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Erdöl aus Deutschland
Unter dem Wattenmeer ruht ein kleiner Schatz
21. Juli 2008 Fast lautlos sind die Schleusentore am Helgoland-Kai in Cuxhaven zur Seite geglitten. Jetzt nimmt die "Sara Maatje VII" bei aufkommender Flut Kurs auf Nordwest, wo man über dem Horizont nur einen kleinen starren Schatten erkennt. Nach einer Stunde Fahrt, vorbei an gewaltigen Hochseefrachtern auf dem Weg von oder nach Hamburg, entlang einer Sandbank, auf der sich Dutzende von Seehunden aalen, ist dieser Schatten zu einer veritablen Trutzburg aus Stahl gewachsen. Das Ziel, die Bohr- und Förderinsel Mittelplate A, ist erreicht. Auf der nur 70 mal 95 Meter großen Plattform ragt der Bohrturm weithin sichtbar fast 100 Meter hoch in den Himmel. Sieben Kilometer westlich von Friedrichskoog, am südlichen Rand des Nationalparks Schleswig-Holstein, fördert Deutschlands einzige Offshore-Bohrinsel schon seit 1987 Erdöl.
Die Geschichte von MPA, wie die Beschäftigten ihren Arbeitsplatz nennen, beginnt mit der Erdölkrise im Winter 1973/74. Der Lieferboykott der Opec-Staaten und die steil erhöhten Preise für Treibstoffe und Heizöl lösten damals eine intensive Suche nach Erdölvorkommen aus. Im ostfriesischen Wattenmeer wurden die ergiebigsten Reserven entdeckt. Insgesamt 20 Millionen Tonnen wurden seither aus bis zu 3000 Meter Tiefe hochgepumpt. Seit einigen Jahren fördert die Betreibergesellschaft RWE Dea aus dem Vorkommen parallel auch von der Landstation in Friedrichskoog aus. So wurde die Jahresförderung 2002 erstmals auf mehr als 2 Millionen Tonnen gesteigert. Seitdem wird aus 16 Bohrungen im Watt nördlich der Elbemündung deutlich mehr als die Hälfte der deutschen Erdölförderung gewonnen.
Gemessen am weltweiten Verbrauch hat Deutschland kaum Öl
Unter den Rohöl produzierenden Staaten spielt Deutschland aber nur eine bescheidene Rolle. Die Jahresförderung aus mehr als 1000 Bohrlöchern liegt seit den achtziger Jahren zwischen drei und vier Millionen Tonnen. Tendenz fallend. Mit dieser Menge lassen sich rechnerisch rund 3 Prozent des deutschen Erdölverbrauchs decken. Die Ansichten über die Zeitspanne, in der in Deutschland noch Erdöl gewonnen werden kann, gehen auseinander. So beziffert der WEG Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung in seinem Jahresbericht 2007 die hiesigen sicheren und wahrscheinlichen Reserven auf noch knapp 37 Millionen Tonnen. Würde die deutsche Erdölgewinnung des vergangenen Jahres konstant gehalten, wären diese Reserven in gut elf Jahren erschöpft. Dagegen beziffert RWE-Dea-Sprecher Uwe-Stephan Lagies allein die als technisch und wirtschaftlich gewinnbar geltenden Reserven der Mittelplate mit 30 bis 35 Millionen Tonnen.
Deutschlands einzige Bohrinsel fördert schon seit 1987 Erdöl Mit einer Greifmanschette hantieren zwei Arbeiter auf Mittelplate am Bohrgest... Ein RWE-Mitarbeiter am Bohrloch auf der Mittelplate Wohnkabine auf der Bohrinsel Wie man Deutschland nicht kennt: Erdölfeld Wietze in der Lüneburger Heide im ...
Nimmt man die bei Erdöl international gebräuchliche Maßeinheit, das Barrel oder Fass mit 159 Liter Inhalt, dann befinden sich dort im Wattenmeer also mindestens 180 Millionen Barrel. Gemessen am gegenwärtigen Tagesverbrauch der Welt von 85 Millionen Barrel ist das nicht viel. Aber für die beiden MPA-Eigentümer, RWE Dea und Wintershall, ruht beim gegenwärtigen Ölpreis von 130 bis 140 Dollar je Barrel unter dem Wattenmeer ein Schatz mit einem Wert im zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich.
