ftd.de, Mi, 19.6.2002, 2:00
Strategie-Interview: ´Die T-Aktie ist zu billig´
Die Aktie der Deutschen Telekom musste in den vergangenen Wochen viel Prügel einstecken. Ilona Hasselbring, Analystin für die Telekombranche bei der Berenberg Bank, hält die T-Aktie für klar unterbewertet und empfiehlt den Titel zum Kauf.
FTD: Frau Hasselbring, vor gut einem halben Jahr gaben Sie an dieser Stelle für die T-Aktie mit Blick auf die kommenden 12 Monate ein Kursziel von 30 Euro aus. Heute kämpft das Telekom-Papier hart an der Zehn-Euro-Marke. Was hat zum Absturz der Volksaktie geführt?
Hasselbring: Abgestürzt ist ja nicht nur die Volksaktie Telekom, sondern der gesamte Sektor. Die Wachstumseuphorie, die Ende der 90er, Anfang 2000 die gesamte Gesellschaft und damit auch die Investoren erfasst hatte, verpuffte unter anderem, weil die Versprechungen im Hinblick auf E-Commerce und Internet nicht gehalten werden konnten. Abgestraft werden jetzt jene Unternehmen wie Vodafone und Deutsche Telekom, die konsequent auf den Wachstumsmarkt Telekommunikation gesetzt und hier auch massiv investiert haben. Im Unterschied zu British Telecom oder Swisscom etwa, die weniger expansiv vorgegangen sind und heute relativ gut dastehen. Diese Entwicklung habe ich unterschätzt.
FTD: Das ist aber sicher nicht der einzige Grund dafür, dass die Aktie so ins Trudeln geraten ist?
Hasselbring: Sicher nicht. Ein weiterer Grund ist die strenge Vorgehensweise der Regulierungsbehörde in Deutschland. Das hat man beispielsweise gesehen, als für den Festnetzbereich die Zahlen für das erste Quartal bekannt gegeben wurden. Hier hatte es jüngst eine Umstellung bei den internen Verrechnungspreisen der Telekom mit ihren Konkurrenten gegeben, was dazu geführt hat, dass diese um 14 Prozent gesunken sind. So etwas spiegelt sich natürlich negativ im Ergebnis wider. Das heißt, die Deutsche Telekom hat im Festnetzbereich stärker als die meisten europäischen Wettbewerber Marktanteile verloren, muss also auch hier Verluste einstecken.
FTD: Und die schmerzen doppelt, angesichts des riesigen Schuldenbergs.
Hasselbring: Das ist richtig. Mit einer Nettoverschuldung von 67 Mrd. Euro im März - das Verhältnis Nettoverschuldung zum Eigenkapital beträgt 94 Prozent - drückt in der Tat eine schwere Last.
FTD: Wenn so viele Anleger so wenig von einer Aktie wissen wollen, schlägt gewöhnlich die Stunde antizyklisch orientierter Investoren. Ist die Aktie, wie Ron Sommer behauptet hat, auf dem jetzigen Niveau wirklich ein Schnäppchen?
Hasselbring: Fundamental betrachtet ist sie einfach zu billig. Es gibt verschiedene Methoden, um den fairen Wert einer Aktie zu ermitteln, etwa indem man fragt, wie sehen die Erträge in der Zukunft aus? Nach dem Discounted-Cash-Flow-Modell würde man da beispielsweise auf 26 Euro kommen, selbst wenn man konservativ rechnet. Nimmt man den Buchwert - was unterstellt, es gibt kein weiteres Wachstum - und fragt nach dem Eigenkapital je Aktie, kommt man auf 14 Euro. Das heißt, die T-Aktie notiert momentan unter ihrem Buchwert. Danach wäre es gerechtfertigt zu sagen, die Aktie ist ein Schnäppchen. Dem stehen andere Argumente entgegen. Etwa die Frage: Was ist, wenn der komplette Goodwill abgeschrieben werden muss, was ist das Unternehmen dann noch wert?
FTD: Bleibt der Kurs zweistellig?
Hasselbring: Das ist reine Psychologie. Ich denke, die zehn Euro, die wir gesehen haben, sind fundamental der absolute Level nach unten.
FTD: Ihre Prognose diesmal?
Hasselbring: Ab dem dritten Quartal wird man vielleicht erste Erfolge bei der zukunftsweisenden GPRS-Technik sehen können. Der Nachweis, dass sich auch mobil Datenverkehr generieren lässt, sollte zu einer Aufhellung des Klimas führen. Ich sehe die T-Aktie Ende des Jahres bei 17 Euro.
Das Interview führte Hans-Jürgen Möhring, Redakteur der Financial Times Deutschland.
