Tech-Trend Smart Chips (Zusammenfassung)


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Tech-Trend Smart Chips (Zusammenfassung)

 
03.09.03 14:49

Zeigefreudige Models, hilfsbereite Mülltonnen


Bereits heute sind RFID-Chips in einigen Bereichen der Wirtschaft und im öffentlichen Dienst in Einsatz. Experten erwarten, dass in der Welt der sprechenden Dinge eine Reihe völlig neuer Geschäftsmodelle entstehen wird.

Playboy-Programmchefin Claire Dalton weiß immer, wo ihre Häschen sind. Die Managerin des britischen Playboy-Channels verwendet Smart Chips (genaue Erklärung s.u.), um das kostbarste Gut des TV-Senders, die so genannten Master-Tapes, zu verwalten. Diese Originalbänder werden verwendet, um Trailer oder Sendungen zu erstellen. Früher führte das oft zu hektischem Suchen, weil ausgeliehene Tapes theoretisch überall im Gebäude liegen konnten. Jetzt kann Dalton jedes der 11.000 Bänder dank Chips der Firma Intellident problemlos lokalisieren.

Private Unternehmen und öffentliche Verwaltungen tüfteln an einer Reihe von Lösungen, um die dank RFIDs zur Verfügung stehen Daten effektiv einzusetzen. Am weitesten fortgeschritten ist die Vernetzung der Dinge in den Branchen Handel und Logistik. Großhändler wie Metro  experimentieren mit Smart Chips, um Lagerhaltung und Lieferketten zu optimieren und so ihre Kosten zu drücken. Der Einzelhandelsriese Wal-Mart  will bis Ende 2005 alle seine Kisten und Paletten verwanzen, um einen Echtzeit-Überblick über sein Inventar zu gewinnen. Das Versandunternehmen Federal Express (FedEx) arbeitet nach Angaben der Beratung Accenture daran, alle seine Fahrer mit Smart Chips auszustatten - dann wären diese immer lokalisierbar. Ferner sollen die RFIDs bei FedEx den Autoschlüssel ersetzen und so verhindern, dass Truck und Pakete gestohlene werden.

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Airports und Häfen verwenden ebenfalls RFIDs. Die drei größten US-Hafenbetreiber Hutchison Whampoa, PSA Corp und P&O Ports wollen den gesamten amerikanischen Containerverkehr über Smart Chips kontrollieren. Damit soll unter anderem verhindert werden, dass unsichere Fracht oder Schmuggelware ins Land gelangen kann. Flughäfen und Airlines benutzen die Chips vor allem, um Gepäcktransport und -abfertigung zu optimieren.

In zehn Jahren ist der Planet verdrahtet

Den Logistikern werden bald andere folgen. Heinz Strauss, Chief Visioneer bei Sun Microsystems Deutschland, glaubt, dass die Ausbreitung der Smart Chips im Wesentlichen von drei Faktoren abhängig ist: Zunächst müsse der Preis der RFIDs sinken. Seiner Ansicht nach wird es höchstens noch ein Jahr dauern, bis die Funkwinzlinge für einen Cent pro Stück zu haben sind.

Zweitens müsse eine standardisierte Software- und Server-Infrastruktur zur Verfügung stehen, um die Chipdaten jederzeit und überall auslesen und verarbeiten zu können - Sun ist einer der Anbieter, der die dafür notwendigen Technologielösungen anbietet. Drittens, so Strauss, müssten die Funkchips von der Gesellschaft akzeptiert werden - bei vielen Verbrauchern gibt es noch Vorbehalte gegen RFIDs. "Bis man von eine flächendeckenden Vernetzung sprechen kann, wird es wohl noch zehn Jahre dauern", so der Experte.

Auch als Zahlungsmittel werden RFIDs inzwischen in großem Stil verwendet. Der ExxonMobil-Konzern hat in den USA bereits vor einigen Jahren ein System namens SpeedPass eingeführt: Der Kunde bekommt einen kleinen Schlüsselanhänger, in dem ein Smart Chip steckt und hinterlegt seine Kreditkarteninformationen bei dem Unternehmen. Beim Tanken genügt es dann, den SpeedPass-Zylinder an die Zapfsäule zu halten. Inzwischen testen auch einige Supermärkte sowie McDonald's  das System, das inzwischen von mehr als vier Millionen Menschen benutzt wird.

