Heißa, die Bundesliga ist zurück! Es gibt wieder einen Grund, öffentlich-rechtliches Fernsehen zu gucken. Es gibt wieder ein Thema, über das man beim Bier streiten kann. Es gibt wieder was zu meckern: über Spannung, Sportsgeist und Spieler. Alles, was nicht mehr so ist, wie es war, und was anders werden muss, unbedingt. Ihr wisst noch nicht, über was Ihr motzen sollt? Bitte, hier elf Hilfen zur Fußball-Nörgelei.

1. Dauernd dieses Gejammer!
Jeder kennt diese ärgerliche Situation: Es zieht im Kreuz, die Kopfhaut juckt, obendrein ein flaues Gefühl im Magen – und weit und breit kein Reporter, der einen dazu interviewt. Fußballprofis haben es da viel besser. Diese Belastung! Diese Schiedsrichter! Und was davon stimmt? Nix. Zum Thema Belastung hat der „Kicker“ errechnet, dass jeder der 479 Bundesligaspieler der vergangenen Saison auf durchschnittlich nur 22,9 Spiele kam. Das schafft auch ein Tresenstürmer. Gerade mal einer von 30 Spielern kam auf mehr als 50 Partien. Dagegen hatte Thierry Henry vom FC Arsenal London beim Finale des Konföderationen-Pokals im Juni seinen 67. Einsatz und schoss in der Verlängerung das Siegtor – aber der klagt nicht.
Zu den Schiedsrichtern: Laut „ran“-Datenbank war 2002/2003 nur jeder zehnte Elfmeter unberechtigt, lediglich jedes 17. Tor wurde zu Unrecht anerkannt. Schlecht war die Leistung nur bei den Platzverweisen: 39-mal öfter hätten die Schiedsrichter Rot zeigen müssen. Aber diesen Missstand wollen die Herren Bundesligaprofis wohl doch lieber nicht anprangern.

2. Die Fifa!
Ihr verdanken wir die 22 Golden Goals, die unzählige Verlängerungen ihres Zaubers beraubten und so manches Fußballwunder verhindert haben. Vorbei die Zeiten, als man bei einem 1:3 in der 112. Minute noch hoffen durfte. Allein bei der WM 2002 gewannen drei Mannschaften (Senegal, Südkorea, Türkei) per Golden Goal. Das Schlimmste an der Fifa ist ihr Chef, Joseph Blatter. Über den gibt es einen Witz: „Was ist der Unterschied zwischen Blatter und Gott? – Gott hält sich nicht für Blatter.“ Der Schweizer Sportfunktionär ist unzurechnungsfähig in seiner Mission, den Fußball nach seinem Willen zu gestalten. Er wollte schon die Tore vergrößern. Und die Bundesliga auf 16 Mannschaften reduzieren. Und gelegentlich setzt er sich durch. Hier zum Beispiel:

3. Das Nacktjubelverbot!
Von 1996 an war es Spielern verboten, beim Torjubel ihr Trikot auszuziehen. Nackt ist der Spieler für den Schiedsrichter ja nicht identifizierbar. Außerdem flutscht der Trikotsponsor aus dem Bild, stattdessen steht dort: „Jesus“, „Frieden!“, „Krieg!“ oder „Ich widme diesen Treffer all meinen Freunden aus Unna, besonders Axel, Mirko, Sascha und Kassi, meld dich doch mal wieder“. 2001 wurde das Verbot wieder abgeschafft – und ist ab dieser Saison doch wieder Regel: Ausziehen wird mit Gelb bestraft.
Jubel scheint in der Bundesliga ohnehin ein Problem zu sein. Torschütze Christian Beeck von Energie Cottbus flog im November mit Gelb-Rot vom Platz. Er war zum Frohlocken auf einen Zaun geklettert.

