Die Mieten bei Neuvermietung in den Ballungsräumen werden zweifellos im Durchschnitt sinken, wobei das vor allem die überdurchschnittlich teuren Angebote betreffen wird. Meiner Erfahrung aus den neunziger Jahren nach, als eine ähnliche Entwicklung in langsamerem Tempo erfolgte, werden die günstigeren Angebote nicht noch günstiger werden, aber - statt unter der Hand wegzugehen - endlich wieder in ausreichender Zahl auf dem Markt angeboten werden.
Erstens, weil der Höhepunkt des Schweinezyklus eigentlich ohnehin schon überschritten war (die Zahl der Mietangebote nahm wieder zu, die Zahl der Mietgesuche ab), und zweitens, weil die Corona-Krise in dieser zu erwartenden schleichenden Entwicklung als Brandbeschleuniger wirkt.
Von heute vor einem Jahr bis Anfang dieses Jahres hatte die Zahl der Mietangebote in meiner Stadt sich schon um ca. 30 Prozent erhöht, mittlerweile hat sich diese Zahl aber verdoppelt und erhöht sich immer noch jeden Tag mehr, und auf einmal sind da auch wieder Angebote mit dabei, die preislich im Rahmen des Akzeptablen sind. Innerhalb weniger Wochen hat sich das Angebot an Mietwohnungen mit eine Kaltmiete unter 1000 Euro verdreifacht.
Davon wird wohl alles sehr schnell vom Markt aufgesogen werden, denn der Bedarf an günstigen Wohnungen ist natürlich immer noch enorm. Aber gesunken ist der gesamte Bedarf nach Wohnraum (einschließlich teureren Angeboten) ebenfalls. Schon seit über einem halben Jahr werden von der Automobilindustrie und ihren Zulieferern nicht mehr aus aller Herren Ländern neue Ingenieure eingestellt, das war schon vorher spürbar, aber mit Corona hat das nun auf fast die gesamte Wirtschaft übergegriffen. Damit ist die Nachfrage nach den hochpreisigeren und den möblierten Angeboten fast komplett weggebrochen.
Ich glaube nicht, daß wir auf dem Wohnungsmarkt die Vorher-Zustände wiedersehen werden, nachdem die Corona-Krise bewältigt ist, weil, wie gesagt, die Richtung, in die sich die Sache entwickeln wird, schon länger absehbar war. Auch die Zahl der Angebote von Eigentumswohnungen hat um ca. zwanzig Prozent zugenommen, da werden die Preise sicherlich auch noch nach unten gehen. Der Teilmarkt, der sich darauf verlegt hatte, Wohnungen zur Kapitalanlage zu kaufen und zimmerweise möbliert zu Wucherpreisen zu vermieten (Zimmerpreise von 600 bis 800 Euro ohne Nebenkosten), dürfte so schnell nicht wiederauferstehen, denn für die dabei kalkulierten Mietpreise findet man voraussichtlich so schnell keine Mieter mehr. Und diese Art von Anlegern war in den letzten Jahren aktiver als "normale" Wohnungskäufer und war mitverantwortlich dafür, daß sich die Preise in immer höhere Höhen geschraubt haben.
Letztes Jahr habe ich eine Wohnung verkauft, dabei auch eine ganze Reihe solcher Investoren durch mein Objekt geführt und aus unseren Gesprächen einen ganz guten Eindruck von ihrem Geschäftsmodell bekommen. Von denen werden manche jetzt wahrscheinlich ziemlich in die finanzielle Bredouille geraten. Ich gestehe aber, mein Mitleid hält sich in Grenzen.