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Nahverkehrs-Busse mit eingebauter Vorfahrt

Im öffentlichen Sektor wird die Technologie ebenfalls getestet. Die Stadt Barcelona hat Mülltonnen mit RFIDs ausgestattet. Die Stadtreinigung kann beim Vorbeifahren über ein Lesegerät prüfen, ob ein Eimer geleert werden muss - ohne anzuhalten. Im schottischen Edinburgh wurden Busse mit den Chips ausgestattet. Nähern sich die Fahrzeuge einer Ampel, schaltet diese automatisch auf Grün. Dadurch können diese öffentlichen Verkehrsmittel ihre Strecken zehn Prozent schneller zurücklegen als bisher.

Große Hoffnungen setzt auch das Militär in RFID. Das US-Verteidigungsministerium hat nach Angaben des Fachmagazins "RFID Journal" seine Nachschublieferungen während des Irak-Kriegs mittels Smart Chips überwacht. Zudem überlegt das Pentagon offenbar, die "Hundemarken", die jeder Soldat zur Identifikation um den Hals trägt, durch smarte Plastikarmbänder zu ersetzen. Dadurch ließen sich Gefallene wesentlich einfacher lokalisieren und identifizieren.

Wenn der Kaffee dreimal klingelt

Auch völlig neue Geschäftsmodelle sind denkbar, sobald der Planet komplett verdrahtet ist. Wer beispielsweise im venezianischen Nobelcafé Florian einen Espresso trinkt, muss für die kleine braune Pfütze stolze fünf Euro hinlegen. Dabei bezahlt der Gast vor allem die phänomenale Aussicht mit, denn das Café liegt an Italiens schönsten Fleck, dem Markusplatz.

Wenn der Kunde per Smart Chip erfassbar wäre, bräuchte das Café diese Mischkalkulation nicht mehr zu machen, schreibt Glove Ferguson, der Chef-Forscher der Unternehmensberatung Accenture in einer Studie. Dann könnte das Florian einen normalen Preis für den Espresso verlangen - und dem Kunden separat die Zeit in Rechnung stellen, die er sitzend den Markusplatz bestaunt.

In einem anderen Ferguson-Szenario kann das Familienauto identifizieren, wer es wann und wie oft benutzt. Nach den so gewonnenen Daten könnte sich dann die Prämie für die Kfz-Versicherung bemessen: Wer seinem unerfahrenen Teenager häufig die Autoschlüssel aushändigt, muss mehr zahlen.


Der Feind in meinem Schuh


In Zukunft wird dank Smart Chips jedes Ding immer und überall identifizierbar sein. Daten- und Verbraucherschützer befürchten, dass der ahnungslose Bürger in Zukunft ausspioniert wird. Die Smart-Chip-Lobby bemüht sich unterdessen, die Bedenken auszuräumen - mit einem PR-Feuerwerk, das die Kritik übertönen soll.

Chinas Herrscher mögen auf ihren Parteitagen keine Überraschungen. Kritik und Gegenstimmen sind nicht vorgesehen und über die Delegierten möchte die Kommunistische Partei gerne den Überblick behalten. Smart Chips (genaue Erklärung s.u.) eröffnen da völlig neue Möglichkeiten. Auf dem diesjährigen Pekinger Volkskongress, bei dem sich alle fünf Jahre 30.000 Delegierte treffen, um die Leitlinien der Politik zu debattieren, musste jeder Teilnehmer einen Ausweis tragen, der einen Smart Chip enthielt. Mit Lesegeräten der Firma Texas Instruments konnten die Teilnehmer lokalisiert und identifiziert werden.

Für Smart-Chip-Hasser ist dieses Anwendungsbeispiel ein gefundenes Fressen: Ein totalitäres asiatisches Regime verwendet Big-Brother-Methoden und bedient sich dabei der Produkte einer willfährigen westlichen IT-Industrie - das Beispiel China belegt nach Ansicht von Kritikern, wohin die Reise geht.

Tatsächlich ist es eher unwahrscheinlich, dass Regierungen in Zukunft mit RFID-Technologie ein lückenloses Überwachungssystem errichten werden. Dagegen sprechen vor allem technische Gründe: Eine solche Big-Brother-Infrastruktur zu schaffen wäre sehr aufwändig. Außerdem bedienen sich Smart Chips des herkömmlichen Radiospektrums - mittels eines kleinen Störsenders könnte sich deshalb jeder Bürger unsichtbar machen. Zudem gibt es andere Technologien, wie etwa automatische Gesichtserkennung per Kamera, die in einigen Jahren wesentlich effektiver als Überwachungsinstrument einsetzbar wären.

