Terminmärkte wetten auf höhere Leitzinsen
04. August 2003 Nachdem schon seit Mitte Juni die Zinsen an den Anleihemärkten sprunghaft gestiegen sind, haben jetzt auch die Märkte, an denen kurzlaufende Kredite gehandelt werden, die Zinswende vollzogen - und dies nicht minder sprunghaft. Seit vergangenem Donnerstag sind die Kurse an den Zins-Terminmärkten regelrecht abgesackt, die Zinsen entsprechend deutlich nach oben geschossen. Händler sprechen vom stärksten Zinsschub an den europäischen Zinsmärkten mindestens seit der Einführung des Euro Anfang 1999. Aus den Kursen läßt sich ablesen, daß die Märkte nun plötzlich mit deutlich höheren Euro-Leitzinsen im kommenden Jahr rechnen. Viele Fachleute halten diese Spekulationen aber für überzogen, wenn nicht gar für völlig verfehlt.
Die abrupte Zinswende spiegelt sich zum Beispiel in den Terminkontrakten auf Euro-Dreimonatsgeld wider. Mit diesen Kontrakten werden schon heute die Zinsen für einen Kredit mit dreimonatiger Laufzeit fest vereinbart, der erst zu einem späteren Zeitpunkt, zum Beispiel am 15. März 2004, ausgezahlt wird. Noch am Mittwoch wurde für solche "März-Kredite" an der Terminbörse in London ein Zins von 2,09 Prozent vereinbart. Schon am Freitag betrug dieser Zinssatz zeitweilig 2,42 Prozent, am Montag immerhin noch 2,365 Prozent. Das deutet darauf hin, daß der Markt bis dahin einen Anstieg des Euro-Leitzinses von derzeit 2,00 auf 2,25 Prozent erwartet. Der Leitzins entspricht dem Zins für Kredite mit vierzehntägiger Laufzeit.
Auch Amerikaner spekulieren auf steigende Zinsen
Auch bei den Euro-Terminkontrakten mit Fälligkeit Juni, September und Dezember 2004 haben sich die Zinsen in den vergangenen Tagen deutlich nach oben verschoben, in der Spitze um annähernd 0,50 Prozentpunkte (siehe Graphik). Das kommt an diesem Markt, an dem sich die Zinsen an einem Tag meist nur um 0,01 oder 0,02 Prozentpunkte ändern, einem Erdrutsch gleich.
Auch in Amerika sind die Zinsen bei entsprechenden Kontrakten deutlich gestiegen. Dort spekulieren die Märkte nun darauf, daß die amerikanische Notenbank Fed ihren Leitzins schon bis Dezember von derzeit 1,00 auf 1,25 Prozent anheben wird, bis März auf 1,50 und bis Juni mindestens auf 1,75 Prozent. Das ist insofern bemerkenswert, als Fed-Präsident Alan Greenspan zuletzt mehrfach die Absicht andeutete, den Leitzins bis weit ins kommende Jahr hinein niedrig zu halten. Für Daniel Pfändler, Chef der Zinsstrategie bei Dresdner Kleinwort Wasserstein, spiegelt sich darin wider, daß die Fed an den Märkten an Glaubwürdigkeit verloren hat.
Am Donnerstag schwenkten die Märkte um
Auslöser für die Wende bei den kurzfristigen Zinsen war die Nachricht vom Donnerstag, daß die amerikanische Wirtschaft im zweiten Quartal mit 2,4 Prozent überraschend stark gewachsen ist - nicht zuletzt aufgrund deutlich stärkerer Investitionen. Die günstigen Zahlen verscheuchten alle Zweifel bezüglich einer konjunkturellen Erholung in Amerika, jedenfalls vorerst. Nach den Aktienmärkten, die bereits seit März auf einen Konjunkturaufschwung setzen, und den Anleihemärkten, an denen seit Mitte Juni die Konjunkturoptimisten den Ton angeben, schwenkten daraufhin am Donnerstag auch die Märkte für kurzfristige Zinsen um. Von der Entwicklung in Amerika seien dann auch die Euro-Zinsmärkte erfaßt worden, erläutert Pfändler. So werde darauf gesetzt, daß der Aufschwung in Amerika über verstärkte Nachfrage nach Gütern aus Europa auch die hiesige Wirtschaft stimuliere. Das habe offenbar auch hierzulande Spekulationen auf höhere Leitzinsen ausgelöst. Laut Christoph Rieger, Zinsexperte bei der Commerzbank, kommt hinzu, daß die Hoffnung auf höhere Renditen in Amerika den Euro am Donnerstag deutlich fallen ließ. Ein schwächerer Euro führe zu höheren Importpreisen und zu erhöhtem Inflationsdruck. Auch das treibe die Zinsen nach oben.
