(nur ein kleiner Auszug aus einem langen Artikel)
Es nützt nichts, sich daran zu erinnern, dass die Araber aus Spanien sich Christen und Juden gegenüber als ziemlich tolerant erwiesen, während von uns die Ghettos überfallen wurden, oder dass Saladin nach der Rückeroberung Jerusalems den Christen gegenüber viel barmherziger war, als die Christen den Sarazenen gegenüber gewesen waren, nachdem diese Jerusalem erobert hatten. Alles Tatsachen, aber in der arabischen Welt gibt es heute fundamentalistische und theokratische Regime, die die Christen dort nicht tolerieren, und Osama Bin Laden ist mit New York nicht gerade barmherzig umgegangen. Andererseits haben die Franzosen in der Bartholomäusnacht ein Massaker veranstaltet, aber dies gestattet es niemandem, sie heute als Barbaren zu bezeichnen.
Wir wollen nicht die Geschichte bemühen, da sie eine zweischneidige Waffe ist. Die Türken haben gepfählt (und das ist schlecht), aber die orthodoxen Byzantiner rissen den gefährlichen Verwandten die Augen aus, und die Katholiken verbrannten Giordano Bruno; die sarazenischen Piraten machten Rohes und Gekochtes aus ihren Opfern, während die Korsaren mit Freibrief der britischen Krone die spanischen Kolonien in der Karibik in Brand setzten; Bin Laden und Saddam Hussein sind zwar eingeschworene Feinde der westlichen Zivilisation - aber innerhalb dieser westlichen Zivilisation hatten wir es mit Herren zu tun, die Hitler oder Stalin hießen (Stalin war so böse, dass er immer als Orientale definiert wird, auch wenn er im Seminar studiert und Marx gelesen hat). ....
Ist es richtig und zivilisiert, das Bankgeheimnis zu schützen? Viele sind davon überzeugt. Wenn aber dieses Geheimnis den Terroristen erlaubt, ihr Geld in der City von London zu halten? Ist dann die Verteidigung der so genannten Privacy ein positiver oder ein zweifelhafter Wert?
.......
Wir stellen unsere Parameter ständig zur Diskussion. Die westliche Welt macht dies in einem solchen Ausmaß, dass sie es den eigenen Bürgern zugesteht, den Parameter der technischen Entwicklung nicht als positiv anzuerkennen und Buddhisten zu werden oder aber in einer Gemeinschaft zu leben, die keine Reifen benutzt, nicht einmal für Pferdekutschen. Die Schule muss lehren, die Parameter, auf denen unsere leidenschaftlichen Behauptungen beruhen, zu analysieren und zu diskutieren.
Das Problem, das die Kulturanthropologie nicht gelöst hat, lautet: Was macht man, wenn ein Mitglied einer Kultur, deren Prinzipien wir sogar zu respektieren gelernt haben, zu uns zieht und bei uns leben möchte? In Wirklichkeit ist die Mehrzahl der rassistischen Reaktionen im Westen nicht auf die Tatsache zurückzuführen, dass in Mali Animisten leben, sondern dass sich die Animisten bei uns ansiedeln. Was ist aber, wenn sie den Tschador tragen und wenn sie ihre Mädchen infibulieren (Vernähen der Vagina bis zur Hochzeitsnacht, A. d. Ü.) wollen, wenn sie (wie dies bei bestimmten Sekten im Westen der Fall ist) die Bluttransfusion für ihre kranken Kinder ablehnen, wenn der letzte Menschenfresser aus Neuguinea (falls es diese noch gibt) zu uns emigrieren und sich wenigstens jeden Sonntag einen kleinen Jungen rösten möchte?
Bei dem Menschenfresser sind wir alle einer Meinung: Er wird ins Gefängnis gesteckt. Bei den Mädchen, die im Tschador zur Schule gehen, sehe ich nicht ein, weshalb wir daraus eine Tragödie machen sollten, wenn es ihnen gefällt. Über die Infibulation dagegen ist die Debatte eröffnet (das gilt sogar für denjenigen, der so tolerant ist vorzuschlagen, diese solle von ört-lichen Krankenstationen vorgenommen werden, weil dann die Hygiene gesichert ist). Was aber machen wir beispielweise mit der Forderung, die muslimischen Frauen sollten für die Passfotos mit Schleier fotografiert werden dürfen?
Wir haben Gesetze, die für jedermann gelten und die Kriterien für die Identifizierung der Bürger aufstellen. Und ich glaube, dass man davon nicht abweichen kann. Wenn ich eine Moschee besuche, ziehe ich mir die Schuhe aus, weil ich die Gesetze und Gebräuche des Gastgeberlandes beachte. Wie halten wir es da mit einem Foto mit Schleier? Ich glaube, dass man in solchen Fällen verhandeln kann. Letzten Endes sind Passfotos ohnehin nur bedingt tauglich. Womöglich hilft man sich demnächst mit einem Fingerabdruck im Pass.
