Von Carsten Knop, San Francisco
Über den Zusammenbruch von Worldcom müssen sich die amerikanischen Telekommunikationskunden unmittelbar keine großen Sorgen machen. Denn die Gefahr liegt noch in der Ferne. Auswirkungen auf den Datenverkehr im Internet sind zunächst nicht zu befürchten, und dies, obwohl durch die Worldcom-Netze in Amerika die Hälfte dieses Datenverkehrs fließt. Auch bei den rund 20 Millionen privaten Worldcom-Telefonkunden und den Tausenden Unternehmen, die ihre Telekommunikationsdienstleistungen von Worldcom beziehen, werden die Telefone weiter klingeln.Das hat Michael Powell, der Chef der für den Markt zuständigen Regulierungsbehörde schon versprochen. Doch liegen hier auch gar nicht die Schwierigkeiten, vor denen sich die Amerikaner Sorgen machen sollten. Genau beobachten müssen sie vielmehr, auf welche Weise Powell und seine Behörde dafür sorgen werden, das durch die Worldcom-Pleite auf mittlere Sicht drohende Telefon-Chaos wieder in den Griff zu bekommen.Die Versuchung ist groß, jetzt den Unternehmen die Macht auf dem Telekommunikationsmarkt zu geben, die sie eigentlich nie ganz aus der Hand gegeben haben: den großen Ortsmonopolisten. Denn SBC Communications, Bell South oder Verizon, die einst aus der Zerschlagung des alten AT&T-Konzerns hervorgegangen sind, stehen schon bereit, um Powell bei der Ordnung des Marktes zu helfen. Über diese Ortsmonopolisten ist der Sturm der Liberalisierung weitgehend folgenlos hinweggezogen - sie stehen deshalb finanziell noch immer recht gut da.Mehr als 90 Prozent aller Ortsgespräche werden weiterhin über sie abgewickelt. Diese Unternehmen haben den Zugriff auf die sogenannte "Letzte Meile" zum Kunden. Und niemand hätte gedacht, daß sie in der Verteidigung dieses Zugriffs - trotz mancher Strafen, die sie sich in den vergangenen Jahren eingehandelt haben - so erfolgreich sein würden. Hier liegt eine Quelle stetigen Umsatzes, die unbeeindruckt vom Platzen der Internetblase stetig weitersprudelt. Schnell war es den amerikanischen Kunden - wie übrigens auch in Deutschland nach Beginn der Liberalisierung - möglich, sich für ihre Ferngespräche einen alternativen Anbieter zu suchen. Bei den Ortsgesprächen ist dies jedoch in aller Regel gescheitert.Deshalb aber könnten gerade die Telekom-Unternehmen, die in der Boomphase der späten neunziger Jahre als die Langweiler vom Dienst gegolten haben, am Ende als große Gewinner vom Platz gehen. Denn schon hat Powell angekündigt, er würde möglicherweise ein Auge zudrücken, sollte eines dieser alten Telekommunikationsunternehmen ein Auge auf Worldcom werfen. Und Konzerne wie SBC Communications bieten sich für Worldcom-Kunden auch jetzt schon öffentlich als sicherer Hafen an. In der Not mag es dazu keine Alternative geben, doch begibt sich Powell damit auf eine Gratwanderung. Denn schuld am Niedergang von Worldcom und zahlreicher kleinerer Telekommunikationsunternehmen zuvor ist ja nicht die Liberalisierung, sondern der zeitliche Zusammenfall mit Fehleinschätzungen des Marktes, wie sie vielleicht alle hundert Jahre einmal vorkommen. Schon häufiger ist der Netzausbau der vergangenen Jahre mit dem Eisenbahnboom im 19. Jahrhundert verglichen worden. In der Aufbruchstimmung wurde viel zu euphorisch geplant. Geld gab es im Überfluß.Tatsächlich hat sich der Datenverkehr in den Telekommunikationsnetzen zwischen 1999 und 2001 vervierfacht. Nur hat sich in derselben Zeitspanne die Übertragungskapazität, auch wegen des technischen Fortschritts, der schon bestehende Glasfasernetze immer leistungsfähiger gemacht hat, sogar um den Faktor 500 erhöht. Das konnte nicht gut gehen. Die Schuldenlast, die der Netzaufbau aufgetürmt hat, kann nicht mehr bedient werden, denn die Überkapazitäten drücken auf die Preise.Dieser Teufelskreis kann nur durch eine Konsolidierung durchbrochen werden. Zudem müssen neue Führungskräfte her, die das Vertrauen in die auf dem Markt tätigen Unternehmen und ihre Rechnungslegung wiederherstellen. Das wird Jahre dauern, doch wäre dies nicht schlimm. Mit einer ernsten Beeinträchtigung des Wettbewerb wäre jedoch dann zu rechnen, wenn am Ende, staatlich unterstützt, tatsächlich nur eine Handvoll dominierender Anbieter übrigbliebe.Die Erfolge des Wettbewerbs sind augenfällig: Heute telefoniert man billiger nach Amerika als früher zwischen Dortmund und Münster. Ohne die Marktliberalisierung hätte auch das Internet in dieser Geschwindigkeit nie seinen Siegeszug um die Welt antreten können. Das Internet ist aus der Wirtschaft nicht mehr wegzudenken.Neue Impulse und damit neue Hoffnungen für den Telekommunikationsmarkt werden auch in Zukunft weder in Amerika noch in Europa von den Monopolen kommen. Eine Zukunft hat der Telekommunikationsmarkt nur dann, wenn auf ihm auch weiterhin der Wettbewerb lebt. In diesem Zusammenhang sollten die Regulierer, statt den Ortsmonopolen jetzt eine führende Rolle bei der Marktkonsolidierung zuzubilligen, darauf drängen, daß die Zeit ebenjener Monopole mit Zugriff auf die "Letzte Meile" der Vergangenheit angehört.Dafür sind auch technisch neue Lösungen gefragt. Denn der Telekommunikationsmarkt krankt auch daran, daß es zwar modernste - wenn auch leider kaum ausgelastete - Transportnetze für riesige Datenmengen zwischen Städten und Kontinenten gibt, daß aber in die Häuser nach wie vor das gute alte Kupferkabel führt. Dies behindert das Angebot moderner Kommunikationslösungen an amerikanische Haushalte stark. Auch daran läßt sich ablesen, welchen fatalen Einfluß Monopole auf die technische Fortentwicklung haben können. Sorgen müssen sich die amerikanischen Telekom-Kunden daher nicht am Tag der Worldcom-Pleite machen - wohl aber in den Monaten, die nun folgen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.07.2002, Nr. 168 / Seite 9