Tarifverhandlungen: "Der Kampf muss sein"


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Tarifverhandlungen: "Der Kampf muss sein"

 
11.04.02 05:55
Warum dauern Tarifverhandlungen so lange? Weshalb sind Drohgebärden nötig? Weil es ohne die alten Rituale keine Lösung gibt

Von Christian Tenbrock (Gesprächsführung)

DIE ZEIT: Die IG Metall veranstaltet Warnstreiks, vor zahllosen Betrieben in Deutschland wehen die roten Fahnen. Alles Rituale?

Katharina Liebsch: Ja, sicher. Aber es ist gut, dass es diese Rituale gibt. Sie erinnern uns an bestehende soziale Probleme und daran, dass über sie verhandelt werden muss.

ZEIT: Wir alle wissen doch, was am Ende dabei rauskommt: Die Konfliktparteien werden sich irgendwo in der Mitte treffen.

Liebsch: Aber dieser inhaltliche Konsens lässt sich nicht herstellen ohne eine ritualisierte Austragung der grundsätzlichen Konflikte - zwischen Kapital und Arbeit und über die Verteilung des Wohlstands. Beide Seiten sind zunächst nicht zu dem Zugeständnis bereit, sich in der Mitte zu treffen. Beide Seiten stellen zunächst Maximalforderungen. Rituale dienen dazu, Interessenkonflikte in zivilisierter Form auszutragen und zu lösen.

ZEIT: Dennoch wird argumentiert, diese Art der Konfliktlösung sei nicht mehr zeitgemäß.

Liebsch: Wer ein solches Argument gebraucht, will die Gegenseite diskreditieren. Wieso sind Streiks nicht "zeitgemäß"? Wer das sagt, müsste eine alternative Strategie anbieten. Die ist aber bislang nicht in Sicht.

ZEIT: Die moderne Wirtschaft benötigt zunehmend flexible Lösungen, etwa Löhne und Arbeitszeiten, die sich an der betrieblichen Lage orientieren. Das Lohnfindungsritual dagegen versucht, die Interessen von Kollektiven zum Ausgleich zu bringen. Liegt es nicht daran, dass diese Rituale seltsam unmodern wirken?

Liebsch: Flexibilisierungen sind bestimmt diskutierbar. Der Grundkonflikt bleibt jedoch bestehen - denn die Interessen der Kollektive sind tatsächlich unterschiedlich. Hinter der Rede von unzeitgemäßen Verhandlungsformen steckt deshalb eher ein allgemeiner moralischer Appell an die Arbeitnehmer nach dem Motto "In schlechten Zeiten stellt man keine Forderungen", weniger die Analyse der wirtschaftlichen Situation. Kampf muss sein und Inszenierung des Kampfs. Rituale haben Einigungsfunktion, sie geben dem Streit Form, bearbeiten und bannen ihn.

ZEIT: Das Lohnfindungsritual beginnt ja nicht erst mit den Streikdrohungen, sondern setzt sehr viel früher ein. Warum muss es so lange dauern, bis es schließlich zum Showdown kommt?

Liebsch: Die moderne, ritualisierte Form der Konfliktlösung dauert lange, weil sie unendlich formalisiert ist und große Institutionen an ihr beteiligt sind. Die Abfolge des Procederes ist weitgehend geregelt und bedarf immer wieder der Rückkoppelung und der Beratung mit den Beteiligten. Das braucht Zeit. Und noch mal: Es gibt derzeit keine Alternative.

ZEIT: Sollen Rituale nicht in erster Linie dabei helfen, die eigenen Reihen fest zu schließen?

Liebsch: Natürlich, für jene, die das Ritual praktizieren, hat es größere Bedeutung und Dynamik als für die, die es von außen beobachten. Aber das Publikum bleibt aufgefordert, Stellung zu beziehen ...

ZEIT: ... und wendet sich mit Grausen ab.

Liebsch: Rituale erwecken trotzdem Interesse an der Sache. Wenn, wie es beim gegenwärtigen Tarifkonflikt den Anschein hat, beim Publikum Müdigkeit herrscht, zeigt dies, dass das Ritual normalisiert worden ist. Es kommt nun darauf an, ob das Ritual dazu taugt, den zugrunde liegenden Konflikt auch für jene nachvollziehbar zu machen, die nicht direkt an ihm beteiligt sind. Mit der langsamen Zuspitzung der Form - also von der Drohung über den Warnstreik bis zum großen Streik - wird die Brisanz des Themas immer deutlicher.

ZEIT: Haben verschiedene Länder unterschiedliche Rituale bei der Konfliktlösung?

Liebsch: Rituale sind traditionsgebunden, sie haben Geschichte. Deshalb kann es kulturspezifische Formen geben - die einen setzen mehr auf Verhandlung, die anderen mehr auf Streik.

ZEIT: Amerikaner streiken öfter als Deutsche ...

Liebsch: ... was überrascht, denn Streikfreudigkeit verbindet man ja eigentlich nicht mit Amerika.

ZEIT: Liegt es am deutschen Drang nach Konsens?

Liebsch: Wo sollte ein solcher "Drang" herkommen? Vielleicht wird bei uns das Ritual Streik weniger eingesetzt, weil die Widersprüche in unserer Gesellschaft geringer sind. Solange es noch einen relativ starken Sozialstaat gibt, ist es vielleicht auch einfacher, so etwas wie Konsens zu organisieren und zu inszenieren.

Die Soziologin Katharina Liebsch lehrt an der Pädagogischen Hochschule Weingarten
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