Was macht das Konsumäffchen gerade?

Größere Gefahr droht dem Bürger in seiner Rolle als Verbraucher. Eine wachsende Zahl von Unternehmen stattet ihre Produkte mit Smart Chips aus. Derzeit geht es den meisten Firmen vor allem darum, Lagerbestände oder Lieferungen automatisch zu verwalten. Den Datenschutz oder die Privatsphäre gefährdet das kaum.

Kritisch wird es in dem Moment, wo die smarten Produkte den Endverbraucher erreichen. Der Reifenhersteller Michelin plant zum Beispiel, alle neu ausgelieferten Reifen zu "chippen". Dadurch will das Unternehmen verhindern, dass Fahrzeuge falsch bereift werden. Außerdem könnte Michelin bei etwaigen Rückrufaktionen blitzschnell feststellen, wo seine Pneus im Einsatz sind. Freilich könnte das Unternehmen diese Informationen theoretisch auch verwenden, um den Standort von Millionen Autofahrern jederzeit genau zu bestimmen.

Der Rasiererhersteller Gillette lässt seine Klingenpäckchen serienmäßig mit Chips ausstatten. Damit will das Unternehmen verhindern, dass die teuren und begehrten Stücke gestohlen werden. In Testläden wird jeder Kunde, der eine Gillette-Packung in die Hand nimmt, fotografiert - denn wer Ware berührt, ist grundsätzlich des Diebstahls verdächtig. Etwas freundlicher geht der Modehersteller Prada mit seiner Kundschaft um: Wer in der Prada-Boutique im New Yorker Stadtteil Soho Klamotten mit in die Umkleidekabine nimmt, bekommt - dank RFID - auf einem Flachbildschirm Filmchen von Models gezeigt, die die von ihm ausgewählten Stücke vorführen.

Schleichende Werbung

In den meisten Fällen weiß der Kunde nicht, dass er überwacht wird. Die Unternehmensberatung Accenture hat für RFID das Schlagwort "silent commerce" geprägt. Der Begriff bezieht sich eigentlich auf die geräuschlose Abwicklung von Geschäftsprozessen, macht aber das Problem deutlich: Irgendwo im Hintergrund werden Daten darüber ausgetauscht, was der Kunde in die Hand nimmt, anprobiert, kauft. Mittels einer Datenbank ließen sich alle diese Informationen zu detaillierten Kundenprofile verdichten.

Vorstellbar ist, dass dies zu Szenarien führt, wie sie der US-Zukunftsforscher Kevin Kelly für den Film "Minority Report" entworfen hat: Dort wird Protagonist Tom Cruise bei einem Gang durchs Einkaufszentrum ständig mit Werbebotschaften beballert, die auf seine Konsumgewohnheiten zugeschnitten sind.

Eine weitere heikle Einsatzmöglichkeit der Chips bietet sich Arbeitgebern. Das Star City Casino in Sydney hat unlängst alle seine 80.000 Uniformen mit RFID-Chips ausgestattet. Dadurch soll verhindert werden, dass Mitarbeiter kurz vor Dienstbeginn nach ihren Kostümen suchen müssen oder besonders schöne Stücke verloren gehen.

Freilich lässt sich mit der Technik auch jeder Mitarbeiter genaustens kontrollieren, denn im Prinzip ist das System nichts anderes als eine gnadenlose Funk-Stechuhr. Theoretisch ließe sich nicht nur prüfen, wer wann kommt und geht - sondern auch, wie lange er auf der Toilette sitzt oder wann er sich in unmittelbarer Nähe von bestimmten Personen, Computern oder Aktenschränken aufgehalten hat.

Hohe Kosten durch Orwell-Image
 
Die Unternehmen wissen um die Ängste der Verbraucher und Mitarbeiter. Viele reagieren, indem sie das Thema konsequent totschweigen und hoffen, der Konsument werde die unscheinbaren Chips schon nicht bemerken. Doch der Widerstand wächst: Für mehrere Konzerne hat sich RFID bereits zu einem veritablen PR-Desaster entwickelt. Gillette sieht sich inzwischen mit einem weltweiten Boykott-Aufruf der Verbraucherschutzorganisation Caspian (Consumers Against Supermarket Privacy Invasion And Numbering) konfrontiert. Das hässliche Big-Brother-Image und der Vorwurf, "Spionage Chips" (Caspian) einzusetzen, dürften Gillette noch jahrelang verfolgen.

