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Vom Retter zum Geklagten?
Es war die größte Rettungsaktion der Finanzgeschichte, als die US-Regierung 2008 den Versicherungskonzern AIG mit einem Rettungspaket unter die Arme griff. Der Konzern und die Finanzwelt wurden so vor dem völligen Kollaps bewahrt. Doch nachdem vor kurzem die letzten Anteile an das mittlerweile sanierte Unternehmen zurückverkauft worden waren, passiert nun Unvermutetes: Das Unternehmen überlegt, sich einer Schadenersatzklage von Aktionären gegen den Staat anzuschließen - der Retter würde damit zum Geklagten.
Konzernspitze berät am Mittwoch
Erst vor wenigen Wochen haben die USA die letzten Anteile an den eigenhändig sanierten Versicherungskonzern American International Group (AIG) abgetreten und sich damit vollständig zurückgezogen - es gelang die vollkommene Sanierung. Doch nun erwägt der Konzern, rechtliche Schritte gegen die US-Regierung einzuleiten.
Das Unternehmen könnte im Zuge dessen den rechtlichen Forderungen der Aktionäre folgen. Diese fühlen sich betrogen und wollen nach Darstellung der „New York Times“ („NYT“) eine 25-Milliarden-Dollar-Klage (19,1 Mrd. Euro) gegen den Staat einbringen. Die AIG-Konzernspitze will am Mittwoch prüfen, ob man sich der von den Aktionären angestrengten Schadenersatzklage nun anschließen wird oder nicht.
Aufgesetzt wurde die Klage der Aktionäre bereits im Jahr 2011 vom ehemaligen Geschäftsführer Maurice Greenberg, der auch nach seinem Abgang 2005 ein bedeutender Investor im Unternehmen blieb. Seit 2011 versucht Greenberg, das Unternehmen selbst in den Kreis der Kläger zu holen.
„Belastende Art der Rettung“
Die „NYT“ zitierte aus einem Gerichtsdokument, in dem die AIG-Führung der Justiz zusagt, bis Ende Jänner ihre Haltung zu der Sammelklage festzulegen. Die Rede ist von einer „belastenden Art der Rettung“, im Zuge des Eingriffs der US-Regierung seien Aktionäre um zig Milliarden Dollar gebracht worden, wie das Blatt die Kläger zitiert. Es sei gegen die Verfassung der Vereinigten Staaten verstoßen worden, die den „Eingriff in privates Eigentum verbietet“. Im US-Gesetzestext heißt es übersetzt: „Privateigentum darf nicht ohne angemessene Entschädigung für öffentliche Zwecke eingezogen werden.“
Keine Form von Entschädigung der öffentlichen Hand sei erfolgt. Nun soll es darum gehen, zumindest eine solche gerichtlich geltend zu machen. Gleichzeitig halten die Aktionäre fest, dass mit der Klage nicht der Notwendigkeit der Staatshilfe entgegnet werden soll. Allerdings halten sie das Ausmaß der Verstaatlichung für überzogen. Außerdem werfen die Aktionäre dem Staat vor, mit hohen Zinsen für die Rettungsmilliarden auf ihrem Rücken Geld verdient zu haben.
Hilfe in der Höhe von 182 Milliarden Dollar
Der Zeitpunkt der erwogenen Klage des Unternehmens gegen den Staat ist nicht nur aufgrund der erfolgten Rettung bemerkenswert. Im Jahr 2008 war AIG ins Wanken geraten, weil der Konzern massenhaft Hypothekenwetten der Banken und Fonds abgesichert hatte. Als die versicherten Papiere schlagartig an Wert verloren, kam AIG ins Straucheln.
Ein Zusammenbruch hätte weitreichende Folgen für die gesamte Finanzwelt gehabt. Um Schlimmeres zu verhindern, legte die US-Regierung ein 182 Milliarden Dollar (138 Mrd. Euro) schweres Rettungspaket auf - die Fed butterte Kredite in der Höhe von 85 Milliarden Dollar in den angeschlagenen Riesen - der Staat übernahm zunächst 80 Prozent der Unternehmensanteile.
Im Dezember des Vorjahres zahlte der vor wenigen Jahren kurz vor dem Ruin stehende Versicherer dem Staat schließlich die letzte Tranche der Staatshilfen und Bürgschaften zurück. Ab diesem Zeitpunkt lagen die Geschicke von AIG wieder vollständig beim inzwischen sanierten Unternehmen selbst - und das nach nur vier Jahren. In einem internen Schreiben hatte der Geschäftsführer Robert Benmasche danach erklärt, der Verkauf markiere wohl den unglaublichsten - und von vielen wohl auch für unmöglich gehaltenen - Turnaround in der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte.
Von „Thank you America“ zum „Schlag ins Gesicht“
Anfang des Jahres, also knapp zwei Wochen nach dem Rückkauf der letzten Staatsanteile hatte sich AIG seinem Retter gegenüber medienwirksam noch äußerst dankbar gezeigt: So wurde eine US-weite Werbekampagne unter dem Titel „Thank you America“ gefahren. Der Staat nahm den Dank gerne an und freute sich zugleich über eine ordentliche Summe: Die USA konnten mit der anfangs umstrittenen Rettungsaktion einen Gewinn von 22,7 Milliarden Dollar (über 17 Mrd. Euro) verbuchen.
Doch die Unternehmenskommunikation von AIG ist bemerkenswert: Zwischen dem Medienbericht über eine erwogene Klage gegen den Staat und der offiziellen Danksagung an den Staat liegt lediglich eine Woche. „Einerseits - aus der Perspektive der Unternehmensführung - erscheint das Handeln außerordentlich umsichtig und behutsam“, schildert Frank Partnoy, ehemaliger Banker und nunmehriger Wirtschaftsprofessor an der San Diego School of Law der „NYT“ und folgert: „Doch andererseits ist es ein Schlag ins Gesicht der Steuerzahler und der Regierung.“
Massenweise spekulative Investments
Die Umstände erwirkten, dass er AIG-Konzern mit jenem aus dem Jahr 2008 nicht mehr zu vergleichen ist. Das Unternehmen war jahrzehntelang die herausragende Versicherung weltweit - die Masse an spekulativen Investments vor und während der Finanzkrise kosteten dem Unternehmen fast Kopf und Kragen.
Doch im Zuge der Rettung mit milliardenschweren Steuergeldern konnten diese risikoreichen Strukturen - zumindest nach außen hin - beseitigt werden. Bereiche, die nicht zum Kerngeschäft gehören, wurden verkauft, und mit dem Erlös wurde ein Großteil der sich im Staatsbesitz befindlichen Aktien zurückgekauft. Die USA besaßen vorübergehend 92 Prozent an AIG. Nun hält der Staat keinen einzigen Anteilschein mehr, hat aber vielleicht bald eine Milliardenklage am Hals.