"Vor Tiefstaplern wird gewarnt!"


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"Vor Tiefstaplern wird gewarnt!"

 
08.05.02 11:37

"Vor Tiefstaplern wird gewarnt!"


von Dr. Friedhelm Busch


Die Botschaft ist angekommen: Wer in diesen Tagen an der Börse vollmundige Gewinn- oder Umsatzprognosen kleinlaut zurücknehmen muss, wird von Anlegern gnadenlos abgestraft. Der Kurseinbruch folgt auf dem Fuße. Zu tief sitzt der Zorn über haltlose Versprechungen vieler Unternehmer der New Economy, die angetreten waren, die Finanzmärkte weltweit aufzumischen. Als die übermütigen Himmelsstürmer aus dem grenzenlosen Cyberspace wieder in der harten Realität aufprallten, suchte mancher von ihnen sein Heil in einer mehr als nur kreativen Buchführung.

Wo es statt eines positiven Jahreserfolgs lediglich drastische Verluste zu vermelden gab, wurden relative Umsatzsteigerungen lauthals gefeiert, selbst wenn sie nur mit explodierenden Kosten erkauft worden waren. Tatsächliche Verluste im operativen Geschäft versteckten sich hinter donnernd verkündeten positiven Scheinergebnissen vor Steuer- und Zinszahlungen, vor Abschreibungen und einmaligen Ausgaben für Umstrukturierungen. Als ob all das im Grunde keine gewinnmindernden Belastungen für das Unternehmen wären.



Betäubte Vernunft


Lohn- und Gehaltsaufwendungen wurden heruntergerechnet, da man ja den Mitarbeitern als Gegenleitung für ihre Arbeit neben geringen Monatszahlungen vor allem Optionen auf Aktien des eigenen Unternehmens gewährt hatte, die wiederum in der Gewinn- und Verlustrechnung erst gar nicht auftauchten. Gang legal versteht sich.

Fremde Unternehmen, die man im Rausch des eigenen Börsenerfolgs zu völlig überhöhte Preisen gekauft und größtenteils mit eigenen Aktien bezahlt hatte, wurden nicht aktiviert und dann - wie nach Grundsätzen ordentlicher, ehrenwerter Kaufleute erforderlich - abgeschrieben. Somit konnten sie auch nicht das Jahresergebnis belasten. Und wenn das alles auch nicht mehr half, wusste mancher Unternehmer seine Aktionäre mit Vertröstungen auf kommende paradiesische Zeiten ruhig zu stellen. Dass mitunter diese dubiose Art der offiziellen Ergebnisberichterstattung durch den Einsatz krimineller Energie angerichtet wurde, blieb den Finanzmärkten, leider auch manchem Wirtschaftsprüfer und Analysten, lange Zeit verborgen. Der tönende Optimismus betäubte jede Vernunft und Nachdenklichkeit.



Die widrigen Umstände sind schuld


Doch mit dem Platzen der High-Tech-Blase offenbarten sich derartige Manipulationen, entpuppten sich Bilanzen zunehmend als Informationsmüll, erwies sich mancher Börsenstar über Nacht als wertlos, sein Kurs hoffnungslos überhöht. Und plötzlich waren sie wieder gefragt, die alten, fast schon vergessenen Regeln einer vorsichtigen Bilanzierung, die Maßstäbe einer konservativen Aktienbewertung, wie beispielsweise das Verhältnis des Kurses zum Gewinn je Aktie.

Wer nun aber glaubt, damit sei die notwendige Transparenz und Ehrlichkeit wieder an die Finanzmärkte zurückgekehrt, könnte aufs Neue in die Irre geführt werden. Sehr schnell haben die Unternehmer erkannt, dass sich nach dem reinigenden Gewitter an allen Börsen dieser Welt lautes Prahlen und überstarker Optimismus als Bumerang erwiesen und den Anlegern als verdächtig erscheinen könnten. Dass Tiefstapeln dagegen honoriert wird. Zumal angesichts der weltweiten Konjunkturflaute kein Anlass besteht, sich seiner schlechten Ergebnisse und pessimistischen Prognosen zu schämen. Wenn auch die Mitbewerber mit äußeren Schwierigkeiten zu kämpfen haben, die letztlich alle aus den Terroranschlägen vom September letzten Jahres herrühren, sind doch wohl Ergebniseinbrüche und Umsatzrückgänge jetzt und in der nächsten Zukunft kein Ausweis eigenen Unvermögens, sondern in erster Linie die Folgen widriger Umstände, die man nicht selber zu vertreten hat. Schon gar nicht, wenn man gerade erst die Verantwortung für das Unternehmen übernommen hat und nicht verantwortlich ist für das Vergangene.