Inzwischen eingeknickt ist Benetton. Der italienische Bekleidungshersteller wollte alle seine Produkte mit Chips ausstatten. Anscheinend hatte sich jedoch niemand in der Marketingabteilung Gedanken darüber gemacht, dass dies im Widerspruch zu einem Firmenimage steht, dass Weltoffenheit, Toleranz und Vertrauen symbolisieren soll. Nach mehrwöchigem Dauerbeschuss durch Presse und Verbraucherschützer ist der Konzern nun zu Kreuze gekrochen und hat versprochen, auf den Einsatz von Chips - zumindest in Kleidungsstücken - zu verzichten.

Fraglich ist auch, was mit den kleinen Funkchips geschieht, nachdem der Kunde die Ware mit nach Hause genommen hat. Ist der Chip dann weiter ansprechbar? Wer kann die Daten abrufen? Forscher arbeiten derzeit an einem so genannten Kill Switch, der RFIDs unbrauchbar machen soll, sobald der Kunde bezahlt hat. Der erste Schritt wäre eigentlich eine freiwillige Kennzeichnungspflicht, damit der Käufer selbst entscheiden kann, ob er überhaupt smarte Ware möchte - wenn es entsprechende Pläne des Einzelhandels geben sollte, dann sind sie ein gut gehütetes Geheimnis.

Verschleiern, vernebeln, verharmlosen

Kein Geheimnis ist peinlicherweise die Strategie des Auto-ID Centers. Diese Lobbygruppe hat es sich zum Ziel gesetzt, der RFID-Technologie zum weltweiten Durchbruch zu verhelfen. Neben dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) sowie weiteren Top-Unis sind an dem Projekt Konzerne wie Wal-Mart  , Gillette, Philip Morris  , Accenture und Procter & Gamble  beteiligt.

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Vor einigen Wochen gelang es Aktivisten von Caspian, mehrere Dokumente von der Auto-ID-Webseite herunterzuladen, die Aufschluss über die Pläne des Konsortiums geben. "Wie können wir diesen Leuten sensible Verbraucherinformationen anvertrauen, wenn sie nicht einmal ihre eigene Webseite sichern können?", höhnt Caspian-Gründerin Katherine Albrecht.

Eines der Papiere, eine Strategiepräsentation der PR-Firma Fleishman Hillard, stellt fest, dass RFID für Verbraucher ein "rotes Tuch" sei. Der Kunde habe Angst vor Eingriffen in seine Privatsphäre und sei "zynisch bezüglich des Engagements von Regierung und privatem Sektor, die Privatsphäre zu schützen". Vor allem von Unternehmen erwarteten die Bürger kaum Rücksichtnahme.

Im Weiteren machen die Fleishman-Experten Vorschläge, wie man das lästige Problem beseitigen kann: Die RFID-Opposition gelte es zu "neutralisieren". Dazu sollten der Öffentlichkeit in steter Regelmäßigkeit Anwendungsbeispiele präsentiert werden, denn "keine Nachrichten sind schlechte Nachrichten". Es müsse gezeigt werden, wie RFID Behinderten, alten Menschen oder Kranken helfe - Bedenken tragende Datenschützer sollen dadurch ins Abseits manövriert werden.

Alles halb so wild

Eine weiterer Baustein des Fleishman-Konzepts ist gezielte Desinformation. RFID-Chips sollen der Öffentlichkeit gegenüber als "Barcode II" verkauft werden. Durch die Assoziation mit den vertrauten und weithin akzeptierten Strichcodes wollen die PR-Profis offenbar davon ablenken, dass es sich bei RFID um eine wesentlich vielfältigere und problematischere Technologie handelt. Eine weitere Option sieht vor, den Chips den harmlos-freundlichen Namen "GreenTag" zu verpassen - das klingt nach umweltpolitischem Verantwortungsbewusstsein, auch wenn es nichts damit zu tun hat.