Für Thomas Meyer, Chefvolkswirt für Europa bei der Deutschen Bank in London, haben sich die Märkte nach Bekanntwerden der günstigen Konjunkturdaten aus Amerika endgültig von den Deflationssorgen der vergangenen Wochen verabschiedet - und das abrupt in Form eines Zinsschubs. Allerdings könnten die Märkte mit dem scharfen Zinsanstieg nun ebenso übertreiben wie in den vergangenen Monaten, als "irrationale Deflationsängste" die Zinsen auf historische Tiefstände gedrückt hätten. Meyer hält jedenfalls an seiner Prognose fest, daß die Europäische Zentralbank (EZB) den Euro-Leitzins bis Ende des Jahres von derzeit 2,00 auf 1,50 Prozent senkt. Seine Begründung: Durch das höhere Wachstum in Amerika wird sich das amerikanische Leistungsbilanzdefizit weiter vergrößern. Das wird den Dollar unter Druck bringen und den Euro aufwerten lassen. Über sinkende Importpreise und ein allgemein sinkendes Preisniveau werde die EZB dann aber Spielraum haben, ihren Leitzins zu senken und damit der Konjunktur im Euroraum Impulse zu geben.
Text: bf. , Frankfurter Allgemeine Zeitung
04. August 2003 Nachdem schon seit Mitte Juni die Zinsen an den Anleihemärkten sprunghaft gestiegen sind, haben jetzt auch die Märkte, an denen kurzlaufende Kredite gehandelt werden, die Zinswende vollzogen - und dies nicht minder sprunghaft. Seit vergangenem Donnerstag sind die Kurse an den Zins-Terminmärkten regelrecht abgesackt, die Zinsen entsprechend deutlich nach oben geschossen. Händler sprechen vom stärksten Zinsschub an den europäischen Zinsmärkten mindestens seit der Einführung des Euro Anfang 1999. Aus den Kursen läßt sich ablesen, daß die Märkte nun plötzlich mit deutlich höheren Euro-Leitzinsen im kommenden Jahr rechnen. Viele Fachleute halten diese Spekulationen aber für überzogen, wenn nicht gar für völlig verfehlt.
Die abrupte Zinswende spiegelt sich zum Beispiel in den Terminkontrakten auf Euro-Dreimonatsgeld wider. Mit diesen Kontrakten werden schon heute die Zinsen für einen Kredit mit dreimonatiger Laufzeit fest vereinbart, der erst zu einem späteren Zeitpunkt, zum Beispiel am 15. März 2004, ausgezahlt wird. Noch am Mittwoch wurde für solche "März-Kredite" an der Terminbörse in London ein Zins von 2,09 Prozent vereinbart. Schon am Freitag betrug dieser Zinssatz zeitweilig 2,42 Prozent, am Montag immerhin noch 2,365 Prozent. Das deutet darauf hin, daß der Markt bis dahin einen Anstieg des Euro-Leitzinses von derzeit 2,00 auf 2,25 Prozent erwartet. Der Leitzins entspricht dem Zins für Kredite mit vierzehntägiger Laufzeit.
