Vorbemerkung von Rudolf Sponsel: Hagen [zu seiner Wissenschaftsbiographie] war einer der Gutachter, die unter der Federführung von Guddens, die Entmündigung Ludwigs II., König von Bayern, zu verantworten hatten. Von ihm selbst kennen heute nur noch wenige den Namen, obgleich er ein bedeutender Psychiater seiner Zeit war, mit heute noch sehr lesenswerten Arbeiten. Er war von den vier Gutachtern wahrscheinlich der psychologisch und psychopathologisch und auch wissenschaftlich Kompetenteste, wenngleich von Gudden berühmter war als er. Ich habe diese Arbeit als erste ausgewählt, weil die fixen Ideen und der Wahn immer noch - unabhängig von der Diskussion um das Gutachten über Ludwig II. - ein brandaktuelles Thema sind. Andere Querverweise. Redaktioneller Hinweis: Fettungen in diesem Text sind in der Originalarbeit gesperrt gedruckt.
Neben vielen Vorzügen dieser Arbeit ist jedoch besonders seine selbstverständliche Kenntnis und Einbeziehung des Unbewußten zu erwähnen - zu einer Zeit, da Freud kaum 14 Jahre alt war
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Gewisse Gedankenkreise können vorwalten und mit unwiderstehlicher Gewalt immer wiederkehren, und Richtungen auf gewisse Ideen können sich fixiren, ohne dass eine psychische Krankheit vorhanden wäre. Der sinnende Forscher hat eine Idee erfasst, sie erscheint ihm in ihrem ersten Aufspringen als eine neue Sonne, die einen weiten Kreis bisher zusammenhangsloser Thatsachen plötzlich hell beleuchtend sie in ihrer natürlichen Gruppirung erscheinen lässt; mit dem Schwinden der Neuheit und der ersten Begeisterung wird daraus das zweifelhafte Licht einer Hypothese. Aber die erweckte Hoffnung lässt sich nicht so leicht wieder dämpfen; immer und immer wieder kehrt der Gedanke, das erste Entzücken kann nicht getrogen haben, die Hypothese muss doch wahr sein - und dann ist keine Ruhe mehr - ihr Beweis muss gefunden werden - da und dort werden Gründe für sie gesehen - neue wird und muss die Zukunft noch bringen - in ihrer Erwartung lebt und strebt der Mensch ihnen entgegen - sie bildet den Mittelpunkt seines Sinnens und Trachtens- sie ist ihm zur fixen Idee geworden. Dieser Zustand kann stattfinden bei voller Gesundheit, ja bei der eminentesten Geisteskraft - und die Idee, wenn sie im Menschen auch feststehend geworden ist, ist darum keineswegs eine irrige, sondern sie kann die volle, die ganze Wahrheit enthalten.[>43]
Aber allerdings ist die Gefahr des Irrthums gross, und es kann Zeit, Kraft und Lebensfreude aufgeopfert werden, lediglich um einem Phantom nachzujagen; die grossen Talente sind zwar mehr, aber keineswegs ganz davor gesichert, dergleichen falsche Fährten zu verfolgen. Dass die festgehaltene Idee falsch ist, ist daher kein Beweis für die Geistesschwäche ihres Pflegers, sonst müsste so ziemlich jeder grosse Naturforscher dümmer sein als irgend ein hundert Jahre später lebender Student, und Jeder, der sich heut zu Tage die grossen Fortschritte in der Lehre vom Licht angeeignet hat, klüger als Göthe, der sich in seine Farbenlehre verrannt hat. Da nun überdiess die Wahrheit oder Falschheit einer Lehre sich nicht immer schon bald herausstellt, sondern die Welt oft lange Zeit die eine für die andere nimmt, so begreift sich leicht, wie wenig an und für sich das hartnäckigeVerfolgen einer absonderlich erscheinenden Idee als ein Symptom von Krankheit angesehen werden kann.
Aehnliches wiederholt sich in vielen anderen Verhältnissen, daher es genügt, nur kurz darauf hinzuweisen. Der Schuldbeladene, an dem die Reue über eine That nagt, die Mutter, welche immer an das ihr durch den Tod entrissene Kind denken muss, der Aengstliche, der in einer Epidemie den Gedanken angesteckt zu werden, nicht losbringen kann, haben in ihrer Art auch fix gewordene Ideen. Gewisse Heilsysteme haben eine Zeit lang, aller Erfahrung zum Trotz, die Köpfe beherrscht; ein Genie wie Friedrich II. verfiel dem Geschick, in Finanzsachen eigensinnig eine verkehrte Idee durchzuführen, und von fixen Ideen auf dem Gebiete der Philosophie und Dogmengeschichte Belege anzuführen erlassen Sie mir ohnehin.