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Börsenausblick: Inflationsängste belasten Aktien und Anleihen
Die Rückkehr der Inflationsängste schüttelt die Finanzmärkte seit Tagen durcheinander und dürfte die Anleger auch in dieser Woche beunruhigen. Sowohl der Devisenmarkt als auch die Bond- und Aktienkurse reagierten zuletzt deutlich auf die Furcht vor steigenden Zinsen.
Am Donnerstag hatte EZB-Chef Jean-Claude Trichet gewarnt, die Gefahr sei gestiegen, dass die Unternehmen die höheren Energiekosten an die Verbraucher weitergeben und die Arbeitnehmer höhere Löhne durchsetzen. In den USA sprach der Chef der Notenbank von Dallas, Richard Fisher, sogar von einem Inflations-Virus.
An der Wall Street sorgten die zeitweise fallenden Ölpreise kaum für Erleichterung. "Wir werden in den kommenden Wochen noch sehr große Preisschwankungen erleben", sagte Clay Hoes, Energie-Fondsmanager bei American Express. "Im Moment sind in den USA sowohl die Benzin- als auch die Heizöl-Lager ziemlich leer."
Berichtsaison beginnt
Die Börsen in Europa und den USA werden es schwer haben, ihre Kursniveaus zu verteidigen. In der vergangenen Woche gab der bereits um 0,7 Prozent nach, der fiel um 1,7 Prozent. In den USA rutschten der um 2,95 Prozent und der um 2,67 Prozent ab. "Der Markt hat ein psychologisches Problem", sagte Michael Metz Stratege bei Oppenheimer. "Es gibt Angst vor steigender Inflation und vor schlechter Konsumentenstimmung. Und ein richtiges Problem bekommen wir, wenn die Immobilienblase platzt."
Richtungsweisend dürften die ersten Zahlen zum dritten Quartal sein. In dieser Woche startet die Berichtssaison in den USA. Im Vorfeld senkten reihenweise Unternehmen vor allem wegen hoher Material- und Energiekosten ihre Prognosen. Der Finanzdatendienst Thomson Financial minderte die Erwartungen an die Gewinnsteigerung der S&P-500-Mitglieder von 17,8 Prozent auf 16,4 Prozent. "Ein erheblicher Teil des Wachstums kommt dabei von Energiewerten. Rechnet man diesen Sektor raus, dann sind die Gewinne lediglich um 10 Prozent gestiegen", sagte Thomson-Experte John Butters.
Große Koalition hat kaum Auswirkungen
Wenige Auswirkungen dürfte das mögliche Zustandekommen einer großen Koalition in Deutschland haben. Die Eignung sei bereits in den Kursen eingepreist, sagte Ben Funnell, Aktienstratege von Morgan Stanley. "Interessanter wird sein, wo sich welche Partei durchgesetzt hat", sagte Matthias Jörss, Stratege bei Sal. Oppenheim. Am ehesten könnten die Aktien von Versorgern auf die Energiepolitik reagieren, vor allem auf die Besetzung des Umweltministerpostens. Zudem mehren sich die Stimmen, dass der Nebenwerteindex MDax vor Kursverlusten stehe. Die Modelle von M.M. Warburg ergäben für den MDax eine Überbewertung von 35 Prozent, sagte Aktienstratege Christian Jasperneite.
Entscheidend sowohl für die Aktien- als auch für die Anleihe- und Devisenmärkte dürften in dieser Woche weitere Konjunkturzahlen aus den USA sein, die teils Inflationsindikatoren sind. Auf der Agenda steht Handelsbilanzdefizit (Donnerstag) sowie Verbraucherpreise und Einzelhandelsumsätze (Freitag).
In der vergangenen Woche litt der europäische Bondmarkt bereits unter Zinsängsten. Vor allem am kurzen Ende gerieten die Notierungen unter Druck. Am Freitag schoss die Rendite der zweijährigen Bundesanleihe kurzzeitig sogar von 2,44 Prozent bis auf 2,50 Prozent nach oben, den höchsten Stand seit Ende März. Noch vor drei Wochen hatte sie gerade einmal 2,18 Prozent betragen.
Auch Langläufer leiden
"Der jüngste Anstieg der Verbraucherpreise, die Ausweitung der Geldmenge und der verschärfte Ton der EZB lassen die Zinsfantasie blühen", sagt Kornelius Purps, Bondstratege der Hypovereinsbank . Brian Mandt, Rentenexperte der Postbank , rechnet nun spätestens für den kommenden Mai mit einem Anziehen der Zinsschraube. "Wenn sich die Anzeichen für eine deutliche Erholung der Konjunktur mehren, könnte die EZB die Zinsen schon früher anheben." Seit Juni 2003 liegt der Leitzins in der Euro-Zone unverändert bei 2,00 Prozent. Mandt zufolge werden die herben Kursverluste der Anleihen mit kurzer Laufzeit auch auf die Stimmung am langen Ende drücken: "Wir werden wohl nicht mehr so schnell neue Rekordstände beim Bund-Future sehen", sagte er.
Am Devisenmarkt wendete sich in der vergangenen Woche das Blatt zugunsten des Euro. Die Einheitswährung rutschte zwar am Montag bis auf 1,1902 $ und damit in die Nähe ihres Jahrestiefs von 1,1869 $. Doch im Wochenverlauf legte sie wieder kräftig zu - getrieben durch die Zinsfantasie in Europa und die Nachricht, Venezuela habe seine Devisenreserven aus dem Dollar in Euro, Yen und den chinesischen Renminbi umgeschichtet. Wie nachhaltig der Euro-Aufschwung sei, werde sich erst in den nächsten Tagen zeigen, sagte Hans-Günter Redeker, Chef-Währungsstratege von BNP Paribas .
Quelle: Financial Times Deutschland