Experte zu Novavax und Co: Protein-Impfstoffe werden mRNA-Impfung ablösen
Viele Menschen haben Vorbehalte gegen die neuen mRNA- und Vektor-Impfstoffe und warten auf die mit konventioneller Technologie hergestellten Totimpfstoffe. Die sehen auch internationale Experten auf lange Sicht vorn.
Für den deutschen Impfstoffexperten Ralf Clemens hat die mRNA-Impfung primär einen Vorteil. Sie ist schnell. Sie lässt sich schnell entwickeln, schnell anpassen und steht deshalb schlicht schneller zur Verfügung, wenn ein neues Virus sein Unwesen treibt.
Protein-Impfstoffe haben viel mehr zu bieten.
Auf lange Sicht sieht Clemens, der selbst in 30 Jahren mehr als 25 Impfstoffe zur Marktreife entwickelt hat, die eher konventionell hergestellten Totimpfstoffe, allen voran die rekombinanten Protein-Impfstoffe, an der Spitze der Corona-Bekämpfung. Gegenüber dem Wissenschaftsmagazin Nature sagte Clemens: Ich denke, sie werden sich durchsetzen. Denn sie hätten viel mehr zu bieten.
Dabei ist Clemens nicht irgendwer. Bei den Impfstoffherstellern Curevac aus Deutschland und der französisch-österreichischen Valneva sitzt er im Aufsichtsrat. Auch andere Vakzin-Hersteller, darunter das chinesische Unternehmen Clover Pharmaceuticals sowie die Bill & Melinda Gates Foundation berät der Deutsche. Zuvor war Clemens Leiter der globalen Impfstoffentwicklung bei GSK (Glaxo-Smith-Kline), Novartis und Takeda Vaccines.
Entwicklung von Protein-Impfstoffen dauert schlicht länger
Dass sich Protein-Impfstoffe bislang noch nicht durchgesetzt haben, liegt Clemens und anderen zufolge nur an dem bereits genannten Geschwindigkeitsvorteil. Der hat letztlich dazu geführt, dass mRNA-Impfstoffe bereits seit einem Jahr bedingt zugelassen sind, während Totimpfstoffe wie der rekombinante Protein-Impfstoff Novaxovid vom US-amerikanischen Hersteller Novavax noch im Zulassungsverfahren stecken.
Dass das so ist, ärgert viele. So konnten sich Verschwörungsmythen bilden. Die Regierungen der Welt würden absichtlich konventionelle Impfstoffe blockieren, um der mRNA-Plattform Vorschub zu leisten, heißt es vor allem in einschlägigen Telegram-Gruppen.
Dabei war unter Forschenden von Beginn an damit gerechnet worden, dass die Entwicklung proteinbasierter Impfstoffe deutlich länger brauchen würde. Denn die aufgereinigten Proteine, die dem Körper bei nahezu allen Vakzin-Varianten als Spike-Protein präsentiert werden, müssen in gentechnisch veränderten Zellen von Säugetieren, Insekten oder Mikroben in großem Maßstab hergestellt werden. Das Verfahren als Ganzes besteht aus einer Vielzahl von Schritten, die jeweils einzeln optimiert werden müssen. Das braucht einfach viel Zeit.
Protein-Impfstoffe sind billiger und zeigen weniger Nebenwirkungen
Ist diese Prozessoptimierung indes einmal erledigt und sind die Kapazitäten hochgefahren, können proteinbasierte Impfstoffe sehr schnell in großer Zahl produziert werden. Dabei ist die Herstellung deutlich kostengünstiger als jene der mRNA-Impfstoffe. Zudem benötigen die Protein-Impfstoffe kaum Kühlung und sind daher im praktischen Einsatz unkomplizierter im Handling. Gerade für ärmere Länder dieser Erde empfiehlt sich der Einsatz solcher Vakzine.
Es gibt einen weiteren Punkt, der für die Protein-Impfstoffe spricht. Laut Experten ist deren Sicherheitsprofil dem von Grippeimpfungen sehr ähnlich. So sind bei keinem der in klinischen Tests befindlichen Vakzine bisher schwerwiegende Nebenwirkungen wie Thrombosen, Entzündungen des Herzens, anaphylaktische Schocks oder Todesfälle aufgetreten. Selbst die für mRNA- und Vektor-Impfstoffe typischen Reaktionen wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Fieber oder Schüttelfrost sind in den Studien zu den Proteinalternativen deutlich seltener aufgetreten.
In einer klinischen Studie im taiwanischen Taipeh City etwa kam es bei unter einem Prozent der Teilnehmenden zu Fieber. Wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bestätigt, liegt die Auftretenswahrscheinlichkeit von Fieber bei Geimpften mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer bei 24 Prozent.