Auch Amerikaner spekulieren auf steigende Zinsen
Auch bei den Euro-Terminkontrakten mit Fälligkeit Juni, September und Dezember 2004 haben sich die Zinsen in den vergangenen Tagen deutlich nach oben verschoben, in der Spitze um annähernd 0,50 Prozentpunkte (siehe Graphik). Das kommt an diesem Markt, an dem sich die Zinsen an einem Tag meist nur um 0,01 oder 0,02 Prozentpunkte ändern, einem Erdrutsch gleich.
Auch in Amerika sind die Zinsen bei entsprechenden Kontrakten deutlich gestiegen. Dort spekulieren die Märkte nun darauf, daß die amerikanische Notenbank Fed ihren Leitzins schon bis Dezember von derzeit 1,00 auf 1,25 Prozent anheben wird, bis März auf 1,50 und bis Juni mindestens auf 1,75 Prozent. Das ist insofern bemerkenswert, als Fed-Präsident Alan Greenspan zuletzt mehrfach die Absicht andeutete, den Leitzins bis weit ins kommende Jahr hinein niedrig zu halten. Für Daniel Pfändler, Chef der Zinsstrategie bei Dresdner Kleinwort Wasserstein, spiegelt sich darin wider, daß die Fed an den Märkten an Glaubwürdigkeit verloren hat.
Am Donnerstag schwenkten die Märkte um
Auslöser für die Wende bei den kurzfristigen Zinsen war die Nachricht vom Donnerstag, daß die amerikanische Wirtschaft im zweiten Quartal mit 2,4 Prozent überraschend stark gewachsen ist - nicht zuletzt aufgrund deutlich stärkerer Investitionen. Die günstigen Zahlen verscheuchten alle Zweifel bezüglich einer konjunkturellen Erholung in Amerika, jedenfalls vorerst. Nach den Aktienmärkten, die bereits seit März auf einen Konjunkturaufschwung setzen, und den Anleihemärkten, an denen seit Mitte Juni die Konjunkturoptimisten den Ton angeben, schwenkten daraufhin am Donnerstag auch die Märkte für kurzfristige Zinsen um. Von der Entwicklung in Amerika seien dann auch die Euro-Zinsmärkte erfaßt worden, erläutert Pfändler. So werde darauf gesetzt, daß der Aufschwung in Amerika über verstärkte Nachfrage nach Gütern aus Europa auch die hiesige Wirtschaft stimuliere. Das habe offenbar auch hierzulande Spekulationen auf höhere Leitzinsen ausgelöst. Laut Christoph Rieger, Zinsexperte bei der Commerzbank, kommt hinzu, daß die Hoffnung auf höhere Renditen in Amerika den Euro am Donnerstag deutlich fallen ließ. Ein schwächerer Euro führe zu höheren Importpreisen und zu erhöhtem Inflationsdruck. Auch das treibe die Zinsen nach oben.
Für Thomas Meyer, Chefvolkswirt für Europa bei der Deutschen Bank in London, haben sich die Märkte nach Bekanntwerden der günstigen Konjunkturdaten aus Amerika endgültig von den Deflationssorgen der vergangenen Wochen verabschiedet - und das abrupt in Form eines Zinsschubs. Allerdings könnten die Märkte mit dem scharfen Zinsanstieg nun ebenso übertreiben wie in den vergangenen Monaten, als "irrationale Deflationsängste" die Zinsen auf historische Tiefstände gedrückt hätten. Meyer hält jedenfalls an seiner Prognose fest, daß die Europäische Zentralbank (EZB) den Euro-Leitzins bis Ende des Jahres von derzeit 2,00 auf 1,50 Prozent senkt. Seine Begründung: Durch das höhere Wachstum in Amerika wird sich das amerikanische Leistungsbilanzdefizit weiter vergrößern. Das wird den Dollar unter Druck bringen und den Euro aufwerten lassen. Über sinkende Importpreise und ein allgemein sinkendes Preisniveau werde die EZB dann aber Spielraum haben, ihren Leitzins zu senken und damit der Konjunktur im Euroraum Impulse zu geben.
Text: bf. , Frankfurter Allgemeine Zeitung