14:47 24Jul2002 RTRS-FOKUS 1-Panikverkäufe reißen Aktienkurse weiter in die Tiefe
Frankfurt, 24. Jul (Reuters) - Die massive Verkaufswelle an den internationalen Aktienmärkten hat sich am Mittwoch fortgesetzt und die Börsen auf ihre tiefsten Stände seit den letzten größeren Finanzmarktturbulenzen vor rund fünf Jahren gedrückt. "Das ist ganz klar eine Panikwelle", sagte ein Händler in Frankfurt, wo die Kurse am vierten Tag in Folge einbrachen.
Festverzinsliche Papiere profitierten indes von den Ausverkäufen bei den Aktien und legten kräftig zu. Das aus den Dividendenpapieren fließende Geld trieb Renten und Zins-Futures in neue Höhen. "Die Bindung an die Aktienmärkte bleibt sehr stark und wir reagieren nur auf das, was an den Börsen passiert", sagte ein Händler. Der Euro dümpelte derweil weiter knapp unter Paritätskurs zum Dollar.
Wie bereits in den Vortagen sorgte eine Mischung aus Furcht vor neuen Bilanzskandalen und Sorgen um Gewinneinbrüche bei den Firmen für eine derart schlechte Stimmung an den Märkten, dass jedwede negative Nachricht ungeachtet der Fundamentaldaten zu prozentual zweistelligen Kursverlusten führen konnte. Vor allem die Banken gerieten auf Grund ihrer vielzähligen und breiten Engagements in der Unternehmenslandschaft erneut unter Druck.
VERKAUFSWELLE RUND UM DEN GLOBUS - TIEFSTE STÄNDE SEIT 1997
Die Vorlage für die wiederholten Kurseinbrüche lieferte wie gewöhnlich die Wall Street, die am Vortag neue Tiefststände seit rund fünf Jahren markiert hatte. Im globalen Staffellauf um die höchsten Verluste sackte zunächst der Tokioter Nikkei-Index unter die markante Marke von 10.000 Punkten, die europäischen Indizes folgten mit Abstürzen zwischen zwei und vier Prozent.
Börsenexperten sprachen von panikartigen Verkäufen, die aber wohl noch nicht das Ende der Baisse markierten. "Vom Saisonzyklus her betrachtet könnten wir das Tief erst im September oder Oktober sehen", sagte Aktienstratege Volker Borghoff von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Seiner Ansicht nach dürfte es in den kommenden Wochen noch weiter bergab gehen. Grund seien die zahlreichen Schlechten Nachrichten und die Unsicherheiten über die weitere Entwicklung der Wirtschaft.
Allein der Deutsche Aktienindex (Dax) büßte seit Beginn dieses Monats nach Reuters-Berechnungen knapp 130 Milliarden Euro an Marktkapitalisierung ein. Für Analyst Konrad Becker vom Bankhaus Merck Finck eine klare Übetreibung: "Mit den bekannten Daten ist das nicht mehr zu erklären", kommentierte der Bankenspezialist. In einem derartige Sentiment werde jede Nachricht negativ interpretiert und in Verkäufe umgesetzt.
Prominete Börsenplätze wie London und New York liegen jetzt wieder auf ihren Niveaus von vor rund fünf Jahren, als die Märkte unter anderem von der Schuldenkrise in Russland und der Schieflage des Risikofonds LTCM erschüttert worden waren. "Das war aber was ganz anderes, da ging es nur um Liquiditätsfragen", sagte Aktienstratege Borghoff. "Das war gegenüber dem, was wir jetzt sehen, aber völlig unbedeutend", fügte er hinzu.
FINANZWIRTSCHAFT UND HOCHTECHNOLOGIE BESONDERS UNTER DRUCK
Unter besonders starkem Verkaufsdruck standen wie in den Vortagen die Aktien der Finanzwirtschaft. Die Branchenindizes des europäischen Kursbarometers Stoxx50 zeigten für Versicherer und Banken ein Minus von je vier Prozent an. Die Geldhäuser sind abgesehen von den eigenen Ertragsnöten wegen ihrer Ausleihungen und den zahlreichen Firmenbeteiligungen vom Konjunkturtief und den Bilanzierungs-Sorgen so zusagen doppelt getroffen.