4. Diese öde Trikotwerbung
! Eintracht Braunschweig erfand 1973 das Trikotsponsoring – mit Jägermeister. Der FC St. Pauli warb später für Jack Daniel’s und Astra. Legendär wurde der FC Homburg, der seine Spieler 1988 mit dem Kondomhersteller London auflaufen lassen wollte. Der DFB fand das aber zu frivol, also lief quer über die Trikots nur ein schwarzer Streifen. Und heute? Deutsche Vermögensberatung (Kaiserslautern), Victoria (Schalke), Liquimoly (1860 München), DWS Investments (Bochum) – die Trikots der Bundesligisten lesen sich wie Aktienfonds. Danke, Gladbach: Die werben wenigstens für Jever.

5. Die Prostitution der Stadien!
Schade, dass Braunschweig nicht auch gleich das Jägermeister-Stadion eingeweiht hat. Oder Homburg die Verhüt-Arena. Jetzt, wo es üblich ist, dass sich die Stadien an die Wirtschaft verkaufen, kriegen sie bloß doofe Namen: Rhein Energie Stadion, oder richtiger, weil modern: RheinEnergieStadion. Oder: Volkswagenarena. Jedes dritte Stadion hat schon seine Seele verhökert. Wo steht wohl die AWD-Arena? Tipp: Es hieß mal Niedersachsen-Stadion.

6. Der Rückzug der Granden!
Aus Fußballvereinen sind Wirtschaftsunternehmen geworden, und so werden sie auch geführt. Es ist kein Platz mehr für Männer wie Günter Mast, Wilhelm Neudecker, Klaus Steilmann, Günter Eichberg, Heinz Weisener, Roland Schmider, Matthias Ohms oder Jean Löring: Präsidenten, die ihren Verein einsam umsorgt und regiert haben wie Mafia-Paten. Löring, über 30 Jahre lang Boss bei Fortuna Köln, warf den Trainer Toni Schumacher in der Halbzeitpause aus der Kabine – gefeuert. Schalkes Sonnenkönig Eichberg ließ die Beerdigung für Ernst Kuzorra nachstellen – er hatte sie verpasst, wollte aber unbedingt mit aufs Foto. Heute gibt es zwar noch mächtige Einzelkämpfer wie Reiner Calmund in Leverkusen, aber der ist eher Maskottchen als Mäzen. Von den Willkürherrschern alter Schule ist in der Bundesliga nur noch Karl-Heinz Wildmoser von 1860 München übrig. Wenigstens der hat vorgesorgt: Wie in einer guten herkömmlichen Monarchie übernimmt dereinst sein Sohn die Vereinspräsidentschaft. Aber wer weiß schon, wie die Präsidenten von Hansa Rostock, Bielefeld, Wolfsburg oder Hannover 96 heißen? Die kommen ja nicht mal im Fernsehen.

7. Die Zeitlupen-Manie!
Wichtige Sachen (wie Fußball) bekommt man bei Fußballübertragungen ohnehin nicht zu sehen: Bei „ran“ auf Sat 1 durfte vorige Saison durchschnittlich jede Viertelstunde irgendein Fußballer irgendeinen blöden Satz sagen, und in 65 Minuten Sendezeit kamen 50 Zeitlupen – ganz egal, wie spektakulär der Einwurf tatsächlich war. Dazu grimmige Gesichter von Männern in Trainingsanzügen, Halbstarke in Trikots, die auf den Rasen rotzen, und grölende Menschen in bunt bestickten Kutten. Also nichts, was man nicht auch in der Fußgängerzone von Osnabrück sehen könnte. Aber das wird bei der ARD bestimmt nicht besser. Die wiederholen bei Live-Übertragungen ja auch gerne eine Grätsche so oft, bis man den anschließenden Freistoß in den Winkel verpasst.

