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Frankreichs Schuldenkrise eskaliert. Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen hat die Marke von fünf Prozent durchbrochen. Es wächst die Gefahr eines globalen Zinsbebens.
Jahrzehntelang konnte Frankreich neue Schulden anhäufen, ohne dafür ernsthaft abgestraft zu werden. Die Europäische Zentralbank hielt die Zinsen niedrig, Investoren kauften französische Staatsanleihen und die Politik verschob jede grundlegende Reform. Doch diese Schonfrist ist vorbei.
Am 22. Oktober stieg die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen zeitweise auf 5,14 Prozent – den höchsten Stand seit 2002. Der Abstand zu deutschen Bundesanleihen weitete sich auf fast 178 Basispunkte aus. Solche Risikoaufschläge gab es zuletzt während der europäischen Staatsschuldenkrise 2011. Frankreich muss inzwischen zeitweise mehr Zinsen zahlen als Italien, Griechenland und sogar die USA.
Paris verliert die Kontrolle über seine Schulden
Ende Juni 2026 erreichte Frankreichs Staatsverschuldung 3.595,5 Milliarden Euro. Das entsprach 119 Prozent der Wirtschaftsleistung. Innerhalb von nur drei Monaten kamen weitere 59,6 Milliarden Euro hinzu. Seit Emmanuel Macron 2017 Präsident wurde, ist der Schuldenberg um rund 1,3 Billionen Euro gewachsen. Einen ausgeglichenen Staatshaushalt hat Frankreich seit 1974 nicht mehr vorgelegt.
Die schleichende Gefahr liegt im Zinseszinseffekt. Verteuert sich der durchschnittliche Zinssatz auf den gesamten Schuldenbestand langfristig um nur einen Prozentpunkt, steigt die jährliche Belastung rechnerisch um fast 36 Milliarden Euro. Bei zwei Prozentpunkten wären es bereits 72 Milliarden Euro und so weiter.
Noch wirken sich die höheren Marktzinsen nicht vollständig aus. Die durchschnittliche Laufzeit der französischen Staatsschulden beträgt rund 8,4 Jahre. Doch mit jeder Refinanzierung ersetzt Paris alte, niedrig verzinste Papiere durch deutlich teurere Anleihen. Der Druck baut sich langsam auf, verschwindet aber nicht mehr, solange die Renditen hoch bleiben.
Für 2027 plant die französische Schuldenagentur bereits mit einem Finanzierungsbedarf von 339,7 Milliarden Euro. Das sind 28 Milliarden Euro mehr als in der aktualisierten Planung für 2026. Jede neue Anleiheauktion wird damit zu einer Abstimmung über die Glaubwürdigkeit der französischen Politik.
Das Haushaltsloch droht außer Kontrolle zu geraten
Die Regierung will das Defizit 2027 auf fünf Prozent der Wirtschaftsleistung senken. Selbst dieses Ziel liegt noch weit über der europäischen Obergrenze von drei Prozent. Ohne eine politische Einigung könnte das Haushaltsloch laut Reuters jedoch auf 6,4 Prozent anschwellen. Bereits beschlossene Änderungen am Budgetentwurf würden die Finanzierungslücke um weitere 10 Milliarden Euro vergrößern.
Damit gerät Frankreich in einen politischen Teufelskreis. Ausgabenkürzungen lösen Proteste aus, Steuererhöhungen belasten Unternehmen und Verbraucher, während ein weiteres Verschieben der Reformen die Renditen nach oben treibt. Bei einem Wirtschaftswachstum von kaum mehr als einem halben Prozent fehlt zudem die Dynamik, um den Schuldenberg aus eigener Kraft zu stabilisieren.
Bis 2030 könnten sich die französischen Zinsausgaben auf rund vier Prozent der Wirtschaftsleistung erhöhen. Dann würde ein immer größerer Teil der Steuereinnahmen nicht mehr in Infrastruktur, Bildung, Verteidigung oder Digitalisierung fließen, sondern direkt an die Gläubiger des Staates.
Besorgniserregend ist auch die Struktur der Investoren. Ausländische Anleger hielten Ende Juni 58,4 Prozent der langfristigen französischen Staatspapiere. Im ersten Quartal waren es noch 55,9 Prozent. Frankreich hängt damit zunehmend von internationalen Geldgebern ab, die bei einem Vertrauensverlust wesentlich schneller verkaufen können als heimische Versicherungen oder Pensionsfonds.
Die Ratingagenturen stehen bereits an der Tür
Frankreich wird von Fitch und Standard & Poor’s nur noch mit A+ bewertet. Scope senkte seine Note im September ebenfalls auf A+. Moody’s führt Frankreich mit Aa3 zwar noch eine Stufe höher, hat den Ausblick aber auf negativ gesetzt. Am 23. Oktober steht die nächste Überprüfung an. Analysten rechnen teilweise mit einer Herabstufung auf A1.
Eine solche Entscheidung würde Frankreich noch nicht in die Nähe des Ramschniveaus bringen. Sie wäre dennoch ein weiteres Signal, dass die Kreditwürdigkeit der zweitgrößten Volkswirtschaft der Eurozone erodiert. Der Markt ist bereits pessimistischer, denn Preise für Kreditausfallversicherungen deuten laut Reuters eher auf ein Rating im Bereich BBB hin.
