Märchen aus 1001 Nacht
Von Karsten Langer
Bis vor kurzem galt der Uzan-Clan als einer der reichsten und mächtigsten in der Türkei. Als ein US-Gericht die Familie im August mit einem Bußgeld von vier Milliarden Dollar belegte, wankte das Imperium. Nach weiteren Betrügereien und Skandalen droht es nun einzustürzen.
Tagelang hatten die Fahnder der türkischen Polizei Kemal Uzan und andere führende Mitglieder seines weit verzweigten Familienclans beschattet. Die Festnahme des Wirtschaftstycoons schien nur noch Routine zu sein.
Doch als Sondereinheiten Mitte September die Zentrale des Uzan-Wirtschaftsimperiums in Istanbul stürmten, entschwand Kemal zusammen mit seinem Bruder Yavuz und Sohn Hakan filmreif via Hubschrauber. Seitdem ist er unauffindbar.
Die spektakuläre Flucht war der bisherige Höhepunkt des Niedergangs von Kemal Uzan und seinem omnipotenten Familienimperium. Er war Chef eines der größten Firmenkonglomerate der Türkei, kaum einen Wirtschaftszweig gab es, in dem die Uzans nicht aktiv oder sogar dominant waren. Zu den beiden Familienholdings Rumeli und Prime gehörten Kraftwerke, das Handynetz Telsim, die größte Boulevardzeitung des Landes, private Fernsehsender, Zementwerke, Staudämme, Kraftwerke, Banken und so weiter und so fort. Die Gewinne aus dem verschachtelten Mischkonzern vergoldeten den Alltag der Uzans.
So führten die Mitglieder des Clans bis vor kurzem ein paradiesisches Leben. Sie besaßen zahllose Villen, Yachten, Helikopter, Privatjets und auch ansonsten alles, was sich Neureiche in ihren kühnsten Träumen wünschen können: Apartments in New York, Paris und London, eine eigene Insel im Mittelmeer, dazu die obligatorische Farm. Die wahllose Anhäufung irdischer Güter glich der des amerikanischen Börsenblenders Bernie Ebbers.
Den Bau-Millionen folgten Privatisierungs-Milliarden
Der unaufhaltsame Aufstieg der Industriellenfamilie mutet an wie ein Märchen aus 1001 Nacht: Uzan senior, Sohn eines mittellosen Landwirts in Bosnien, beschloss in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Er ging in die Türkei und versuchte dort sein Glück. Aber erst der nächsten Generation war wirtschaftlicher Erfolg beschieden. In den Fünfzigern gründete Sohn Kemal sein erstes Bauunternehmen, das vom Boom der Siebziger profitierte.
Danach ging es Schlag auf Schlag. Als in den Neunzigern diverse Staatsfirmen privatisiert wurden, nutzte die Familie ihre guten Kontakte zur Politik. Kemal Uzan gründete den ersten türkischen Privatsender Star TV, übernahm zwei Kraftwerke in Lizenz und baute die für ihre horrenden Zinsen berüchtigte Imar-Bank auf.
In der Folgezeit kassierten die Uzans Milliarden jedweder Währung und gaben das Geld mit vollen Händen wieder aus. Sie verhandelten mit Weltkonzernen wie Motorola und leierten ihnen trickreich Unsummen aus der Tasche, die sofort in allerlei windige Geschäfte reinvestiert wurden. Wenn Frau Uzan Whitney Houston zu hören wünschte, wurde Whitney eingeflogen und sang ein Lied. Dann flog Whitney zurück nach Amerika und war um einige tausend Dollar reicher.
Über ihr Vermögen hinaus besaßen die Uzans die politische Macht klandestiner Oligarchen und die Rückendeckung der Regierung. So verstand sich Cem Uzan prächtig mit Ahmed Özal, dem Sohn des damaligen Präsidenten Turgut Özal.
Grenzüberschreitung mit furchtbaren Folgen
Cem war es, der das ungeschriebene Gesetz der staatlichen Gewaltenteilung brach und sich so den Unmut der politischen Elite zuzog. Als eines der wenigen noch freien Familienmitglieder gründete er im vergangenen Jahr die rechtskonservative Jugend-Partei.
Ziel des Rechtspopulisten sei es, mit dem Sprung ins Parlament strafrechtliche Immunität zu erlangen, mutmaßten seine Feinde. Das aber hinderte den Emporkömmling, den ehemalige Kameraden als ungehobelten Rüpel bezeichnen, nicht an seinen Plänen.
Er überzog das Land mit einem Werbefeldzug italienischen Ausmaßes. Der Wahlkampf mit den hauseigenen Medien verfehlte sein Ziel nicht: Aus dem Stand kam die Jugend-Partei auf sieben Prozent. Der Einzug ins Parlament blieb ihr jedoch verwehrt.
