ich musste halbieren weil zu lang für post
Dass Jaffé diesen Rahmen setzte, war im engeren Sinne kein Versagen. Sein Auftrag
war insolvenzrechtlich definiert: Vermögen sichern, Gläubiger bedienen,
Haftungsansprüche prüfen. Die strafrechtlich relevante Frage — was hat tatsächlich
stattgefunden, wer wusste was, wer hat was veranlasst — war nicht sein Mandat.
Dass ein insolvenzrechtlich definierter Prüfrahmen zur zentralen Grundlage einer
Strafanklage wurde, ist der eigentliche institutionelle Kategorienfehler.
Als Jaffé im Stadelheimer Prozess als Zeuge aussagte, bestätigte sich dieses Bild.
In den Bereichen seines tatsächlichen Aufgabenbereichs war er ein präziser und
kompetenter Zeuge. Für die Kernfrage des Verfahrens antwortete er mit Sätzen wie
„Ich war nicht dabei“, „Das war nicht Gegenstand meiner Prüfung“, „Ich habe keine
Kenntnis darüber.“ Dutzende Male. Er hat nie geprüft, welche operative Leistung
tatsächlich erbracht wurde.
Jaffé weiß, dass die Treuhandkonten leer waren. Er weiß nicht, ob hinter den drei
Drittpartnern operatives Geschäft lag, das anders als bilanziert abgewickelt wurde.
Beide Aussagen nebeneinander zu halten ist unbequem. Es ist aber der Stand der
Dinge.
Vier Fragen — eine Antwort: der systematische Kategorienfehler
Zieht man die Linie von 2019 bis heute, zeigt sich eine durchgehende Verwechslung
von vier verschiedenen Fragen, die nie sauber getrennt wurden:
Die Financial Times fragte 2019: Waren diese drei Partner verdächtig und
materiell nicht offengelegt?
Der TPARC fragte 2021: Existierte das Treuhandkonten-Modell so, wie es in der
Bilanz dargestellt war?
Jaffé beantwortete als Zeuge: Lagen auf den Treuhandkonten Gelder?
Die Anklage behauptet: Hat TPA-Geschäft überhaupt jemals existiert?
Jede dieser Fragen hat eine andere Antwort. Nur die dritte ist durch Beweise
eindeutig belegt: Nein, die Treuhandgelder waren nicht vorhanden. Alle anderen
Fragen werden behandelt, als seien sie durch diese eine Antwort mitbeantwortet.
Das sind sie nicht.
November 2021: Als eine These zur Norm wurde
Es gibt einen gut dokumentierten Moment, an dem aus einer Ermittlungsthese eine
öffentliche Gewissheit wurde. Im November 2021 — über ein Jahr vor Prozessbeginn —
veröffentlichten sieben Journalisten von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR einen
Artikel, der berechtigte Fragen über bislang ungeklärte Zahlungsflüsse stellte.
Als die Tagesschau darüber berichtete, wurde umgehend darauf reagiert. Absichtlich
oder nicht — der Rahmen dessen, was über Wirecard schreibbar war, wurde in
diesem Moment gesetzt. Mit der Autorität der Financial Times gegenüber
Journalisten, die sich erst nach dem Kollaps für Wirecard zu interessieren begonnen
hatten.
Dabei gilt auf beiden Seiten dasselbe Prinzip: So wie es innerhalb der Wirecard AG
einen erheblichen Unterschied gab, wer wann über welche Informationen verfügte,
gab es ihn auch unter den Journalisten. Wer das Thema von Anfang an verfolgte,
wusste anderes — und früher — als wer erst nach dem Zusammenbruch dazukam.
Diese Asymmetrie erklärt, warum manche Fragen nie gestellt wurden — und warum
die Autorität derer, die früh dabei waren, so schwer zu hinterfragen war.
Ein Parlamentarier beglaubigte den gesetzten Rahmen amtlich. Sieben Tage später
zog das Autorenteam seine eigenen Fragen faktisch zurück — mit demselben
Argument, das es bereits im Mai verwendet hatte: Jaffé. Die Fragen vom
21. November wurden nie wieder gestellt.
Die Verteidigung: verwaschen seit 2023
An dieser Stelle muss auch auf die Verteidigung selbst hingewiesen werden — nicht
um ihre Strategie zu kritisieren, sie hat ihre eigenen Gründe —, aber um eine
Beobachtung festzuhalten, die ich bereits im September 2023 formuliert habe: Die
Verteidigung formuliert zu verwaschen.
