Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat angesichts der dramatischen Schuldenkrise im Euro-Raum und der Finanzprobleme in den USA Alarm geschlagen. „Die Weltwirtschaft befindet sich in einer gefährlichen neuen Phase“, warnte der IWF. Er nahm seine Wachstumsprognosen für die Industrieländer teils drastisch gegenüber den Schätzungen vom Sommer zurück. Vor allem die USA und die Euro-Zone, die eigentlich als Konjunkturlokomotiven die Weltschaft anziehen sollten, bereiten dem IWF Kopfzerbrechen - und dort wiederum Deutschland.
„Europa muss die Kurve kriegen“
Der Internationale Währungsfonds (IWF) schlägt angesichts der Schuldenkrise in der Euro-Zone und der blutarmen US-Konjunktur Alarm - und will massive Eingriffe. Die Weltwirtschaft befinde sich in einer „gefährlichen neuen Phase“. Schlechte Karten hätten vor allem die reichen Staaten. Zwar setze sich das Wachstum fort, „aber nur schwach und holprig“.
Ein Plus von nur noch vier statt bisher 4,5 Prozent sagt der IWF in seinem jüngsten Weltwirtschaftsausblick voraus, der am Dienstag in Washington vorgelegt wurde.
Miniwachstum für USA und Euro-Zone
Zwei Risiken bereiten den Fonds-Experten besonders Sorgen: dass die Schuldenkrise in der Euro-Zone außer Kontrolle gerät und dass die US-Wirtschaft noch weiter abschmiert. Jedes Szenario hätte schon für sich genommen „schwere Konsequenzen für das globale Wachstum“. Folgen könnten sein: ein neuer Nackenschlag für Finanzmärkte in den Industrienationen, ein Absturz des Welthandels, versiegende Kapitalströme und weniger Wachstum in aufstrebenden Staaten. Die Euro-Zone und die USA „könnten zurück in die Rezession stürzen“, warnt der IWF.
Der IWF erwartet für USA und Euro-Zone 2012 nur ein Miniwachstum: im Bereich der Gemeinschaftswährung gerade einmal 1,1 und in den Vereinigten Staaten 1,8 Prozent, wobei die US-Prognose massiv um 0,9 Punkte nach unten korrigiert wurde. In der größten Volkswirtschaft der Welt will die private Nachfrage nicht anspringen, von der die Konjunktur zu 70 Prozent abhängt. Zugleich plagen das Land erhebliche Arbeitslosigkeit sowie die hohe Verschuldung von Staat und Bürgern.
Appell an Politik
Als Rezept rät der Fonds den Politikern in der Euro-Zone nicht nur, die Beschlüsse ihres Brüsseler Krisengipfels vom Juli rasch umzusetzen. Zugleich müsse die Europäische Zentralbank (EZB) „weiterhin kräftig intervenieren“, um die Ordnung auf den Märkten für Staatsanleihen zu wahren. Gerate das Wachstum in Gefahr und bleibe gleichzeitig die Inflation im Griff, sollte die EZB zudem ihren Leitzins senken.
Der Rettungsschirm EFSF müsse sobald wie möglich vollständig umgesetzt werden, wie auch die anderen Maßnahmen, sagte IWF-Chefökonom Olivier Blanchard. Die Politiker in der Euro-Zone „haben nicht den Luxus, Zeit zu haben“. Die Dinge könnten „jederzeit“ schiefgehen. „Unsere ausdrückliche Botschaft ist, dass Europa die Kurve kriegen muss“, so Blanchard.
Trübe Prognose für Deutschland
Trüb ist vor allem die Prognose für Deutschland: Dort sieht der IWF 2012 nur noch ein Wachstum von 1,3 Prozent, satte 0,7 Punkte weniger als bisher erwartet. Zudem warnte der IWF vor einem zu scharfen Sparen zulasten des Wachstums. Länder wie Deutschland sollten gegebenenfalls über Lockerungen nachdenken. Die Politik müsse schnell und koordiniert handeln, um kein „verlorenes Jahrzehnt“ zu riskieren. Konjunkturprogramme zur Ankurbelung der Wirtschaft lehnt Berlin jedoch angesichts hoher Schulden weiter ab.
Von angeschlagenen Banken müsse eine höhere Ausstattung mit Kapital verlangt werden, bevorzugt durch „Lösungen der Privatwirtschaft“, schlägt der Fonds vor. Seien diese nicht verfügbar, „müssen sie öffentliches Kapital oder Unterstützung durch den Rettungsschirm EFSF akzeptieren, oder restrukturiert oder geschlossen werden“.
Empfehlungen an die USA
Angesichts der angeschlagenen Konjunktur warnen die Fonds-Experten die USA vor „hastigen Haushaltseinschnitten“, die der Wirtschaft weiter schaden könnten. Stattdessen müsse ein Plan her, wie das Land auf mittlere Sicht seine Schulden abbauen könne. Zudem sollte die US-Notenbank weiter für „unkonventionelle Unterstützung“ der Konjunktur bereitstehen, also für neue geldpolitische Lockerungsmanöver.
Den USA empfahl der Fonds, ihre politischen Spannungen zu überwinden und eine glaubwürdige Strategie zur mittelfristigen Schuldenrückführung zu erarbeiten. Um die Exporte der angeschlagenen Industrienationen, allen voran der USA, wieder flottzukriegen, fordert der Fonds besonders von China, die Binnennachfrage anzukurbeln. Entsprechende Pläne von Überschussländern müssten „so schnell wie möglich umgesetzt werden“.
Schwellenländer auf der Überholspur
Während das Wirtschaftswachstum in den großen Industrieländern nach Einschätzung des Fonds mit nur noch 1,6 Prozent in diesem und 1,9 Prozent im nächsten Jahr unterdurchschnittlich ausfallen wird, bleiben die Schwellen- und Entwicklungsländer von der aktuellen Krise bisher weitgehend unbeeindruckt. Für sie sagt der Fonds Zuwächse von 6,4 Prozent 2011 und 6,1 Prozent 2012 voraus. Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft bleibe China mit einem Plus von 9,5 Prozent in diesem und neun Prozent im kommenden Jahr.
Link:
IWF
Publiziert am 20.09.2011
http://orf.at/stories/2080256/2080255/
http://www.youtube.com/watch?v=ePnbVVntJaQ
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