Warum verkauft man lieber Verlierarktien ?


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Jorgos:

Warum verkauft man lieber Verlierarktien ?

 
22.01.07 16:37
Nocheinmal der Hinweis: Dieser Text wurde aus www.faz.de übernommen. Da die Mods hier sehr penibel sind, soll hierauf besonders hingewiesen werden. Falls Unklarheiten über den genauen Fundort aufkommen sollten, bitte einfach posten !



Anlagefehler

Warum halten Anleger an Verliereraktien fest?

Von Hanno Beck


Ein kühler Kopf hilft mehr als jeder Glücksbringer
19. Januar 2007
Eine einfache Frage: Man hat zwei Aktien, eine zehn Euro im Plus, eine zehn Euro im Minus, beide sind derzeit 1.000 Euro wert. Jetzt müssen 1.000 Euro Bargeld her. Welche Aktie verkauft man: den Verlierer oder den Gewinner? Studien zeigen, dass viele Anleger im Zweifelsfall lieber die Verliereraktie halten - und sich ins eigene Renditefleisch schneiden. „Dispositionseffekt“ nennt sich die Beobachtung, dass Anleger dazu neigen, Gewinneraktien zu rasch zu verkaufen und im Gegenzug Verliereraktien zu lange zu halten, und dieser Effekt ist wissenschaftlich gut belegt.

Die bekannteste Studie, die dieses Verhalten dokumentiert, stammt vom amerikanischen Ökonomen Terrance Odean aus dem Jahr 1998. Odean hat sich die Konten von 10.000 Kunden amerikanischer Discountbroker angesehen und dabei ebenjenen Dispositionseffekt festgestellt. Dazu hat er den Anteil verkaufter Gewinneraktien an allen Gewinneraktien - also die Anzahl der verkauften Gewinneraktien dividiert durch die Anzahl aller Gewinneraktien inklusive der Buchgewinne - mit dem entsprechend berechneten Anteil der verkauften Verliereraktien verglichen. Das Ergebnis: Während fast 15 Prozent aller Verkäufe Gewinneraktien waren, wurden nur knapp 10 Prozent Verliereraktien verkauft. Statistisch gesehen ist dieser Unterschied so groß, dass er nicht zufällig zustande gekommen sein kann, wenn man unterstellt, dass Anleger keinen Unterschied machen zwischen dem Verkauf von Gewinner- und Verliereraktien.

Portfoliotechnische Begründung

Nun kann dieses Verhalten wohlbegründet sein - eine Idee wäre, dass sich die Verkäufe gegenseitig beeinflussen, dass Anleger beispielsweise aufgrund gemeinsamer Informationen handeln oder einem Herdentrieb folgen. Um dies auszuschließen, hat Odean die Transaktionen für jedes Konto getrennt untersucht, und er hat nur solche Verkäufe berücksichtigt, denen eine Woche zuvor und danach keine anderen Verkäufe folgten. Das Ergebnis nach Berücksichtigung dieser Effekte: Anleger verkaufen eher Gewinner- als Verliereraktien.

Eine andere Begründung für den Verkauf von Gewinnern ist eine portfoliotechnische: Anleger verkaufen mehr Gewinneraktien, weil deren Anteil im Portfolio aufgrund der Kursgewinne zu groß geworden ist - deswegen muss man sie zumindest teilweise verkaufen, um sein Portfolio wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Auch dieser Idee ist Odean nachgegangen, indem er nur die Verkäufe berücksichtigt hat, bei denen die gesamte Position verkauft wurde. Das Ergebnis: Anleger verkaufen eher Gewinner- als Verliereraktien.

Der Fehler kostet 4,4 Prozent Rendite

Bleibt noch das Argument, dass man Verliereraktien hält, weil man erwartet, dass sie die Gewinneraktien in Zukunft schlagen werden - „Rückkehr zum Durchschnitt“ nennt sich diese Idee, nach der gefallene Aktien irgendwann wieder steigen müssen und gestiegene Aktien wieder irgendwann auf den Boden der Börsentatsachen zurückgeholt werden.

Odean hat sich das für die Transaktionen der von ihm untersuchten Portfolios angesehen und straft diese Idee Lügen: Zumindest über einen Zeitraum von ein und zwei Jahren schneiden die verkauften Gewinneraktien eindeutig besser ab als die gehaltenen Verliereraktien. Über den Daumen kann Odean vorrechnen, was die Anleger ihre Neigung, Gewinner zu verkaufen und Verlierer zu halten, kostet: Unter Berücksichtigung steuerlicher Vorteile beim Verkauf von Verlierern könnte die Rendite eines Portfolios 4,4 Prozent höher sein, wenn man statt der Gewinner die Verlierer verkauft hätte, rechnet er vor. Und doch: Anleger verkaufen eher Gewinner- als Verliereraktien.

„Diese Aktie kommt zurück“

Eine psychologische Erklärung für dieses Verhalten findet sich in der Psychologie, in der Prospect Theory, deren Experimente bestätigen: Menschen messen Verlusten eine höhere Bedeutung zu als Gewinnen - im Schnitt wird ein Verlust mehr als zweimal so stark empfunden wie ein Gewinn. Und eben wegen dieser Verlustaversion sind Menschen bereit, höhere Risiken einzugehen, wenn damit die Aussicht besteht, Verluste zu vermeiden. Das passiert auch offenbar in vielen Anlegerköpfen: Die Aussicht, einen Verlust real zu machen und ihn damit der Steuerbehörde, sich selbst und - am allerschlimmsten - dem Ehepartner einzugestehen, macht uns mutig und risikobereiter - „diese Aktie kommt zurück“, wünscht man sich.

Die Prospect Theory erklärt auch, warum wir gerade dann über Verkäufe nachdenken, wenn der Kurs unserer Aktie wieder seinen Einstandspreis erreicht: Menschen nehmen Gewinne und Verluste nicht im Bezug auf ihr gesamtes Einkommen, sondern auf bestimmte Referenzpunkte wahr; im Fall des Aktienkaufes ist dies beispielsweise der Einstandspreis. Schlimmer wird es, wenn der ehemalige Höchstkurs als Referenzpunkt fungiert - dann mutiert die Aktie zum teuren Portfoliolangschläfer. Der Wirtschaftsprofessor Thomas Gilovich hat die Folgen des Dispositionseffekts mit einem einfachen Bild auf den Punkt gebracht: Wenn der Ruhestand, den man mit Hilfe seiner Investments erreichen will, das Ufer ist, so verhalten sich Anleger, die dem Dispositionseffekt verfallen, wie ein Kapitän, der bei der Fahrt auf das Ufer zu die Schiffe, die bisher bewiesen haben, dass sie seetüchtig sind - also die Gewinneraktien -, aufgibt, um auf angeschlagenen Nussschalen weiterzusegeln.
Text: F.A.Z., 19.01.2007, Nr. 16 / Seite 19
Bildmaterial: ddp
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