interessantes Kommentar für Julian und gleichdenkende .
Freiheit? Wovon oder wofür?
Ein Frei-Sein ohne ein Wovon oder Wofür gibt es nicht. Daher sei mir die Frage gestattet: Wovon oder wofür wollen Menschen angeblich frei sein? Oder anders ausgedrückt: Was bedeutet der Freiheitsbegriff heute in der modern(d)en Gesellschaft?
Der heutige wie auch der frühere Mensch wird und wurde auf die psychologische Rolle vorbereitet, die er unter dem jeweiligen System zu spielen hat. Dieser Drill, den man wenig beschönigend Erziehung (1) nennt, betrifft auch heute noch jeden Bereich des Lebens und prägt bis heute die Persönlichkeit jedes Menschen. Im Wort Persönlichkeit steckt das Fremdwort Person, das soviel wie Maske bedeutet und das gesellschaftliche Rollenverhalten beschreibt, dem heute nahezu jeder Mensch unterworfen ist. Auch im Wort Personal steckt derselbe Maskenbegriff; Personal ist letztlich nichts anderes als ein Synonym für moderne Sklavenhaltung und wird oft auch als Humankapital oder menschliche Ressource bezeichnet: Der Mensch wird so einzig unter dem Aspekt der kapitalistischen Verwertbarkeit bzw. Ausbeutung betrachtet.
Als weitgehend kritiklos betrachtete Errungenschaft des Kampfes um »die Freiheit« gilt heute vorangig die freie Meinungsäußerung. Egal welche Meinung, jeder hat heute angeblich das Recht, seine Meinung in welcher Form auch immer frei zu äußern. Doch was bedeutet hier das Adjektiv »frei« genau? Man antwortet darauf gewöhnlich, die Freiheit der Meinungsäußerung bedeute, daß sie nicht verboten sei. Verboten aber heißt letztlich einem Zwang unterworfen: Wer gegen ein Verbot handelt, wird bestraft, also irgend einer Form von Gewalt unterworfen. Und in genau diesem Sinne ist schon die Behauptung, wir könnten unsere Meinungen frei äußern, eine Lüge, denn unerwünschte Meinungsäußerungen haben heute verstärkt Sanktionen zur Folge, z.B. Jobverlust.
Was der Durchschnittsbürger in seinen privaten Kreisen äußert oder zurückhält, interessiert gewöhnlich nicht, denn diese meist einsamen »freien« Individuen (eigentlich sollte ich Dividuum, das Geteilte, und nicht Individuum, das Ungeteilte, schreiben) verfügen nicht, wie die Mainstream-Medien, über Multiplikationsfaktoren und können ihre Meinungen daher kaum durchsetzen oder ihnen sonstwie Geltung verschaffen. Ganz im Gegenteil: Die Massenmedien stellen für die allermeisten Menschen heute die Basis ihrer Meinungsbildung dar. Darauf folgt, daß heute im Zeitalter der freien Meinungsäußerung zwar jeder seine Meinung mitteilen darf, diese Meinung jedoch gar keine freie Meinung mehr ist, weil durch die Mainstream-Medien ein nicht unerheblicher Konsensdruck entsteht, dem fast alle Menschen nachgeben, indem sie nur das äußern, was dem Mainstream entspricht. Es geht sogar noch tiefer, denn die meisten Menschen wagen gar nicht erst zu denken, was nicht dem Mainstream entspricht oder was der Mainstream negiert oder gar angreift.
Mit anderen Worten: Vieles davon, was der Mensch heute denkt und sagt, ist genau das, was alle anderen auch denken und sagen. Daraus wird dann – analog zum Witz, daß Millionen Fliegen sich ja nicht irren können, wenn sie Scheiße fressen – die Überzeugung, daß das, was alle denken, wohl das Richtige sein muß. Man ringt sich also nicht deshalb zu einer Meinung durch, weil man sich selbst aktiv und autonom davon überzeugt hat, sondern um Streß und Konflikte mit anderen Menschen zu vermeiden. Durch die Freiheit der Meinungsäußerung hat der Mensch »nicht die Fähigkeit erworben hat, auf originelle Weise (das
heißt selbständig) zu denken – was allein seinem Anspruch einen Sinn gibt, daß niemand das Recht hat, ihm die Äußerung seiner Meinung zu verbieten.« (2)
Fromm fährt fort:
www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/...ing-36142576/show/