Die Möglichkeit, RFIDs so zu konzipieren, dass sie den Datenschutz überprüfbar gewährleisten, zieht Fleishman in seinem PR-Plan für das Auto-ID Center nicht in Erwägung. Die Organisation selbst spart auf ihrer ansonsten sehr informativen Webseite das Privatsphären-Problem konsequent aus. Die bisherige Öffentlichkeitsarbeit des Konsortiums, höhnt deshalb das unternehmenskritische Technologiemagazin "The Register", sei ähnlich platt wie die Pro-Nuklearenergie-Kampagnen der fünfziger Jahre: "Mein Freund das Atom der versteckte Transponder".


Wissen ist Verbrauchermacht


Smart Chips machen Informationen immer und überall verfügbar. Dadurch lassen sich viele Produkte und Dienstleistungen sicherer gestalten - zudem könnte die neue Technologie im Gesundheits- oder Umweltschutz wahre Wunder vollbringen.

Mark Roberti, Herausgeber des Informationsdienstes "RFID Journal" kann die Big-Brother-Szenarien der Smart-Chip-Kritiker nicht mehr hören. Der Technikexperte, der als Wahl-Hongkonger mehrere Jahre lang im Schatten eines repressiven Regimes gelebt hat, hält die Bedenken von Datenschützern für übertrieben.

Wie bei jeder anderen Technologie auch gebe es bei Smart Chips (genaue Erklärung hier) unterschiedliche Anwendungsmöglichkeiten: "Die Polizei kann Videokameras benutzen, um Bürger zu bespitzeln, aber Bürger können Videokameras verwenden, um Polizeibrutalität aufzuzeichnen", schreibt Roberti in einer seiner Kolumnen. Für ihn sind RFIDs (Radio Frequency Identification Devices) der schlimmste Feind des Großen Bruders.

Der Mann hat einen Punkt. Denn schließlich gibt es bereits Satelliten, biometrische Systeme, Kameraüberwachung und allzeit ortbare Handys. Es ist deshalb kaum einzusehen, warum gerade Smart Chips der bürgerlichen Privatsphäre den finalen Todesstoß versetzen sollten. Die bisherigen Erfahrungen deuten eher darauf hin, dass Informationstechnologie (IT) es für Regierungen und Konzerne schwieriger und nicht einfacher macht, Dinge geheim zu halten und zu kontrollieren.

Sobald es für Funkchips - wie von der Industrie gefordert - offene, einheitliche Standards gibt, kann theoretisch jeder die dort hinterlegten Daten abrufen. So ist es denkbar, dass jeder Verbraucher in Zukunft ein Lesegerät bei sich trägt, mit dem er kontrollieren kann, wo ein Produkt hergestellt worden ist. Fälschungen von Markenklamotten oder verdorbene, umetikettierte Lebensmittel ließen sich damit leicht entdecken. Smart Chips könnten außerdem die Schnäppchenjagd beträchtlich vereinfachen - per Knopfdruck ließe sich der billigste Nike-Schuh in einem Kilometer Umkreis aufspüren. Wahrscheinlich ist auch, dass Verbraucherschützer sich der Technologie bedienen werden, um der Industrie genauer auf die Finger zu schauen.

Linux für Smart Chips

Erste Ansätze hierzu gibt es bereits. Der französische Programmierer Loïc Dachary arbeitet an einer Open-Source-Software für RFIDs, die es interessierten Menschen ermöglichen soll, ihre Besitztümer nach unerkannten Chips zu durchsuchen und auszulesen. Denkbar ist des Weiteren ein "Jammer", ein simpler Störsender, der in der Nähe seines Trägers für Radiowellensalat sorgt und jegliche Versuche konterkariert, die in Klamotten oder auf der Kreditkarte gespeicherten Informationen abzurufen.

Der Internet-Visionär und "Wired"-Mitbegründer Kevin Kelly erwartet, dass in Zukunft jeder einen solchen Störsender besitzen wird. Mit dem werde der Mensch von Morgen bestimmte Kommunikationskanäle (Werbung, Arbeit, Familie, Freunde) selektiv blockieren können: "Wenn wir mit allem verknüpft sind, werden wir ständig mit uns selbst und mit der Gesellschaft darüber diskutieren, in welchem Ausmaß wir Ideen zu uns kommen lassen und in welchem Ausmaß wir sie selber suchen möchten."