Zum Thema
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* Das Ried als einstiges Ölfördergebiet
In Bayern liegen Anträge über fast zwei Dutzend Probebohrungen vor
Freilich ist die deutsche Ölgewinnung wesentlich teurer als in den großen Förderregionen im Nahen Osten, Afrika oder Mittelamerika. Nach fast 140 Jahren Erdölförderung sind Land und Küsten gut erforscht und die meisten Vorkommen erschlossen. Die Förderung aus den alten Feldern nimmt ab. Deshalb gehört Deutschland zu den sogenannten maturen, also den reifen Ölländern, in denen der Aufschluss weiterer Vorkommen technisch immer anspruchsvoller wird.
Die Preisexplosion beim Rohöl verändert indes die Kalkulationsbasis der deutschen Ölindustrie. Seit Januar 2007 haben sich die internationalen Erdölpreise annähernd verdreifacht. Das hat nicht nur der Erdölsuche rund um den Globus einen heftigen Schub verpasst. Auch in Deutschland macht sich eine neue Aufbruchstimmung bemerkbar. Allein in Bayern liegen Anträge über fast zwei Dutzend Probebohrungen vor. Dabei produzieren im Alpenvorland nur noch zwei kleinere Felder gerade mal gut 40.000 Tonnen Erdöl im Jahr. Es sind eher hierzulande unbekannte Außenseiter wie die texanische Activa Resources, die mit ihren Plänen zur Erdölsuche Schlagzeilen gemacht haben. Activa-Vorstand Leigh Hooper hält bereits ab 50 Dollar je Barrel die Förderung in Deutschland für lohnend.
Bei den aktuellen Barrel-Preisen wäre da eigentlich eine regelrechte Erdöleuphorie zu erwarten. Schließlich gibt es im Alpenvorland, im Oberrheintal sowie nördlich von Weser und Ems eine ganze Reihe bekannter kleinerer Altfelder. Große Ölkonzerne haben dort in den achtziger und neunziger Jahren die Förderung aufgegeben, weil bei Fasspreisen von weniger als 20 Dollar mit jeder gewonnenen Tonne der Verlust gestiegen war. Die zwischenzeitlich erreichten technischen Fortschritte, die eine stärkere Ausbeute als früher ermöglichen, müssten das Ölfieber in Deutschland eigentlich zusätzlich aufheizen.
Tagesmiete 500.000 Dollar
Aber die sechs Unternehmen, darunter auch die BEB Erdgas und Erdöl sowie Gaz de France, die zusammen regelmäßig mehr als drei Millionen Tonnen Erdöl fördern, gehen die Sache aus diversen Gründen nüchterner an. Für sie ist im Euro-Raum die seit anderthalb Jahren zu beobachtende Explosion der Erdölpreise relativ. Das zeigt diese Beispielrechnung: Obwohl sich allein auf das Jahr 2007 bezogen die internationalen Erdölpreise in Dollar je Barrel annähernd verdoppelten, beschränkte der schwache Dollar die Verteuerung in Euro auf rund 10 Prozent. Dies gilt im Trend auch für das laufende Jahr. Und als Verbraucher fragt man sich da erstaunt, warum sich Kraftstoffe und Heizöl trotzdem so stark verteuert haben. Ein weiterer Grund für den nur behutsamen Antritt der etablierten Ölproduzenten im Inland liegt in den in kurzer Zeit - auf der ganzen Welt - rapide angestiegenen Kosten. "Innerhalb von zwei Jahren hat sich die Tagesmiete für die Bohrplattformen, mit denen Explorationsbohrungen niedergebracht werden, auf 500.000 Dollar verdoppelt", sagt Dea-Sprecher Lagies. Ein anderer Kostentreiber sind die gewaltigen Stahlrohre.
RWE Dea und Wintershall verfügen zwar über mittelfristige Investitionsbudgets für die Öl- und Gassuche von einigen 100 Millionen Euro. Aber sie wägen nüchtern ab, wo sie diese Beträge einsetzen. Auch die begrenzte Zahl der Fachkräfte spielt bei diesen Überlegungen eine Rolle. 2007 und 2008 jedenfalls wird RWE Dea erheblich mehr im Ausland, vor allem in Nordafrika investieren. Denn dort hat das Unternehmen in jüngerer Zeit mit Suchbohrungen in der Nähe bekannter Vorkommen größere Erfolge erzielt. Auch Ties Tiessen warnt vor überzogenen Hoffnungen. "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass an irgendeinem Ort ein Eldorado lagert. Wir sind jetzt eher auf der Suche nach den letzten Perlen", sagt der Produktionsvorstand von Wintershall.
Keine Frage: Trotz der in Deutschland wegen der geologischen Bedingungen sehr anspruchsvollen Ölsuche und -förderung ist das Geschäft durch die Preisentwicklung reizvoller geworden. Bei dem stark erhöhten Ölpreis zahlen sich im Augenblick auch aufwendige Spezialtechniken aus, mit denen bestehende Felder intensiver und länger ausgebeutet werden können. Realistisch gesehen heißt dies, die Produktion über die heute bekannte Reichweite hinaus zu strecken und die Jahresförderung einigermaßen stabil zu halten.
