"Ich fürchte mich vor einer sechs Milliarden zählenden Menschheit, denn nur auf der Insel von Robinson Crusoe bedeutet der Tod eines Menschen das Ende der Welt." Fatalistisch äußert sich der polnische Schriftsteller Stanislaw Lem in seinem neuen Essayband "riskante Konzepte". Je mehr Menschen die Erde bevölkern, desto weniger bedeutet das Leben des Einzelnen. Für Lem gleicht das globale Dorf daher einer "globalen Mördergrube".
Was und wieviel kann der Mensch wissen und was nützt ihm das? Diese Fragen faszinieren Lem. Die essayistischen Antworten des 80-Jährigen, der sich selbst als einen "szientifischen Alldatenfresser" bezeichnet, fallen pauschal-pessimistisch aus: Weder an die aufgeklärte Wissensgesellschaft noch an Fortschritt mag Lem noch glauben. "Zehn Deutsche sind natürlich dümmer als fünf Deutsche", hat Heiner Müller einmal gesagt. Lem sieht das Ausmaß der Dummheit proportional zur Weltbevölkerung ansteigen. Wer immer das Wissen seiner Zeit erfassen will, gerät in eine Zwangslage - als wolle man gleichzeitig in verschiedene Züge einsteigen.
"Wie wir wissen, gelang es der Schlange, unsere Ureltern im Paradies dazu zu bewegen, von dem Apfel zu kosten." Heute preisen "ganze elektronische Obstgärten ihre Paradiesfrüchte an". Orientierung und Struktur des Wssens sind verloren gegangen, beklagt Lem. Die Folge ist eine Neuauflage von der Mensch ist des Menschen Wolf: "One man's meat is an other man's poison". Auch den historischen Wissenschaften traut Lem nicht über den Weg: "Die Vergangenheit ändert sich vor unseren Augen." Entsprechend "vernebelt" seien "die der Wissenschaft entspringenden Veranschaulichungen der Vergangenheit."
Dass keiner Genaues wissen kann, stützt das Lemsche Vorgehen: Science meets fiction ist seine Devise. "Die Welt will getäuscht werden, also wird sie getäuscht", sagt er. "Ich war ein hausbackener und heimwerkelnder Philosoph, der die künftigen technischen Werke menschlicher Zivilisation vorauszuerkennen versuchte", schreibt der Schriftsteller über seine Arbeit. Von allen, die bloß "pseudokosmischen Unsinn" verbreiten, will er sich dabei absetzten: Für ihn gibt es keine Ufos und keine unbekannten Flugobjekte aus dem Weltall. Weder existieren vernünftige Roboter noch wird es für die Menschen eine Lebensverlängerung bis hin zur Unsterblichkeit geben. "Die Träume davon, dass der Mensch einmal Methusalems Alter wird erreichen können, müssen Utopien bleiben".
Trotz aller Wissenschaftsskepsis setzt Lem mehr auf Science als auf Fiction. Und trotz des drohenden Weltuntergangs bleiben seine Visionen humorvoll: "Schrecklich ernste Kerne könnten aus meinen lustigen Nüssen herausgeschält werden", tönt es gnomig-unkenhaft.
"Wir nähern uns dem Ende des Atomwahns und gehen zum Kommunikationswahn über", urteilt er über die Gegenwart. Die Welt geht unter, dass ist für ihn keine Frage. Doch wird uns der Untergang nichts ausmachen: Denn "Taschenphantomate von der Größe eines Mobiltelefons werden uns mit einlullenden Visionen beruhigen".
Eine zufällig für einige Weltaugenblicke entstandene Menschenwelt geht automatisch zu Grunde. Für Lem kein Grund, Trübsal zu blasen: "Von Zeit zu Zeit wird sich auch ein Hündchen auf den automatischen Friedhof verirren und sein Beinchen heben, aber mit Chanel Nr. 5 pinkeln".
Maria Benning 18.11.2001
Was und wieviel kann der Mensch wissen und was nützt ihm das? Diese Fragen faszinieren Lem. Die essayistischen Antworten des 80-Jährigen, der sich selbst als einen "szientifischen Alldatenfresser" bezeichnet, fallen pauschal-pessimistisch aus: Weder an die aufgeklärte Wissensgesellschaft noch an Fortschritt mag Lem noch glauben. "Zehn Deutsche sind natürlich dümmer als fünf Deutsche", hat Heiner Müller einmal gesagt. Lem sieht das Ausmaß der Dummheit proportional zur Weltbevölkerung ansteigen. Wer immer das Wissen seiner Zeit erfassen will, gerät in eine Zwangslage - als wolle man gleichzeitig in verschiedene Züge einsteigen.
"Wie wir wissen, gelang es der Schlange, unsere Ureltern im Paradies dazu zu bewegen, von dem Apfel zu kosten." Heute preisen "ganze elektronische Obstgärten ihre Paradiesfrüchte an". Orientierung und Struktur des Wssens sind verloren gegangen, beklagt Lem. Die Folge ist eine Neuauflage von der Mensch ist des Menschen Wolf: "One man's meat is an other man's poison". Auch den historischen Wissenschaften traut Lem nicht über den Weg: "Die Vergangenheit ändert sich vor unseren Augen." Entsprechend "vernebelt" seien "die der Wissenschaft entspringenden Veranschaulichungen der Vergangenheit."
Dass keiner Genaues wissen kann, stützt das Lemsche Vorgehen: Science meets fiction ist seine Devise. "Die Welt will getäuscht werden, also wird sie getäuscht", sagt er. "Ich war ein hausbackener und heimwerkelnder Philosoph, der die künftigen technischen Werke menschlicher Zivilisation vorauszuerkennen versuchte", schreibt der Schriftsteller über seine Arbeit. Von allen, die bloß "pseudokosmischen Unsinn" verbreiten, will er sich dabei absetzten: Für ihn gibt es keine Ufos und keine unbekannten Flugobjekte aus dem Weltall. Weder existieren vernünftige Roboter noch wird es für die Menschen eine Lebensverlängerung bis hin zur Unsterblichkeit geben. "Die Träume davon, dass der Mensch einmal Methusalems Alter wird erreichen können, müssen Utopien bleiben".
Trotz aller Wissenschaftsskepsis setzt Lem mehr auf Science als auf Fiction. Und trotz des drohenden Weltuntergangs bleiben seine Visionen humorvoll: "Schrecklich ernste Kerne könnten aus meinen lustigen Nüssen herausgeschält werden", tönt es gnomig-unkenhaft.
"Wir nähern uns dem Ende des Atomwahns und gehen zum Kommunikationswahn über", urteilt er über die Gegenwart. Die Welt geht unter, dass ist für ihn keine Frage. Doch wird uns der Untergang nichts ausmachen: Denn "Taschenphantomate von der Größe eines Mobiltelefons werden uns mit einlullenden Visionen beruhigen".
Eine zufällig für einige Weltaugenblicke entstandene Menschenwelt geht automatisch zu Grunde. Für Lem kein Grund, Trübsal zu blasen: "Von Zeit zu Zeit wird sich auch ein Hündchen auf den automatischen Friedhof verirren und sein Beinchen heben, aber mit Chanel Nr. 5 pinkeln".
Maria Benning 18.11.2001