Analysten: Die Anzahl der Verkaufsempfehlungen steigt
von Niels Kruse
Wir können auch anders! So würden sie gerne ausrufen, die Damen und Herren Analysten und Aktienexperten. Denn sie wollen nicht länger die Bösen sein. Verantwortlich sein für Spekulationsblasen und Vernichtung von Milliarden und Abermilliarden Anlegergeld. Schluss soll sein mit euphorischen „Kauf“-Empfehlungen und vagen „Hold“-Voten. Vor allem weil ein kerniges „Sell“ in vielen Fällen angebrachter erscheint. Fortan gehören also brutalstmöglich aufklärende Analysen auf den Tisch.
So sieht sie aus, die Wunschvorstellung vieler Anleger. Und tatsächlich scheinen Verkaufsempfehlungen seit einigen Monaten wieder modern zu werden. Schlossen im Januar dieses Jahres nur schlappe 6,1 Prozent aller Empfehlungen mit einem „Sell“, so betrug ihr Anteil im April schon 9,2 Prozent. In der ersten Junihälfte endeten immerhin 14,7 Prozent aller Analysen mit einem „Verkaufen“-Votum, wie eine NET-BUSINESS-Auswertung von rund 3000 Aktienreports ergeben hat.
Besonders ehrlich meinte es kürzlich Bankhaus-Metzler-Analyst Sven Kürten mit dem Softwarehersteller Brokat: „Wir bestätigen unsere Verkaufsempfehlung und setzen als neues Kursziel null Euro“, urteilte er. Das saß. Einen so offenen und zugleich vernichtenden Report hatte es bisher noch nicht gegeben.
Denn zumeist übt sich die Analystengilde in höflicher Zurückhaltung: Verkaufsempfehlungen sollen tunlichst vermieden werden, und wenn schon, dann bitte nicht auch noch mit einem Kursziel, das jegliche Hoffnungen auf ein Wiedersehen mit dem angelegten Geld ad absurdum führt. Das Problem, oft und heiß diskutiert, ist einfach: Die Analysten von Investmentbanken kümmern sich vornehmlich um diejenigen Werte, die ihr Institut als Konsortialbank an die Börse gebracht hat oder zu denen die Bank sonstige Geschäftsbeziehungen unterhält. Sowohl für Kunden als auch Banken wären offene Verkaufsempfehlungen ein Schlag ins Gesicht. In Zweifelsfällen retten sich die Aktienexperten gerne mit einer „Halten“-Empfehlung über die Runden. Dem so genannten Corporate Hold. Allerdings wird, wie Ernst Scheerer, Analyst bei Dresdner Kleinwort Wasserstein, einräumt, „auch nur nach außen süßlich getan. Intern ist doch eher Klartext angesagt.“
Mark Wahrenburg, Professor für Bankbetriebslehre an der Uni Frankfurt, erinnert das Verhalten von Analysten an einen Herdentrieb: „Wenn sich einer von der Masse wegbewegt, dann exponiert er sich, und das kann tödlich enden“, so Wahrenburg. „Deshalb lassen sie sich vom Markt diktieren, was zu schreiben ist.“ Im Fall sinkender Kurse seien das eben Verkaufsempfehlungen. Wie die vom Bankhaus Metzler. Das Frankfurter Institut ist ohnehin eine Oase der aufrechten Analyse. 10 der insgesamt 30 Dax-Unternehmen würden bei Metzler das „Sell“-Votum tragen. „Unsere Kunden wissen eine klare Sprache zu schätzen“, heißt es beim Bankhaus. Im Falle von Brokat hört sich das so an: „Aus unserer Sicht ist Brokat ein Pleitekandidat. Und was hätten wir tun sollen? Ein Kursziel von 2 Euro ausgeben? Das bringt doch auch nichts.“
Ebenfalls als Freund klarer Worte versteht sich Dresdner-Analyst Ernst Scheerer: Die Zunahme von Verkaufsempfehlungen sei wegen des Marktumfelds nur logisch, sagt Scheerer. „Und eigentlich muss und wird es noch eine ganze Menge mehr davon geben.“ Der Fachmann prophezeit sogar eine „regelrechte Flut von ‚Sell‘-Voten“. Angst, Kunden zu vergrätzen, hat Scheerer nicht. Sicher, der eine oder andere sei schon mal sauer gewesen, aber man sehe sich eben als unabhängiges Institut, und bei den Anlegern komme das gut an.