Wozniaks "Little Brother"

An Smart-Chip-Lösungen, die eher an Privatpersonen gerichtet sind, arbeitet auch Apple-Mitbegründer Steve Wozniak. Sein Unternehmen Wheels of Zeus (wOz) will ab 2004 Produkte anbieten, mit denen jeder sein eigenes drahtloses Mini-Überwachungsnetzwerk aufbauen kann. Mit Hilfe des "wOzNet" soll der Eigentümer jederzeit sein Fahrrad, seine Kinder oder seine Katze bestimmen können. Trotz des schrägen Namens und der bisher spärlichen Produktdetails sind Branchenbeobachter überzeugt, dass es sich bei Wozniaks Innovation im Prinzip um die gute alte RFID-Technologie handelt.

Überwachung kann durchaus Sinn machen, nicht nur, wenn es um Dosenpaletten oder Schiffscontainer geht. So hat beispielsweise Taiwan die Technologie in einem Pilotprojekt eingesetzt, um eine weitere Ausbreitung der Lungenkrankheit Sars zu verhindern. Ärzte und Schwestern wurden mit Chipkarten ausgestattet und ihre Bewegungen innerhalb des Krankenhauses verfolgt - so lassen sich bei neuen Ansteckungen die Übertragungswege rekonstruieren. Singapur experimentiert mit ähnlichen Systemen.

Im Gesundheitssektor sehen Experten viele weitere Anwendungsmöglichkeiten für RFIDs. Einige Großlabors benutzen die Chips bereits, um ihre riesigen Bestände an Gewebe- oder Blutproben zu verwalten. Wenn Arzneimittel lückenlos "gechippt" wären, ließen sich Missbrauch und Fehlanwendungen drastisch reduzieren. Patienten könnten gewarnt werden, wenn sie ein Medikament zu häufig oder zu selten einnehmen. Sehbehinderten, so ein Szenario des von Sun Microsystems  , könnte ein Ausgabegerät Hinweise geben ("Dies ist Aspirin. Nehmen Sie zwei pro Tag"). Alzheimer-Patienten oder demente Senioren könnten mittels RFID-Ansteckern einfach beobachtet werden.

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Die Exekutive liest mit

Ein weiterer Bereich, in dem Smart Chips viel bewirken könnten, sind Schutz- und Sicherheitsanwendungen. Beispiel Produktsicherheit: Computer könnten in Zukunft Alarm schlagen, wenn jemand versucht, in ein Flugzeug oder ein Auto etwas anderes als Originalteile einzubauen. Beispiel Arbeitsschutz: Eine Maschine könnte sich automatisch abschalten, wenn sie feststellt, dass ein Arbeiter nicht die notwendigen Schulungen absolviert hat oder nicht die vorgeschriebene Schutzausrüstung trägt.

Für die staatliche Kontrolle von Vorschriften, etwa zum Umweltschutz, böte RFID ebenfalls zahlreiche Möglichkeiten. Wer würde in Zukunft noch Fässer mit Giftmüll verbuddeln oder Recyclingvorschriften umgehen, wenn jedes Ding durch einen Chip nachverfolgbar wäre, der irgendwann irgendwo registriert worden ist? Möglicherweise werden Greenpeace-Aktivisten in Zukunft RFID-Leser verwenden, um illegalen Genfood-Importen auf die Schliche zu kommen.


Selbstzerstörung inklusive


Smart Chips sind noch weitgehend unbekannt, die Öffentlichkeit hat sich mit den Implikationen für Daten- und Verbraucherschutz noch nicht auseinandergesetzt. Das ist aber notwendig, wenn die neue Technologie ein Erfolg werden soll.

Schlange stehen war gestern. Dank Smart Chips (siehe genaue Erklärung) wird es in Zukunft keine Supermarktkassen mehr geben, an denen übellaunige Käufer ihrer Abfertigung harren. Davon zumindest träumen die großen Einzelhandelskonzerne. Im vollautomatisierten Supermarkt des Jahres 2010 nimmt sich der Kunde einfach, was er braucht und verlässt das Geschäft. Ein RFID-Lesegerät checkt am Ausgang den Inhalt des Einkaufskorbs, und liest die Kreditkartendaten aus (siehe Grafik).