Neben der politischen Niederlage und dem daraus resultierenden Machtverlust litten die Uzans im Zuge der Wirtschaftsflaute unter massiven Problemen. So verurteilte ein New Yorker Gericht die Industriellenfamilie Anfang August zu einer Strafe in Höhe von 4,25 Milliarden Dollar, zahlbar an den Telekomausrüster Motorola. Statt ein Darlehen in Höhe von rund 2,7 Milliarden Dollar in den Aufbau des Mobilfunknetzes von Telsim zu investieren, hätten es die Uzans nach Ansicht des Richters Jed S. Rakoff "persönlich verprasst".
Persona non grata
Der Jurist sprach in seiner Urteilsbegründung von einer "nahezu endlosen Serie aus Lügen, Drohungen und Täuschungen". Außer der saftigen Geldstrafe müssen die Uzans 73,5 Prozent ihrer Anteile an Telsim dem Gericht überantworten. Zudem drohen fünf Mitgliedern des Clans Haftstrafen, sollten sie jemals wieder das Staatsgebiet der USA betreten.
Außerdem verklagten immer häufiger geprellte Geschäftspartner den Clan, der Ruf der Familie litt zusehends. Als ruchbar wurde, dass die Imar-Bank ihre Einlagen in Milliardenhöhe auf Offshore-Konten transferiert hatte, kochte Volkes Seele. Erboste Kunden demonstrierten vor den Toren des Instituts.
Denn auf Offshore-Banken sind die Mittel nicht mehr durch den türkischen Einlagensicherungsfonds gedeckt, der bei Bankenpleiten einspringt. Seitdem die Regierung den Uzans im Juli wegen ausgebliebener Zahlungen die Kraftwerkslizenzen entzogen hat, fehlen die Einnahmen aus dem Stromverkauf. Der Bank droht die Pleite.
Der jüngste Skandal allerdings dürfte das Imperium der Uzans endgültig zum Einsturz bringen. Nach Informationen der "Financial Times" unterschlug die Imar-Bank 5,2 Milliarden Euro. Die Summe entspricht drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Nach Angaben der türkischen Finanzaufsicht benutzte der Uzan-Clan ein spezielles Computerprogramm, um den Betrag seit 1994 Stück für Stück auf diverse Konten zu transferieren.
Spiegel.de
Von Karsten Langer
Bis vor kurzem galt der Uzan-Clan als einer der reichsten und mächtigsten in der Türkei. Als ein US-Gericht die Familie im August mit einem Bußgeld von vier Milliarden Dollar belegte, wankte das Imperium. Nach weiteren Betrügereien und Skandalen droht es nun einzustürzen.
Tagelang hatten die Fahnder der türkischen Polizei Kemal Uzan und andere führende Mitglieder seines weit verzweigten Familienclans beschattet. Die Festnahme des Wirtschaftstycoons schien nur noch Routine zu sein.
Doch als Sondereinheiten Mitte September die Zentrale des Uzan-Wirtschaftsimperiums in Istanbul stürmten, entschwand Kemal zusammen mit seinem Bruder Yavuz und Sohn Hakan filmreif via Hubschrauber. Seitdem ist er unauffindbar.
Die spektakuläre Flucht war der bisherige Höhepunkt des Niedergangs von Kemal Uzan und seinem omnipotenten Familienimperium. Er war Chef eines der größten Firmenkonglomerate der Türkei, kaum einen Wirtschaftszweig gab es, in dem die Uzans nicht aktiv oder sogar dominant waren. Zu den beiden Familienholdings Rumeli und Prime gehörten Kraftwerke, das Handynetz Telsim, die größte Boulevardzeitung des Landes, private Fernsehsender, Zementwerke, Staudämme, Kraftwerke, Banken und so weiter und so fort. Die Gewinne aus dem verschachtelten Mischkonzern vergoldeten den Alltag der Uzans.
So führten die Mitglieder des Clans bis vor kurzem ein paradiesisches Leben. Sie besaßen zahllose Villen, Yachten, Helikopter, Privatjets und auch ansonsten alles, was sich Neureiche in ihren kühnsten Träumen wünschen können: Apartments in New York, Paris und London, eine eigene Insel im Mittelmeer, dazu die obligatorische Farm. Die wahllose Anhäufung irdischer Güter glich der des amerikanischen Börsenblenders Bernie Ebbers.
