Kommt doch in die Tüte (EuramS)
§03.12.2006 10:22:00
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Nach Jahren der Enthaltsamkeit tun sie es tatsächlich – die Deutschen shoppen wieder. Das Weihnachtsgeschäft läuft, längere Ladenöffnungen tun ein übriges
von Günter Heismann
Es ist wie jedes Jahr: Drei Wochen vor Weihnachten wissen viele immer noch nicht, was sie ihren Liebsten schenken sollen. Josef Sanktjohanser kann dagegen schon jetzt genau sagen, was das Christkind bringt. "Das Weihnachtsgeschäft wird dem Einzelhandel einen Umsatz von etwa 75,7 Milliarden Euro bescheren", prophezeit der Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE). "Das entspricht einem Anstieg zum Vorjahr um zirka zwei Prozent."
Damit findet dieses Jahr, in dem sich die Konsumenten bis dato reichlich kauffaul gezeigt hatten, für den Einzelhandel doch noch ein halbwegs gutes Ende. Mehrere Faktoren tragen dazu bei, dass die Kaufleute sich zum Jahreswechsel zufrieden über den Bauch streichen dürfen. Die Konjunktur zieht unerwartet stark an. Zugleich ist die Arbeitslosigkeit deutlich gesunken. Obendrein wird jetzt gekauft, um die erwarteten Preissteigerungen durch die höhere Mehrwertsteuer zu vermeiden. Und nicht zuletzt locken längere Öffnungszeiten. Seit dem 1. Dezember dürfen Geschäfte in Berlin, Brandenburg und Hessen werktags rund um die Uhr öffnen; auch an vier Sonntagen im Jahr können sie künftig von Mittag an verkaufen. Nordrhein-Westfalen hat den Ladenschluss bereits im November freigegeben. Andere Länder folgen zu Jahresbeginn oder im Frühjahr. Allerdings verfährt jedes Land anders – in Rheinland-Pfalz etwa ist um 22 Uhr Ruhe am Wühltisch.
"Wir begrüßen die Liberalisierung des Ladenschlusses", sagt Claus-Matthias Böge, Vorstands-Chef von Deutsche Euroshop, einem großen Betreiber von Einkaufszentren. "Je bequemer der Einkauf für den Kunden wird, desto mehr steigt die Konsumlaune. Das haben wir auch bei der Verlängerung der Öffnungszeiten bis 20 Uhr erlebt, von der unsere Center überproportional profitiert haben."
So begeistert wie Böge reagieren die meisten Manager von Supermärkten, Ladenketten und Warenhäusern auf die Reform; lediglich die kleineren Betriebe sind überwiegend skeptisch. Viele Handelsriesen nutzen die längeren Öffnungszeiten erst einmal probeweise in der Weihnachtszeit, um herauszufinden, wie die Nachfrage tatsächlich ist. "Letztendlich entscheiden die Kunden über die Ladenöffnungszeiten im Handel", sagt Douglas-Chef Henning Kreke. Überdies gibt es rechtliche Hürden zu überwinden. Bei jeder Filiale, die länger öffnen will, ist die Zustimmung des Betriebsrats erforderlich. Doch die Arbeitnehmer leisten erheblich weniger Widerstand als befürchtet. "Die Verhandlungen laufen sehr, sehr konstruktiv", sagt ein Karstadt-Sprecher. Auch die SB-Kette Real ist zufrieden: Man hat sich bereits mit der Belegschaft von 40 Häusern geeinigt, dass vor Weihnachten am Freitag und Samstag bis 22 Uhr gearbeitet wird.
Viele Verkäufer befürchteten anfangs, sie müssten bis zur Geisterstunde an der Ladentheke stehen. Doch Midnight Shopping wird es zumeist nur als Event geben, als einmaliges Ereignis, um die Reklametrommel zu rühren. Schon aus eigenem Interesse nutzen die Händler die neue Freizügigkeit nicht maximal aus – schließlich müssen die zusätzlichen Kosten wieder hereinkommen. So sperrt die Möbelkette Ikea ihre Filialen auch in jenen Bundesländern, wo bereits längere Öffnungszeiten erlaubt sind, von montags bis donnerstags nur bis 21 Uhr auf, Freitag und Samstag bis 22 Uhr. In den Baumärkten von Hornbach und Praktiker bleibt es sogar beim gewohnten Ladenschluss um 20 Uhr.