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Dummerweise hat die Industrie die Rechnung ohne den Kunden gemacht. Eine kürzlich von der Unternehmensberatung Gartner durchgeführte Umfrage unter US-Haushalten hat ergeben, dass 44 Prozent aller Verbraucher Vorbehalte gegen die Funkchip-Technologie haben. Die Befragten würden entweder überhaupt nicht oder nur zögerlich in einem Laden einkaufen, dessen Ware mit Chips versehen ist. Sollte ein Supermarkt in der Lage sein, auch Kreditkarten auszulesen und die Informationen zu speichern, steigt die Ablehnung deutlich an. Satte 71 Prozent der Konsumenten würden sich solch einem System verweigern.

Die Industrie ist an dieser Haltung im Wesentlichen selbst schuld, denn bisher hat sie auf die Datenschutzproblematik sehr abweisend reagiert. Nachdem Unternehmen wie Gillette oder Benetton bei der Einführung gechippter Produkte auf erheblichen Widerstand gestoßen sind, beginnt sich die Haltung der Wirtschaft aber langsam zu verändern. Heinz Strauss, Chief Visioneer bei Sun Microsystems Deutschland, sieht die Akzeptanzfrage inzwischen als den entscheidenden Knackpunkt: Die verbleibenden technischen Probleme würden wohl in spätestens zwei Jahren beseitigt sein, doch eine ablehnende Öffentlichkeit könne die Ausbreitung von RFID bremsen.

Wer darf eigentlich was?

Deshalb kommt jetzt allmählich Bewegung in die Debatte. Das Auto-ID Center, einer der führenden RFID-Lobbyisten, hat inzwischen ein Beratungsgremium eingerichtet, das Regeln für den Schutz der Privatsphäre aufstellen soll. In Kalifornien fand kürzlich erstmals eine Konferenz statt, auf der Industrie- und Regierungsvertreter mit Datenschützern über die Frage diskutierten, ob es gesetzlicher Regelungen bedarf.

Ungeklärt ist zum Beispiel, ob ein Einkaufszentrum den Inhalt von Einkaufstüten per Funk ausspionieren darf. Gruselig ist auch ein Gedanke, den der Datenschutz-Guru Simson Garfinkel kürzlich skizziert hat: Wenn Kühlschränke oder Mikrowellen in Zukunft Funksender und Internetanschluss haben, spionieren sie dann unsere Wohnungen aus und mailen eine Inventarliste an Whirlpool, AEG oder Bosch? Auch wenn das bislang theoretische Szenarien sind, stellt sich die Frage: Dürfen Unternehmen das?
 
In den USA dürfen sie es vermutlich, denn dort existieren keine anders lautenden Bestimmungen. In weiten Teilen Europas könnten restriktivere Datenschutzregelungen den Handlungsspielraum der Industrie einschränken - vor allem, wenn es um das Sammeln von Informationen zu Marktforschungszwecken geht. Bisher hat der für den Verbraucherschutz zuständige EU-Kommissar David Byrne allerdings keine eigene Initiative zum Thema RFID gestartet.

Garfinkel fordert deshalb einen Rechtekatalog für Konsumenten:

Verbraucher sollten wissen, dass ein Produkt einen Smart Chip enthält.

Der Chip sollte auf Wunsch des Käufers an der Kasse entfernt oder deaktiviert werden.

Kein Konsument sollte von bestimmten Dienstleistungen ausgeschlossen werden, weil er sich weigert, RFID-Technologie zu benutzen.

Der Käufer muss das Recht haben, die auf einem Chip gespeicherten Daten auszulesen.

Informationen darüber wann, wo und warum ein Chip angefunkt wird, müssen dem Kunden auf Anfrage zugänglich gemacht werden.

Wünschenswert wäre es, wenn die Industrie sich ohne Hilfe des Gesetzgebers auf glaubhafte Datenschutzstandards verständigen könnte. Damit gewänne sie an Glaubwürdigkeit und könnte schwarze Schafe wirksamer brandmarken. Die Gartner-Umfrage sollte ein klares Warnsignal sein: Wenn die Wirtschaft nichts unternimmt, um die Verbraucher von ihren hehren Absichten zu überzeugen, könnte das "Internet der Dinge" scheitern.


Wie Smart Chips funktionieren


Eigentlich sind die derzeit viel diskutierten Smart Chips bereits ein halbes Jahrhundert alt. Doch erst die Entwicklung der Informationstechnologie in den vergangenen Jahren hat dafür gesorgt, dass sich die elektronischen Winzlinge nun explosionsartig ausbreiten können.

