Angriff auf die Glaubwürdigkeit, SZ vom 30.03.2016, www.sueddeutsche.de/wirtschaft/...e-glaubwuerdigkeit-1.2927335
[...] "Hedgefonds wetten aggressiv gegen das Unternehmen
Hinzu kommt das komplexe Geschäftsmodell von Wirecard, das zur Folge hat, dass selbst Branchenexperten die Bilanzen der Firma nur teilweise verstehen. Jahrelang hat das kaum jemanden in der Börsenwelt gestört. Die Aktie von Wirecard stieg und stieg und stieg, bis zu sechs Milliarden Euro war die Firma zwischenzeitlich wert, ähnlich viel wie mancher Dax-Konzern. Im Zuge der Zatarra-Attacke wird nun aber plötzlich auch das Zahlenwerk hinterfragt: Ist es nicht ungesund, dass mehr als 80 Prozent von Wirecards langfristigen Vermögenswerten "immateriell" sind - darunter "Kundenbeziehungen", die mit 340 Millionen Euro bilanziert werden? Oder: Was sind die vielen Tochterfirmen wirklich wert, die in den vergangenen Jahren vor allem in Asien zugekauft wurden?
Das Management hat auch auf solche Fragen Antworten, zum Beispiel, dass "immaterielle Vermögenswerte" auch in den Bilanzen anderer Technologiekonzerne eine große Rolle spielen - bloß: Gegen die Zweifel kommen solche Argumente momentan nicht an. Nicht nur Zatarras Reports schaden, Hegdefonds wetten aggressiv gegen das Unternehmen, die Aktie notierte Mitte März etwa 30 Prozent niedriger als Ende Februar; eine Kapitalvernichtung von mehr als einer Milliarde Euro.
Und nun? Wirecard gab kürzlich bekannt, seine Gewinnerwartung für dieses Jahr von 280 auf 300 Millionen Euro heraufzusetzen, die Aktie stieg um fünf Prozent. Vielleicht sind gute Zahlen ja das beste Rezept, um gegen die Zweifel anzukämpfen."
Aus dem Jahresfinanzbericht 2015 von Wirecard, Seite 191 und 192:
Bilanzierung von immateriellen Vermögenswerten
Erworbene Kundenbeziehungen werden zu Anschaffungskosten bilanziert und linear über die erwartete Nutzungsdauer von zumeist 10 bzw. 20 Jahren abgeschrieben. Zusätzlich werden diese regelmäßig, mindestens einmal jährlich, einem Impairmenttest unterzogen. Zur Vorgehensweise und zu wesentlichen Annahmen wird auf die Ausführung zur Bilanzierung von Geschäftswerten verwiesen. Erworbene Software wird zu Anschaffungskosten bilanziert und linear über die erwartete Nutzungsdauer abgeschrieben, die zumeist zwischen drei und zehn Jahren beträgt. Finanzierungskosten, die direkt dem Erwerb oder der Herstellung eines qualifizierten Vermögenswertes zugerechnet werden können, werden entsprechend IAS23 aktiviert. Im Geschäftsjahr 2015 wurden wie im Vorjahr keine Finanzierungskosten angesetzt. Die das Kerngeschäft des Konzerns abbildende Software, die zum größten Teil selbst erstellt ist, hat eine längere geschätzte Nutzungsdauer und wird über zehn Jahre abgeschrieben. Die Nutzungsdauer und Abschreibungsmethoden werden jährlich überprüft.
Forschungskosten werden zum Zeitpunkt des Anfallens ergebniswirksam als Aufwand erfasst. Die Kosten für Entwicklungsaktivitäten werden aktiviert, wenn die Entwicklungskosten verlässlich ermittelt werden können, das Produkt oder der Prozess technisch und wirtschaftlich realisierbar sowie zukünftiger wirtschaftlicher Nutzen wahrscheinlich ist. Die erstmalige Aktivierung der Kosten beruht auf der Einschätzung des Managements, dass die technische und wirtschaftliche Realisierbarkeit nachgewiesen ist; dies ist i. d. R. dann der Fall, wenn ein Produktentwicklungsprojekt einen bestimmten Meilenstein in einem bestehenden Projektmanagementmodell erreicht hat. Darüber hinaus muss Wirecard über die Absicht und über ausreichende Ressourcen verfügen, die Entwicklung abzuschließen und den Vermögenswert zu nutzen oder zu verkaufen. Entwicklungskosten werden entsprechend der dargestellten Rechnungslegungsmethode aktiviert und ab dem Zeitpunkt der Nutzungsfähigkeit der Laufzeit entsprechend abgeschrieben. Während der Entwicklungsphase wird jährlich ein Werthaltigkeitstest durchgeführt und die Annahmen des Managements werden überprüft. Die im Berichtsjahr aktivierten Entwicklungskosten betrugen TEUR 28.293 (2014: TEUR 24.978).