Neue Gesteinsschichten werden untersucht
Dafür will RWE Dea im Oktober in Altfeldern in Schleswig-Holstein mit seismischen Untersuchungen analysieren, ob sich dort neue Probebohrungen lohnen. Es handelt sich um ein Konzessionsgebiet, das sich aus der Ostsee wie eine Banane östlich um Kiel schmiegt und im Süden bis Bad Segeberg reicht. Dort hat das Unternehmen aus mehreren Vorkommen bereits 17 Millionen Tonnen Erdöl produziert, bis 1999 ein Barrelpreis von zehn Dollar die Förderung unwirtschaftlich werden ließ. Nach Angaben des Geophysikers Ulrich Georg sollen jetzt auch Gesteinsschichten untersucht werden, in denen eine Förderung vor einigen Jahren noch als unwirtschaftlich galt.
Die größte Hoffnung setzen Dea und Wintershall freilich auf Mittelplate zwischen Cuxhaven und Friedrichskoog. Die beiden Unternehmen haben dort fünf weitere Bohrungen beantragt, die diesmal wegen der höheren Treffsicherheit an verschiedenen Stellen im Wattenmeer senkrecht niedergebracht werden sollen. An den Rändern der angezapften Lagerstätten werden weitere Vorkommen erwartet.
Aber der Widerstand ist groß. Nicht nur Umweltorganisationen wie dem BUND gilt die Förderung im Naturpark Wattenmeer als unerträgliches Ärgernis. In Schleswig-Holstein und Niedersachsen sowie den Stadtstaaten Bremen und Hamburg räumen nicht wenige Politiker dem Naturschutz vor den Küsten einen sehr viel höheren Wert als den betriebs- und volkswirtschaftlichen Interessen ein. Nach sechzehnjährigem Ringen wurde Anfang Februar bei der Unesco beantragt, das Wattenmeer zum Weltnaturerbe zu erklären. Da scheint vielen die Bohrinsel inmitten des Naturparks wie ein Anachronismus.
Nichts darf ins Seewasser dringen
Dabei ist MPA ein Musterbeispiel dafür, wie auch in ökologisch sensiblen Regionen unter strengen Auflagen Erdöl gewonnen werden kann. Das Konzept heißt etwas sperrig "Null-Einleitung". Das heißt: Die Plattform ist mit riesigen Spundwänden rund um das undurchlässige Stahl-Beton-Fundament hermetisch abgeriegelt. Nichts, keine Flüssigkeit, kein Feststoff darf ins Seewasser dringen. Wie auch umgekehrt aus der See und dem Meeresboden nichts in die Insel gelangen kann. Alles, was beim Arbeiten und Leben anfällt - neben Material- und Essensresten auch Fäkalien, Brauchwasser, ja selbst das gesammelte Regenwasser - wird mit Frachtschiffen nach Cuxhaven gebracht, in die Stadt, die die Versorgungsbasis für die einzige deutsche Bohrinsel ist.
Deren Fördermeister Dirk Jalas führt zunehmend auch ausländische Besucher über die Plattform, die sich für dieses in der Welt einzigartige Konzept interessieren. Im Kaspischen Meer zum Beispiel wird in weitaus größerem Stil im flachen Küstengewässer Erdöl gefördert. So hat sich jüngst eine Delegation aus Kasachstan über die Besonderheiten der Erdölförderung im flachen deutschen Wattenmeer informiert.
Die anfangs in Deutschland geplanten Schwesterninseln Mittelplate B und C wird es zwar nicht mehr geben. Aber das umweltschonende Konzept hat Exportcharakter. Deswegen macht sich der neunundvierzigjährige Jalas auch keine Sorgen um seinen Arbeitsplatz. Die "Sara Maatje VII" wird noch lange zwischen Cuxhaven und der Mittelplate A pendeln, vorbei an den Containerschiffen, um die Förderung des Schmierstoffs für die globalisierte Welt auch in Deutschland aufrechtzuerhalten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, dpa (Archivbild 2003), F.A.Z., picture-alliance/ dpa, Unternehmen, www.98fahrenheit.de
www.faz.net.
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Bei dem hohen Ölpreis, lohnt es sich auch kleinere Vorräte zu fördern.
Aber wie oben beschrieben, die Kosten sind sehr sehr hoch, da lohnt sich nur über ein hohen Ölpreis so ein Aufwand, das gilt auch für große Projekte, soll heißen Öl wird weiter sehr teuer bleiben!
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