Von Russland lernen?


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Von Russland lernen?

 
15.09.01 09:14
Von Russland lernen?

Von Uwe Klußmann

Die Angst vor islamistischen Terroristen
gehört für die Russen zum Alltag. Nun fliegen
US-Experten nach Moskau und suchen Rat bei
den Geheimdiensten. Doch der bevorstehende
Vergeltungsschlag des Westens weckt die
Furcht vor einem Aufstand der islamischen
Völker.

Die Bilder vom eingestürzten
World Trade Center weckten
bei vielen Russen in
besonderer Weise Mitgefühl
und zugleich schlimme
Erinnerungen. Vor zwei
Jahren, im September 1999
kamen bei mehreren
Bombenanschlägen auf
Häuserblocks in Moskau und
anderen russischen Städten mehr als 300
Menschen um, Hunderte wurden schwer verletzt.

Manche flechten nun Verschwörungstheorien:
Tschetschenische Rebellen, aber auch
Kreml-kritische Journalisten verdächtigen den
russischen Geheimdienst, die Anschläge organisiert
zu haben. Für diese Version gibt es jedoch keinerlei
Beweise. Indizien, die der russische
Inlandsgeheimdienst FSB in die Öffentlichkeit
lancierte, deuten dagegen darauf hin, namentlich
genannte und flüchtige Islamisten aus der kleinen,
zu Russland gehörenden Kaukasusrepublik
Karatschai-Tscherkessien könnten die Anschläge
verübt haben.

Auch deren Täterschaft ist bislang nicht bewiesen,
doch unbestritten ist, dass die Verdächtigen in
Lagern des jordanischen Terroristen Chatab in
Tschetschenien ausgebildet wurden. Der Jordanier
wiederum macht aus seinen Kontakten zu den
Taliban, die Osama Bin Laden beherbergen, keinen
Hehl.

So war es wenig überraschend, dass die
Antiterror-Experten der russischen
Sicherheitsdienste sofort zur intensiven
Kooperation mit westlichen Partnern bereit waren.

Bereits am Mittwochabend trafen in Moskau
Vertreter westlicher Dienste ihre russischen
Kollegen zur Lagebesprechung - "mit feuchten
Augen", wie ein Teilnehmer berichtete.

Im Gegensatz zur technikgläubigen CIA, die das
mühsame Werben von Quellen im extremistischen
Milieu wohl sträflich versäumt hat, setzen die
KGB-Nachfolger, vor allem der FSB und der
Auslandsaufklärungsdienst SWR, immer noch auf
die traditionelle Verbindung von "Arbeit mit dem
Agentennetz" und solider Auswertung.

Auch die freilich konnte nicht verhindern, dass
Terroristenführer wie Chatab und sein Kompagnon,
der Flugzeugentführer Schamil Bassajew, immer
noch in den schwer zugänglichen Bergen
Tschetscheniens neue Anschläge und Überfälle
planen.

So hat Russland viel bittere Erfahrung mit der
Eskalation der Gewalt zwischen Terror und
Vergeltung.

Die kleine Kaukasusrepublik von der Größe
Thüringens war etwa ab Sommer 1996 zu einem
rechtsfreien Raum geworden, in dem sich
bewaffnete Banden weitgehend ungestört tummeln
konnten. Dazu war es gekommen, weil Russland
Präsident Jelzin einst vor den Separatisten faktisch
kapituliert hatte. Dem von den Russen mehrheitlich
als schmachvoll empfundenen Rückzug war ein
knapp zweijähriger grausamer Krieg
vorausgegangen, in dem die Moskauer Führung
weder eigene Soldaten noch örtlich Zivilisten
geschont hatte – mehrere zehntausend Tote waren
die verheerende Bilanz.

Bin Laden-Connection in Tschetschenien

Dieser erste Tschetschenien-Krieg gebar den Hass
und das Elend, in dem die Gotteskrieger des
islamistischen Extremismus anschließend reiche
Ernte hielten. Aus arabischen Quellen und nach
Meinung der russischen Dienste auch über Bin
Laden ergoss sich ein steter Strom von Dollar in die
kleine kriegszerstörte Republik.

Ausgerüstet mit Greenbacks,
Waffen und Heilsparolen
machten sich von
Tschetschenien aus 2500
Kämpfer unter dem grünen
Banner des Propheten im
August 1999 auf zum Überfall
auf die russische, von
muslimischen Stämmen
bewohnte Republik Dagestan.
Darauf reagierte die russische
Führung mit einem bis heute
anhaltenden Feldzug im
Kaukasus, der offiziell als "antiterroristische
Operation" firmiert.

Ebenso wenig wie Israels Premier Ariel Scharon,
der bei seinem jüngsten Besuch in Moskau den
Schulterschluss mit Putin suchte, lassen sich auch
russische Hardliner derzeit auf den Gedanken ein,
dass eine harte Besatzungspolitik in muslimischen
Gebieten, die zu zivilen Opfern führt, Terroristen
immer wieder neue Rekruten zutreibt.

Inlandsflüge ohne Sicherheitskontrollen schon
lange undenkbar

So leben die Russen inzwischen ganz ähnlich wie
die Israelis mit der ständigen Realität einer
terroristischen Bedrohung. Inlandsflugreisen ohne
strenge Sicherheitskontrollen wie in den USA sind
in Russland undenkbar. Immer wieder wird der
Polizei- und Sicherheitsapparat zur Aktion
"Wirbelwind-Antiterror" mobilisiert – meist findet
die Miliz bei aufwendigen Razzien allerdings kaum
mehr als ein paar illegale Zuwanderer aus
südlichen früheren Sowjetrepubliken und eine
Handvoll Pistolen aus Banditenbeständen.

Besonnene Politiker und Sicherheitsexperten in
Moskau treibt denn auch die Sorge um, dass der
Kampf Amerikas gegen Terroristen zum Dritten
Weltkrieg des Nordens und Westens gegen die
muslimische Welt eskalieren könnte.
Bombenangriffe auf Länder im Nahen Osten, warnt
Dimitrij Rogosin, Vorsitzender des
Außenpolitischen Ausschusses der Duma, "wären
eine dumme und gefährliche Entscheidung", nur
geeignet "massenhafte terroristische Aktionen zu
provozieren".

Der Terrorismus gegen die Vereinigten Staaten, so
Rogosin, sei auch eine "Antwort auf die
amerikanische Politik und ihre Versuche, die Welt
zu regieren". Ähnlich sieht es Wladimir Ryschkow,
fraktionsloser liberaler Duma-Abgeordneter: "Die
Amerikaner zahlen einen Preis für ihre Rolle als
einzige Supermacht. Wenn sie nach dieser Rolle
nicht strebten, griffe sie niemand an."

Russlands Truppen für Feldzug gegen
Afghanistan "nicht mal eine hypothetische
Möglichkeit"

Ablehnend äußert sich auch Verteidigungsminister
Sergej Iwanow, einst Generalleutnant der
Auslandsaufklärung, zu allen Überlegungen,
Russlands Truppen in einen möglichen Feldzug
gegen Afghanistan einzubeziehen. Dies sei, so
Iwanow, "nicht einmal eine hypothetische
Möglichkeit".

Russland befinde sich, gesteht ein Oberst a.D. und
Antiterrorexperte des Geheimdienstes, "in einer
wirklichen Falle". Eine Bestrafung der Terroristen
sei notwendig, schon um Nachfolgetäter
abzuschrecken, zugleich müsse "alles vermieden
werden, was uns in einen schleichenden Dritten
Weltkrieg zieht".
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