"Wir wollen Flexibilität, nicht Verlängerung um der Verlängerung willen", heißt es beim Düsseldorfer Metro-Konzern, zu dem neben Real und Kaufhof die beiden Elektronik-Discounter Media Markt und Saturn-Hansa gehören. Den Filialleitern bleibt es freigestellt, ob sie die neuen Regelungen nutzen oder nicht. Ähnlich pragmatisch verfahren der Spielzeughändler ToysRUs, der Parfümspezialist Douglas und dessen Buchhandelstochter Thalia – sie wollen ihre Läden nur dort länger öffnen, wo genügend Kunden kommen.
Das ist vor allem in den Innenstädten der Metropolen zu erwarten. So öffnet der Kaufhof seine Konsumtempel am Alexanderplatz in Berlin, an der Königsallee in Düsseldorf und an der Hauptwache in Frankfurt an Werktagen bis 22 Uhr. Das Warenhaus in Bonn aber schließt schon um 21 Uhr, in kleineren Städten gibt es oft nur einen langen Donnerstag. In den Großstädten arbeiten viele gut verdienende Singles regelmäßig bis spätabends – sie hätten, heißt es bei Karstadt, bisher viel zu wenig Gelegenheit, ihr Geld ins Kaufhaus zu tragen. Der spätere Ladenschluss begünstige vor allem Impulskäufe, also den spontanen Erwerb von CDs oder Mode.
Neben den City-Geschäften wollen die Einkaufszentren auf der grünen Wiese absahnen. So erwartet der Zentrenbetreiber ECE, zu dem etwa das Hamburger Elbe-Einkaufszentrum, die Potsdamer Platz Arkaden in Berlin und das Main-Taunus-Zentrum bei Frankfurt gehören, ein Anhalten der Sonderkonjunktur, die die Malls seit geraumer Zeit erleben. Auch abgesehen vom freizügigeren Ladenschluss profitiert der Einzelhandel von einer generell freundlicheren Atmosphäre. Pünktlich zum Fest der Liebe haben sich die Deutschen von ihrer anhaltend schlechten Laune verabschiedet. Das ergab die jüngste Umfrage der Marktforscher von GfK. Danach erreichte die "Anschaffungsneigung", zu Deutsch: Kauflust, im Oktober und November Höchststände. Für die steigende Konsumentenlaune gibt es gute Gründe: Die Arbeitslosenziffern sind erstmals seit 2002 unter vier Millionen gesunken; wer wieder in Lohn und Brot ist, möchte sich endlich einmal etwas gönnen. Obendrein nimmt das deutsche Sozialprodukt heuer mit einer Jahresrate von 2,5 Prozent zu – so kräftig wie seit Jahren nicht mehr.
Doch knapp ein Drittel des Wachstums ist von der Zukunft geborgt: Angesichts der Erhöhung der Mehrwertsteuer haben viele die Anschaffung von Autos, Computern oder Möbeln vorgezogen. Ohne diesen Effekt würde das Wachstum 2006 nur bei etwa 1,8 Prozent liegen, errechneten Ökonomen der Commerzbank. Die vorgezogenen Käufe fehlen dem Einzelhandel im kommenden Jahr. Daher werde 2007 das Wachstum auf 1,8 Prozent fallen, prognostiziert der Sachverständigenrat. Trotz des trüben Ausblicks glaubt HDE-Präsident Sanktjohanser, dass der Einzelhandel 2007 "wahrscheinlich vergleichs-weise glimpflich davonkommen" werde. Angesichts des florierenden Weihnachtsgeschäfts will er sich die gute Laune nicht verderben lassen. Sanktjohanser: "Wenn die Kassen klingeln, schlägt jedes Händlerherz höher."
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-red-
Gruss Ice
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Börsengewinne sind Schmerzengeld. Erst kommen die Schmerzen, dann das Geld...(A.K.)