8. Der Mythos von der Elfmeterreife!
Vor allem wird in Zeitlupen ständig analysiert und diskutiert, ob ein Foul Elfmeter-würdig war oder nicht. Aber da gibt es nichts zu diskutieren. Nicht die Art, sondern der Ort des Fouls entscheidet: Was am Mittelkreis zum Freistoß führen würde, ist im Strafraum ein Elfmeter. Sobald ein Spieler seinen Gegner tritt, schlägt, anspringt, rempelt, stößt, schlägt, hält, anspuckt oder ihm ein Bein stellt; ferner, wenn er beim Tackling den Gegner vor dem Ball berührt oder den Ball mit der Hand spielt. Wenn also ein Schiedsrichter in der Nachspielzeit Fünfe gerade sein lässt, obwohl der Verteidiger den Stürmer zur Seite schiebt, dann hat der Mann die Regeln nicht kapiert. Es ist ja auch kein Fingerspitzengefühl, wenn ein Richter argumentiert, ein Mord sei zwar üblicherweise eine schlimme Tat, aber …
9. Das passive Abseits!
Im Grunde besagt es: Ein Spieler steht abseits, wenn er der gegnerischen Torlinie näher ist als der Ball und der vorletzte Abwehrspieler, es sei denn, es wäre schade um das schöne Tor. Zwar beeinflusst ein Angreifer tatsächlich nicht das Spielgeschehen, wenn er sich an der Eckfahne die Nägel feilt. Aber im Strafraum zieht jeder Spieler immer die Aufmerksamkeit von Verteidigern auf sich, irritiert diese also und ist ergo aktiv. Kein Wunder, dass in einer Umfrage vergangenes Jahr zehn von 18 Kapitänen und 16 von 18 Trainern der Bundesliga dafür waren, das passive Abseits abzuschaffen. Stefan Reuter schimpfte: „Abseits ist Abseits.“ Wozu also die Regel? Weil die Fifa will, dass mehr Tore fallen. Nur: In den drei Jahren, bevor das passive Abseits eingeführt wurde, fielen 80 Tore mehr als in den drei Jahren danach.

10. Bayern München!
Doch, das muss sein. Liebe Bayern-Fans: Ihr seid bloß zu schwach, um euch einen Verein zu suchen, der auch mal am Boden liegt. Wahre Gewinnertypen schenken ihr Herz Mannschaften, die auch verlieren können. Der Finanzvorstand der Lufthansa, Karl-Ludwig Kley, liebt Bayer Leverkusen, Dieter Rampl, Chef der HypoVereinsbank, ist Fan von 1860 München, und der Papst gibt Schalke 04 als Vereinsmitglied seinen Segen. Und was für Leute sind Fan von Bayern München? Wahlverlierer Edmund Stoiber, na bitte! Der FC Bayern hat weder Charme noch Herz, macht die Liga langweilig, und wenn es doch mal was zu zittern gibt, wird’s die Nachspielzeit schon richten. Zur Sicherheit kaufen die Bayern den Konkurrenten systematisch alle guten Leute weg. Zé Roberto, Ballack, Robert Kovac – Leverkusen ist ausgeschaltet. Schwabl, Dorfner, Reuter, Grahammer – Nürnberg hat nichts zu melden. Am liebsten gingen die Bayern immer beim Karlsruher SC shoppen: Sternkopf, Kreuzer, Scholl, Kahn, Fink, Tarnat. Aber jetzt gibt es da nichts mehr zu holen, der KSC hält sich mit Mühe in der Zweiten Liga. Außerdem, mit Verlaub, nein ohne: Die unerfreulichsten Spieler des bezahlten deutschen Fußballs versammeln sich stets beim FC Bayern wie die Fliegen im Plumpsklo. Kahn, Jancker, Basler, Matthäus, Effenberg, Jeremies, Breitner – eigentlich erstaunlich, dass Paul Gascoigne nie für die Bayern gespielt hat.

11. Auch stark optimierungsbedürftig:
Waldemar Hartmann, die Bockwurst im Münchner Olympiastadion, der Nahverkehr zum Schalker Stadion, Marcio Amoroso, der VfL Wolfsburg, Herbert Fandel, farbige Fußballschuhe, das Maskottchen von Hertha BSC Berlin, „die Protagonisten“ und „das Geläuf“ in der Sprache schwurbeliger Reporter, Jörg Wontorra, Gerhard Mayer-Vorfelder, Tore gegen den SC Freiburg und ganz besonders die aktuellen Trikots des FC Hansa Rostock und Werder Bremen...
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