.....www.spiegel.de
Es nützt nichts, sich daran zu erinnern, dass die Araber aus Spanien sich Christen und Juden gegenüber als ziemlich tolerant erwiesen, während von uns die Ghettos überfallen wurden, oder dass Saladin nach der Rückeroberung Jerusalems den Christen gegenüber viel barmherziger war, als die Christen den Sarazenen gegenüber gewesen waren, nachdem diese Jerusalem erobert hatten. Alles Tatsachen, aber in der arabischen Welt gibt es heute fundamentalistische und theokratische Regime, die die Christen dort nicht tolerieren, und Osama Bin Laden ist mit New York nicht gerade barmherzig umgegangen. Andererseits haben die Franzosen in der Bartholomäusnacht ein Massaker veranstaltet, aber dies gestattet es niemandem, sie heute als Barbaren zu bezeichnen.
Wir wollen nicht die Geschichte bemühen, da sie eine zweischneidige Waffe ist. Die Türken haben gepfählt (und das ist schlecht), aber die orthodoxen Byzantiner rissen den gefährlichen Verwandten die Augen aus, und die Katholiken verbrannten Giordano Bruno; die sarazenischen Piraten machten Rohes und Gekochtes aus ihren Opfern, während die Korsaren mit Freibrief der britischen Krone die spanischen Kolonien in der Karibik in Brand setzten; Bin Laden und Saddam Hussein sind zwar eingeschworene Feinde der westlichen Zivilisation - aber innerhalb dieser westlichen Zivilisation hatten wir es mit Herren zu tun, die Hitler oder Stalin hießen (Stalin war so böse, dass er immer als Orientale definiert wird, auch wenn er im Seminar studiert und Marx gelesen hat). ....
Ist es richtig und zivilisiert, das Bankgeheimnis zu schützen? Viele sind davon überzeugt. Wenn aber dieses Geheimnis den Terroristen erlaubt, ihr Geld in der City von London zu halten? Ist dann die Verteidigung der so genannten Privacy ein positiver oder ein zweifelhafter Wert?
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Wir stellen unsere Parameter ständig zur Diskussion. Die westliche Welt macht dies in einem solchen Ausmaß, dass sie es den eigenen Bürgern zugesteht, den Parameter der technischen Entwicklung nicht als positiv anzuerkennen und Buddhisten zu werden oder aber in einer Gemeinschaft zu leben, die keine Reifen benutzt, nicht einmal für Pferdekutschen. Die Schule muss lehren, die Parameter, auf denen unsere leidenschaftlichen Behauptungen beruhen, zu analysieren und zu diskutieren.
Das Problem, das die Kulturanthropologie nicht gelöst hat, lautet: Was macht man, wenn ein Mitglied einer Kultur, deren Prinzipien wir sogar zu respektieren gelernt haben, zu uns zieht und bei uns leben möchte? In Wirklichkeit ist die Mehrzahl der rassistischen Reaktionen im Westen nicht auf die Tatsache zurückzuführen, dass in Mali Animisten leben, sondern dass sich die Animisten bei uns ansiedeln. Was ist aber, wenn sie den Tschador tragen und wenn sie ihre Mädchen infibulieren (Vernähen der Vagina bis zur Hochzeitsnacht, A. d. Ü.) wollen, wenn sie (wie dies bei bestimmten Sekten im Westen der Fall ist) die Bluttransfusion für ihre kranken Kinder ablehnen, wenn der letzte Menschenfresser aus Neuguinea (falls es diese noch gibt) zu uns emigrieren und sich wenigstens jeden Sonntag einen kleinen Jungen rösten möchte?
Bei dem Menschenfresser sind wir alle einer Meinung: Er wird ins Gefängnis gesteckt. Bei den Mädchen, die im Tschador zur Schule gehen, sehe ich nicht ein, weshalb wir daraus eine Tragödie machen sollten, wenn es ihnen gefällt. Über die Infibulation dagegen ist die Debatte eröffnet (das gilt sogar für denjenigen, der so tolerant ist vorzuschlagen, diese solle von ört-lichen Krankenstationen vorgenommen werden, weil dann die Hygiene gesichert ist). Was aber machen wir beispielweise mit der Forderung, die muslimischen Frauen sollten für die Passfotos mit Schleier fotografiert werden dürfen?
Wir haben Gesetze, die für jedermann gelten und die Kriterien für die Identifizierung der Bürger aufstellen. Und ich glaube, dass man davon nicht abweichen kann. Wenn ich eine Moschee besuche, ziehe ich mir die Schuhe aus, weil ich die Gesetze und Gebräuche des Gastgeberlandes beachte. Wie halten wir es da mit einem Foto mit Schleier? Ich glaube, dass man in solchen Fällen verhandeln kann. Letzten Endes sind Passfotos ohnehin nur bedingt tauglich. Womöglich hilft man sich demnächst mit einem Fingerabdruck im Pass.
.....www.spiegel.de