Bei Radio Frequency Identification Devices (RFIDs, sprich "Arfitz") handelt es sich um Chips, auf denen Daten gespeichert sind. RFIDs sind passiv, das heißt, sie senden keine Signale aus, sondern lassen sich von Sendern oder Lesegeräten mit Radiowellen anfunken und geben dann ihre Informationen preis. Zudem besitzen RFIDs keine Stromquelle; die zur Übertragung der Daten notwendige Energie erhalten sie durch das von ihnen empfangene Radiosignal. Je nach gespeicherter Datenmenge können RFIDs so winzig wie ein Streicholzkopf oder so groß wie ein Ziegelstein sein.

Wegen der passiven, einem Strichcode auf einer Verpackung ähnelnden Rolle ist die Bezeichnung Smart Chip (auch: Smart Tag oder eTag) eigentlich Irre führend. Das Adjektiv "smart" bezieht sich denn auch eher darauf, dass Gegenstände, auf denen ein Smart Chip angebracht wird, Informationen über sich weitergeben können. In einer Welt, in der alle Produkte mit RFIDs ausgestattet sind, ist jedes Ding "schlau" und kann jederzeit mitteilen, was es ist und wo es sich befindet.

In der schönen neuen RFID-Welt kann jeder "gesmartete" Gegenstand über das Internet angefunkt werden. Voraussetzung ist eine Infrastruktur aus Sendern, Servern und Datenbanken. Surfer könnten dann in Zukunft über ihren Rechner Gegenstände kontaktieren, lokalisieren, befragen. Auf diese Weise wird das Web der Computer zum "internet of things" ("Forbes").

50 Jahre Winterschlaf

Die Technologie für Smart Chips stammt aus den fünfziger Jahren, doch erst jetzt hebt das Konzept richtig ab. Das liegt an Internet, drahtloser Kommunikation und immer kleiner und billiger werdenden Chips. Wie bereits bei Barcodes werden große Konzerne wie Wal-Mart  dafür sorgen, dass sich die Technologie schnell verbreitet.

In den vergangenen Jahren haben viele Unternehmen ihre Lieferketten komplett computerisiert: Rechner geben jederzeit Auskunft darüber, wie viele Teile oder Produkte derzeit auf Lager sind. Wenn Material zur Neige geht, wird automatisch ein Bestellvorgang ausgelöst. Mit solchen integrierten Hightech-Systemen erreicht es etwa der Computerhersteller Dell  , dass ein für die PC-Fertigung benötigtes Teil erst vier Stunden vor der Montage in der Fabrik eintrifft.

Die Kostenersparnis ist immens, weil überflüssiges Inventar vermieden wird und sich alle Zeitabläufe genauestens planen lassen. RFIDs werden diese Entwicklung nochmals rasant beschleunigen, da sich alles immer und überall lokalisieren und verfolgen lassen wird. Die Industrie erhofft sich weitere Effizienzgewinne in Milliardenhöhe.

Derzeit werden RFIDs vor allem im Logistik- und Vertriebsbereich eingesetzt. Noch kostet ein RFID-Chip zwischen 50 Cents und drei Dollar. Aber bald wird ein Smart Tag Prognosen zufolge nur noch ein oder zwei Cent kosten - dann wäre es betriebswirtschaftlich vertretbar, ihn in praktisch jedes Produkt einzubauen, das mehr als einen Dollar kostet.
Antworten
Happy End:

Big Brother is driving with you

 
03.09.03 20:00
E8DEF285:

hi happy, hab mir mal sunw reingezogen

 
08.09.03 21:06
die umsätze sind ja enorm, meldungen werden für morgen bzw. übermorgen erwartet
ich glaube 5-6 sind da zu holen und wenn die in china einen fuss reinbekommen sind bis 10 möglich. falls du noch andere news hast - gerne
gruß E8
Antworten
Happy End:

Hmmm, so langsam könnten sie steigen ;-) o. T.

 
13.10.03 21:11
Antworten
E8DEF285:

nun die letzten 3 Tage können sich

 
04.11.03 10:15

ja sehen lassen und was man so von berlin hört ist auch nicht von schlechten eltern

www.de.sun.com

Tech-Trend Smart Chips (Zusammenfassung) 1245380

Nun sollte die 5,5 gebrochen werden gehts up auf 8

vielleicht kommen wieder die alten zeiten mit der alten tante

gruß E8

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