Strategie-Interview: ´Die T-Aktie ist zu billig´
Die Aktie der Deutschen Telekom musste in den vergangenen Wochen viel Prügel einstecken. Ilona Hasselbring, Analystin für die Telekombranche bei der Berenberg Bank, hält die T-Aktie für klar unterbewertet und empfiehlt den Titel zum Kauf.
FTD: Frau Hasselbring, vor gut einem halben Jahr gaben Sie an dieser Stelle für die T-Aktie mit Blick auf die kommenden 12 Monate ein Kursziel von 30 Euro aus. Heute kämpft das Telekom-Papier hart an der Zehn-Euro-Marke. Was hat zum Absturz der Volksaktie geführt?
Hasselbring: Abgestürzt ist ja nicht nur die Volksaktie Telekom, sondern der gesamte Sektor. Die Wachstumseuphorie, die Ende der 90er, Anfang 2000 die gesamte Gesellschaft und damit auch die Investoren erfasst hatte, verpuffte unter anderem, weil die Versprechungen im Hinblick auf E-Commerce und Internet nicht gehalten werden konnten. Abgestraft werden jetzt jene Unternehmen wie Vodafone und Deutsche Telekom, die konsequent auf den Wachstumsmarkt Telekommunikation gesetzt und hier auch massiv investiert haben. Im Unterschied zu British Telecom oder Swisscom etwa, die weniger expansiv vorgegangen sind und heute relativ gut dastehen. Diese Entwicklung habe ich unterschätzt.
FTD: Das ist aber sicher nicht der einzige Grund dafür, dass die Aktie so ins Trudeln geraten ist?
Hasselbring: Sicher nicht. Ein weiterer Grund ist die strenge Vorgehensweise der Regulierungsbehörde in Deutschland. Das hat man beispielsweise gesehen, als für den Festnetzbereich die Zahlen für das erste Quartal bekannt gegeben wurden. Hier hatte es jüngst eine Umstellung bei den internen Verrechnungspreisen der Telekom mit ihren Konkurrenten gegeben, was dazu geführt hat, dass diese um 14 Prozent gesunken sind. So etwas spiegelt sich natürlich negativ im Ergebnis wider. Das heißt, die Deutsche Telekom hat im Festnetzbereich stärker als die meisten europäischen Wettbewerber Marktanteile verloren, muss also auch hier Verluste einstecken.
FTD: Und die schmerzen doppelt, angesichts des riesigen Schuldenbergs.
Hasselbring: Das ist richtig. Mit einer Nettoverschuldung von 67 Mrd. Euro im März - das Verhältnis Nettoverschuldung zum Eigenkapital beträgt 94 Prozent - drückt in der Tat eine schwere Last.
FTD: Wenn so viele Anleger so wenig von einer Aktie wissen wollen, schlägt gewöhnlich die Stunde antizyklisch orientierter Investoren. Ist die Aktie, wie Ron Sommer behauptet hat, auf dem jetzigen Niveau wirklich ein Schnäppchen?
Hasselbring: Fundamental betrachtet ist sie einfach zu billig. Es gibt verschiedene Methoden, um den fairen Wert einer Aktie zu ermitteln, etwa indem man fragt, wie sehen die Erträge in der Zukunft aus? Nach dem Discounted-Cash-Flow-Modell würde man da beispielsweise auf 26 Euro kommen, selbst wenn man konservativ rechnet. Nimmt man den Buchwert - was unterstellt, es gibt kein weiteres Wachstum - und fragt nach dem Eigenkapital je Aktie, kommt man auf 14 Euro. Das heißt, die T-Aktie notiert momentan unter ihrem Buchwert. Danach wäre es gerechtfertigt zu sagen, die Aktie ist ein Schnäppchen. Dem stehen andere Argumente entgegen. Etwa die Frage: Was ist, wenn der komplette Goodwill abgeschrieben werden muss, was ist das Unternehmen dann noch wert?
FTD: Bleibt der Kurs zweistellig?
Hasselbring: Das ist reine Psychologie. Ich denke, die zehn Euro, die wir gesehen haben, sind fundamental der absolute Level nach unten.
FTD: Ihre Prognose diesmal?
Hasselbring: Ab dem dritten Quartal wird man vielleicht erste Erfolge bei der zukunftsweisenden GPRS-Technik sehen können. Der Nachweis, dass sich auch mobil Datenverkehr generieren lässt, sollte zu einer Aufhellung des Klimas führen. Ich sehe die T-Aktie Ende des Jahres bei 17 Euro.
Das Interview führte Hans-Jürgen Möhring, Redakteur der Financial Times Deutschland.