Die Europäische Zentralbank könnte bei einer unkontrollierten Marktpanik eingreifen. Doch dafür müssten die Kursbewegungen die Übertragung der Geldpolitik gefährden. Solange Anleger lediglich höhere Risikoprämien für eine offensichtlich schlechtere Haushaltspolitik verlangen, dürfte die EZB kaum bereit sein, Paris einen Freifahrtschein auszustellen.
Aus Frankreichs Krise wird Europas Problem
Frankreich ist zu groß, um seine Schuldenkrise als nationales Problem abzutun. Seine Wirtschaftsleistung, sein Bankensystem und sein gewaltiger Anleihemarkt sind tief mit dem Rest Europas verflochten. Gerät Paris dauerhaft unter Druck, steigen auch in anderen hoch verschuldeten Staaten die Risikoaufschläge.
Dieses Phänomen ist bereits zu beobachten. Auch die Renditen italienischer, spanischer und belgischer Staatsanleihen zogen an. Italiens zehnjährige Rendite stieg im Verlauf der Woche auf mehr als 4,6 Prozent. Marktbeobachter halten es inzwischen für möglich, dass der französisch-deutsche Renditeabstand die Marke von zwei Prozentpunkten überschreitet.
Die europäischen Banken geraten dadurch ebenfalls ins Visier. Am 19. Oktober verloren BNP Paribas und Société Générale jeweils rund drei Prozent. Seit Anfang August büßten die großen französischen Banken im Durchschnitt etwa 20 Prozent ihres Börsenwertes ein.
Zwar sind die direkten Bewertungsrisiken französischer Banken begrenzt. Nur rund zehn Prozent ihrer inländischen Staatsanleihen werden zum aktuellen Marktwert bilanziert. Doch das größere Risiko entsteht indirekt, denn höhere Staatsrenditen verteuern die Refinanzierung der Banken, drücken auf Immobilienpreise und Unternehmensinvestitionen und erhöhen langfristig die Gefahr von Kreditausfällen.
So kann der bekannte Teufelskreis der Eurokrise zurückkehren. Schwächere Staaten belasten ihre Banken, schwächere Banken bremsen die Kreditvergabe. Die Wirtschaft verliert an Kraft, Steuereinnahmen fallen und die Schuldenquote steigt weiter. Aus einem Haushaltsproblem wird dann ein Problem des gesamten Finanzsystems.
Europas Staaten fluten den Markt mit neuen Anleihen
Während die Investoren nervöser werden, erreicht das Angebot an Staatsschulden neue Rekorde. Für 2027 wird mit Anleiheemissionen der Eurostaaten von insgesamt rund 1,58 Billionen Euro gerechnet. Allein Deutschland könnte brutto etwa 400 Milliarden Euro aufnehmen.
Damit konkurrieren Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Belgien und die Europäische Union gleichzeitig um das Kapital der Anleger. Hinzu kommen höhere Verteidigungsausgaben, Investitionen in Energienetze, die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Konflikts und die weiterhin gewaltigen Kosten der vergangenen Krisen.
Selbst Deutschland kann den Markt nicht mehr mit einem begrenzten Angebot sicherer Bundesanleihen stabilisieren. Die geplanten Milliardenprogramme treiben auch dort die Emissionen nach oben. Dadurch steigt der Referenzzins für die gesamte Eurozone und Frankreich muss zusätzlich eine wachsende Risikoprämie bezahlen.
Die Schuldenquote der Eurozone lag im zweiten Quartal bei 88,8 Prozent. Griechenland kam auf 140,8 Prozent, Italien auf 139,9 Prozent, Frankreich auf 119,1 Prozent, Belgien auf 110,2 Prozent und Spanien auf 101,4 Prozent.
Der Unterschied der verschiedenen Länder liegt jedoch in der Trendrichtung. Griechenland senkte seine Quote innerhalb eines Jahres um 11,2 Prozentpunkte. Frankreich erhöhte sie um 3,7 Punkte. Anleger bestrafen deshalb nicht nur die Höhe der Schulden, sondern die erkennbare Unfähigkeit, den Trend umzukehren.
Amerikas Schuldenuhr tickt noch schneller
Wer angesichts der europäischen Probleme in US-Staatsanleihen flüchtet, landet beim nächsten Schuldenriesen. Die Vereinigten Staaten haben inzwischen die Marke von 40 Billionen Dollar Staatsschulden überschritten.
Im Haushaltsjahr 2026 erreichte das Defizit 1,99 Billionen Dollar beziehungsweise 6,2 Prozent der Wirtschaftsleistung, das in einer Phase ohne klassische Rezession. Die staatlichen Ausgaben stiegen auf 7,4 Billionen Dollar, während die Einnahmen mit 5,4 Billionen Dollar nicht annähernd Schritt hielten.
Besonders alarmierend sind die Zinskosten. Der gesamte Schuldendienst erhöhte sich um 12 Prozent auf 1,36 Billionen Dollar. Die Nettozinsausgaben überschritten eine Billion Dollar und liegen damit bereits über dem US-Verteidigungsetat.