"Nach dem Telekomsektor hat es jetzt die Versicherer und die Banken erwischt", sagte ein Analyst. Zum einen würden die Institute für ihre strategische Ausrichtung auf das stark marktabhängige Provisionsgeschäft abgestraft. Zudem seien sie Opfer der anhaltenden Angst vor weiteren weiteren Firmenpleiten oder Bilanzskandalen, von denen die Geldhäuser als Kreditgeber oder als Besitzer von Anteilen sogar direkt betroffen seien.
Auch die traditionell schwankungsanfälligen Aktienkurse der Technologiebranche notierten wieder einmal besonders tief im roten Bereich. Auslöser waren diesmal die schwachen Vorgaben der US-Börse Nasdaq sowie der Zwischenbericht von Siemens, der nach Angaben von Händlern wegen seines ernüchternden Ausblicks zu Verkäufen führte. Mehr als sechs Prozent brach das Papier des marktschweren Münchener Konzerns ein und zog europaweit die Titel der Konkurrenz mit in die Tiefe.
NUTZNIESSENDE RENTENMÄRKTE - EURO LEGT RUHEPAUSE EIN~
Nutznießer der Börsenpanik waren die Anleihemärkte, die als "sichere Häfen" das aus den Aktien flüchtende Kapital aufnahmen. Begünstigt von den Inflationsdaten einiger Bundesländer zogen der Bund-Future und die richtungsweisende zehnjährige um je mehr als 40 Basispunkte an. Mit einer Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) rechnen indes immer weniger Marktteilnehmer.
Der Euro pendelte derweil mit rund 99,33 Cents weiter unter dem jüngst erst eroberten Paritätskurs zum Dollar, den er nach Einschätzung von Kennern aber schon bald wieder überspringen könnte. "Die Gewinne des Dollar vom Vortag waren wahrscheinlich nur eine Positionsanpassung", sagte ein Londoner Devisenhändler. "Und es ist schwierig, eine weitere Rally zu erwarten, wenn aus den USA so viele negative Nachrichten kommen."
pew/ked
Frankfurt, 24. Jul (Reuters) - Die massive Verkaufswelle an den internationalen Aktienmärkten hat sich am Mittwoch fortgesetzt und die Börsen auf ihre tiefsten Stände seit den letzten größeren Finanzmarktturbulenzen vor rund fünf Jahren gedrückt. "Das ist ganz klar eine Panikwelle", sagte ein Händler in Frankfurt, wo die Kurse am vierten Tag in Folge einbrachen.
Festverzinsliche Papiere profitierten indes von den Ausverkäufen bei den Aktien und legten kräftig zu. Das aus den Dividendenpapieren fließende Geld trieb Renten und Zins-Futures in neue Höhen. "Die Bindung an die Aktienmärkte bleibt sehr stark und wir reagieren nur auf das, was an den Börsen passiert", sagte ein Händler. Der Euro dümpelte derweil weiter knapp unter Paritätskurs zum Dollar.
Wie bereits in den Vortagen sorgte eine Mischung aus Furcht vor neuen Bilanzskandalen und Sorgen um Gewinneinbrüche bei den Firmen für eine derart schlechte Stimmung an den Märkten, dass jedwede negative Nachricht ungeachtet der Fundamentaldaten zu prozentual zweistelligen Kursverlusten führen konnte. Vor allem die Banken gerieten auf Grund ihrer vielzähligen und breiten Engagements in der Unternehmenslandschaft erneut unter Druck.
VERKAUFSWELLE RUND UM DEN GLOBUS - TIEFSTE STÄNDE SEIT 1997
Die Vorlage für die wiederholten Kurseinbrüche lieferte wie gewöhnlich die Wall Street, die am Vortag neue Tiefststände seit rund fünf Jahren markiert hatte. Im globalen Staffellauf um die höchsten Verluste sackte zunächst der Tokioter Nikkei-Index unter die markante Marke von 10.000 Punkten, die europäischen Indizes folgten mit Abstürzen zwischen zwei und vier Prozent.