Weniger Schönfärberei aber nicht mehr Ehrlichkeit


Mit einer 180-Grad-Drehung werden jetzt alle nur denkbaren Risiken des Unternehmens möglichst hoch bewertet, werden alle Leichen aus den tiefsten Kellern auf die Straße gelegt. Versäumnisse in der bilanziellen Erfassung der Geschäfte möglichst in einem Quartal nachgeholt und korrigiert. Spektakuläre Milliardenverluste einzelner Unternehmen, die aber nicht unbedingt im Zusammenhang stehen müssen mit den laufenden Geschäften, füllen plötzlich die Schlagzeilen der Wirtschaftspresse und täuschen einen generellen, tiefen Einbruch der Konjunktur vor, obwohl im Grunde in Einzelfällen nur alte Fehler in den Bilanzen korrigiert werden.

Die Überlegung des Vorstandes ist ganz einfach: Wenn de negativen Unternehmenszahlen schon nicht der schlechten Weltkonjunktur angelastet werden können, so doch zumindest dem nachlässigen Vorgänger. Das zeugt von schonungsloser Ehrlichkeit der neuen Führung und lässt nicht den geringsten Verdacht von künftigen Manipulationen aufkommen. Enron lässt grüßen!

Auch schmückt es heute verantwortliche Manager außerordentlich, wenn sie vorsichtig, also ohne jede Schönfärberei, mit Bedacht auf die Zukunft schauen und ihre offen geäußerten Erwartungen möglichst tief hängen. Drastische Kurseinbrüche als Folge dieser neuen Politik sind dann zwar unangenehm, aber doch nicht dem Vorstand anzulasten. Richtig! Vorausgesetzt, die warnenden Worte zur Aufklärung der Anleger sind berechtigt und verfolgen in Wirklichkeit keine andere Absicht.



Schaden durch bewusstes Tiefstapeln


Die überraschenden Molltöne des neuen IBM-Chefs Sam Palmisano für das erste Quartal seines Unternehmens und für die kommenden Monate haben in diesen Tagen den IBM-Kurs und damit die gesamte High-Tech-Welt arg belastet. Behält er recht und erweist sich der amerikanische Konjunkturaufschwung nur als ein lauer Lufthauch, der bald an Kraft verliert, so kann ihm kein Anleger ob seiner klaren Worte gram sein. Kommt es dagegen, wie einige Marktbeobachter vermuten, doch zu einem starken Wachstum in der US-Wirtschaft, werden wohl auch bei IBM die Geschäfte erheblich besser laufen als von Palmisano vorhergesagt und die Schätzungen der Analysten deutlich übertroffen. Wer dann über IBM-Aktien oder gar über Optionen auf IBM-Aktien verfügt, wäre für diesen Fall ein überaus glücklicher Mensch, denn der Kurs der Aktie würde ob dieser Nachricht wohl einen plötzlichen Sprung nach oben machen. Noch besser liefe es wahrscheinlich bei den Optionen. Die Manager von IBM wären dann fein raus. Ein Schuft, wer Schlechtes denkt! Pech für den, der sich jetzt wegen der eher negativen Aussagen des IBM-Chefs von seinen IBM-Aktien getrennt hat.

Wer nun im Falle IBM auf der richtigen Seite stehen wird, kann natürlich erst in einigen Monaten festgestellt werden. Und grundsätzlich sind auch vorsichtige Stimmen aus den Unternehmen und Warnungen vor neuem Übermut an den Finanzmärkten durchaus berechtigt. Der Anleger sollte aber nicht schon deshalb jede derartige Äußerung unbedingt für bare Münze nehmen und drastischen Kurseinbrüchen durch übereilte Verkäufe zuvorkommen wollen. Es mag durchaus sein, dass sich, wenn es ganz anders kommt, der vorgeblich pessimistische Unternehmer ganz plötzlich als erfolgreicher Manager feiern lässt. Bewusstes Tiefstapeln kann ebenso schädlich für die Finanzmärkte sein wie grundloser Optimismus. Und nicht immer ist ein plötzlicher Riesenverlust in der Quartalsbilanz der Beweis für eine Firmenkatastrophe.



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