| HANDELSBLATT, Montag, 20. November 2006, 06:00 Uhr |
Was von Friedman bleibtVon Norbert Häring und Olaf StorbeckZum Tode des bedeutendsten Ökonomen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Eine Bestandsaufnahme und Bilanz zum wissenschaftlichen Einfluss von Milton Friedman.Kaum ein Volkswirt genießt unter seinen Kollegen solch ein hohes Ansehen wie Gregory Mankiw. Der Makro-Ökonom aus Harvard hat US-Präsident George Bush beraten, für ein Ökonomie-Lehrbuch erhielt er einen Vorschuss in Millionen-Höhe. Mankiw weiß, was er kann und was er wert ist. Im Vergleich zu Milton Friedman hält er sich für ein Nichts. „Wenn man eine E-Mail von Milton Friedman bekommt, weiß man, wie Moses sich gefühlt haben muss, als Gott ihm auf die Schulter tippte“, sagt Mankiw. Doch das ist für immer Vergangenheit. Am Donnerstag ist Milton Friedman im Alter von 94 Jahren verstorben. Wie kaum ein anderer hat der Wissenschaftler seine Disziplin beeinflusst. Wie aber sieht sein wissenschaftliches Vermächtnis aus? Ganz ohne Zweifel war Milton Friedman neben John Maynard Keynes mit Abstand der einflussreichste Ökonom des 20. Jahrhunderts. Der Monetarismus, dessen Vordenker er war, bestimmte die geldpolitische Strategie der Bundesbank; der Marktliberalismus, den er theoretisch unterfütterte, inspirierte die Politik von Ronald Reagan und Margaret Thatcher; über eine ganze Generation Ökonomen, die Friedman prägte, wirkt er bis heute in die wirtschaftspolitische Debatte. Friedmans wissenschaftliche Agenda war die Gegenrevolution, der Gegenentwurf zu dem bis Ende der sechziger Jahre dominierenden Keynesianismus. Anfang der achtziger Jahre sah es so aus, als wäre der Sieg Friedmans und seiner neoklassischen Mitstreiter vollkommen. Heute ist nicht mehr klar, wer wen besiegt hat. Denn der moderne Keynesianismus hat Friedman umarmt – und in gewissem Sinne verschluckt. <!--nodist--> Lesen Sie weiter auf Seite 2: Was Friedman mit Shakespeare gemein hat <!--/nodist-->Wer heute Friedmans Werke liest, hat es schwer, seine Leistung richtig zu erkennen. Wie revolutionär seine Arbeiten waren, kann man aus heutiger Perspektive kaum noch erfassen. „Mich erinnert das an den Studenten“, meint US-Notenbankchef Ben Bernanke, „der zum ersten Mal mit Shakespeare zu tun hat und sich bei seinem Professor beschwert: ,Ich sehe nicht, was an Shakespeare so toll sein soll. Er hat doch nichts anderes gemacht, als bekannte Zitate aneinander zu reihen.’“ Wobei es erst Shakespeare war, der diese Zitate geschaffen hat. Im Falle Friedmans war es vor allem die Erkenntnis, dass Inflation das Ergebnis einer schlechten Geldpolitik ist – und nicht unvermeidlicher Ausfluss realwirtschaftlicher Phänomene. Dauerhafte Anstiege des Preisniveaus, so seine Erkenntnis, haben im Kern nichts zu tun mit aggressiven Gewerkschaften, raffgierigen Unternehmern oder Ölkartellen. „Inflation“, lautet einer seiner berühmtesten Sätze, „ist immer und überall ein rein monetäres Phänomen.“ Preisstabilität sei Voraussetzung für hohes Wirtschaftswachstum – und nur erreichbar, wenn die Geldpolitik dem Einfluss der Politik entzogen ist. All dies gehört heute zur DNA der modernen Ökonomie. Aber wie genau sieht eine gute, stabilitätsorientierte Geldpolitik aus? Laut Friedman steht die Geldmenge, die in einer Volkswirtschaft zirkuliert, im Mittelpunkt. „Wenn man das Wachstum der Geldmenge kontrolliert, dann kontrolliert man die Inflation.“ Die Geldmenge, so sein Vorschlag, solle stetig pro Jahr um drei bis fünf Prozent wachsen. Dieses Konzept ist heute überholt. Eine Steuerung der Geldmenge, wie Friedman sie propagierte, betreibt keine Notenbank mehr. Sie steuern die Inflation lieber direkt, ohne den Umweg über die Geldmenge – und das mit großem Erfolg. In den meisten Modellen, die Wissenschaftler und Zentralbanker zur Prognose von Inflation und Wirtschaftswachstum verwenden, kommt die Geldmenge wenn überhaupt nur am Rande vor. Und unter den wichtigen Notenbanken der Welt weist nur noch die Europäische Zentralbank der Geldmengenbeobachtung eine besondere Rolle zu – was ihr Kritik führender Geldpolitik-Experten einbringt. Vor einigen Jahren sah es so aus, als hätte sich auch Friedman selbst von seinem Konzept verabschiedet. „Die Verwendung der Geldmenge als Steuerungsgröße der Geldpolitik war kein Erfolg“, zitierte ihn 2003 die „Financial Times“. „Ich bin nicht sicher, ob ich heute noch so stark darauf drängen würde wie damals“, soll er gesagt haben. Doch kurz vor seinem Tod bekräftigte Friedman seine alte Sicht. „Wünschenswert ist eine geldpolitische Regel, nach der die Geldmenge Jahr für Jahr mit einer festen Rate zunimmt“, schrieb er im August in einer E-Mail an Mankiw, die dieser in seinem Weblog veröffentlichte. „Nichts, was ich in den letzten Jahrzehnten beobachtet habe, hat mich dazu gebracht, meine Meinung zu ändern“, schrieb Friedman. „Das Beste wäre, man würde die Fed abschaffen und das Finanzministerium anweisen, die Geldbasis konstant zu halten.