Die Position, die sich aus den verfügbaren Dokumenten mühsam rekonstruieren
lässt, ist analytisch stark: Das bilanzierte TPA-Modell war eine Fälschung — als
Kulisse für die Veruntreuung durch ein Netzwerk unter Marsalek. Das tatsächliche
Drittpartnergeschäft existierte in Teilen, wurde aber von diesem Netzwerk
kontrolliert und abgeschöpft. Braun war kein Mitglied dieses Netzwerks.
Diese Position ist kohärent. Sie erklärt die realen Zahlungsflüsse, die der TPARC
selbst dokumentiert. Sie erklärt das Schweigen der TPA-Partner nach der Insolvenz.
Sie erklärt die Lock-Mail. Sie erklärt, warum Braun in keiner Beschreibung des
operativen Netzwerks auftaucht.
Mai 2026: Der BR und der Begriff, den niemand klärt
Im Mai 2026 berichtet BR24 über neue Beweisanträge der Braun-Verteidigung. In
einem dieser Anträge hält die Verteidigung fest, Marsalek habe das bilanzierte
Geschäft „fingiert, um keine Aufmerksamkeit im Hinblick auf den wahren Tathergang
zu erwecken und unbemerkt Gelder auszuleiten.“
Das ist eine präzise Aussage: Die Bilanzdarstellung war Tarnung — nicht das
Geschäft selbst.
Wenige Absätze früher schreibt BR24: „Waren Teile des Wirecard-Geschäfts mit
ausländischen Drittpartnern frei erfunden? Nach Überzeugung des
Insolvenzverwalters und der Staatsanwaltschaft lautet die Antwort darauf:
eindeutig ja.“
„Bilanziertes Geschäft fingiert“ und „Geschäft frei erfunden“ sind nicht dasselbe.
Der BR zitiert die Unterscheidung im selben Artikel korrekt — und verwischt sie unmittelbar wieder. Niemand klärt, worüber gerade gesprochen wird. Das ist seit
Mai 2019 so. Es hat sich bis Mai 2026 nicht geändert.
Was auf dem Spiel steht
In der Anklage wird für alle unterschiedlichen Straftatbestände mit einem
behaupteten Wissen der Angeklagten über ein völlig erfundenes Geschäft
argumentiert. Dieser Grundpfeiler trägt das gesamte Konstrukt. Zeigt sich aber,
wie wenig belastbar er ist — wie sehr er auf methodisch unzureichenden Grundlagen
ruht, auf einem insolvenzrechtlichen Prüfrahmen, auf Zeitungszitaten, auf einer
Frage, die niemand je vollständig gestellt hat —, dann rücken Themen ins Zentrum,
die in der bisherigen Berichterstattung kaum Beachtung gefunden haben. Nicht weil sie neu wären. Sondern weil man sie bisher für erledigt hielt, ohne sie je wirklich geprüft zu haben.
Das gilt auch für den Vorwurf der Bilanzfälschung selbst. Er ist ein eigenständiger
strafrechtlicher Vorwurf — und seine Zuordnung zu den Angeklagten Markus Braun
und Stephan von Erffa ist eine Frage, die einer eigenen sorgfältigen Prüfung
bedarf. Auch hier wurden ins Verfahren eingeführte Aspekte vielfach nicht im Detail gewürdigt — weil man von einem bereits als gesichert geltenden Tatbild ausging und auf dieser Grundlage eine detaillierte Klärung für entbehrlich hielt.
Das ist keine Methode der Wahrheitsfindung. Es ist ihre Umkehrung.
In der öffentlichen Berichterstattung wird die Länge des Verfahrens regelmäßig mit der Prozessstrategie der Verteidigung erklärt: neue Beweisanträge, neue Zeugen,
neue Dokumente. Das mag taktisch sein. Es kann aber auch etwas anderes bedeuten:
dass ein Verfahren, dessen Fundament nie vollständig geprüft wurde, zwangsläufig
an Stellen stockt, die man für längst geklärt hielt. Ein Prozess verzögert sich nicht nur durch Anträge. Er verzögert sich auch durch Fragen, die zu früh für
beantwortet erklärt wurden.
Die Lücken, die man erkennen sollte
Solange diese Unklarheiten bestehen und die Lücken in der Berichterstattung nicht
benannt werden, kann das Verfahren von der Öffentlichkeit nicht eigenständig verstanden werden. Die Zuschauer sind auf die Deutung durch Journaliste
Wer den Text aufmerksam liest, findet sie — so wie man sie früher auch in den
Mitteilungen der Wirecard AG finden konnte, wenn man es wollte.
Man musste es aber auch wollen.
Quellen: