Volkswirte sind out
Von Norbert Häring, Frankfurt
Der Niedergang des traditionsreichen Fachs in Deutschland ist für viele Studenten ein Segen und für die Forschung kein Schaden. Die Professoren bekommen die Quittung für Abschottung, Vetternwirtschaft und Konservatismus.
Das althergebrachte Berufsbild des Nationalökonomen ist im Niedergang. Darin waren sich die Teilnehmer an einer Diskussion unter Bankanalysten und Fondsmanagern, Volkswirtschaftsprofessoren und Vertretern forschender staatlicher Einrichtungen weitgehend einig. "Der Arbeitsmarkt für Ökonomen ist segmentiert zwischen akademischer Forschung und Ausbildung, staatlichen Stellen und der Privatwirtschaft: alle drei Bereiche schrumpfen", sagte Beatrice Weder di Mauro, Professorin für Internationale Volkswirtschaftslehre an der Uni Mainz, auf der gemeinsam von der Financial Times Deutschland und der Personalberatung Transearch organisierten Veranstaltung.
Während an den Universitäten die betriebswirtschaftlichen Fachbereiche aus allen Nähten platzen und Fachhochschulen für Betriebswirtschaftslehre (BWL) überall sprießen und expandieren, fehlt den Volkswirtschaftlern der Nachwuchs, so dass ihre Fachbereiche zu Gunsten der BWL ausgedünnt und vereinzelt schon geschlossen werden.
"Betriebswirte sind meist praxisorientierter"
"Ich bevorzuge Betriebswirtschaftler mit volkswirtschaftlichen Kenntnissen", sagte auf der Veranstaltung selbst der Chefvolkswirt eines wichtigen Notenbankinstituts: "Betriebswirte sind meist praxisorientierter", meint der Volkswirt.
Im privatwirtschaftlichen Bereich, wo vor allem die Finanzbranche zu den wichtigsten Arbeitgebern gehört, macht die zunehmende Kurzfristorientierung der Finanzmärkte den Volkswirten das Leben schwer. Auf die kurze bis mittlere Frist, die Finanzmarktteilnehmer vorrangig interessiert, richten sich viele Märkte herzlich wenig nach den Fundamentalanalysen der Volkswirte. Fondsmanager, deren Erfolg in Dreimonatsintervallen überprüft wird, können nicht warten, bis die Vorhersagen der Volkswirte eintreffen - wenn sie denn eintreffen.
"Die Volkswirte liegen mit ihren Prognosen immer falsch", meinte ein Fondsmanager. Für ihn sind Volkswirte Sparringspartner, um die eigenen Ideen zu überprüfen. Doch immer mehr Institute stellen den Kostenfaktor "Volkswirtschaftliche Abteilung" auf den Prüfstand. Die am Markt agierenden Kollegen, die das Geld machen und deshalb das Sagen haben, wollen nicht nur im Monatsrhytmus mit Publikationen zu diesem und jenem beliefert werden, sondern wollen ihre Sparringspartner vor Ort haben. Sie sollen ihnen täglich mit Ideen und Einschätzungen zur Seite stehen.
Jobchancen für Schnelldenker
Für die Volkswirte bedeutet das neue Verdienstperspektiven. Denn in den marktnahen Teams der Banken werden ganz andere Gehälter bezahlt als in den traditionellen Volkswirtschaftlichen Abteilungen. Dafür wird jedoch etwas von ihnen verlangt, wofür sie nicht ausgebildet worden sind - und was vielen gegen den Strich geht. Sie müssen sich einlassen auf die Launen des Marktes und in ungewohnt kurzen Zeiträumen denken. Ganz zu schweigen davon, dass der Stressfaktor in der Nähe des Handelsraums ungleich höher ist als in der geruhsamen Stabsstelle.
Volkswirte, die dieser Herausforderung gewachsen sind und sich ihr stellen, gibt es nicht viele. Denn der typische Volkswirt ist ein Denker, fast ein Philosoph, jedoch kein Macher. Wer sonst würde sich ein Studienfach aussuchen, das sehr hohe Anforderungen an das analytische Denken und an das Abstraktionsvermögen stellt - mit unterdurchschnittlichen Erlöschancen und sehr begrenzten Anwendungsmöglichkeiten des Gelernten.
Wenn sich die Universitäten damit bescheiden, langfristig und möglichst noch ordnungspolitisch denkende Nationalökonomen für einen rückläufigen Arbeitsmarkt auszubilden, schrumpfen sie sich in eine Rolle hinein, die ihrem Verständnis von der Bedeutung eines traditionsreichen Fachs nicht entspricht.
Für manchen Studenten, der andernfalls vielleicht einen mittelmäßigen Volkswirtschaftsabschluss erzielt und danach Versicherungen verkauft hätte, ist das Schrumpfen der volkswirtschaftlichen Fakultäten ein Segen. Ein mittelmäßiger Volkswirt hat es sehr viel schwerer auf dem Arbeitsmarkt als ein mittelmäßiger Betriebswirt. Ganz abgesehen davon, dass ein mittelmäßiger Volkswirtschaftsstudent wahrscheinlich ein gutes BWL-Diplom geschafft hätte.
Auch für die volkswirtschaftliche Forschung ist es kein Unglück, wenn die deutschen Volkswirte weniger werden. Hierzulande dominiert in der Forschung ohnehin das untere Mittelmaß. Der deutsche Sprachraum ist gerade groß genug, dass man darin geschützt von der internationalen Konkurrenz publizieren kann. Einige öffentlichkeitsbewusste Koryphäen der deutschen Nationalökonomie tun sich sehr schwer damit, einen Artikel in einer angesehenen internationalen Fachzeitschrift unterzubringen.
Bollwerk gegen die Konkurrenz
Die Habilitation - die Voraussetzung zur Berufung als Professor - trägt entscheidend dazu bei, die Abschottung von internationaler Konkurrenz aufrecht zu erhalten. Denn sie sorgt dafür, dass Netzwerke der alten Herren und Günstlingswirtschaft die Nachwuchsfrage regeln.Zwar ist die Habilitation kein spezielles Problem der Volkswirte. Da in diesem Fach jedoch "Denkschulen" oder, weniger vornehm ausgedrückt, Ideologien eine große Bedeutung haben, wirken sich die Seilschaften besonders fortschrittsbehindernd aus.
Für gute Nachwuchswissenschaftler sind die USA viel attraktiver, wo Leistung mehr zählt als Beziehungen. Und auch für angehende Bankvolkswirte ist ein Studium abseits des Miefs von tausend Jahren deutscher Hochschulen ein wertvolles Asset.
"Es ist besonders schwer, gute deutsche Volkswirte mit angelsächsischem Hintergrund zu finden," sagte etwa Luigi Buttiglione von Barclays Capital. Er empfiehlt den deutschen Studenten, es den italienischen gleich zu tun, und in großer Zahl mit den Füßen abzustimmen. Mindestens eine Zeit lang in den USA oder in Großbritannien studiert zu haben, hält er in seiner Branche für ein Muss.