Den Bau-Millionen folgten Privatisierungs-Milliarden
Der unaufhaltsame Aufstieg der Industriellenfamilie mutet an wie ein Märchen aus 1001 Nacht: Uzan senior, Sohn eines mittellosen Landwirts in Bosnien, beschloss in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Er ging in die Türkei und versuchte dort sein Glück. Aber erst der nächsten Generation war wirtschaftlicher Erfolg beschieden. In den Fünfzigern gründete Sohn Kemal sein erstes Bauunternehmen, das vom Boom der Siebziger profitierte.
Danach ging es Schlag auf Schlag. Als in den Neunzigern diverse Staatsfirmen privatisiert wurden, nutzte die Familie ihre guten Kontakte zur Politik. Kemal Uzan gründete den ersten türkischen Privatsender Star TV, übernahm zwei Kraftwerke in Lizenz und baute die für ihre horrenden Zinsen berüchtigte Imar-Bank auf.
In der Folgezeit kassierten die Uzans Milliarden jedweder Währung und gaben das Geld mit vollen Händen wieder aus. Sie verhandelten mit Weltkonzernen wie Motorola und leierten ihnen trickreich Unsummen aus der Tasche, die sofort in allerlei windige Geschäfte reinvestiert wurden. Wenn Frau Uzan Whitney Houston zu hören wünschte, wurde Whitney eingeflogen und sang ein Lied. Dann flog Whitney zurück nach Amerika und war um einige tausend Dollar reicher.
Über ihr Vermögen hinaus besaßen die Uzans die politische Macht klandestiner Oligarchen und die Rückendeckung der Regierung. So verstand sich Cem Uzan prächtig mit Ahmed Özal, dem Sohn des damaligen Präsidenten Turgut Özal.
Grenzüberschreitung mit furchtbaren Folgen
Cem war es, der das ungeschriebene Gesetz der staatlichen Gewaltenteilung brach und sich so den Unmut der politischen Elite zuzog. Als eines der wenigen noch freien Familienmitglieder gründete er im vergangenen Jahr die rechtskonservative Jugend-Partei.
Ziel des Rechtspopulisten sei es, mit dem Sprung ins Parlament strafrechtliche Immunität zu erlangen, mutmaßten seine Feinde. Das aber hinderte den Emporkömmling, den ehemalige Kameraden als ungehobelten Rüpel bezeichnen, nicht an seinen Plänen.
Er überzog das Land mit einem Werbefeldzug italienischen Ausmaßes. Der Wahlkampf mit den hauseigenen Medien verfehlte sein Ziel nicht: Aus dem Stand kam die Jugend-Partei auf sieben Prozent. Der Einzug ins Parlament blieb ihr jedoch verwehrt.
Neben der politischen Niederlage und dem daraus resultierenden Machtverlust litten die Uzans im Zuge der Wirtschaftsflaute unter massiven Problemen. So verurteilte ein New Yorker Gericht die Industriellenfamilie Anfang August zu einer Strafe in Höhe von 4,25 Milliarden Dollar, zahlbar an den Telekomausrüster Motorola. Statt ein Darlehen in Höhe von rund 2,7 Milliarden Dollar in den Aufbau des Mobilfunknetzes von Telsim zu investieren, hätten es die Uzans nach Ansicht des Richters Jed S. Rakoff "persönlich verprasst".
Persona non grata
Der Jurist sprach in seiner Urteilsbegründung von einer "nahezu endlosen Serie aus Lügen, Drohungen und Täuschungen". Außer der saftigen Geldstrafe müssen die Uzans 73,5 Prozent ihrer Anteile an Telsim dem Gericht überantworten. Zudem drohen fünf Mitgliedern des Clans Haftstrafen, sollten sie jemals wieder das Staatsgebiet der USA betreten.
Außerdem verklagten immer häufiger geprellte Geschäftspartner den Clan, der Ruf der Familie litt zusehends. Als ruchbar wurde, dass die Imar-Bank ihre Einlagen in Milliardenhöhe auf Offshore-Konten transferiert hatte, kochte Volkes Seele. Erboste Kunden demonstrierten vor den Toren des Instituts.
Denn auf Offshore-Banken sind die Mittel nicht mehr durch den türkischen Einlagensicherungsfonds gedeckt, der bei Bankenpleiten einspringt. Seitdem die Regierung den Uzans im Juli wegen ausgebliebener Zahlungen die Kraftwerkslizenzen entzogen hat, fehlen die Einnahmen aus dem Stromverkauf. Der Bank droht die Pleite.
Der jüngste Skandal allerdings dürfte das Imperium der Uzans endgültig zum Einsturz bringen. Nach Informationen der "Financial Times" unterschlug die Imar-Bank 5,2 Milliarden Euro. Die Summe entspricht drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Nach Angaben der türkischen Finanzaufsicht benutzte der Uzan-Clan ein spezielles Computerprogramm, um den Betrag seit 1994 Stück für Stück auf diverse Konten zu transferieren.
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