Tatsächlich wird das Nebenwirkungsprofil der Protein-Vakzine weniger von den Proteinen selbst als vielmehr von den zugesetzten Adjuvanzien bestimmt. Die sind nötig, um das Immunsystem auf den per Spritze eingedrungenen Fremdling aufmerksam zu machen. Hier gibt es eine große Bandbreite unterschiedlicher Substanzen. Novavax etwa verwendet einen Zusatz aus dem Seifenbaumextrakt Saponin, um das Immunsystem zu aktivieren. Saponine sind nicht neu. Sie werden seit über zehn Jahren als Adjuvanzien eingesetzt.
Wichtig zu wissen: Die Zulassungsstudien haben gezeigt, dass die Effektivität der Protein-Impfung ähnlich hoch wie die der mRNA-Impfstoffe und höher als jene der Vektor-Impfstoffe ist.
Auch für Booster geeignet
Mit ihrem günstigeren Nebenwirkungsprofil könnten die Protein-Impfstoffe auch das Interesse all jener Doppelt-Geimpften erregen, die sich in absehbarer Zukunft um eine Auffrischungsimpfung, den sogenannten Booster, kümmern müssen. Nicht wenige hatten besonders nach der Zweitimpfung mit körperlichen Beschwerden zu kämpfen, die wenn möglich sicher gern vermieden werden würden.
Auch aus wissenschaftlicher Sicht spricht einiges für BoosterIimpfungen mit Protein-Vakzinen. Wie John Mascola, Direktor des Vaccine Research Center am US-amerikanischen National Institute of Allergy and Infectious Diseases, berichtet, hätten Studien gezeigt, dass eine kombinierte Impfung verschiedener Vakzine sich als besonders wirksam gegen die Erkrankung erweise.
Zwar brauche es dafür noch konkrete Daten in ausreichender Zahl. Für Mascola und andere scheint es indes unwahrscheinlich, dass Protein-Vakzine sich als untauglich für Auffrischungsimpfungen erweisen könnten. Erste Studien zum Protein-Booster laufen bereits.
Internationale Impfinitiativen setzen auf Protein-Impfstoffe
Die Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI), eine weltweite Allianz zur Erforschung und Entwicklung neuer Impfstoffe zum Schutz gegen neue Viruserkrankungen, hat entsprechend bereits mehr als eine Milliarde US-Dollar in die Entwicklung fünf proteinbasierter Covid-19-Impfstoffe, allen voran jene von Clover (China), Novavax (USA) und SK Bioscience (Korea), investiert. Bei der CEPI ist man sicher: Protein-Impfstoffe werden eine neue Ära der Covid-19-Immunisierung einläuten.
Inzwischen liegen die für Zulassungsanträge erforderlichen Studien für etliche der rund 50 verschiedenen Impfstoffkandidaten auf Proteinbasis vor. Novavax hat für einen der vielversprechendsten Kandidaten, seinen Impfstoff Novaxovid, dessen Spike-Proteine in modifizierten Mottenzellen hergestellt werden, im November die Zulassung bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA beantragt. Die bestätigt den Eingang des Antrags und will nach ausführlicher Prüfung der Unterlagen in einigen Wochen eine Entscheidung fällen.
Novavax und Valneva in Europa wahrscheinlich die nächsten
Schon seit dem 1. November 2021 verfügt Novavax über eine Notfallzulassung in Indonesien. Einen entsprechenden Antrag für das Herkunftsland USA hat der Hersteller noch nicht gestellt. Die EU-Kommission hatte schon im Frühjahr 2021 rund 200 Millionen Dosen des Vakzins bestellt.
Inzwischen gibt sich auch Valneva-Geschäftsführer Thomas Lingelbach selbstbewusster. Hatte der noch im September mit den Worten, dass jede Impfung besser sei als keine, davon abgeraten, auf seinen Impfstoff VLA2001 zu warten, klingt das Ende November schon anders: Wir glauben, dass VLA2001 im Vergleich zu den derzeit zugelassenen Impfstoffen Vorteile in Bezug auf Sicherheit, Kosten, einfache Herstellung und Verteilung bieten könnte. Das Verträglichkeitsprofil war deutlich vorteilhafter als das des aktiven Vergleichsimpfstoffs.
Allerdings geht Lingelbach davon aus, dass für sein Vakzin eine Zulassung der EMA nicht vor April 2022 zu erwarten sein dürfte. Auch von diesem Impfstoff hat sich die EU 60 Millionen Dosen gesichert.
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