Was belastet den Goldpreis und wie lange noch?
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02.04.2021 von Hannes Zipfel
Wegen der zeitlich und prozentual ausgedehnten Korrektur beim Goldpreis sinkt die Stimmung der Goldanleger immer tiefer. Kann der Preis des gelben Edelmetalls in diesem Jahr überhaupt noch steigen? Und wenn ja, welche Entwicklungen sind dazu notwendig und bereits absehbar?
Was belastet den Goldpreis und wie lange noch?
Die Euphorie ist verflogen
Wenn die Anlegermeinung einen Konsens erreicht, ist diese erfahrungsgemäß oft falsch, da viele Investoren dann bereits im Markt investiert sind. Sie werden zu bullisch, nachdem die Preise gestiegen sind, und zu bärisch, nachdem die Kurse bereits tief gefallen sind.
Aufgrund dieser Tendenz sieht man oft eine extreme Stimmungslage (Sentiment) unmittelbar vor großen Trendänderungen. Stimmungsindikatoren sind daher Kontraindikatoren.
Der Stimmungsindikator „Gold Optix“ wird auf der Basis von Daten verschiedener Anbieter, z. B.
Bloomberg
Consensus
Market Vane
etc. berechnet.
Er enthält neben Daten zur Positionierung am Termin- und OTC-Markt auch Umfragewerte unter Anlegern.
Nachdem im Sommer letzten Jahres Extremwerte erreicht wurden (exzessiver Optimismus), hat sich das Stimmungsbarometer nun wieder in den neutralen Bereich abgekühlt.
Goldpreis Bildung vergleich Gold / Gold Optix
Diese Entwicklung korrespondiert auch mit der Positionierung an der für die Goldpreisbildung wichtigen Terminbörse COMEX in New York. Die wöchentlich erhobenen COT-Daten(Commitment of Traders) zeigen eine deutliche Reduzierung der spekulativen Positionen und bei der Anzahl aller offenen Terminkontrakte (Open Interest).
Der COT-Index ist klar in die „Buy Zone“ gedreht und signalisiert auch hier eine Bodenbildung.
COT-Daten Gold
Doppelboden oder Durchbruch?
Charttechnisch zeigen die beiden Oszillatoren Stochastik und Relative-Stärke-Index (RSI) ebenfalls eine deutliche „Überverkauftheit“ beim Goldpreis an. Auch der Abstand zur grün eingezeichneten 200-Tage-Durchschnittslinie (SMA 200) ist nach unten mit aktuell knapp zehn Prozent überdurchschnittlich groß.
Die drei grün und gestrichelt eingezeichneten Unterstützungslinien bieten dem Goldpreis zudem guten Halt. Eine Bodenbildung erscheint somit wahrscheinlicher als ein Durchbrechen der Kurse nach unten.
Goldpreis Chart US-Dollar pro Unze
Temporäre Belastungsfaktoren und Sondereffekte
Der Hauptbelastungsfaktor für den Goldpreis sind die steigenden Renditen am Kapitalmarkt und hier vor allem die in den USA ebenfalls steigenden Realzinsen (Zinsen minus Inflation). Dieser Effekt dürfte sich jedoch in Kürze ändern, da die Zinsen den Teuerungsschub bereits vorweggenommen haben und angestiegen sind, während die Inflationsstatistik einige Wochen hinterherhinkt.
Sobald bedingt durch den Basiseffekt die Preise in den kommenden Monaten gegenüber den Vorjahresmonaten deutlich zulegen, wird das die Realzinsen wieder deutlich in den negativen Bereich zurückdrücken.
In Deutschland war dieser Effekt in dieser Woche bereits zu beobachten und die Realzinsen nähern sich hierzulande schon wieder ihren negativen Rekordständen an.
Neben den Zinsen trägt auch eine ausgeprägte Sorglosigkeit bezüglich eines kurzfristigen Überwindens der Corona-Krise zur Reduzierung des „Sicheren Hafens“ Gold in den Portfolios bei. Auch diese Risikofreude hat das Potenzial, sich in den kommenden Wochen ins Gegenteil zu verkehren (Risk-Off-Trade).
Dann würde auch der dritte Belastungsfaktor, der starke US-Dollar, sich zusammen mit den Renditen und dem vorherrschenden Optimismus deutlich abschwächen und Gold in der Gunst der Anleger wieder zulegen.
Umfeld für steigende Kurse eigentlich konstruktiv
Bedenkt man den Zustand der Weltwirtschaft, dann gleicht dieser einem Apfel, der außen glänzt und innen bereits verfault ist. Ohne schuldenfinanzierte Stimuli droht die Depression. Nicht umsonst wird US-Präsident Joe-Biden am Mittwochabend und nur knapp drei Wochen nach der Unterzeichnung des 1,9 Billionen schweren Stimuli-Pakets „American Rescue Plan“ ein weiteres Billionen-Hilfspaket für die US-Wirtschaft vorstellen.
Die Kombination aus untilgbaren Schulden, Realzinsen unter Null und schwindsüchtiger Kaufkraft aller Fiat-Währungen sind in Summe ein konstruktives Umfeld für den Vermögenswert Gold, der kein Bonitätsrisiko kennt und länger existiert als alle Fiat-Währungen und digitalen Geldexperimente zusammen.
Fazit und Ausblick
In Anbetracht der signifikanten „Überverkauftheit“ des Goldpreises, einhergehend mit einer sich absehbar wieder verschärfenden Pandemie-Lage, steigender Inflation und im Verhältnis zum Schuldenberg gefährlich hoher Zinsen am Kapitalmarkt, sieht die Perspektive für Gold eher positiv als negativ aus.
Manchmal benötigen Entwicklungen Zeit, um von den Marktteilnehmern registriert zu werden. Diese Entwicklungen zu ignorieren, war jedoch noch nie ein guter Rat.
Das Gleiche gilt für die Prognosen der Notenbanker: Die letzten Finanzmarktkrisen wurden zuverlässig durch zu stark gestiegene Zinsen und gleichzeitig explodierende Schulden ausgelöst.
Die aktuellen nominalen Zinsen am Kapitalmarkt sind für die aktuelle Schuldenhöhe und das Bewertungsniveau bei den Vermögenspreisen bereits zu hoch. Etwas Geduld könnte sich daher schneller auszahlen, als es die Resignation vieler kurzfristig orientierter Momentumspekulanten und Neuinvestoren bei Gold suggeriert.
GOLD.DE Autor: Hannes Zipfel
Autor: Hannes Zipf