Bei der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre auch. Grundsätzlich jedenfalls. Aber Sprecherin Reinhild Keitel vermutet dahinter reines Kalkül: „Wir schauen weiterhin skeptisch auf die Analysen der großen Banken. Vielleicht machen sie jetzt auch nur ein wenig gut Wetter, um die Öffentlichkeit zu beruhigen.“
von Niels Kruse
Wir können auch anders! So würden sie gerne ausrufen, die Damen und Herren Analysten und Aktienexperten. Denn sie wollen nicht länger die Bösen sein. Verantwortlich sein für Spekulationsblasen und Vernichtung von Milliarden und Abermilliarden Anlegergeld. Schluss soll sein mit euphorischen „Kauf“-Empfehlungen und vagen „Hold“-Voten. Vor allem weil ein kerniges „Sell“ in vielen Fällen angebrachter erscheint. Fortan gehören also brutalstmöglich aufklärende Analysen auf den Tisch.
So sieht sie aus, die Wunschvorstellung vieler Anleger. Und tatsächlich scheinen Verkaufsempfehlungen seit einigen Monaten wieder modern zu werden. Schlossen im Januar dieses Jahres nur schlappe 6,1 Prozent aller Empfehlungen mit einem „Sell“, so betrug ihr Anteil im April schon 9,2 Prozent. In der ersten Junihälfte endeten immerhin 14,7 Prozent aller Analysen mit einem „Verkaufen“-Votum, wie eine NET-BUSINESS-Auswertung von rund 3000 Aktienreports ergeben hat.
Besonders ehrlich meinte es kürzlich Bankhaus-Metzler-Analyst Sven Kürten mit dem Softwarehersteller Brokat: „Wir bestätigen unsere Verkaufsempfehlung und setzen als neues Kursziel null Euro“, urteilte er. Das saß. Einen so offenen und zugleich vernichtenden Report hatte es bisher noch nicht gegeben.
Denn zumeist übt sich die Analystengilde in höflicher Zurückhaltung: Verkaufsempfehlungen sollen tunlichst vermieden werden, und wenn schon, dann bitte nicht auch noch mit einem Kursziel, das jegliche Hoffnungen auf ein Wiedersehen mit dem angelegten Geld ad absurdum führt. Das Problem, oft und heiß diskutiert, ist einfach: Die Analysten von Investmentbanken kümmern sich vornehmlich um diejenigen Werte, die ihr Institut als Konsortialbank an die Börse gebracht hat oder zu denen die Bank sonstige Geschäftsbeziehungen unterhält. Sowohl für Kunden als auch Banken wären offene Verkaufsempfehlungen ein Schlag ins Gesicht. In Zweifelsfällen retten sich die Aktienexperten gerne mit einer „Halten“-Empfehlung über die Runden. Dem so genannten Corporate Hold. Allerdings wird, wie Ernst Scheerer, Analyst bei Dresdner Kleinwort Wasserstein, einräumt, „auch nur nach außen süßlich getan. Intern ist doch eher Klartext angesagt.“
Mark Wahrenburg, Professor für Bankbetriebslehre an der Uni Frankfurt, erinnert das Verhalten von Analysten an einen Herdentrieb: „Wenn sich einer von der Masse wegbewegt, dann exponiert er sich, und das kann tödlich enden“, so Wahrenburg. „Deshalb lassen sie sich vom Markt diktieren, was zu schreiben ist.“ Im Fall sinkender Kurse seien das eben Verkaufsempfehlungen. Wie die vom Bankhaus Metzler. Das Frankfurter Institut ist ohnehin eine Oase der aufrechten Analyse. 10 der insgesamt 30 Dax-Unternehmen würden bei Metzler das „Sell“-Votum tragen. „Unsere Kunden wissen eine klare Sprache zu schätzen“, heißt es beim Bankhaus. Im Falle von Brokat hört sich das so an: „Aus unserer Sicht ist Brokat ein Pleitekandidat. Und was hätten wir tun sollen? Ein Kursziel von 2 Euro ausgeben? Das bringt doch auch nichts.“
Ebenfalls als Freund klarer Worte versteht sich Dresdner-Analyst Ernst Scheerer: Die Zunahme von Verkaufsempfehlungen sei wegen des Marktumfelds nur logisch, sagt Scheerer. „Und eigentlich muss und wird es noch eine ganze Menge mehr davon geben.“ Der Fachmann prophezeit sogar eine „regelrechte Flut von ‚Sell‘-Voten“. Angst, Kunden zu vergrätzen, hat Scheerer nicht. Sicher, der eine oder andere sei schon mal sauer gewesen, aber man sehe sich eben als unabhängiges Institut, und bei den Anlegern komme das gut an.
Bei der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre auch. Grundsätzlich jedenfalls. Aber Sprecherin Reinhild Keitel vermutet dahinter reines Kalkül: „Wir schauen weiterhin skeptisch auf die Analysen der großen Banken. Vielleicht machen sie jetzt auch nur ein wenig gut Wetter, um die Öffentlichkeit zu beruhigen.“