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"08. März 2009 Es brennt an allen Ecken. Längst sind es nicht mehr nur die Banken und Autohersteller, die in Schwierigkeiten sind. Es hat die ganze deutsche Wirtschaft erwischt und mit ihr den Kern unseres Erfolgs: den Export. Schon rechnet die Ausfuhrwirtschaft mit dem schlimmsten Jahr in der deutschen Geschichte. Die Krise trifft nicht nur einzelne Länder. Sie verändert das gesamte Gefüge der miteinander verwobenen Weltwirtschaft. Die liebgewordene Rollenaufteilung unter den Staaten funktioniert nicht mehr. Und eine neue ist nicht in Sicht.
Jahrelang war es gutgegangen. Die Welt hatte mit gewaltigen Ungleichgewichten gelebt. Es hat Staaten gegeben wie Deutschland. Die wirtschafteten sehr sparsam und verkauften für mehr Geld Maschinen, Autos und Anlagen ins Ausland, als sie Fernseher, Nahrungsmittel und Öl einführten. Der Export war größer als der Import. "Leistungsbilanzüberschuss" nennen das die Fachleute.
Auf der anderen Seite gab es Länder wie Amerika. Die haben mehr konsumiert, als sie herstellten. Diese Staaten machten sogar Schulden, um noch mehr aus aller Welt einkaufen zu können. Kleidung etwa, die kaum noch in Amerika hergestellt wird, Elektronik aus Japan oder eben Autos aus Deutschland. Auch der amerikanische Staat hatte ein gewaltiges Loch im Haushalt, unter anderem weil er teure Kriege finanzierte. Die Folge: Amerika führte mehr Produkte ein als aus - das Land hatte ein "Leistungsbilanzdefizit".
Das Ungleichgewicht hat so lange gehalten, weil alle davon profitierten
Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe von Staaten: die Länder Osteuropas. Die hatten zwar auch ein Leistungsbilanzdefizit. Aber aus anderen Gründen als die Vereinigten Staaten. In Osteuropa hat man viele Güter importiert, nicht um zu konsumieren, sondern um zu investieren. Sie kamen aus dem Sozialismus und wollten rasch wachsen. Dafür brauchten sie Investitionen und Knowhow. Das wiederum kam aus dem Westen. "Für solche Länder war es ganz normal, dass sie sich zunächst auf Pump finanzierten", sagt Henning Klodt, Wirtschaftsprofessor am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Und die Menschen in diesen Ländern haben davon außerordentlich profitiert: Ihr Wohlstand wuchs in raschem Tempo.
Das Ungleichgewicht der weltweiten Leistungsbilanzen hat sich viel länger gehalten, als die meisten Fachleute vermutet hatten. Vor allem, weil zunächst alle davon profitierten. Über Jahre war das Ungleichgewicht die große Pumpe des weltweiten Wachstums. Der Westen pumpte Geld in den Osten hinein, der damit wiederum Maschinen, Autos, Elektronik aus dem Westen kaufte. Die exportorientierten Länder profitierten zweifach. Sie verdienten mit dem Verkauf von Konsum- und Investitionsgütern. Und sie heimsten die Zinsen dafür ein, dass sie Ländern wie Amerika oder den Staaten Osteuropas das Geld für die Importe liehen.
In einer Weltwirtschaftskrise zeigt sich die Verletzlichkeit des Konzepts
Allerdings darf man sich nicht von der Vorstellung verleiten lassen, dieser Mechanismus sei von einer übergeordneten Institution gemacht. Zumindest nicht in Deutschland. Er ist vielmehr das Ergebnis individueller Tugenden (oder Sünden), die sich über Jahre durchsetzten. Die deutschen Unternehmen sind seit jeher investitionsfreudig und innovativ. Das macht ihren Erfolg aus, der sich in der Leistungsbilanz als Überschuss niederschlägt. Zugleich sind die deutschen Konsumenten im internationalen Vergleich schon immer zurückhaltend gewesen. Zwölf Prozent von allem, was sie erwirtschaften, geben sie nicht aus, sondern legen es an. In großem Stil auch im Ausland. Die Sparquote hierzulande ist hoch. Auf der Produktionsseite also entstehen die international gefragten Güter, auf der Seite der Sparer die Vermögen, die den Export ermöglichen.
In einer Weltwirtschaftskrise zeigt sich jetzt die Verletzlichkeit dieses Konzepts. Die Pumpe stottert, und den Exportweltmeister Deutschland trifft es doppelt hart: Die Nachfrage nach seinen Exportgütern geht dramatisch zurück - das wird für die Unternehmen zum Problem. Gleichzeitig geraten die Gläubiger unter Druck, deren Vermögensanlagen durch Währungsabwertungen einem größeren Risiko unterliegen - das trifft die Sparer. Und so steht Deutschland in der Krise mit seinen gigantischen Leistungsbilanzüberschüssen auch nicht stärker da als andere. Während die Defizitländer auf die Gnade ausländischer Investoren angewiesen sind, hängen die Überschussländer am Tropf der Nachfrage aus dem Ausland. Und damit an deren Wohlergehen. Die Weltwirtschaftskrise trifft nicht nur die Sünder, sondern auch die Tugendhaften.
Soll sich Deutschland isolieren? Das würde in die Verarmung führen
Braucht Deutschland also ein neues Geschäftsmodell? Eines, das das Land aus dieser doppelten Krisenanfälligkeit künftig herausführt und die Welt von den Gefahren der riesigen Handelsungleichgewichte befreit?
Ein Ausweg wäre: Deutschland produziert nur noch das, was es selbst braucht, und klinkt sich aus der internationalen Arbeitsteilung aus. Was aber selbst für ein großes Land wie Amerika kaum vorstellbar ist, würde in einem kleinen Land wie Deutschland in die Verarmung führen. Nur indem wir unsere Autos und Maschinen eintauschen, können wir unsere Versorgung etwa mit Öl, Südfrüchten oder Unterhaltungselektronik sicherstellen.
Die andere Möglichkeit wäre: Deutschland macht aus dem Leistungsbilanzüberschuss eine ausgeglichene Bilanz. Dazu müssten die Unternehmen weniger exportieren und mehr im Inland verkaufen. Und die Menschen im Inland müssten mehr kaufen und weniger sparen. Diese Idee aber hat eine große Schwäche: Wie bringt man die Menschen dazu, mehr zu konsumieren, vor allem in solch unsicheren Situationen wie einer Krise? Und darf man das überhaupt?
Kein Grund, an den Grundfesten des Geschäftsmodells zu rütteln
Der Münchener Wirtschaftsprofessor Kai Carstensen zumindest meint, die Krise des Exportes sei kein Grund, an den Grundfesten des deutschen Geschäftsmodells zu rütteln. Deutschland habe sich eben auf den Export von Investitionsgütern spezialisiert, deren Nachfrage besonders mit der Konjunktur schwanke. In guten Zeiten profitiere Deutschland überdurchschnittlich - in schlechten Zeiten leidet das Land besonders stark. Auch Michael Hüther, Chef des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, hält wenig von einem Wechsel des Geschäftsmodells: "Deutschlands Modell ist das Ergebnis der internationalen Arbeitsteilung. Es ist keines, das man einfach ändern könnte."
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