Guter Vorschlag von Markus Söder: Klicksteuer!
von Michael Vaupel
Liebe Leserin, lieber Leser,
*** Vor einigen Tagen gelesen: Der bayrische Finanzminister Söder will eine "Klicksteuer" einführen.
Wie Sie sich denken können, würde ich das nicht erwähnen, wenn ich dazu nicht etwas schreiben möchte.
Und wohlan, so ist es: Potzblitz, diese Meldung freute mich! Wirklich.
Die wenigsten werden wohl überhaupt verstanden haben, um was es dabei geht. Nämlich um eine Maßnahme gegen das sogenannte "high frequency trading".
Ich hatte darüber bereits einige Male berichtet und mein Unbehagen geäußert. Ich greife zunächst darauf zurück und schildere, um was es beim "high frequencey trading" (kurz HFT) überhaupt geht.
Das sind Computer gesteuerte Programme, welche im Bruchteil einer Sekunde Aktien und Futures handeln. Da geht es wirklich um Bruchteile von Sekunden, weswegen z.B. Server möglichst nah an der Börse aufgestellt werden, um einen Zeitvorteil zu haben.
Gefällt mir erstens nicht, dass das zu ungleichen Bedingungen führt. Jetzt hatten wir gerade einen Zustand erreicht, wo die Privatanleger im Grunde zu den gleichen Bedingungen wie die Institutionellen traden konnten. Nun gibt es beim HFT Geschwindigkeiten, bei denen Normalsterbliche wie wir nicht mithalten könnten.
Ok, so ist das eben, es sind eben nicht alle Trader „gleich"...bzw. manche sind „gleicher"....
Was ich aber wirklich bedenklich finde: Beim HFT kommt es verstärkt zu sogenannten „Flash Orders". Und das hat nichts mehr mit positiven Dingen wie „Spenden von Liquidität", „Arbitragegeschäften" etc. zu tun.
Bei den Flash Orders geht es darum: Via HFT werden Hunderttausende Kauf- oder Verkaufsorders platziert. Aber nur für den Bruchteil einer Sekunde! So kurz, dass sie gar nicht ausgeführt werden (das sollen sie nämlich auch gar nicht). Aber das reicht, um den Markt zu beeinflussen.
Nach dem Motto: Wir rufen jetzt alle bei einem Versandhändler an, bestellen was - legen aber alle kurz vor Abschluss der Bestellung wieder auf. Dann sind alle Leitungen des Versandhändlers belegt. So wird er beeinflusst.
Und so werden Aktien- und Futureskurse beeinflusst. Durch diese „Flash Orders" via HFT.
Da geht es um keine kleinen Summen. Ganz im Gegenteil. An extremen Tagen wie dem 18. Februar 2010 wurde von Orders über 1,247 Milliarden Aktien tatsächlich nur ein Prozent tatsächlich gehandelt. Nur ein Prozent! Der Rest der Orders wurde wieder gelöscht.
(Quelle: Rossiwall, V. und Schröder, P.: „Day-Trading: Schnell, Schneller, Scalping", S. 174).
*** Kennt man von sich selber (ich zumindest von mir)...manchmal löscht man eine Kauf-Order wieder, oder eine Stopp-Order, wenn sich was geändert hat. Aber dass nur EIN PROZENT der Order tatsächlich gehandelt worden sind, hat damit zu tun, dass der übergroße „Rest" eben Flash Orders waren.
Und was für ein Markt ist das denn dann? Was hat das noch mit ehrlichem Traden zu tun? Wo ist da noch der Bezug zur Realwirtschaft? Was ist das für ein Mensch, der beim HFT Programme für „Flash Orders" entwickelt? Bringt so jemand unsere Gesellschaft vorwärts?
Anders als die normalen Daytrader, welche für liquiden Handel sorgen, ist im Fall von HFT meine Ansicht: Das ist Mumpitz! Gefährlicher Mumpitz.
Denn letztlich ist es eine Art Betrug: Es werden Hunderttausende Orders vorgetäuscht, die gar nicht da sind. Die nur so kurz eingestellt werden, dass sie gar nicht ausgeführt werden können.
*** Meine Meinung dazu: Ein fairer Markt sollte gewährleistet sein. HFT gehört meiner Ansicht nach nicht dazu. Dem Spuk könnte schon dadurch ein Ende gemacht werden, dass eine aufgegebene Order mindestens eine Sekunde im System bleiben müsste.
Oder, und nun sind wir wieder bei Markus Söders Vorschlag: Der Spuk könnte auch durch eine "Klicksteuer" wirksam bekämpft werden. Wenn für jede Flash Order ein oder zwei Cents verlangt würden, dann würden sich HFT-Trader das durchaus zwei Mal überlegen, ob sie Hunderttausende Order für den Bruchteil einer Sekunde einstellen.
Wenn Sie es doch tun, gibt es immerhin einige Einnahmen für die Staatskasse. Übrigens: Das wäre wohl besonders für die USA interessant - da sollen die "Flash Orders" schon bis zu 40% am gesamten Handelsvolumen ausmachen. (Extreme Tage wie der oben genannte sind - zum Glück - die Ausnahme.)
An den deutschen Börsen ist deren Anteil steigend, aber noch nicht so hoch. Eine Klicksteuer könnte einen weiteren Anstieg verhindern. Und ja, notfalls auch im nationalen Alleingang. So viel Handelsvolumen wird schon nicht abwandern. Und sowieso: Es sind ja fast gar keine "richtigen Umsätze" bei den Flash Orders. Wie oben dargelegt sind es ja gerade virtuelle Orders, welche zum ganz überwiegenden Teil gar nicht ausgeführt werden (sollen).
*** Parteipolitik - ist mir als Pragmatiker egal. Ist mir egal, von welcher Partei jemand ist, wenn er einen vernünftigen Vorschlag macht. Und das erinnert mich gerade an einen Brief eines Kriegsfreiwilligen aus dem Ersten Weltkrieg. Vor kurzem gelesen, ein Schreiben des Studenten Johannes Haas, vom 7. Oktober 1915, hatte mich beim Lesen sehr beeindruckt (sehe mich selber übrigens durchaus als Patrioten). Siehe heutiges "Zitat des Tages"
Mit herzlichem Gruß!
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M.A.
Chefredakteur Traders Daily