“ <!--nodist--> Lesen Sie weiter auf Seite 3: Was bleibt von der "Friedman-Regel"? <!--/nodist-->Auch über andere Thesen und Theoreme Friedmans ist die moderne ökonomische Forschung heute hinweggegangen. So findet die „Friedman-Regel“, nach der ein Nominalzins nahe null optimal sein soll, mittlerweile kaum noch ernst zu nehmende Anhänger. Sein Erfinder begründete es so: Die Haltung von Bargeld sollte für die wirtschaftlichen Akteure nur so teuer sein – in Form von entgangenen Zinsen –, wie die Bereitstellung des Geldes kostet. Da der Druck von Banknoten nahezu kostenlos ist, folgt daraus ein Nominalzins von nahe null. Doch dies hätte häufig Deflation zur Folge. In abgeschwächter Form – und anders begründet – ist die „Friedman- Regel“ indessen Konsens geworden: Inflationsrate und Nominalzins, sind sich Wissenschaftler und Notenbanker einig, sollten niedrig und stabil sein. Friedmans berühmte Lebenseinkommenshypothese ist ebenfalls nicht mehr „State of the Art“. Er postulierte: Menschen richten sich bei ihren Konsumentscheidungen am erwarteten Lebenseinkommen aus, nicht am aktuellen Einkommen. Dies war ein Angriff auf die keynesianische Argumentation, nach der die Konsumneigung je nach aktueller Situation starken Schwankungen ausgesetzt ist. Heute ist klar: In der Realität sind die Schwankungen im Ausgabenverhalten weit größer, als nach Friedmans Hypothese zu erwarten wäre, was mit beschränkten Möglichkeiten zur Kreditaufnahme und begrenzter Rationalität erklärt wird. Aus der Vogelperspektive sind Weiterentwicklung und partielle Abkehr von Friedmans Forschung letztlich nur Kleinklein. Was bleibt, sind die großen Linien. Friedman war es, der das Grundvertrauen in Stabilität und Selbstheilungskraft des Marktmechanismus wiederherstellte. Dies war den Ökonomen im Zuge der großen Depression abhanden gekommen. Aus der gigantischen Wirtschaftskrise, einer Art Kernschmelze des Kapitalismus, hatte die Zunft den Schluss gezogen: Der Staat muss aktiv in das Spiel von Angebot und Nachfrage eingreifen, um solche Katastrophen zu verhindern. John Maynard Keynes stellte die These auf: Auf unerwartete Schocks reagieren Unternehmen nicht mit einer Absenkung der Preise und Löhne, sondern mit einer Anpassung der Produktionsmengen und der Beschäftigung – die Preise seien „klebrig“. Der Staat müsse die Nachfrageausfälle mit einer antizyklischen Politik auffangen. Keynes hatte damit den Weg aus der „Great Depression“ gewiesen und für die folgenden Jahrzehnte den wissenschaftlichen Mainstream vorgegeben. Bis 1962. In jenem Jahr erschien Friedmans Buch „Capitalism and Freedom“. Darin brach er mit den damals gängigen Paradigmen der Wissenschaft. Er behauptete: Das Missmanagement des Staates und die vielen staatlichen Eingriffe in die Marktmechanismen schaffen erst die Probleme, die sie vorgeben zu lösen – wenig Wachstum, hohe Inflation und hohe Arbeitslosigkeit. Mit höheren Staatsausgaben und niedrigeren Zinsen könne der Staat nur kurzfristig die Realwirtschaft beeinflussen. Mittelfristig würden öffentliche Ausgaben zur Ankurbelung der Wirtschaft verpuffen. „Was wir dringend brauchen, ist eine Rückführung des staatlichen Einflusses“, forderte Friedman. <!--nodist--> Lesen Sie weiter auf Seite 4:Wie die Keynesianer auf Friedman reagierten <!--/nodist-->In dem Friedmanschen Gegenentwurf passen sich Preise und Löhne rasch und problemlos an; das Spiel von Angebot und Nachfrage führt zu Markträumung und effizienten Ergebnissen. Daraus ergab sich seine Forschungsagenda: Er versuchte zu zeigen, dass der Markt effizient ist und bei weitem nicht so zu Instabilität neigt, wie es die keynesianische Schule nahe legt. Intensiv kümmerte sich Friedman auch um die konkrete Anwendung seiner Theoreme – und beriet dabei selbst den chilenischen Militärdiktator Augusto Pinochet. Heute haben große Teile von Friedmans Forschung ihren direkten Praxisbezug verloren. Die von Zentralbanken und Makroökonomen verwendeten Modelle sind nicht monetaristischer Natur – in ihrem Kern haben sie wieder keynesianischen Charakter. Die Annahme „klebriger Preise“ gehört wieder zum ökonomischen Mainstream. Insofern hat Friedman in einer wichtigen Frage den Kürzeren gezogen. Die Ironie der Geschichte aber ist: Ohne seine Arbeiten wären die „neo-keynesianischen“ Modelle bei weitem nicht so stringent und überzeugend, wie sie es heute sind. Denn Friedman und seine Mitstreiter zwangen die Makroökonomen, die Erwartungen der Akteure in die Modelle einzubauen und Verzögerungen in der Preisanpassung stringent mikroökonomisch herzuleiten. Selbst neoklassisch orientierte Volkswirte arbeiten inzwischen mit diesen Modellen. Mit einem kleinen Unterschied: Sie haben dem Kind einen anderen Namen gegeben und sprechen von der „neu -neoklassischen Synthese“. |