In den vergangenen zehn Jahren verzeichnete die Rheinmetall-Aktie in den Monaten Juni und August im Durchschnitt negative Vorzeichen, während die Wintermonate historisch zu den stärkeren Börsenphasen des Titels zählten. Ob sich dieses saisonale Muster 2026 wiederholt, bleibt offen. Entscheidend dürfte sein, ob Rheinmetall die angekündigte Industrialisierung der Produktion tatsächlich vorantreibt und die poiltisch aufgeladenen Erwartungen an Liefertempo und Kosteneffizienz erfüllen kann.

Für Anleger bleibt die Gemengelage ambivalent: Die strukturelle Nachfrage nach Verteidigungsgütern in Europa ist ungebrochen, das Auftragsvolumen historisch hoch. Gleichzeitig zeigen die jüngsten Rückschläge, dass auch ein Konzern mit Rekordmargen von über 17 Prozent im ersten Halbjahr nicht immun gegen operative Probleme, politische Ungeduld und die Risiken einer stark personenzentrierten Führung ist. 


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