Börsenexperten sprachen von panikartigen Verkäufen, die aber wohl noch nicht das Ende der Baisse markierten. "Vom Saisonzyklus her betrachtet könnten wir das Tief erst im September oder Oktober sehen", sagte Aktienstratege Volker Borghoff von HSBC Trinkaus & Burkhardt. Seiner Ansicht nach dürfte es in den kommenden Wochen noch weiter bergab gehen. Grund seien die zahlreichen Schlechten Nachrichten und die Unsicherheiten über die weitere Entwicklung der Wirtschaft.
Allein der Deutsche Aktienindex (Dax) büßte seit Beginn dieses Monats nach Reuters-Berechnungen knapp 130 Milliarden Euro an Marktkapitalisierung ein. Für Analyst Konrad Becker vom Bankhaus Merck Finck eine klare Übetreibung: "Mit den bekannten Daten ist das nicht mehr zu erklären", kommentierte der Bankenspezialist. In einem derartige Sentiment werde jede Nachricht negativ interpretiert und in Verkäufe umgesetzt.
Prominete Börsenplätze wie London und New York liegen jetzt wieder auf ihren Niveaus von vor rund fünf Jahren, als die Märkte unter anderem von der Schuldenkrise in Russland und der Schieflage des Risikofonds LTCM erschüttert worden waren. "Das war aber was ganz anderes, da ging es nur um Liquiditätsfragen", sagte Aktienstratege Borghoff. "Das war gegenüber dem, was wir jetzt sehen, aber völlig unbedeutend", fügte er hinzu.
FINANZWIRTSCHAFT UND HOCHTECHNOLOGIE BESONDERS UNTER DRUCK
Unter besonders starkem Verkaufsdruck standen wie in den Vortagen die Aktien der Finanzwirtschaft. Die Branchenindizes des europäischen Kursbarometers Stoxx50 zeigten für Versicherer und Banken ein Minus von je vier Prozent an. Die Geldhäuser sind abgesehen von den eigenen Ertragsnöten wegen ihrer Ausleihungen und den zahlreichen Firmenbeteiligungen vom Konjunkturtief und den Bilanzierungs-Sorgen so zusagen doppelt getroffen.
"Nach dem Telekomsektor hat es jetzt die Versicherer und die Banken erwischt", sagte ein Analyst. Zum einen würden die Institute für ihre strategische Ausrichtung auf das stark marktabhängige Provisionsgeschäft abgestraft. Zudem seien sie Opfer der anhaltenden Angst vor weiteren weiteren Firmenpleiten oder Bilanzskandalen, von denen die Geldhäuser als Kreditgeber oder als Besitzer von Anteilen sogar direkt betroffen seien.
Auch die traditionell schwankungsanfälligen Aktienkurse der Technologiebranche notierten wieder einmal besonders tief im roten Bereich. Auslöser waren diesmal die schwachen Vorgaben der US-Börse Nasdaq sowie der Zwischenbericht von Siemens, der nach Angaben von Händlern wegen seines ernüchternden Ausblicks zu Verkäufen führte. Mehr als sechs Prozent brach das Papier des marktschweren Münchener Konzerns ein und zog europaweit die Titel der Konkurrenz mit in die Tiefe.
NUTZNIESSENDE RENTENMÄRKTE - EURO LEGT RUHEPAUSE EIN~
Nutznießer der Börsenpanik waren die Anleihemärkte, die als "sichere Häfen" das aus den Aktien flüchtende Kapital aufnahmen. Begünstigt von den Inflationsdaten einiger Bundesländer zogen der Bund-Future und die richtungsweisende zehnjährige um je mehr als 40 Basispunkte an. Mit einer Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) rechnen indes immer weniger Marktteilnehmer.
Der Euro pendelte derweil mit rund 99,33 Cents weiter unter dem jüngst erst eroberten Paritätskurs zum Dollar, den er nach Einschätzung von Kennern aber schon bald wieder überspringen könnte. "Die Gewinne des Dollar vom Vortag waren wahrscheinlich nur eine Positionsanpassung", sagte ein Londoner Devisenhändler. "Und es ist schwierig, eine weitere Rally zu erwarten, wenn aus den USA so viele negative Nachrichten kommen."
pew/ked