Zeit für Ehrlichkeit


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Nassie:

Zeit für Ehrlichkeit

 
21.07.03 19:34
Geldanlage ist Vertrauenssache. Das Vertrauen der Kunden haben viele Banken während der Exzesse des Aktienbooms vor dem Jahrtausendwechsel jedoch massiv beschädigt. Nach den Skandalen in den USA um geschönte Aktienanalysen zeigte sich die Branche reumütig und gelobte Besserung. War das nur ein taktisches Manöver, das aufgrund der erdrückenden Beweise unausweichlich war zur Rettung der Glaubwürdigkeit? Oder hat sich tatsächlich ein Gesinnungswandel im Hinblick auf eine faire Behandlung der Kunden vollzogen? In den USA nehmen die Fahnder, allen voran der New Yorker Staatsanwalt Eliot Spitzer, inzwischen die Methoden beim Verkauf von Fondsanteilen unter die Lupe. Durch finanzielle Anreize sollen Banken ihre Berater dazu ermuntern, den Kunden nicht die besten, sondern die hauseigenen Fonds zu verkaufen, lautet der Vorwurf. Der Verdacht scheint begründet, denn von objektiver Beratung kann laut Branchenkennern meist keine Rede sein.

In der Schweiz sagen zwar die meisten führenden Banken, bei ihnen gebe es keine Anreize für die Berater, den Kunden eigene, statt Fonds von anderen Anbietern aufzuschwatzen. Nur wenige (ehrlichere?) Institute wie die Zürcher Kantonalbank und die UBS räumen derlei Mechanismen ein. Gemäss dem Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung hatten Drittfonds hierzulande Anfang des Jahres 2002 merkwürdigerweise jedoch noch nicht mal einen Marktanteil von 20%. Die Angabe deckt sich mit Schätzungen von Branchenkennern. Anbieter von Fremdfonds mutmassen, dass lediglich 20% bis 30% der Banken, die in offenen Architekturen Drittfonds offerieren, dieses Modell auch leben. Die überwältigende Mehrheit nutze das von den Kunden geforderte Angebot nur als Marketinginstrument - und forciere weiter den Verkauf von eigenen Produkten. In Zeiten, in denen fast wöchentlich Fonds mangels Masse geschlossen werden, dürfte dies wohl umso mehr gelten. Dabei können die Berater nicht nur durch Produkteziele, Boni oder Bestandespflege-Kommissionen (Retrozessionen) zur Bevorzugung hauseigener Fonds motiviert werden, sondern auch durch mangelnde Einweisung in die Fremdprodukte - zumal die Berater ohnehin ihnen vertraute Produkte vorziehen.

Ob eine Bank neben eigenen auch Fremdfonds vertreibt, ist eine strategische Entscheidung. Für beide Varianten gibt es Gründe. Wenn ein Institut Fremdfonds in offenen Architekturen anbietet, sollte es das Modell auch leben und fördern - beispielsweise durch gleichwertige Verkaufsbedingungen. Haben die Berater dennoch Anreize, hauseigene Produkte zu puschen, muss das den Käufern gesagt werden, da sie dann keine umfassende Beratung erwarten können. Für gewisse Banken ist es Zeit für mehr Ehrlichkeit und eine fairere Behandlung der Kunden - nicht nur im Aktien-Research, sondern in allen Geschäftsbereichen.

ra.
NZZ.ch
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