ÜBERRASCHUNGSDEAL: KaZaA verkauft sich selbst


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ÜBERRASCHUNGSDEAL: KaZaA verkauft sich selbst

 
23.01.02 10:28
Tage, nachdem KaZaA scheinbar einem Urteil eines niederländischen Gerichtes nachgab und seine Software vom Markt nahm, wurden Programm und Marke nach Australien verkauft. Die neuen Besitzer interessieren sich nicht für holländische Gerichtsurteile.

Das war ein Überraschungscoup der Sonderklasse: Die neuen Besitzer von KaZaA, einer der Lizenzierungen von FastTrack, einer Software zur Organisation verteilter P2P-Börsen, heißen "Sharman Networks". Viel mehr ist bisher nicht bekannt.
Außer ein paar Kleinigkeiten. Zum Beispiel, dass KaZaA in diesen Augenblicken öfter aus dem Netz geladen wird, als je zuvor.

Wenige Tage hatte das niederländische Unternehmen KaZaA seine Software vom Netz genommen und folgte damit scheinbar dem Urteilsspruch eines niederländischen Gerichtes, das den Software-Anbieter bei Androhung empfindlicher Geldstrafen dazu verurteilt hatte, den Austausch copyrightgeschützten Materials über KaZaA zu verhindern.

Das aber ist eine technische Unmöglichkeit: Im Gegensatz zu Napster verfügt das KaZaA-Netzwerk über keinen zentralen Server. Das Netzwerk entsteht erst durch die Verbindung zahlreicher Software-Clienten, die auf der Plattform der FastTrack-Technologie beruhen. Das sind derzeit drei massenhaft verteilte Produkte, die sich technisch kaum unterscheiden: KaZaA, Grokster und Morpheus. Zusammen sind sie derzeit Napsters stärkster Erbe - und gelten vielen Fans inzwischen als "besser, als Napster je war".

Grund genug für die Musikindustrie, auch diese Plattformen ins Visier zu nehmen. Als Ansatzpunkt, müssen die Lobbyvertreter gedacht haben, sei KaZaA ideal, weil hinter dem holländischen Dienst - zumindest zeitweise - Niklas Zennstrom stand - und das ist der Erfinder der FastTrack-Technologie.

Doch die juristische Attacke ging ins Leere, und zwar völlig: Weil es so etwas wie ein organisiertes KaZaA-Netzwerk nicht gibt, ist es auch weder kontrollier-, noch abschaltbar. Eine erfolgreiche Klage gegen KaZaA und Zennstrom wäre darum eher einem Racheakt der geschädigten Industrie gleichgekommen als einem konstruktiven Versuch, ein Problem unter Kontrolle zu bekommen. Was P2P, und hier besonders FastTrack angeht, ist die Katze schlicht aus dem Sack.

Außer Werbung nichts gewesen

Und irgendwer scheint zu glauben, dass man mit ihr irgendwann sogar einmal Geld verdienen könnte. Wie viel Sharman für KaZaA bezahlt haben, ist nicht bekannt. Auch, wer dahinter steht, ist unklar. Völlig klar ist hingegen, dass sich die Betreiber von Sharman Networks nicht näher für niederländische Gerichtsurteile interessieren.

Seit Sonntag ist KaZaA wieder da - und gemeint ist damit nur der volle Service der Website mit ihren Software-Download-Funktionen, denn sonst funktionierte sowieso alles. Es sieht so aus, als hätten die alten Betreiber von KaZaA mit der Einstellung der Programm-Downloads nur für Ruhe auf dem Server gesorgt, um die Verlegung von hüben nach drüben zu vereinfachen. Gut geblufft, KaZaA: Eine Reaktion seitens der Industrie und des Gerichtes steht noch aus.

Für die Software KaZaA war all das eine erstklassige Werbung, die User im Netzwerk interessierte der ganze Vorgang sowieso nicht: Zu keinem Zeitpunkt waren die Downloads im FastTrack-Netz in irgendeiner Weise beeinträchtigt.

Denn gegen verteilte Netzwerke ist kein (legales) Kraut gewachsen. Mit juristischen Mitteln ist ihnen nicht beizukommen. Dabei liegt die Lösung so nah, findet nicht nur SPIEGEL-ONLINE-Leser Mark C.: "Man entzieht dem 'illegalen' Raubkopierern von Musik, Videos oder auch Software jeglichen Nährboden, wenn es für den Nutzer keinen so großen wirtschaftlichen Vorteil bei praktisch null Risiko mehr gibt, also die Preise drastisch senkt."

Genau hier liegen die wirklichen Probleme der Entertainment-, aber auch der Softwareindustrie: Ihre Produkte gelten als so hoffnungslos überteuert, dass den Nutzern der P2P-Börsen jedes Unrechtsempfinden fehlt - auch sie fühlen sich beraubt.

Bei allem Bemühen um Sachlichkeit kann das manchmal kaum verwundern, wie das Beispiel der neuen, kommerziellen Downloaddienste zeigt: Obwohl Online-Distribution die Kosten der Herstellung und der Warenlogistik an den User weitergibt (der Hardware, Rohlinge und den Download bezahlen muss), dokumentiert die Industrie mit ihrer Preisung von Online-Musikdiensten eindrucksvoll, dass sie nicht vorhat, ihre eigene Kostenersparnis an den Kunden weiter zu geben.

Das - und nicht die flächendeckende Verbreitung kostenloser, illegaler Alternativen - ist der Sargnagel für die kommerziellen Versuche, legale Online-Musikbörsen zu etablieren. Die fünf großen Musikfirmen haben den Weltmarkt unter sich aufgeteilt und zu einem einheitlichen Preisniveau gefunden, an dem sie selbst nicht rütteln: Sie machen Morpheus, KaZaA und Co. keine Konkurrenz. Statt um die Kunden zu kämpfen, verklagen sie Softwarehersteller wie KaZaA.

Wie leicht es ist, sich so einem Versuch zu entziehen, haben die Holländer nun vorgeführt. KaZaA ist nun (vorerst) eine australische Firma, und die Show geht weiter. Ring frei zur nächsten Runde.
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