Auch am amerikanischen Anleihemarkt zeigen sich erste Risse. Die Rendite 20-jähriger US-Staatsanleihen erreichte bei einer Auktion 5,469 Prozent, den höchsten Wert seit Januar 1986. Selbst die USA müssen Anlegern inzwischen deutlich höhere Erträge bieten, damit diese immer größere Mengen neuer Schulden aufnehmen.
Das Congressional Budget Office erwartet, dass das jährliche Defizit bis 2036 auf 3,1 Billionen Dollar wächst. Der Anteil der Bundesschulden an der Wirtschaftsleistung könnte auf 120 Prozent steigen. Damit verschwimmt der Unterschied zwischen vermeintlich sicheren und hoch verschuldeten Staaten immer stärker.
Japan bleibt das größte Zinsrisiko der Industrieländer
Japan besitzt mit rund 207 Prozent der Wirtschaftsleistung weiterhin die höchste öffentliche Schuldenquote unter den großen Industrieländern. Bisher blieb das System stabil, weil ein großer Teil der Schulden im Inland gehalten wird, die Bank of Japan die Renditen kontrollierte und die durchschnittliche Laufzeit der Staatspapiere bei etwa neun Jahren liegt.
Doch auch dieser Schutz ist nicht unbegrenzt. Steigen Inflation und Leitzinsen dauerhaft, werden alte Niedrigzinsanleihen schrittweise durch teurere Papiere ersetzt. Bei einem Schuldenberg dieser Größe reichen bereits geringe Veränderungen des durchschnittlichen Zinssatzes, um die Haushaltsrechnung massiv zu verschlechtern.
Japan zeigt damit dasselbe Grundproblem wie Frankreich, nur in extremerer Größenordnung. Die Belastung entsteht nicht an einem einzigen Tag. Sie frisst sich mit jeder Refinanzierung tiefer und tiefer in den Staatshaushalt.
Die globale Schuldenlawine erreicht neue Rekorde
Der Internationale Währungsfonds bezifferte die weltweite öffentliche Verschuldung für 2025 auf knapp 94 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Bereits 2029 soll die Marke von 100 Prozent erreicht werden. In den Industrieländern könnte die Quote innerhalb von fünf Jahren von 108 auf 115 Prozent steigen.
Dabei konkurrieren nicht nur Staaten um Kapital. Laut OECD wollen Regierungen und Unternehmen 2026 rund 29 Billionen Dollar über die Anleihemärkte aufnehmen. Das sind vier Billionen Dollar beziehungsweise 17 Prozent mehr als 2024 und doppelt so viel wie vor zehn Jahren.
Diese Summen treffen auf Notenbanken, die ihre Anleihebestände nicht mehr grenzenlos ausweiten können. Während der Nullzinsphase kauften Zentralbanken einen großen Teil der Neuemissionen auf. Heute kämpfen sie gleichzeitig gegen Inflation und finanzielle Instabilität.
Senken sie die Zinsen zu früh, droht die Inflation erneut außer Kontrolle zu geraten. Halten sie die Zinsen hoch, verschärfen sie die Schuldenprobleme der Staaten. Beginnen sie wieder mit großen Anleihekäufen, entsteht der Eindruck, dass Geldpolitik zunehmend zur Staatsfinanzierung eingesetzt wird.
Der Bondmarkt könnte die Politik zur Kapitulation zwingen
Frankreich steht noch nicht vor der Zahlungsunfähigkeit. Auch die USA oder Japan werden ihre Verpflichtungen nicht über Nacht einstellen. Die eigentliche Gefahr ist schleichender und wird deshalb noch unterschätzt.
Immer größere Teile der Staatshaushalte fließen an die Gläubiger. Gleichzeitig müssen Regierungen Infrastruktur, Verteidigung, Renten, Gesundheitssysteme und den Umbau der Energieversorgung finanzieren. Für alles gleichzeitig reicht das Geld nicht mehr.
Dann bleiben nur unangenehme Lösungen wie höhere Steuern, geringere staatliche Leistungen, mehr Inflation oder erneut massive Eingriffe der Notenbanken. Jede dieser Varianten belastet Wirtschaft und Kapitalmärkte auf andere Weise.
Frankreich ist deshalb nicht der Auslöser der weltweiten Schuldenprobleme. Das Land könnte jedoch der Punkt sein, an dem Investoren nicht länger bereit sind, politische Blockade und ausufernde Defizite ohne deutlich höhere Risikoprämien zu finanzieren.
Fast 3,6 Billionen Euro Schulden, Renditen von mehr als 5 Prozent, eine zerrissene politische Landschaft und ein Defizit weit oberhalb der europäischen Grenzen bilden eine explosive Mischung. Springt der Funke auf weitere Staaten über, droht Europa keine Wiederholung der alten Eurokrise. Es droht eine neue, größere Version, mit höheren Schulden, höheren Zinsen und wesentlich weniger Spielraum für die Notenbanken.
Autor: Stefan Feulner, wallstreetONLINE Redaktion